in Wissenschaft & Frieden 2002-2: Frauen und Krieg

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Die Phantomtürme

Feministische Gedanken zum Kampf zwischen globalem Kapitalismus und fundamentalistischem Terrorismus

von Rosalind P. Petchesky

Nach den terroristischen Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon hat die US-Regierung den »Krieg gegen den Terrorismus« ausgerufen. Das Taliban-Regime in Afghanistan wurde wegbombardiert und mit ihm einige Tausend Zivilisten. Bush spricht von einem zu erwartenden jahrelangen Krieg gegen den Terrorismus und bezeichnet in diesem Zusammenhang Irak, Iran und Nordkorea als Achse des Bösen. Die Polemik gegen das Regime Saddam Husseins wird seitdem verschärft, ein nächster Krieg – unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung – scheint möglich. Die US-amerikanische Professorin Rosalind P. Petschesky setzt sich auseinander mit der Situation in den USA nach den Terroranschlägen, vergleicht die US-Machtpolitik mit den Ansprüchen der terroristischen Fundamentalisten und entwickelt Vorschläge für eine andere Politik.
Der Anschlag auf das World Trade Center hat verschiedene Schäden angerichtet, nicht zuletzt eine große ethische und politische Verwirrung bei vielen Amerikanern, die sich irgendwie als »progressiv« bezeichnen – mit anderen Worten anti-rassistisch, feministisch, demokratisch, gegen den Krieg. Während wir eine Verantwortung gegenüber den Toten, ihren Angehörigen und gegenüber uns selbst haben zu trauern, ist es gleichwohl wichtig jetzt anzufangen, darüber nachzudenken, in was für einer Welt wir heute leben, und was diese Welt von uns verlangt.

Daher möchte ich versuchen, ein Bild oder eine Art Karte der globalen Machtdynamik wie ich sie heute sehe zu zeichnen. Ich werde auch die geschlechtspolitische und die Rassismus-Dimension mit einbeziehen. Ich möchte fragen, ob es eine Alternative gibt, einen menschlicheren, friedlicheren Weg, der uns wegführt von den zwei nicht akzeptablen Extremen, die sich bis jetzt präsentieren: der permanenten Kriegsmaschine (oder dem permanenten Sicherheitsstaat) und der Herrschaft des heiligen Terrors.

Eins möchte ich ganz klarstellen: Wenn ich die Frage stelle, ob wir heute vor einer Konfrontation zwischen globalem Kapitalismus und einer islamisch-fundamentalistischen Variante von Faschismus stehen, will ich nicht implizieren, dass diese beiden gleichwertig sind. Wenn die Anschläge vom 11. September tatsächlich das Werk von Bin Ladens Al Qaida-Netzwerk oder etwas Verwandtem und noch Größerem gewesen sind – und ich denke, das können wir im Moment als echte Möglichkeit annehmen –, dann sind die meisten von uns hier im Raum so strukturiert, dass wir wenig Zweifel an unserer Identität haben. (Ich kann mir vorstellen, dass das moralische Dilemma viel schwieriger ist für die Moslem-Amerikaner und arabischen Amerikaner unter uns.)

Ich lasse mich auch nicht dazu verleiten, unser jetziges Dilemma vereinfacht als kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse zu sehen. Gegenwärtig wird dies in zwei gegensätzlichen, aber sich widerspiegelnden Versionen dargestellt. Es gibt die Version, die nicht nur von Terroristen und ihren Sympathisanten, sondern auch von vielen Linken in den USA und der Welt verbreitet wird, wonach US-Kulturimperialismus und wirtschaftliche Dominanz dafür verantwortlich sind, dass wir jetzt die wohlverdiente Strafe kassieren. Auf der anderen Seite gibt es die patriotische, rechte Version, wonach US-Demokratie und Freiheit die unschuldige Zielscheibe islamischen Wahnsinns sind. Beide Versionen ignorieren all die komplexen Faktoren, die wir in eine andere, stärker ethisch und politisch orientierte Vision integrieren müssen. Die apokalyptische Rhetorik, die zwischen Bush und Bin Laden nach den Anschlägen hin und her ging – die pseudo-islamische und die pseudo-christliche, der Djihad und der Kreuzzug –, beide Versionen lügen.

Während ich also terroristische Netzwerke und globalen Kapitalismus nicht als äquivalent oder gleich sehe, sehe ich doch einige auffällige und beunruhigende Parallelen zwischen ihnen. Ich erkenne sechs Bereiche, wo sie sich ähneln.

1. Reichtum – Ich brauche wohl nicht viel zu sagen über die USA als reichstes Land der Welt oder über die Art und Weise, wie die Anhäufung von Reichtum das ultimative Ziel, nicht nur unseres politischen Systems, sondern auch unseres nationalen Charakters ist. Unser Land ist das Zentrum der Großkonzerne, die den globalen Kapitalismus dominieren und die Politik der internationalen Finanzinstitutionen (IWF, Weltbank, WTO) beeinflussen, die seine wichtigsten regulierenden Instanzen darstellen. Diese Wirklichkeit spiegelt sich überall in der Welt wider durch die symbolische Bedeutung von allem, was mit den USA assoziiert wird – von den McDonald’s- und Kentucky-Fried-Chicken-Werbebildern der Demonstranten in Genua oder Rawalpindi bis zu den WTC-Türmen selbst. Gewinnsucht, ob individuelle oder unternehmerische, liegt sehr dicht hinter den Werten, die Bush und Rumsfeld meinen, wenn sie sagen, unsere »Freiheiten« und unsere »Lebensweise« stünden unter Beschuss und müssten aggressiv verteidigt werden.

Reichtum ist auch ein Motor hinter dem Al Quaida-Netzwerk, dessen Führungskräfte hauptsächlich Nutznießer der Bildung und Finanzierung der oberen Mittelklasse sind. Bin Laden selbst bezieht viel von seiner Macht und seinem Einfluss aus dem enormen Reichtum seiner Familie und die Zellen der arabisch-afghanischen Kämpfer gegen die sowjetischen Truppen in den 80ern wurden nicht nur von der CIA und der pakistanischen Geheimpolizei, sondern auch aus saudi-arabischen Öleinnahmen finanziert. Noch wichtiger jedoch sind die Werte hinter den terroristischen Organisationen. Wie Bin Laden in seinem berühmten Interview von 1998 deutlich machte, gehören die Verteidigung der »Ehre« und des »Besitzes« von Moslems weltweit dazu sowie „die Bekämpfung der Regierungen, die darauf hinaus sind, unsere Religion anzugreifen und unseren Reichtum zu stehlen (…)“.

2. Imperialistischer Nationalismus – Die erste Reaktion der Bush-Regierung auf die Anschläge zeigte das Verhalten einer Supermacht, die keine Grenzen kennt, die ultimative Forderungen unter dem Deckmantel der »Kooperationssuche« ausspricht. „Jede Nation in jeder Region muss eine Entscheidung treffen“, sagte Bush in seiner Rede an die Nation, die in Wirklichkeit eine Rede an die Welt war. „Entweder Sie sind mit uns oder Sie sind mit den Terroristen.“ „Dies ist ein Kampf der Welt, ein Kampf der Zivilisation.“ Demnach sind die USA der Führer und Sprecher der Zivilisation, während nicht nur die Terroristen, sondern auch diejenigen, die nicht bereit sind mitzukämpfen, zu den Unzivilisierten gehören. Gegenüber den Taliban und allen anderen Regierungen, die „Terroristen Unterschlupf gewähren“, war Bush der Sheriff, der die Viehdiebe konfrontierte: „Übergebt die Terroristen oder ihr werdet das gleiche Schicksal erleiden!“ Und wenige Tage danach lasen wir über „die amerikanische Ankündigung, dass die USA Saudi-Arabien als Stützpunkt für Luftangriffe gegen Afghanistan benutzen würden“.

Offensichtlich geht es bei dieser Offensive um viel mehr als nur um das Finden und Bestrafen von Terroristen. Ich kann nicht umhin, mich zu fragen, wie sie mit dem langjährigen US-amerikanischen Beschluss, eine dominante Position im Golf und die Kontrolle über Öllieferungen zu behalten, zusammenhängt. In der Tradition neo-imperialistischer Machtausübung müssen die USA andere Länder nicht politisch oder militärisch dominieren, um die gewünschten Zugeständnisse zu erreichen. Allein ihr wirtschaftlicher Einfluss zusammen mit der Möglichkeit der militärischen Zerstörung reicht aus.

Obwohl sie nicht die konkrete imperialistische Macht der USA besitzt, hat die Gruppe um Bin Laden ähnliche Bestrebungen. Wenn wir uns fragen: Was suchen die Terroristen?, müssen wir erkennen, dass ihre Weltanschauung eine extreme und bösartige Form von Nationalismus ist. Sie ist eine Art Faschismus, weil sie auf den Terror setzt, um ihre Ziele zu erreichen. So gesehen wollen sie – wie die USA – weit mehr als nur Bestrafung erreichen. Die ganze Geschichte des arabischen und islamischen Nationalismus hatte immer eine länderübergreifende, pan-arabische oder pan-moslemische Form. Die Sprache Bin Ladens macht dies deutlich – er spricht von der »Arabischen Nation«, »der Arabischen Halbinsel« und einer »Brüderschaft«, die von Osteuropa über die Türkei und Albanien bis zum Mittleren Osten, Südasien und Kaschmir reicht. Wenn sie die USA zur Bombardierung Afghanistans und/oder Attacke auf die Taliban provozieren, würde dies sicherlich Pakistan destabilisieren und eventuell in die Hände Taliban ähnlicher Extremisten katapultieren. Diese würden dann über Nuklearwaffen verfügen – ein Riesenschritt in Richtung ihrer verzerrten Version des pan-muslimischen Traumes.

3. Pseudo-Religion – Viele haben schon bemerkt, dass es falsch ist, die Situation als »Kampf der Religionen« oder »Kampf der Kulturen« zu sehen. Statt dessen haben wir hier einen Missbrauch von religiösen Symbolen für politische Zwecke und als Rechtfertigung für anhaltenden Krieg und Gewalt. So ruft Bin Laden zum Djihad oder heiligen Krieg gegen die USA, ihre Bevölkerung und Soldaten, und Bush ruft zum Kreuzzug gegen die Terroristen und alle, die sie verstecken oder unterstützen. Bin Laden behauptet, er sei der „Diener Allahs, der für die Religion von Allah kämpft“ und er verteidige die heiligen islamischen Moscheen, während Bush verkündet, Washington fördere „unendliche Gerechtigkeit“ und erwarte den sicheren Sieg, weil „Gott nicht neutral ist“. Wir müssen aber die Ehrlichkeit dieser religiösen Auseinandersetzung auf beiden Seiten in Frage stellen, ganz gleich wie aufrichtig die Befürworter sind.

4. Militarismus – Sowohl die Bush-Regierung als auch die Bin Laden-Anhänger nutzen die Methoden von Krieg und Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen, doch in unterschiedlicher Weise. US-Militarismus kommt in einer hochtechnisierten Form daher, die durch die bloße Stärke, Größe und technische Perfektion unserer Waffen terrorisieren will. Unsere militärische Technik ist eine riesige und nimmersatte Industrie, deren Hauptantrieb nicht Strategie, sondern Gewinn ist. Sogar George W. Bush, in einer seiner bisher hellsten Äußerungen, bemerkte, wir würden nicht so blöd sein und „einen 2 Milliarden Dollar teuren Marschflugkörper auf ein leeres 10-Dollar-Zelt richten“. US-Militarismus hat nichts mit Vernunft zu tun – nicht mal etwas mit Terroristenbekämpfung –, sondern nur mit Profit.

Der Militarismus der Terroristen ist ganz anderer Art. Er basiert auf der mythischen Figur des Beduinenkriegers oder der Ikhwan-Kämpfer des frühen 20. Jahrhunderts, die es Ibn Saud ermöglichten, seinen dynastischen Staat zu festigen. Was sie auszeichnete waren der Mut und die Härte des Einzelnen im Kampf. Natürlich basiert dieses Bild, wie jede extreme nationalistische Ideologie, auf einer mythischen, goldenen Vergangenheit und es hat wenig damit zu tun, wie echte Terroristen im 21. Jahrhundert rekrutiert, trainiert und ausgezahlt werden. Außerdem basiert terroristischer Lowtech Militarismus wie Hightech Militarismus auf einer Illusion. Der Illusion, dass Millionen Gläubige aufstehen, die Fatwa ausführen und den Ungläubigen besiegen werden. Dies ist deshalb eine Illusion, weil es die mächtigste Waffe des Kapitalismus stark unterschätzt. Diese Waffe besteht nicht aus „endloser Gerechtigkeit“, das sind auch nicht die Atomwaffen, das sind die endlosen Ströme von Nikes und CDs. Außerdem unterschätzt es die lokale Macht des Feminismus, den die Fundamentalisten fälschlicherweise für ein westliches Phänomen halten. Im heutigen Iran, mit all seinen internen Widersprüchen, zeigen sich die Hartnäckigkeit und die globale/lokale Vielfalt sowohl der Jugendkulturen als auch der Frauenbewegungen.

5. Männlichkeit – Militarismus, Nationalismus und Kolonialismus als Machtbereiche sind und waren immer zum großen Teil Kämpfe über die Bedeutung von Männlichkeit. Die feministische Politikwissenschaftlerin Cynthia Enloe bemerkt, „das oftmals schwache Bild der Männer von ihrer eigenen Männlichkeit ist genauso ein Faktor in internationaler Politik wie die Ströme von Öl, Kabeln und militärischem Gerät“. Bei Bin Ladens Unterstützern, den Taliban, wurden die Form und das Ausmaß der Frauenfeindlichkeit, die mit Staatsterrorismus und Fundamentalismus Hand in Hand geht, deutlich demonstriert.

Wir sollten nicht vergessen, dass internationale Terroristen und Bin Laden selbst als Leitbild das Modell der islamischen »Brüderschaft« nehmen – die Bande der Brüder, verbunden in ihrer Entschlossenheit, den Feind bis zum Tode zu bekämpfen. Die von der CIA, Pakistan und Saudi-Arabien finanzierten Schulungslager, die zur Unterstützung der »Rebellen« (die später zu »Terroristen« wurden) im Krieg gegen die Sowjets aufgebaut wurden, waren Brutstätten nicht nur eines weltweiten Terrornetzwerkes, sondern auch seiner männlichen, frauenfeindlichen Kultur. Offensichtlich sieht sich Bin Laden als Patriarch, dessen Pflicht es ist, nicht nur seine eigene Familie mit vielen Frauen und Kindern, sondern auch seine ganze Anhängerschaft und deren Familien zu versorgen und zu schützen. Er ist das legendäre Gegenstück zum Paten oder »padrone«.

Können wir im Gegensatz dazu sagen, die USA als Fahnenträger des globalen Kapitalismus seien »geschlechtsneutral«? Sitzt nicht eine Frau – sogar eine afro-amerikanische Frau – an der Spitze unseres Verteidigungsministeriums, wo sie als rechte Hand des Präsidenten die permanente Kriegsmaschine mitgestaltet?

Auch wenn Meinungsumfragen zum Krieg einen angeblichen Spalt zwischen den Geschlechtern aufzeigen, sind Frauen nicht grundsätzlich friedensliebender als Männer. Die globale kapitalistische Männlichkeit lebt und gedeiht, aber sie versteckt sich unter dem eurozentrischen, rassistischen Deckmantel der »Rettung« unterdrückter, entmündigter afghanischer Frauen vor der frauenfeindlichen Regierung, der sie an die Macht geholfen hat.

6. Rassismus – Natürlich ist das, was ich faschistischen Fundamentalismus oder internationalen Terrorismus genannt habe, auch mit Rassismus getränkt. Dies ist aber eine sehr spezifische, zielgerichtete Art von Rassismus, nämlich Antisemitismus. Die Türme des WTC symbolisierten nicht nur US-Kapitalismus, sondern – für die Terroristen – jüdischen Kapitalismus. In seinem 1998 aufgenommenen Interview spricht Bin Laden immer wieder von »Juden«, nicht von Israelis, wenn er behauptet, sie plant, die gesamte Arabische Halbinsel zu übernehmen. Er sagt, „die Amerikaner und die Juden (…) sind die Speerspitze, mit der Mitglieder unserer Religion getötet worden sind. Jede gegen Amerika und die Juden gerichtete Aktion bringt positive und direkte Ergebnisse.“

US-Rassismus ist viel unklarer, aber genauso heimtückisch. Der unter der Oberfläche weit verbreitete Rassismus kommt immer in nationalen Krisenzeiten hoch. Die Attacken gegen Sikhs und andere Inder, gegen Araber und sogar Latein- und Afro-Amerikaner mit brauner Hautfarbe signalisieren eine Ausbreitung des amerikanischen Rassismus über die üblichen Schwarz-Weiß-Grenzen hinaus. Offiziell verabscheut der Staat solche Taten und verspricht, die Täter voll zur Rechenschaft zu ziehen. Dies ist aber der gleiche Staat, der das 1995 nach dem Bombenattentat von Oklahoma (eine von weißen, christlichen Amerikanern begangene Tat) verabschiedete so genannte Antiterror-Gesetz als Vorwand dafür nahm, Einwanderer aller Arten aufzuspüren und auszuweisen. Heute missachtet dieser Staat schon wieder die Rechte von Einwanderern in seiner eifrigen Jagd auf Terroristen.

Der Zusammenhang, in dem der Terror agiert, beinhaltet nicht nur Rassismus und Eurozentrismus, sondern auch viele Formen sozialer Ungerechtigkeit. Wenn wir unseren moralischen Standpunkt in dieser Krise überlegen, müssen wir zwischen direkten Ursachen und notwendigen Bedingungen unterscheiden. Weder die USA (als Staat) noch die vom World Trade Center symbolisierten unternehmerischen und finanziellen Machtstrukturen haben das Grauen vom 11. September verursacht. Ohne Zweifel verdient das fürchterliche, scheußliche Morden, Verstümmeln und Verwaisen so vieler unschuldiger Menschen aller ethnischen Gruppen, Hautfarben, Klassen, Altersgruppen, Geschlechter und aus über 60 Nationalitäten irgendeine Form von Vergeltung. Andererseits aber gibt es unter den Bedingungen, die den internationalen Terror gedeihen lassen, viele, für die die USA und ihre unternehmerischen/finanziellen Interessen direkt verantwortlich sind, auch wenn sie keineswegs die Anschläge entschuldigen. Man denke nur an folgende Tatsachen:

Die Liste könnte ich weiterführen – mit McDonald’s, Coca-Cola, CNN und MTV und dem ganzen kommerziellen Müll, der überall auf der Welt zu finden ist und der die kulturellen und geistigen Empfindungen so vieler, auch viel gereister Feministinnen wie ich, verletzt, wenn wir Teile unseres heimischen Einkaufszentrums in Kampala oder Kuala Lumpur, Kairo oder Bangalore wiederfinden. Was aber schlimmer ist als die Banalität und Geschmacklosigkeit dieser kulturellen und kommerziellen Bombardierung ist die arrogante Annahme, unsere »Lebensart« sei die beste auf Erden und müsse überall willkommen sein, oder die Ansicht, unsere Macht und unser vermeintlicher Fortschritt gäben uns das Recht, dem Rest der Welt zu diktieren, welche Politik und Strategien sie verfolgen sollten. Dies ist das Gesicht des Imperialismus im 21. Jahrhundert.

Die Vereinigten Staaten sind das Zentrum des globalen Kapitalismus, doch um den »Terror zu stoppen« ist es notwendig, dass sie ihre eigene Verantwortung heute und in der Vergangenheit für viele der oben aufgelisteten Tatsachen erkennen und beginnen, ihr Rechnung zu tragen. Dies würde aber auch bedeuten, dass sich die USA aus ihrer Rolle als selbst ernannter Weltpolizist verabschieden.

Welche anderen Lösungen als Krieg bieten sich an? Hier sind meine zaghaften Vorschläge:

Was mir Hoffnung gibt ist die Tatsache, dass viele der oben erläuterten Gedanken auch von immer mehr Gruppen hier in den USA geäußert werden. Dazu gehören der Nationale Kirchenrat, die Grüne Partei, eine Koalition von 100 Leuten aus der Unterhaltungsbranche und Bürgerrechtlern, große Zusammenschlüsse von Studenten- und Friedensgruppen, New Yorker Sagen Nein Zum Krieg, schwarze und weiße weibliche Prominente, die in der Oprah-Winfrey-Show aufgetreten sind, und Angehörige von Opfern der Anschläge. Vielleicht können wir eine neue Art von Solidarität aus der Asche ziehen; vielleicht zwingen die Terroristen uns dazu, nicht sie widerzuspiegeln, sondern die Welt und die Menschheit als Ganzes zu sehen.

Rosalind P. Petchesky ist Professorin für politische Wissenschaften und Frauenstudien am Hunter College der Universität New York. Sie lehrte an mehreren Universitäten der USA, in Kanada, Brasilien, Mexiko, Vietnam, den Philippinen, Malaysia, Südafrika, England und Indien.
Der oben stehende Artikel ist die stark gekürzte Version ihres Vortrags vom 25. September 2001 am Hunter College. Die ungekürzte englische Fassung ist im Internet: www.fire.or.cr/oct01/tpowers.htm
Übersetzung aus dem Englischen von Michael Hemken

in Wissenschaft & Frieden 2002-2: Frauen und Krieg

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