Oskar Negt: 1 Artikel
Im Zeichen der Gewalt
Rede zum Angela-Davis-Kongress 1972
Die gegenwärtige Debatte in den Massenmedien über die Generation der »68er« wird wieder einmal an der Gewaltfrage festgemacht und dabei gibt es nur eine Gewalt, die »Gewalt der Straße«. Die Ursachen für den Protest vor allem junger Menschen bleiben ausgeblendet, genauso wie die damalige heftige Debatte innerhalb der »Linken« über Widerstandsformen und Gewalt. Die Rede des Soziologen Oskar Negt, die er am 3. Juli 1972 auf dem Frankfurter Opernplatz gehalten hat, geht ein auf das Verhältnis »Gewalt von oben und Gewalt von unten«. Gleichzeitig setzt er sich mit den Methoden des individuellen Terrors auseinander. Er eröffnete mit dieser Rede den Angela-Davis-Solidaritätskongress, der vom Sozialistischen Büro in Offenbach organisiert wurde. Die mit der Todesstrafe bedrohte US-Bürgerrechtlerin war im Februar 1972 nach einjähriger Haft und zahlreichen Protestaktionen in den USA und in Europa gegen eine Kaution von über 100. 000 Dollar freigelassen worden. Im Mittelpunkt des Frankfurter Kongresses stand das Verhältnis der Linken zur Gewalt und damit auch ihr Verhältnis zur »Rote-Armee-Fraktion«. Wir dokumentieren Negts Rede, leicht gekürzt, wie sie in der SB-Zeitschrift »Links« veröffentlicht wurde. Dieser heute beginnende Kongress steht wie kein anderer der westdeutschen Nachkriegsgeschichte im Zeichen der Gewalt. Keine Pogromhetze gegen Linke, gegen Universitäten, Schulen, gegen die politisch aufgewachte Intelligenz und gegen die rebellierende Jugend dieses Landes wird uns aber davon abbringen, Gewalt nicht nur dort zu suchen und zu verurteilen, wo es den herrschenden Gewalten gefällt. Wir werden diesen Kongress zum Forum der Auseinandersetzung, der Anklage, des Widerstandes vor allem auch gegen jene Gewaltformen machen, die sich unter dem Deckmantel biederer Friedfertigkeit verbergen.
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