in Wissenschaft & Frieden 2014-2: Gewalt(tät)ige Entwicklung, Seite 38–42

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Der unmögliche Krieg

Jan Bloch und die Mechanik des Ersten Weltkriegs

von Jürgen Scheffran

Im Ersten Weltkrieg kulminierte eine rüstungstechnische Entwicklung, die auf der klassischen Physik basierte, vor allem der Mechanik. Mit neuen Waffensystemen und motorisierten Transportmitteln konnte Gewalt zielgenauer, über größere Distanzen und mit höherer Geschwindigkeit eingesetzt werden. Schon vorher zeichnete sich ab, dass der Abnutzungskrieg zu gewaltigen Verlusten führen und die Industriekapazität der europäischen Großmächte aufzehren werde. Dennoch folgten Politiker und Militärs unter Missachtung der komplexen Lage weiter dem Konstrukt nationaler Machtpolitik und liefen so in eine Mechanik des Krieges, die in die vorhersehbare Katastrophe führte.

Bertha von Suttner schrieb in ihrem Buch »Die Waffen nieder!« 1889, 25 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg: „Bei der Furchtbarkeit der gegenwärtig erreichten und noch immer steigenden Waffentechnik, bei der Massenhaftigkeit der Streitkräfte wird der nächste Krieg wahrlich kein »ernster«, sondern ein – es gibt gar kein Wort dafür – ein Riesenjammer-Fall sein … Hilfe und Verpflegung unmöglich … Die Sanitätsvorkehrungen und Proviantvorkehrungen werden den Anforderungen gegenüber als die reine Ironie sich erweisen; der nächste Krieg, von welchem die Leute so geläufig und gleichmütig reden, der wird nicht Gewinn für die einen und Verlust für die anderen bedeuten, sondern Untergang für alle.“ (von Suttner 1889)

Mit ihren Befürchtungen war sie nicht alleine. Friedrich Engels hatte 1888 prognostiziert, in einem künftigen Krieg würden sich „acht bis zehn Millionen Soldaten untereinander abwürgen“. 1893 warnte der deutsche Sozialdemokrat August Bebel im Reichstag vor den Massenschlächtereien auf den Schlachtfeldern des kommenden Krieges (Tanner 2014).

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert verbreitete sich nicht nur in Pazifisten- und Sozialistenkreisen die Ansicht, Europa steuere auf einen Krieg zu, der angesichts der enorm gesteigerten technischen und industriellen Fähigkeiten nicht mehr führbar sei. Sichtbar wurde dies etwa im amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1865, als der Norden seine überlegenen industriellen Kapazitäten gegen den agrarischen Süden ausspielte, auf Kosten von mehr als 600.000 Toten. Wie erst würde ein großer Krieg auf dem europäischen Kontinent aussehen?

Das Mögliche hatte der polnisch-russische Eisenbahn-Industrielle Jan Bloch (auch bekannt als Ivan Bloch, Jean de Bloch oder Johann von Bloch) 1898 in Sankt Petersburg in seinem monumentalen sechsbändigen Werk »Der zukünftige Krieg in seiner technischen, volkswirtschaftlichen und politischen Bedeutung« auf mehreren tausend Seiten ausgemalt. Mit wissenschaftlicher Akribie zeigte er die Konsequenzen der industriell-technologischen Dynamik für einen Krieg der Zukunft. Die moderne Technik und Taktik werde dem Verteidiger derartige Vorteile verschaffen, dass mit einem Sieg nicht zu rechnen sei: „Der Krieg ist jetzt in Folge der außerordentlichen Fortschritte der Waffentechnik, der hoch gesteigerten Präzision der Feuerwaffen und ihres enormen Vernichtungsvermögens furchtbarer geworden.“ (Bloch 1899, Band 1, S.XV). Große Kriege zwischen den Industrienationen könnten nur noch „um den Preis des Selbstmords“ geführt werden (Leonhard 2014).

Mechanisierung und Industrialisierung des Krieges

Möglich geworden war dies durch den Siegeszug der Mechanik, neben Optik, Thermodynamik und Elektrodynamik dem Kernstück der klassischen Physik. Ausgehend von Newtons Axiomen und dem Begriff der Energie wurde ein mathematisches Instrumentarium geschaffen, das aufgrund physikalischer Messungen eine Berechenbarkeit der Entwicklung der Materie nahe legte. Durch das Wechselspiel aus Theorie und Experiment war eine Voraussetzung für immer neue technische Instrumente zum gezielten Einsatz der Naturkräfte gegeben. Mit der Erfindung der Dampfmaschine gelang es, Wärmeenergie in geordnete Bewegungsenergie umzuwandeln und die Maschinerie der industriellen Revolution mithilfe von Kohle anzutreiben. Mit kraftstoffgetriebenen Motoren wurde es zu Land, zur See und später auch in der Luft möglich, den globalen Handel zu beschleunigen und Macht- und Gewaltprojektionen zu forcieren (Singer 2008). Die Entwicklung der Feuerwaffen erlaubte es Europa, im Zuge von Kolonialismus und Imperialismus die Erde gewaltsam zu beherrschen und ihre Ressourcen auszubeuten.

Dass die neuen Produktivkräfte auch Destruktivkräfte freisetzen würden, die das Kriegsbild verändern, war abzusehen. Über große Teile lesen sich die ersten Bände Blochs wie eine Einführung in die Mechanik. Akribisch erläutert er die Funktionsweise der neuen Waffensysteme und zeigt, wie Manöver im offenen Gelände mit herkömmlichen Bajonett- und Kavallerieattacken unmöglich werden: „Der zukünftige Krieg wird sich vor den früheren nicht nur durch ein vervollkommnetes Gewehr, rauchloses Pulver und verschiedene neue Hilfsmittel auszeichnen, sondern auch durch die Rolle, welche hier der Deckung durch Erdaufwürfe zufallen wird und welche eben durch die Fortschritte in der Technik der Geschütze und Gewehre bedingt ist.“ (Band 1, S.253)

Ausgiebig widmet er sich der gesteigerten Wirkung moderner Feuerwaffen und der Artillerie, die sich durch nicht „dagewesene Durchschlagskraft der Geschosse, ungeheure Schnelligkeit und beinahe mathematische Treffsicherheit“ auszeichnen (Bd. 1, S.427). Aufgrund der Erfahrungen im Krieg von 1870 kam eine Kommission zu dem Schluss, „dass der Angriff gegen eine in fester Stellung stehende Infanterie in der Zukunft erfolglos bleiben kann, […] auch wenn sie nur über halb soviel Gewehre verfügt wie der Angreifer“ (Bd. 1, S.355). Seitdem hatten alle Armeen die neue Technik des rauchlosen Pulvers in Repetiergewehren eingeführt, die mehr Geschosse über erheblich größere Distanz von bis zu 1.500 Metern treffsicher ins Ziel bringen konnten. Damit habe „sich die Kraft des Artilleriefeuers seit 1870 um das Zwölf- bis Fünfzehnfache gesteigert“ (Bd. 1, S.386). Es erscheinen immer neue Geschützsysteme, welche die früheren an Treffweite, Treffsicherheit und Geschossgeschwindigkeit weit hinter sich lassen. Die Wirkung der Maxim-Schnellfeuerkanone (Maschinengewehr), die mehrere hundert Schuss pro Minute abfeuern könne, bezeichnete Bloch als „eine im höchsten Grade mörderische“ (Bd. 1, S.133). Neue Sprengstoffe wie Nitroglycerin würden die Vernichtungskraft immer weiter steigern. „Geschütze wie Geschosse haben sich […] gegen früher so radikal vervollkommnet, dass die durch Artillerie verursachten Verluste ungeheuer gross sein werden, weshalb es sich fragen dürfte, ob die jetzigen Volksheere im Stande sein werden, das heutige Artilleriefeuer zu ertragen.“ (Bd. 1, S.358) In den zukünftigen Schlachten würden die Gegner „sich aus der Ferne vernichten, ohne einander zu sehen […] Mehr als je wird der Ausdruck »Kanonenfutter« zur Wahrheit werden.“ (Bd. 6, S.311)

Mit der zunehmenden Zahl und Größe von Geschützen stellte sich das Problem ihres Transports. Die beiden Bedingungen, „genügende Beweglichkeit, um den Feldtruppen folgen zu können, genügend grosses Kaliber, um grosse Projektile zu schleudern, schienen sich schwer vereinigen zu lassen“, wurden aber letztlich durch die Eisenbahn und andere motorisierte Transportmittel praktikabel gelöst (Bd. 1, S.422). Bloch wies darauf hin „dass der Dampfmotor weit hinter dem Gasolinmotor zurückbleibt. […] Die Apparate werden jeden Tag vollkommener, Dank der Erfahrung, die man macht, die Unbequemlichkeiten und Hindernisse schwinden, die Mechanismen vereinfachen sich und der Petroleumwagen geht all’ der Vervollkommnung rasch entgegen, deren er überhaupt fähig.“ (Bd. 1, S.237)

Aufgrund der Tatsachen kommt Bloch zu dem Schluss, „dass in künftigen Kriegen […] Vernichtungsmittel von solcher Kraft in Anwendung kommen werden, dass Konzentration der Truppen im offenen Felde oder unter dem Schutz von Deckungen und Befestigungen unmöglich und dadurch auch der ganze gegenwärtig für den Krieg vorbereitete Apparat untauglich werden wird“ (Bd. 1, S.17). Durch die Vernichtungswirkung würden gegnerische Armeen sich entlang der Frontlinien eingraben und in einem auszehrenden Grabenkrieg gegenüberstehen. Ein Krieg dieser Art, der einen „mehr mechanischen als ritterlichen Charakter“ habe, könne nicht schnell gelöst werden, der „Geist der Initiative, des Angriffs“ verfehle sein Ziel. Der Versuch, das Patt zu überwinden, führe zu einem fortwährend gesteigerten Mitteleinsatz, der ökonomisch in keinem Verhältnis zum Ergebnis stehe: „[N]iemals haben sich die Staaten zu einem Kriege so gründlich vorbereitet wie jetzt, niemals wurde eine solche Masse von Mitteln beschafft, um dem Feinde Verluste an Mannschaft und Vermögen zuzufügen. Überall werden gleichartige Vorbereitungen getroffen, dabei wird das Gleichgewicht unter ihnen aufrecht erhalten; so ergibt sich kein Vorzug für irgend eine Seite, und gleichzeitig wächst die Vernichtungsfähigkeit des Krieges für alle in gleicher Weise.“ (Bd. 1, S.238)

Gesellschaftliche Folgen

Besonders bemerkenswert waren Blochs Betrachtungen über die Auswirkung der neuen Waffentechnologien auf die Heimatgesellschaften: Aufgrund der Unfähigkeit, Kriege mit militär-technischen Mitteln zu entscheiden, werde der Krieg vorwiegend eine Frage wirtschaftlicher Macht. Im Gegensatz zu vorangegangenen Kriegen, in denen Zehntausende, gelegentlich Hunderttausende von Soldaten zum Einsatz kamen, könnten Industriegesellschaften Massenheere mit Millionen von Menschen mobilisieren, was nicht nur ein kompliziertes logistisches Versorgungsproblem sei:„Der so komplizierten Maschine der heutigen Gesellschaftsordnung plötzlich massenhafte Arbeitskräfte zu entziehen, erscheint eigentlich ganz unmöglich. Eine plötzliche Einberufung könnte bedenkliche Folgen nach sich ziehen.“ (Bd. 1, S.451) Krieg erscheint so ökonomisch und sozial kaum vorstellbar, weil die Gesellschaften ausbluten und politisch zusammenbrechen könnten: „[W]enn ganze Völker, alles, was für die produktive Arbeit fähig ist, dem tödlichen Feuer geweiht werden, erregt der Militarismus die Abneigung gegen sich.“ (Bd. 5, S.5) Hier zeigen sich politische Grenzen, die die „Vorstellungen von der Unvermeidlichkeit des Krieges“ in Frage stellen: „Liegt nicht ein innerer Widerspruch in der Vorbereitung immer gewaltigerer Vernichtungsmittel und der Einziehung fast der ganzen Bevölkerung zu den Fahnen, gegenüber dem Zeitgeist, der sich in vielen Staaten energisch gegen den Militarismus auflehnt?!“ (Bd. 6, S.35)

Damit bestehe für die herrschenden Kreise das Risiko, dass eine absehbare Niederlage im Krieg zu „gewaltsamen revolutionären Umwälzungen zur Schaffung neuer politischer Formen oder einer neuen Gesellschaftsordnung“ führen könne (Bd. 6, S.91). Insbesondere könne „der innere Verfall der Monarchie mit schnellen Schritten vor sich gehen“ (Bd. 6, S.277). Dies habe auch Folgen für die Zeit nach dem Krieg, darunter wirtschaftliche Verwerfungen, Hungersnöte, Krankheiten und Epidemien: „Die Verwüstungen […] wären so ungeheuer, die Erschütterungen der Produktionsfähigkeit und ihres Kredits so stark, dass es einfach unmöglich werden dürfte, diesen Ländern Kontributionen aufzuerlegen, die dem Sieger seine Ausgaben ersetzen könnten.“ (Bd. 6, S.215)

Technische Rüstungsdynamik

Erstmals nimmt Bloch eine umfassende Untersuchung des Krieges vor, der militärisch-technischen ebenso wie der ökonomischen, sozialen und politischen Faktoren. Für die wesentlichen Erkenntnisse sei „nur der allgemein menschliche Verstand nötig“ (Bd. 1, S. XXIX). Suspekt war den Militärtheoretikern seiner Zeit Blochs Versuch, eine „Bresche in das System des Militarismus“ zu legen (Band 6, S.359). Sie warfen ihm Unkenntnis und fehlende Erfahrung in militärischen Dingen vor. Seine Mathematik möge korrekt sein, die militärischen Schlüsse seien aber angreifbar (Welch 2000). Er habe die Situation um die Jahrhundertwende beschrieben, nicht aber neuere Entwicklungen. Dies geht am Kern seiner Analyse vorbei und ist auch nicht ganz korrekt. Bloch erwähnt neue Technologien wie motorisierte Fahrzeuge, Panzer und Flugkörper, die im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kommen sollten. Sie bestimmten zwar die Rüstungsdynamik nach dem Krieg, führten zu neuen Offensivkonzepten und prägten das Gesicht des Zweiten Weltkriegs, änderten aber nichts daran, dass letztlich die industriellen Kapazitäten der Kriegsparteien den Ausschlag gaben.

Mit dem Kampfpanzer wurde im Ersten Weltkrieg ein Instrument geschaffen, das Masse, Feuerkraft, Panzerung und Beweglichkeit miteinander verknüpfte (Unterseher 2014). Er stärkte die Offensive, kam aber zu spät, um kriegsentscheidend zu sein. Bloch widmete dem Thema „Schild und Panzer“ ein ganzes Kapitel: „Die Erfindung des Schiesspulvers machte Panzer, Harnische u. dgl. unnütz, allein seine weitere Vervollkommnung regte von Neuem die alte Idee an, dem Geschützfeuer eine Panzerbedeckung entgegen zu stellen.“ (Bd. 1, S.249) Auch wenn ihm die fahrbare Panzerlafette mit Schnellfeuerkanone als eine furchtbare Waffe erschien, werde bald „eine neue Entdeckung in der Chemie, in Art eines neuen verhältnismässig stärkeren Pulvers, jede Bedeutung des Panzers vernichten“ (ibid.).

Hier zeigt sich Blochs dynamische Sicht auf die rüstungstechnische Entwicklung, die militärische Vorteile schaffe und wieder in Frage stelle: „In allen Ländern arbeitet der menschliche Verstand unermüdlich an solchen Erfindungen, welche behufs Erhöhung militärischer Leistungsfähigkeit den Gebrauch aller Naturkräfte, Fähigkeiten der Menschen und Tiere, Eigenheiten der Pflanzen und Metalle ermöglichen.“ (Bd. 1, S.238) Aufgrund der technischen Erfindungen werden bald „die Widerstandskraft des Panzers verstärkt, bald wird die Durchschlagskraft der Granaten erhöht oder die Tragweite des Infanteriegewehrs und der Feldgeschütze verstärkt, und auf diese Weise verwandeln sich die neuen Erfolge der Technik in ungeheure Ausgaben“ (Bd. 6, S.215). Wenn „Nachbarstaaten bei neuen Entwicklungen unverzüglich nachfolgen, vielleicht sogar noch weitergehende Vervollkommnungen einführen“ (Bd. 1, S.383), würden bei gleichem Stand der Technik trotz Geheimhaltung zeitweilige Vorsprünge wieder zunichte gemacht: „Früher oder später jedoch wird es glücken, den Vorhang zu lüften und alsdann wird der Wetteifer von Neuem beginnen.“ (Bd. 1, S.383) Da „mit jedem Tage neue, immer mehr Vernichtung schaffende Erfindungen gemacht“ werden, könne niemand vorhersagen, wie „der wirkliche Stand der Dinge in einem zukünftigen Kriege sein wird“ (Bd. 1, S.427). Angesichts der rasanten technischen Entwicklung erfordert der Umgang mit dem „komplizierten modernen Kriegsmechanismus […] um so intelligentere Menschenkräfte, je komplizierter er ist“ (Bd. 1, S.353). Diese Kompliziertheit stehe in Widerspruch zu etablierten militärischen Strategien, die auf Ergebnissen früherer Kriege beruhen.

Der Weg in den „unmöglichen Krieg“

Angesichts der Ablehnung durch die „militärische Kaste“ wandte Bloch sich mit seinen Erkenntnissen an die internationale Öffentlichkeit und die Politik. In der Friedensbewegung fielen seine Ansichten auf fruchtbaren Boden. Der russische Zar Nikolaus II setzte sich mit dem Werk Blochs auseinander und traf sich mehrfach mit ihm. Dies war einer der Anlässe, 1899 die Haager Friedenskonferenz auf den Weg zu bringen, die jedoch keine großen Fortschritte bei der Abrüstung brachte. Bloch wurde für den ersten Friedensnobelpreis 1901 nominiert, den dann Henri Dunant erhielt. Nach seinem Tod ein Jahr später wurde das nach ihm benannte erste Museum für Krieg und Frieden in Luzern gegründet (Thomas 1903, Troxler et al. 2010). Der 1905 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Bertha von Suttner wird diese Aussage über Bloch zugewiesen: „De Bloch war nicht mehr ein Apostel des Friedens als Newton ein Apostel des Gravitationsgesetzes war oder Darwin ein Apostel der Evolution der Arten. Er war ein Suchender und ein Gelehrter im Feld der Sozialwissenschaften.“ (Thomas 1903, S.258, übersetzt aus dem Englischen nach Welch 2000, S.275) Für Thomas war Blochs Werk „die Erklärung eines Wissenschaftlers, der die Entdeckung eines bestehenden, bislang unbekannten Gesetzes verkündet“ (Welch 2000, S.275).

Dabei wollte Bloch nicht nur beschreiben, er wollte den Gang der Geschichte auch beeinflussen. Geradezu ambivalent ist sein Unterfangen, die destruktiven Möglichkeiten des Krieges rational und empirisch aufzuzeigen, zugleich aber seine Sinnlosigkeit zu belegen und ihn politisch unmöglich zu machen: „Daraus, dass die Kräfte der Völker begrenzt sind, die Fortschritte der Technik aber keine Grenzen kennen, folgt, dass die Schwere der Rüstungen unausbleiblich irgend einmal positiv unerträglich werden muss, und die furchtbaren Menschenhekatomben und die ökonomische Katastrophe als Folgen des Krieges bedingen die allgemeine Erkenntnis, dass es unmöglich ist, den Krieg zuzulassen, weil es unmöglich ist, ihn und seine Folgen zu ertragen.“ (Bd. 6, S.348) Dies sei ein erster Versuch, „diesen Weg zum Ausgang aus dem wahren circulus vitiosus, in welchem sich Europa befindet und in dem es noch lange Zeit hindurch zum grössten Schaden für sein Wohl stecken bleiben kann, zu kennzeichnen. […] Wenn klargelegt wird, dass die äussersten Anstrengungen zur Steigerung der Kriegsmittel nur die Wahrscheinlichkeit der politischen Resultatlosigkeit eines Krieges vergrössern, so wird in diesem Falle wirklich der Gedanke der Notwendigkeit einer allgemeinen Abrüstung endgültig in dem Bewusstsein der Völker seine Herrschaft auszuüben beginnen.“ (Bd. 6, S.359) Unverzüglich sei die Frage nach der Vermeidung des Krieges auf den „Boden einer praktischen Erörterung unter Mitwirkung und Kontrolle seitens der Regierungen zu stellen“ (Bd.6, S.348). Engagiert beschrieb er eine neue, auf Gerechtigkeit und wirksamen Schlichtungsinstanzen gründende internationale Ordnung.

Damit versuchte er wie andere auch, sich dem Fatalismus der scheinbar unausweichlichen Katastrophe entgegen zu stellen. „Kriege entladen sich nicht wie Gewitter aus Spannungen elementarer Kräfte“, erklärte der französische Sozialistenführer Jean Jaurès 1906 auf einem Parteitag in Limoges, „sie entspringen einem Willensakt und sind daher nicht unabwendbar“ (zit. nach Wette 2012). Sechs Jahre später schreibt dagegen August Bebel: „Ich bin schon seit längerer Zeit […] zu der Ansicht gekommen, daß das nächste Jahr uns wahrscheinlich den europäischen Krieg auf den Hals bringt […] Die Dinge haben ihre eigene Logik, und es ist zu viel Zündstoff vorhanden; man wird wider Willen weitergetrieben.“ (zit. nach Wette 2012).

Die Zukunftsbilder werden immer düsterer. 1912 zeichnete Wilhelm Lamszus mit seinem populären Roman »Das Menschenschlachthaus« eine erschreckende Vision vom kommenden industrialisierten Krieg, der mit einer nie da gewesenen Gewalteskalation verbunden sein würde. Kapitalistische Großfabriken würden zu „grossen Schwungmaschinen“ einer Massendestruktion: „Von Technikern, von Maschinisten werden wir vom Leben zum Tode befördert.“ (zit. nach Tanner 2000)

Solche Bilder gehen konform mit der Vorstellung einer systemischen und unaufhaltsamen Eigendynamik, die als kollektive Erwartung der Katastrophe zur selbst-erfüllenden Prophezeiung wurde (Münkler 2014). Blochs Versuch, den herrschenden Kräften vor Augen zu führen, was sie mit ihrer „auf Vernichtung gerichteten Macht“ anrichten, die ihnen selbst ebenso schade, liefen da ins Leere. In dem Bemühen, die von ihnen angestrebten Realitäten zu konstruieren, verschlossen sie die Augen vor den tatsächlichen Realitäten und lehnten die Friedensbemühungen ab. Vordergründig agierten sie wie „Schlafwandler“ (Clarke 2013), so als ob sie aufgrund ihrer Bewegungsrichtung wie Teilchen mechanisch in den Zusammenprall mit anderen Teilchen hineinliefen und dabei nur den Naturgesetzen und dem Zufall unterworfen wären. Schlafwandler waren die Akteure allerdings nur, wenn sie sich gemäß der Devise »Augen zu und durch« in Sachzwänge begaben, die das Ergebnis ihrer eigenen Macht- und Gewaltlogik waren. Während sie im Sinne des linear-mechanistischen Weltbilds glaubten, durch den Einsatz geschickt eingesetzter Kräfte den Krieg zu ihren Gunsten entscheiden zu können (Beispiel Schlieffen-Plan), negierten sie ihre eigene Verantwortung und drängten sich selbst in eine Opferrolle, die dem Gegner alle Verantwortung zuschob. Überholtes militärisches Denken gepaart mit einer Verkennung der technischen und industriellen Gegebenheiten wurde den Komplexitäten der damaligen Weltlage nicht gerecht. Die Eskalationsdynamik und die vernetzten Allianzstrukturen trugen dazu bei, dass die politischen und militärischen Führer sich gründlich verrechneten und die Entwicklung ihrer Kontrolle entglitt (Vasquez et al. 2011, Chi et al. 2014).

Heutige Bedeutung

Die Analysen Blochs wurden mit geradezu unerbittlicher Präzision im Ersten Weltkrieg bestätigt. Viele Überlegungen zum Krieg wie zum Frieden bleiben bis heute aktuell. Die Vernichtungswirkung der Waffentechnik wurde gegenüber dem Ersten Weltkrieg ins Unermessliche gesteigert und führte zum Totalen Krieg, der ganze Gesellschaften erfasste (Scheffran 2005). Eine Folge war die riskante Abschreckungsstrategie im Kalten Krieg, die den Nuklearkrieg für möglich hielt, um ihn unmöglich zu machen. Unterhalb der Nuklearschwelle sehen sich die Militärmächte bis heute zur Zurückhaltung veranlasst, zum einen, weil das Risiko der Vernichtung im Krieg weiterhin gegeben ist, zum anderen aufgrund der Bestrebung, den Krieg politisch und rechtlich einzugrenzen. Dies schließt Gewaltkonflikte mit und zwischen kleineren Mächten allerdings nicht aus.

Damit Krieg unmöglich wird, gilt es auch weiterhin, die zum Kriege drängenden Sachzwänge zu vermeiden und alternative Entscheidungsspielräume zu schaffen. Hierzu gehört, den Bedingungen für einen neuen großen Krieg entgegen zu wirken, wie sie etwa im Gefolge der NATO-Expansion und russischer Reaktionen, der kapitalistischen Globalisierung oder einer Zerstörung menschlicher Existenzgrundlagen durch den Klimawandel denkbar sind (Scheffran 2000, Boeing 2009).

Gerade angesichts der aktuellen Krise in der Ukraine mutet es seltsam an, wie Bloch die unterschiedlichen Einstellungen von Russland und dem Westen beleuchtete. Dabei nahm er wiederholt auf den Krim-Krieg von 1853-1856 Bezug, in dem Russland gegenüber der Allianz aus Frankreich, Großbritannien, Sardinien und dem Osmanischen Reich isoliert war, während Preußen neutral blieb und Österreich sich zwischen die Stühle setzte. Der wichtigste europäische Krieg zwischen den Napoleonischen Kriegen und dem Ersten Weltkrieg war als erster der modernen Stellungskriege nicht nur besonders verlustreich, sondern brachte auch das Lazarettwesen, die Telegrafie, das Feldtelefon und die Kriegsberichterstattung mit sich, ebenso eine Erhöhung des russischen Bevölkerungsanteils auf der Krim. Bemerkenswert ist hier Blochs Schlussfolgerung: „Ohne Zweifel muss die Gefahr innerer Bewegungen, die eine Krisis hervorrufen würde, auf die Regierungen derart einwirken, dass sie von dem Kriegsunternehmen zurückschrecken.“ (Bd. 6, S.90) Auch in diesem Sinne bleibt Bloch bis heute aktuell.

Literatur

Bloch, J. von (1899): Der Krieg. Der zukünftige Krieg in seiner technischen, volkswirthschaftlichen und politischen Bedeutung. 6 Bde. Berlin: Puttkammer & Mühlbrecht; online unter archive.org/details/derkrieg05blocgoog.

Boeing, N. (2009): Das Negativmodell ist die Welt vor dem Ersten Weltkrieg. Technology Review, 18.11.2009; heise.de.

Chi, S.H., Flint, C., Diehl, P., Vasquez, J. Scheffran, J., Radil, S.M. & Rider, T.J. (2014): The Spatial Diffusion of War: The Case of World War I. Journal of the Korean Geographical Society, 49 (1), S.57-76.

Clark, C. (2013): Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München: Deutsche Verlags-Anstalt.

Leonhard, J.(2014): Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkrieges. München: Beck.

Münkler, H. (2014): Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918. Reinbek: Rowohlt.

Scheffran, J. (2000): Zurück zum Kalten Krieg? W&F 2-2000.

Scheffran, J. (2005): Wissenschaft, Rüstungstechnik und totaler Krieg. W&F 1-2005.

Singer, C.E. (2008): Energy and International War. Singapur: World Scientific Press.

Tanner, J. (2014): Erster Weltkrieg: Der erste totale Krieg. Die Wochenzeitung Nr. 12/2014 vom 20.3.2014.

Thomas, G.G. (1903): The Bloch Museum of Peace and War. Chambers journal LXXX, S.258.

Troxler, W., Walker, D., Furrer, M. (Hrsg.) (2010): Jan Bloch und das internationale Kriegs- und Friedensmuseum in Luzern. Münster: LIT.

Unterseher, L. (2014): Der Erste Weltkrieg. Berlin: Springer.

Vasquez, J.A., Diehl, P.F., Flint, C. & Scheffran, J. (eds.) (2011): Forum on the Spread of War, 1914-1917. Foreign Policy Analysis (Special Issue) 7, S.139-141.

von Suttner, B. (1889): Die Waffen nieder! Dresden: Edgar Pierson.

Welch, M. (2000): The Centenary of the British Publication of Jean de Bloch’s Is War Now Impossible? (1899-1999). War in History, Vol. 7, No. 3, S.273-294.

Wette, W. (2012): Erster Weltkrieg – Letzter Appell an Europa. DIE ZEIT, 48/2012, S.29.

Jürgen Scheffran ist Professor am Institut für Geographie der Universität Hamburg, Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit am KlimaCampus Hamburg und Mitglied der Redaktion von W&F.

in Wissenschaft & Frieden 2014-2: Gewalt(tät)ige Entwicklung, Seite 38–42

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