in Wissenschaft & Frieden 2008-1: Rüstungsdynamik und Renuklearisierung

zurück vor

Chemische Waffen in Terroristenhand?

von Ulrike Kronfeld-Goharani

Seit Beginn der 1990er Jahre ist weltweit eine Zunahme immer gewalttätigerer Terroranschläge mit wachsenden Opferzahlen zu beobachten. Die Anschläge vom 11. September 2001 waren dabei der Höhepunkt einer Entwicklung, die die bekannten Formen des nationalistisch-separatistischen Terrorismus (IRA, PLO, ETA, PKK) oder den auf die Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen gerichteten (RAF, Rote Brigaden) der 1970er und 1980er Jahre weit hinter sich ließ. Nie zuvor hatte ein Terroranschlag solch hohe Opferzahlen gefordert oder vergleichbare wirtschaftliche Schäden angerichtet. Erstmals in der Geschichte stufte der UN-Weltsicherheitsrat die Anschläge von New York und Washington als „Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Ordnung“ ein. Der »neue« Terrorismus zeichnet sich durch einen zunehmend globalen und transnationalen Charakter aus mit weltweit verbreiteten und untereinander vernetzten Terrorgruppen. Terrornetzwerke vom Typ der religiös-fundamentalistisch geprägten Al-Qaida sind heute in der Lage, komplexe Operationen zu planen und auch simultan durchzuführen.1 Aber wie groß ist die Gefahr, dass sie auch Massenvernichtungswaffen einsetzen? Während Sicherheitsexperten heute kaum mehr daran zweifeln, dass Terroristen unkonventionelle Waffen einsetzen würden, wenn sie darüber verfügten, gehen die Meinungen über die Einschätzung, wie leicht es für Terroristen ist, derartige Waffen herzustellen oder sich zu beschaffen, weit auseinander.

Chemische, biologische, radiologische oder nukleare Waffen haben das Potenzial, Tausende von Menschen durch einen einzigen Angriff zu töten. Ihr Einsatz oder bereits die Androhung damit verleiht dem Terrorismus eine Komponente von strategischer Bedeutung, da das mit diesen Waffen zu erzielende Schadensausmaß eine Dimension erreichen könnte, wie sie bisher nur im Falle regulärer Kriegshandlungen möglich gewesen wäre. Fragen, ob und auf welche Art Terrornetzwerke sich chemische Waffen beschaffen könnten, sind daher von großer sicherheitspolitischer Bedeutung.

Chemischer Terror

Chemische Waffen, auch als chemische Kampfstoffe oder Giftgas bezeichnet, sind super-toxische Chemikalien, die zu Funktionsstörungen, Gesundheitsschäden oder Tod von Menschen, Tieren oder Pflanzen führen. Moderne C-Waffen, die als Gas, Dampf, Flüssigkeit, Aerosol oder als feiner Staub ausgebracht werden können, zählen zur Kategorie der Massenvernichtungswaffen, da sie durch ihre Sofortwirkung oder durch eine chronische Vergiftung Tausenden von Menschen Schaden zufügen können.

Von den heute bekannten ca. 45 Millionen chemischen Verbindungen sind etliche Tausend toxisch, aber nur ca. 70 Verbindungen wurden bisher als Kampfstoffe eingesetzt. Von Bedeutung ist nur eine geringe Zahl von weniger als 10 Verbindungen, die häufig nach ihrer physiologischen Wirkung unterschieden werden in

Nervenkampfstoffe: Sarin, Soman, Tabun, VX;

Hautkampfstoffe: Senfgas (auch als Lost, Yperit oder Gelbkreuz bezeichnet), Lewisit und Lost-Lewisit-Gemische;

Blutkampfstoffe: Blausäure (Zyklon B), Kohlenmonoxyd, Chlorcyan (Arsenwasserstoff);

Lungenkampfstoffe: Chlorgas, Phosgen, Diphosgen;

Reizkampfstoffe: CN- und CS-Gas (Tränengas), Brom- und Chloraceton;

Psychokampfstoffe: BZ (Benzinsäureester), LSD, Heroin und andere Drogen.

Chemische Waffen wurden erstmals von 1915 an in großem Maßstab im Ersten Weltkrieg eingesetzt, wo sich bereits die Nachteile dieser Waffenkategorie zeigten: Bei ungünstiger Windrichtung waren auch die eigenen Truppen gefährdet. Vermutlich haben diese ersten negativen Erfahrungen die damaligen Weltmächte von einem C-Waffen-Einsatz im Zweiten Weltkrieg abgehalten, obwohl in allen beteiligten Kriegsstaaten massiv in diesem Bereich geforscht und aufgerüstet wurde. Eine Ausnahme bildete Japan, das chemische und biologische Waffen gegen China einsetzte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen C-Waffen in mehreren Konflikten zum Einsatz, z. B. als Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg (1961-1971) oder Lost und Tabun gegen den Iran im Irak-Iran-Krieg (1980-1988). Unbestätigt sind Berichte über den sowjetischen Einsatz von C-Waffen in Afghanistan (1980-1983) und durch bosnische Serben im Bosnien-Krieg (1995).2

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurden eine Reihe von Ereignissen bekannt, bei denen Anschläge mit chemischen Waffen durchgeführt oder zumindest geplant wurden (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Bekannt gewordene geplante oder durchgeführte Anschläge mit chemischen Waffen
1945 Drei Mitglieder einer jüdischen Gruppe verseuchen Brotlaibe mit arsenhaltiger Mixtur in einem Gefängniscamp nahe Nürnberg. 2.000 Gefangene erkranken.3
1974 In den USA werden im Haus eines Mannes, der bereits mehrere Anschläge mit konventionellen Explosivstoffen verübt hatte, Chemikalien gefunden, darunter 25 Pfund Sodiumzyanid.1995Mitglieder der Aum Shinrikyo-Sekte setzen in fünf U-Bahnen Tokios Sarin frei. Bei dem Anschlag sterben zwölf Menschen, mehr als 1.000 werden verletzt.
2002 In aufgefundenen Dokumenten der für die Bali-Anschläge (12. Oktober 2002) verantwortlichen Terrorgruppe Jemaah Islamiyah wird der Einsatz so genannter Chem-Bio-Waffen beschrieben.
2004 Ein Chemieanschlag einer dem Terrornetzwerk Al-Qaida nahe stehenden Zelle in Jordaniens Hauptstadt Amman wird vereitelt.
Jan. 2005 Der ukrainische Präsidentschaftskandidat Juschtschenko erkrankt an einer Dioxinvergiftung. Das Gift soll in einem Geheimlabor des KGB entwickelt worden sein und es soll sich um eine biologische Waffe mit Spätwirkungen handeln.4
Mai 2005 Eine französische Al-Qaida-Zelle soll einen CW-Angriff auf den US-Marinestützpunkte Rota in Spanien geplant haben.5
Juni 2005 Eine islamistische, Al Qaida zugerechnete Gruppe soll im April 2004 geplant haben, eine toxische Wolke (Hydrogenperoxid) nach Jordanien zu schicken.6
Nov. 2006 Der ehemalige KGB-Agent Litvinenko stirbt in London an einer Polonium-Vergiftung, für die der russische Geheimdienst verantwortlich gemacht wird.

Um den Einsatz von C-Waffen in der Welt zu bannen und diese Waffenkategorie abzuschaffen, wurde 1993 die Chemiewaffenkonvention (CWC) unterzeichnet, die die Entwicklung, Herstellung, Lagerung und den Einsatz chemischer Waffen verbietet und die Mitgliedsstaaten innerhalb bestimmter Fristen zur Abrüstung ihrer C-Waffen-Arsenale verpflichtet. Der CWC sind inzwischen 183 Staaten der Welt beigetreten. Sie wird damit von 98 Prozent der Weltbevölkerung unterstützt, nur sieben Staaten sind noch nicht beigetreten. Für die Vernichtung aller C-Waffen wurde in der Phase der Verhandlungen ein Zeitrahmen von zehn Jahren als ausreichend erachtet. Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten der CWC 1997 sind aber erst ein Drittel der rund 71.000 Tonnen deklarierter C-Waffen abgerüstet. Während die USA 2007 die 45-Prozent-Marke der in der CWC vereinbarten Fristen7 erreichte, waren es in Russland erst 22 Prozent von 40.700 Tonnen. Da das ursprüngliche Ziel nicht erreicht wurde, alle C-Waffen und Anlagen zu deren Herstellung bis 2007 zu vernichten, wurde eine neue Frist für das Jahr 2012 festgesetzt. Dieses Ziel muss eingehalten werden, denn solange diese Waffenkategorie nicht vollständig abgerüstet und vernichtet ist, besteht das Risiko, dass chemische Waffen aus den bestehenden Arsenalen illegal entwendet werden.

Die Möglichkeit des Diebstahls von chemischen Waffen

Im Gegensatz zu den amerikanischen Depots, die gut bewacht werden, gelten die russischen als schlechter gesichert. Kritisch betrachtet wird die Situation in Schutschje, wo in 14 großen Lagerräumen auf zwei Meter hohen Holzregalen Granaten eingelagert sein sollen, die mit 5.400 Tonnen Sarin, Soman und VX gefüllt sind. Diese Mengen reichten aus, um die Weltbevölkerung mehrere Male auszurotten.8

Die Abzweigung von C-Waffen wäre aber nur durch Kooperation zwischen den Bediensteten einer CW-Lagerstätte, Forschungsstätte oder Produktionsanlage und den Mittelsmännern bzw. Terroristen selbst möglich und würde die Korrumpierung mehrerer Angestellter voraussetzen. Das Risiko, das von diesen Anlagen ausgeht, kann deshalb als relativ gering angesehen werden. Auch die illegale Entwendung aus Vernichtungsanlagen erscheint als eher unwahrscheinlich, da diese im Zuge der Vernichtung einem permanenten Monitoring und Bilanzierungs-Prozess unterliegen.

Geringer sind die Sicherungsmaßnahmen für chemische Waffen in Lagerstätten für alte (Old Chemical Weapons) bzw. zurückgelassene Waffen (Abandoned Chemical Weapons).9 Sie lassen die Möglichkeit eines Diebstahls leichter erscheinen. Die Zwischenlagerung dieser Munition reicht von simpler Lagerung im Freien bis zur Aufbewahrung in unterirdisch angelegten Wannen oder verpackt in thermisch-abgedichteten Spezialbehältern, um ein Austreten von Kampfstoff aus der oftmals korrodierten Munition zu verhindern. Auch in Nord- und Ostsee wurden mehrere tausend Tonnen Giftgas versenkt.

Einige gewichtige Faktoren sprechen aber gegen die Entwendung derartiger Munition: Nach jahrzehntelanger Lagerung befindet sie sich, häufig noch mit einem Zünder versehen, in schlechtem äußeren Zustand. Die Reinheit des Kampfstoffes kann durch chemische Degradations- oder Polymerisationsprozesse abgenommen haben, so dass er sich nicht mehr als effektive Waffe eignen würde. Der Umgang mit dieser Munition würde ein erhebliches Risiko bedeuten. Ein Gefahrenmoment ist allerdings, dass in manchen Lagerstätten die genaue Zahl der Munition nur schwer ermittelt werden kann. Ein Fehlen von Kampfstoffmunition bliebe hier wahrscheinlich unentdeckt.

Die eigene Herstellung von chemischen Waffen

Die Herstellung von chemischen Waffen stellt heute kein unüberwindliches Hindernis mehr dar. Die Technologie ist seit mehr als 50 Jahren bekannt und in der offen zugänglichen Literatur oder im Internet dokumentiert. Hinzu kommt, dass der Personenkreis mit relevanter Expertise in den vergangenen Jahren enorm gestiegen ist und auch Personen aus Ländern, denen früher der Zugang zu dieser Technologie verwehrt war, mittlerweile an westeuropäischen oder amerikanischen Universitäten ausgebildet wurden.

Ein guter Chemiker kann eine ganze Reihe von Kampfstoffen relativ einfach herstellen, wenn er Zugang zu den Ausgangsstoffen oder Vorsubstanzen (Precursor) hat. Gerade letztere finden wegen ihres »dual use« Charakters in großen Mengen Anwendung in der chemischen Industrie.

Doch die Verfügbarkeit der Substanzen allein ist nicht ausreichend zum Bau einer C-Waffe. Eine Terrorgruppe muss über geeignete finanzielle Reserven verfügen, um qualifiziertes Fachpersonal anzuwerben und zu bezahlen, Laborbedarf zu beschaffen und geheime Produktionsanlagen zu errichten. Gelingt es, eine chemische Waffe erfolgreich herzustellen, sind Tests und Qualitätskontrollen notwendig. Diese müssen zwar nicht die aus militärischer Sicht hohen Anforderungen in Bezug auf Stabilität, Reinheit oder Korrosionsresistenz erfüllen, aber sie müssen doch bestimmten Mindestanforderungen genügen, um als Massenvernichtungswaffe effizient zu sein: Sie müssen in geeigneten Behältern lagerbar und resistent gegen atmosphärischen Wasserdampf und Sauerstoff sein und den Explosionskräften mit starker Hitzeentwicklung widerstehen können, ohne sich zu zersetzen und unwirksam zu werden. Ferner müssen geeignete Mechanismen zur Ausbringung der Waffe entwickelt werden.

Um diese Herausforderungen zu bewältigen, sind mehrere Jahre Entwicklungsarbeit erforderlich. Dass dies kein Hinderungsgrund ist, haben die Anschläge der Aum Shinrikyo-Sekte gezeigt. Deren Mitglieder hatten am 20. März 1995 gegen acht Uhr morgens in fünf U-Bahnen in der Stadtmitte von Tokio nahezu zeitgleich elf mit Sarin gefüllte, luftdicht verschweißte Plastiktüten mit den angeschärften Spitzen ihrer Regenschirme aufgestochen. Bei dem Anschlag starben zwölf Menschen, mehr als 1.000 wurden verletzt. Vor allem die schlechte Qualität der Waffe - das Sarin hatte einen geringen Reinheitsgrad - verhinderte eine höhere Opferzahl.10

Der Vorteil des Diebstahls einer C-Waffe läge darin, dass Terroristen über eine vermutlich einwandfrei funktionierende Waffe verfügen könnten, da alle Waffen im Rahmen von staatlichen Programmen lange Testreihen durchlaufen haben, um Qualität und Effizienz zu steigern und die Möglichkeit für das Versagen der Waffen zu reduzieren.

Anschläge mit chemischen Waffen

Immer wieder wird auch die Möglichkeit diskutiert, dass Terroristen einen Anschlag auf ein C-Waffen-Depot, einen Chemikalientransport oder eine chemische Produktionsanlage verüben könnten. Die Koordinaten der großen C-Waffen-Lager in den USA und in Russland sind gut bekannt. Bei Anschlägen auf diese militärischen Einrichtungen würden hochtoxische Substanzen freigesetzt. Aus Angst vor Anschlägen auf oder Unfällen mit Chemiewaffentransporten wurden in den USA frühere Pläne, C-Waffen zentral zu vernichten, wieder aufgegeben und eigene Vernichtungsanlagen an jedem C-Waffen-Depot errichtet.

Fachleute warnen auch immer wieder vor einem Angriff auf eines der weltweit 6.000 großen Chemiewerke. Durch frei werdende Giftstoffe könnten unter Umständen bis zu zwei Millionen Menschen getötet oder verletzt werden. Anschläge dieser Art wären allerdings sehr schwer kalkulierbar. Eine Vorstellung, welche Folgen ein derartiger Anschlag haben könnte, lassen die beiden Chemiekatastrophen von Seveso und Bhopal erahnen:

Am 10. Juli 1976 wurde in Seveso, ca. 30 Kilometer von Mailand entfernt, bei einer Reaktorexplosion eine große Menge dioxinhaltiger Dampf über die Stadt freigesetzt und über benachbarte Gemeinden getrieben, in dessen Folge ein Vögel- und Kleintiersterben in der Umgebung einsetzte und über 180 Menschen an Chlorakne erkrankten. 70.000 Tiere mussten notgeschlachtet, mehr als 40 Häuser abgerissen und die obere Bodenschicht in der Umgebung abgetragen und deponiert werden. Erst 1984, acht Jahre später, waren alle Dekontaminationsarbeiten abgeschlossen.11

Am 3. Dezember 1984 wurden im Werk der Union Carbide of India Limited in Bhopal 40 Tonnen Methylisocyanat (MIC) freigesetzt. Die leicht flüchtige Verbindung, die schon in geringen Konzentrationen Haut- und Schleimhautverletzungen, Augenschädigungen und Lungenödeme hervorrufen kann, trieb in einer Giftgaswolke dicht über dem Boden durch ein angrenzendes Elendsviertel. Die genaue Anzahl der Opfer dieses schweren Chemieunfalls ist nicht bekannt. Die Zahl der unmittelbaren Todesopfer wird auf ca. 5.000-10.000, die der chronisch Geschädigten auf über 200.000 geschätzt.12

Die größte Gefahr geht vermutlich von Anschlägen mit selbst hergestellten oder illegal erworbenen C-Waffen aus. Da nicht-staatlichen Akteuren zur Ausbringung der Waffen keine ausgereiften Trägermittel mit einem hohen Verteilungskoeffizienten zur Verfügung stehen, ist die Ausbringung von Chemiewaffen in geschlossenen Räumen, Tunneln, Klimaanlagen usw. die wahrscheinlichere und gefährlichere Angriffsvariante.

Um größtmögliche mediale Beachtung zu erzielen, werden terroristische Anschläge häufig da verübt, wo große Menschenmengen zusammentreffen: auf Marktplätzen, in Bahnhöfen, an Veranstaltungsorten oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, wie die Zuganschläge in Madrid (11. März 2004) und in London (7. Juli 2005) gezeigt haben.

Immer wieder diskutiert wird auch die Möglichkeit, dass chemische Anschläge auf Lebensmittel oder die Trinkwasserversorgung verübt werden. Die Vergiftung des Trinkwassers mit klassischen chemischen Kampfstoffen ist relativ unwahrscheinlich, da dies mit toxischen Industriechemikalien wesentlich einfacher realisierbar wäre. Durch die routinemäßige Überwachung der Trinkwasserqualität würde eine größere Verunreinigung schnell entdeckt. Außerdem müsste eine relativ hohe Konzentration einer giftigen Substanz in ein Trinkwasserreservoir eingebracht werden, damit trotz Verdünnung noch eine erhebliche Schädigung bei Genuss des Wassers aufträte. Voraussetzung für die Vergiftung von Lebensmitteln wäre, dass diese nicht mit den Substanzen chemisch reagieren und dass sich Geruch, Geschmack und Aussehen nicht verändern. Der Anschlag würde sonst schnell bemerkt. Deshalb erscheint es als nicht wahrscheinlich, dass Terroristen, die einen massenvernichtenden Anschlag mit größtmöglicher medialer Beachtung planen, auf solche Methoden zurückgreifen.

Fazit

Bisher ist es nur der Sekte Aum Shinrikyo gelungen, eine selbst entwickelte chemische Waffe bei einem Terroranschlag einzusetzen. Dies ist ein Indiz dafür, dass moderne transnational operierende Terrororganisationen bereit sind, Massenvernichtungswaffen einzusetzen und auch in der Lage sind, Anschläge mit massenvernichtender Wirkung auszuführen. Doch noch sind die Hürden sehr hoch, solche Waffen zu erwerben. Die zielgerichtete, kontrollierte Vernichtung der gelagerten Chemiewaffen muss beschleunigt werden und Russland muss dabei weiterhin massiv unterstützt werden. Die Vereinbarung, bis 2012 alle Chemiewaffen zu vernichten, muss unbedingt eingehalten werden, denn nur dann gibt es eine wirkliche Sicherheit vor dem Zugriff terroristischer Gruppen.

Anmerkungen

1) Vgl. Schneckener, Ulrich: Netzwerke des Terrors. Charakter und Strukturen des transnationalen Terrorismus, SWP-Studie, Berlin, Sept. 2002, S.5 ff.

2) Tucker, Jonathan, B.: Toxic Terror. Assessing Terrorist Use of Chemical and Biological Weapons, BCSIA Studies in Int'l Sec., Monterey Institute of Int'l Studies, MIT Press, 2001, S. 4.

3) Ebd., S.17.

4) ChemBio Weapons and WMD Terrorism News Archive, 11.04.2005.

5) The Daily Nonproliferator, 04.05.2005.

6) Monterey Herald, 24.06.2005.

7) Vereinbart waren Fristen für die 1-, 20-, 45- und 100-prozentige Vernichtung.

8) Financial Times, 15.11.2005.

9) In der CWC werden »Alte chemische Waffen« definiert als Waffen, die vor 1925 oder zwischen 1925 und 1946 hergestellt wurden und sich in einem derart schlechten Zustand befinden, dass sie nicht mehr als C-Waffen eingesetzt werden können. »»Zurückgelassene chemische Waffen« sind Waffen, die nach dem 1. Januar 1925 von einem Staat im Hoheitsgebiet eines anderen Staates ohne dessen Zustimmung zurückgelassen wurden.

10) Tucker, Jonathan, B.: Toxic Terror, a.a.O., S.218 ff.

11) Süddeutsche Zeitung, 10.07.2006.

12) Nach Angaben des Umweltinstituts München, im Internet unter http://umweltinstitut.org/schadstoffbelastung/15-jahre-bhopal/15-jahre-bhopal-154.html.

Dr. Ulrike Kronfeld-Goharani ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Arbeitsbereichs Friedensforschung am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Kiel.

in Wissenschaft & Frieden 2008-1: Rüstungsdynamik und Renuklearisierung

zurück vor