in Wissenschaft & Frieden 2017-2: Flucht und Konflikt

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Rethinking Europe in an unequal world

Gemeinsame Konferenz von EuPRA und AFK, 16.-18. März 2017, Schwerte

von Thomas Mickan

Das Jahreskolloquium 2017 der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) wurde in Kooperation mit der Ev. Akademie Villigst sowie erstmals in Kooperation mit der European Peace Research Association (EuPRA) als Joint Conference organisiert. Das Kolloquium »Peace and Conflict Studies from the margins to the center. Rethinking Europe in an unequal world« fand an der Akademie statt und wurde durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) gefördert.

Aktuelle politische Entwicklungen – angefangen von Fluchtbewegungen, anhaltender sozialglobaler Ungleichheit bis hin zu Nationalismus und Militarisierung – verdeutlichen die Dringlichkeit dieser gemeinsamen Tagung. Im Zentrum standen daher verschiedene reflexive, kritische, empirische und normative Perspektiven auf jene realpolitischen Phänomene. Dabei sollten eurozentristische, postkoloniale und andere hegemoniale Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata herausgefordert und Alternativen zum so genannten »westlichen Denken« aufgezeigt werden. Über 20 Panels, die Keynote und verschiedene Panelformate boten hierzu Gelegenheit.

Eröffnung

In ihrer Keynote ging Meera Sabaratnam (London) auf die Notwendigkeit der Dekolonisierung der Friedens- und Konfliktforschung (FuK) ein und präsentierte so einen richtungsweisenden Leitgedanken für den weiteren Tagungsverlauf. Insbesondere forderte sie, westliches Denken und Wissen zu dekolonisieren, da die FuK nach wie vor kolonialen Strukturen unterliege. Als Beispiel hierfür nannte sie sprachliche und konzeptionelle Codes, wie etwa der staatszentrierte Terminus »warlord«, welcher dem Akteur seinen politische Legitimität abspreche und von tiefem Orientalismus geprägt sei.

Eine Alternative könne sein, marginalisierten Menschen eine weitreichendere Partizipation zu bieten, aber nicht in instrumenteller, sondern in dialogischer Absicht. Sie wies gleichzeitig auf die Herausforderungen dieser Absicht hin und schloss mit Frantz Fanon, dass Europa seine politische Verantwortung endlich wahrnehmen solle und den Dialog mit den (vermeintlich) »Anderen« beginnen müsse. Im Einklang mit diesem Aufschlag war die Frage nach alternativen Handlungskonzepten zu europäischen/»westlichen« Hegemonialkonzepten auch Gegenstand vieler Panels und Diskussionen.

Panels

Bei den Panels wurden vielseitige methodische Ansätze und theoretische Perspektiven gewagt. Im Vordergrund stand unter anderem die kritische Auseinandersetzung mit den konzeptionellen Grundlagen (Prämissen und Begriffen) der FuK, mit dekolonialen Ansätze sowie mit Feminismen. Dabei wurden thematische Verknüpfungen zu Flucht und Migration oder auch zu Medien und öffentlicher Wahrnehmung hergestellt. Weitere Panels beschäftigten sich mit Themen wie innerstaatliche Konflikte und Transitional Justice. Neue Perspektiven auf (vermeintlich) ethnisch motivierte Konflikte, aber auch empirische Ansätze mit quantitativer Methodik, die bei dekolonialen Stoßrichtungen seltener zu erwarten sind, wurden diskutiert. Hinsichtlich erkenntnistheoretischer Ansätze wurden mentale Bilder auf die und in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und natio­nalen Katastrophenhilfe kritisch dekon­struiert. Aktuellere politische Phänomene wurden immer wieder Gegenstand der Betrachtung, etwa bei einer sprachwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem geflügelten Satz „Wir schaffen das!“, geprägt von Bundeskanzlerin Merkel.

Die Frage nach Alternativen zu hegemonialen Denk- und Handlungspraktiken stellte einen panelübergreifenden roten Faden dar. In einem Panel wurde diesbezüglich festgestellt, der wissenschaftliche Apparat habe es versäumt, an herrschaftsfreieren Zugängen, Methodiken und Handlungsoptionen zu arbeiten. So wurde in dieser ernüchternden und offenen Bestandsaufnahme zugleich Verantwortung seitens der Wissenschaft für die vorhandenen Leerstellen übernommen. In einem weiteren Panel wurden epistemische Gewalt, der Eurozentrismus in der Kritik am liberalen Frieden sowie der Eurozentrismus von Friedensbegriffen selbst, der auch in anderen Panels Gegenstand war, näher untersucht.

Der Versuch, Forschung zu dekolonisieren, zeigte sich äußerst praxisbezogen in einem Panel zur Dekolonisierung von wissenschaftlichen Methodologien. Ausgetragen wurde jenes Panel in einem Stuhlkreis, wodurch bereits im didaktischen Format selbst die übliche Konferenzhierarchie aufgebrochen wurde. Ein weiteres Vortragsformat war dialogisch angelegt; die beiden Vortragenden fragten sich gegenseitig, wie sie die Dekolonisierung praktisch gestalten könnten, etwa, indem der Forschung das vermeintliche »Zentrum« entzogen werde. Exemplarisch wurde dies illustriert anhand der Arbeit von Studierenden, in der diese den kolonialistischen Film »Pocahontas« mit der »Rede über den Kolonialismus« von Aimé Césaire künstlerisch kontrastierten.

Die thematische Stoßrichtung zeigte sich darüber hinaus im Panel zu feministischen Interventionen und nicht-westlichen feministischen Ansätzen. In diesem wurde das Konzept von Transitional Justice aus der Perspektive von feministischen people of color kritisiert. Ein Beitrag thematisierte die orientalistische Darstellung muslimischer Frauen in Modemagazinen. Abschließend wurde in selbigem Panel via Skype von zwei brasilianischen Forscherinnen, die nicht persönlich an der Tagung teilnehmen konnten, die feministische Erkenntnistheorie von Carolina Maria de Jesus vorgestellt.

In der Besetzung der verschiedenen Panels spiegelte sich ein Anliegen der Konferenz wider: Vielfalt zu berücksichtigen und marginalisierten Personen einen gemeinsamen Raum zu bieten. So war der Anteil an Frauen, jungen Wissenschaftler*innen, Wissenschaftler*innen des Globalen Südens und people of color deutlich höher als bei vielen Konferenzen und Tagungen in Deutschland gewohnt.

Christiane-Rajewsky-Preis

Ein Höhepunkt der Tagung war die alljährliche Verleihung des Nachwuchspreises der AFK, der die herausragende Dissertation »Ordering by default. The power and politics of post-coup interventions in Africa« von Antonia Witt (aktuell: Frankfurt) ehrte.

Abschlusspodium

Perspektiven der Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman (Jemen), von Akbota Zholdasbekova (Kasachstan) sowie Martina Fischer (Deutschland) auf aktuelle Friedensherausforderungen in einer postkolonialen Ära der globalen Transition waren Gegenstand der zweiten Plenarsitzung. Die drei Panelistinnen beleuchteten in ihren eindrücklichen Beiträgen den Kampf emanzipatorischer Bewegungen im Jemen, Politikberatung in Kasachstan sowie die praktische Arbeit als friedensforschend Aktive. So trafen sich feministischer, pazifistischer Aktivismus, Politikberatung und Wissenschaft auf diesem Podium.

Allerdings wurde der inhaltliche und feministische Anspruch der Panelistinnen nicht von allen Anwesenden verstanden, was zu erheblichem Unmut führte. Das Netzwerk Friedensforscherinnen der AFK äußerte sich im Anschluss in einer Stellungnahme, die auf afk-web.de online steht und darauf verweist, dass auch innerhalb der FuK-Community erheblicher Lernbedarf und Anlass zur kritischen Reflexion über das eigene Denken und Handeln besteht.

Internationalisierung

Die Tagung wurde erstmals in Kooperation mit der EuPRA abgehalten, die auch ihre Mitgliederversammlung während der Tagung abhielt.

Mit der Joint Conference wurde ein wichtiger Schritt Richtung Internationalisierung der AFK getan. Wurde noch in der Mitgliederversammlung des letzten AFK-Kolloquiums über diese fehlende Komponente diskutiert, gestaltete sich diesmal nicht nur das Publikum merklich vielfältiger, sondern dies traf auch auf die Panelist*innen und ihre Beiträge zu.

Resümee

Die Joint Conference »Peace and Conflict Studies from the margins to the center. Rethinking Europe in an unequal world« hat einen wichtigen Beitrag zur Internationalisierung der deutschsprachigen Friedens- und Konfliktforschung geleistet. Vor dem Hintergrund globalpolitischer Phänomene wies die Veranstaltung ein hohes Maß an Selbstkritik auf. Mit ihrer Offenheit gegenüber dekolonialen Ansätzen nahm die Konferenz auch den Bedarf vieler jüngerer Wissenschaftler*innen ernst und bot ihnen eine institutionelle Plattform.

Ein ausführlicher Tagungsbericht mit Beschreibungen aller Panels wird auf der AFK-Website afk-web.de und auf dem eigens von der Jungen AFK eingerichteten und betreuten bretterblog.wordpress.com verfügbar gemacht.

Sofia Ganter und Tim Bausch

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