in Wissenschaft & Frieden 2017-1: Facetten des Pazifismus, Seite 56–57

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Friedensforschung und (De)Kolonialität

Workshop des Arbeitskreises Herrschaftskritische Friedens- und Konfliktforschung innerhalb der AFK, 7.-9. Dezember 2016, Wien

von Mechthild Exo

Anfang Dezember 2016 fand der Workshop »Friedensforschung und (De)Kolonialität« statt, organisiert vom noch jungen Arbeitskreis Herrschaftskritische Friedens- und Konfliktforschung innerhalb der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK). Bereits der Ort des Workshops war mit zwei kleinen Besonderheiten verbunden: Wir waren in Wien und gleichzeitig an der Universität Klagenfurt, von der aus dieser Workshop in Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt am Main organisiert wurde. Claudia Brunner vom Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, die uns gemeinsam mit Viktorija Ratkovi? als Organisatorinnenteam begrüßte, erklärte zu Beginn diese Besonderheit der Klagenfurter Uni, die Räume in Wien ihr eigen nennt. Erstmalig hat zudem die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) mit diesem Workshop ein Projekt finanziell gefördert, das nicht in Deutschland, sondern in Österreich durchgeführt wurde.

Als wir zwei Tage später den Workshop beenden, ist auf großen Plakaten Inspirierendes und Nachdenkliches gesammelt: „Friedensforschung ist ein guter Ort, um von hier aus intensiver an kognitiver und materieller Dekolonialisierung zu arbeiten – aber realistisch bleiben“ versus „utopische Ziele als befreiende, dekolonialisierende Prozesse JETZT verwirklichen“; „Dekolonialisierung bedeutet … explizites Ein- und Auftreten für Frieden und Gerechtigkeit“ und „Dekolonialisierung ist keine Metapher: Unordnungen & Umbrüche sind radikal … – aushalten?!“. Es werden auch offene Fragen festgehalten: „Unter welchen Bedingungen verlieren de-/postkoloniale Ansätze ihr emanzipatorisches Ziel?“, „Dekolonialität ? Frieden ? Gerechtigkeit – Konflikte benennen – zuspitzen?“, „Wissenschaftliche Praxis kaputthandeln – hä? – JAAA!“.

Vorausgegangen waren zweieinhalb Tage intensiver gemeinsamer Arbeit und bereits vor Beginn die Ausarbeitung von elf Aufsätzen. Diese Aufsätze wurden in einem eher selten praktizierten Format nicht von den Autor*innen selbst, sondern von einer anderen Person vorgestellt und gemeinsam ausführlich kommentiert und diskutiert. Das war für die meisten neu. Eine noch aktivere Beteiligung als gewöhnlich war von allen Teilnehmenden gefordert, und es zeigte sich, dass wir schnell in intensive Diskussionen kamen, angeregt durch die vorangegangene Lektüre der Aufsätze.

Am Anfang stand eine Auseinandersetzung um die Frage, ob epistemische Gewalt nicht besser als epistemische Macht bezeichnet werden sollte. Die tatsächliche Gewaltform, die durch Episteme wirksam wird und sich besonders deutlich in den kolonialen Wurzeln und Verwicklungen der eurozentrischen Wissensform zeigt, die als die universell gültige Wissenschaft verbreitet Anerkennung findet – angefangen mit der historischen Kategorisierung der Bewohner*innen der Kolonien als Nicht-Menschen – wurde so gemeinsam erinnert. Weitere Grundbegriffe dekolonialer Theorie standen im Fokus, etwa mit der Frage, wann es sinnvoll ist, von Okzidentalismus und wann von Orientalismus zu sprechen. Ein anderes Beispiel war die Verdeutlichung des Denkens in bestimmten Temporalitäten, die mit der globalen Struktur der Kolonialität und ihrer spezifischen Rationalität der Moderne verbunden sind und alternative Zeitlichkeiten unsichtbar machen.

Diese gemeinsame Vertiefung des theoretischen Verständnisses erfolgte nicht in einer losgelösten Abstraktion, sondern immer wieder angebunden an konkrete Anwendungen. Das reichte von der dekolonialen Reflexion der Praxis von Asylentscheidungen und von Zeugenvernehmungen für den Internationalen Strafgerichtshof bis zur dekolonialen Differenzierung des Opferbegriffs in Prozessen der Transitional Justice. Für die Veränderung von Präsentationsformen wurden hilfreiche Brückenschläge zu künstlerischer Forschung aufgezeigt. Die Gestaltung von Ausstellungsformaten, die mehreren Perspektiven, einschließlich Stimmen aus dem alltäglichen Leben in Kriegsgebieten, partizipativ Raum verschaffen, wurde nicht nur theoretisch reflektiert; die betreffende Ausstellung zum Jemen war während der Workshoptage aufgebaut und konnte in den freien Zeiten besucht werden. Besonders spannend war es, im Rahmen des Workshops auch an einer postkolonialen Führung durch das Heeresgeschichtliche Museum in Wien teilnehmen zu können. So konnten direkte Vergleiche zur unterschiedlichen Präsentation bzw. Produktion von Wissen in beiden Ausstellungen gezogen werden.

Eine andere Ebene der Anwendung drückte sich in der Frage aus, ob eine Dekolonialisierung innerhalb der bestehenden akademischen Institutionen/Universitäten überhaupt und, wenn ja, wie möglich ist, oder ob es neue Orte für dekoloniale Forschung und Bildung braucht, die nach anderen Kriterien und in andersförmigen Strukturen organisiert werden. Diese Frage begleitete uns mehr oder weniger durch den gesamten Workshop sehr intensiv. Die Forderung unter anderem von Walter Mignolo nach dekolonialem Delinking (Abkoppelung) wurde dementsprechend unterschiedlich beantwortet: zum einen – Gayatri Spivaks Kritik der Hochschule als „colonial teaching machine“ aufgreifend – bezüglich der Möglichkeiten und Probleme einer „decolonial teaching machine“, die Risse in Institutionen treibt, in die wir eingebettet sind; zum anderen als Notwendigkeit einer Herauslösung aus dem beständigen Druck der Anpassung und Rechtfertigung gegenüber einem Karrieresystem, dessen Grundlagen als kolonial, patriarchal und auf Konkurrenz, Leistung und Marktverwertung orientiert abgelehnt werden. Ein Teilnehmer formulierte in seinem Paper sehr treffend das, was die Workshopteilnehmer*innen während der zwei Tage am stärksten beunruhigte: „Dekoloniale Theoretisierungen, welche dem Ziel verschrieben sind, emanzipatorisches/befreienden Wissen zu produzieren und somit einen Beitrag zur epistemischen Dekolonialisierung liefern, […] müssen sich den Fragen stellen: Wer profitiert von den kolonialen Theoretisierungen? In welche Verwertungslogiken ist diese Wissensproduktion eingebettet? Wie trägt das eigene Handeln zur Reproduktion kolonialistischer Verhältnisse bei?“ (Johannes Korak) Wie verhindern wir, dass die radikale Herrschaftskritik dekolonialer Forschung absorbiert und dekoloniale Theorie in harmloser Form integriert wird? Zum Ende des zweiten Tages ist somit auch niemand irritiert, als Bezug nehmend auf Richard Jackson und Herman Schmid Argumente für eine „Konflikte schärfende Friedensforschung“ vorgetragen werden. Das Managen von Konflikten für den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der gegenwärtigen Ordnung(-svorstellung) wird als Problem verstanden, die Aufgabe von wissenschaftlicher Arbeit im Erhalt der Menschheit und Menschlichkeit gesehen, damit als Teil des Widerstandes, hin zur radikalen Veränderung des bestehenden Systems und zu einer neuen Gesellschaftlichkeit. Nicht nur für dieses Argument bekam die Diskussion (der Überwindung) struktureller und kultureller Gewalt in diesem Workshop viel Beachtung.

Während die Etablierung anderer Wissensformen und Forschungsmethodologien bereits zur Praxis zahlreicher globaler anti-kolonialer, indigener und feministischer Bewegungen gehört, sind wir in Europa bzw. in Deutschland und Österreich gerade dabei, die noch vereinzelten, aber bereits auf hohem Niveau bestehenden Suchbewegungen der dekolonialen Hinterfragung und Veränderung wissenschaftlicher Praxis in Verbindung miteinander zu bringen und deren Vertreter*innen in handlungsfähigen Netzwerken zu verbünden. Für das Gebiet der Friedens- und Konfliktforschung war der Workshop in Wien dafür ein gut fundierter Anfang. Dieses Ziel der Vernetzung und gestärkten Handlungsfähigkeit war neben der theoretischen und methodologischen Vertiefung sehr präsent und wurde in der abschließenden Phase des Workshops aktiv bearbeitet.

Mechthild Exo

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