in Wissenschaft & Frieden 2017-4: Eingefrorene Konflikte

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Frieden verstehen – Konflikte gestalten

Peace Summer School, 31. Juli-5. August 2017, Augsburg

von Svenja Burst, Theresa Werner und Nora Schröder

Augsburg ist Friedensstadt! Dies geht zurück auf den Augsburger Religionsfrieden des Jahres 1555, der die Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben verschiedener Konfessionen schaffen sollte. Daran wird jedes Jahr am 8. August im Rahmen des »Augsburger Hohen Friedensfests« erinnert. Das dazugehörige Kulturprogramm, in dessen Rahmen die Peace Summer School stattfand, kommt dem Auftrag nach, auf ein friedlicheres Miteinander in der Gegenwart hinzuarbeiten und aktuelle Friedensfragen zu thematisieren. Denn auch heute, viereinhalb Jahrhunderte später, sind für uns Fragen nach dem friedlichen Zusammenleben in einer heterogenen Gesellschaft hochaktuell: Wie können wir Konflikte in unserem Umfeld – privat, im beruflichen oder im gesellschaftlichen Kontext – gestalten? Welches Verständnis von Frieden liegt unserem Handeln und Wirken zugrunde?

Aus einer Initiative des AK Curriculum und Didaktik der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) entstand die Idee, Angebote für die Studierenden der unterschiedlichen Studienstandorte in der Friedens- und Konfliktforschung zu entwickeln. Einerseits wurde ein wachsendes Interesse an praxisorientierten Themen und Konzepten beobachtet, andererseits verstärkte sich vielerorts das Bedürfnis, die Expertise verschiedener Standorte, Praxiserfahrungen und die verschiedenen curricularen Schwerpunkte miteinander zu verknüpfen, um so ein übergreifendes Angebot für engagierte Studierende und Praktiker*innen zu schaffen. Ein solches wissenschaftliches Qualifizierungsangebot 2017 erstmals in das Augsburger Friedensfestprogramm aufzunehmen, wurde vom Friedensbüro der Stadt Augsburg außerordentlich begrüßt und vom Kulturamt großzügig finanziell gefördert.

Der Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung der Universität Augsburg, geleitet von Prof. Dr. Christoph Weller, fand im Alumniverein Sozialwissenschaftliche Konfliktforschung Augsburg (ASKA e.V.) und dem Evangelischen Forum Annahof geeignete Kooperationspartner für die Umsetzung der im AK Curriculum geborenen Summer-School-Idee. Die Ausschreibung traf auf breites Interesse, so dass in der Woche vom 31. Juli bis zum 5. August über 50 Teilnehmer*innen und Veranstalter*innen in einem historischen Schulhaus mitten in Augsburg zusammen kamen, um sich mit verschiedenen Ansätzen der Friedens- und Konfliktforschung auseinanderzusetzen. Die Teilnehmenden kamen aus mehr als 20 verschiedenen Städten und Universitäten des gesamten Bundesgebiets, aus Großbritannien und der Schweiz und auch aus Augsburg selbst. Alle Interessierten konnten sich für Stipendien des ASKA zur Förderung der Tagungsgebühr bewerben, die an fünf besonders qualifizierte Teilnehmer*innen vergeben wurden.

Das Angebot der Peace Summer School umfasste vier Module, die von Wissenschaftler*innen der Universität Augsburg und externen Referent*innen geleitet wurden. Das Modul »Basistraining Mediation« vermittelte Grundkenntnisse und Kompetenzen dieser Konfliktbearbeitungsmethode und wurde geleitet von Referent*innen des Instituts für Mediation, Konfliktmanagement und Ausbildung (IMKA) Augsburg. Neue Zugänge zu Friedens- und Konflikttransformation durch erfahrungsgebundene, atem-, stimm- und bewegungsorientierte Übungen ermöglichten Dr. Norbert Koppensteiner (Universität Innsbruck) und Rebecca Gulowski (Universität Augsburg) im Modul »Embodied Peacework«. Die Frage, wie man »Konflikte analysieren und gestalten« kann, stand im Mittelpunkt eines von Prof. Christoph Weller geleiteten Moduls, das sich der Analyse von Konflikten und deren konstruktiver Bearbeitung widmete. Welche Methoden und Orientierungen die »Friedenspädagogik in Zeiten von Hass und Ausgrenzung« anbietet, lernten die Teilnehmenden im gleichnamigen Modul durch die Auseinandersetzung mit aktuellen Problemstellungen, wie Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, Mobbing, Othering und Ausgrenzungsdiskursen, angeleitet von Mitarbeiter*innen der Arbeitsgemeinschaft für Friedenspädagogik e.V. (AGFP) in München.

Das Rahmenprogramm war vielfältig gestaltet mit Abendveranstaltungen, die das Modul-Programm um weitere Perspektiven und Formate ergänzten. Der Auftaktvortrag von Dr. Norbert Koppensteiner eröffnete die Peace Summer School mit Einblicken in den Innsbrucker Ansatz der elizitiven (»hervorlockenden«) Konflikttransformation; im Alumni-Café, das vom ASKA e.V. vorbereitet wurde, tauschten sich die Teilnehmenden mit Absolvent*innen des Augsburger MA-Studiengangs »Sozialwissenschaftliche Konfliktforschung« aus; einen neuen Blickwinkel auf das Thema Flucht und Vertreibung eröffnete ein Erfahrungsbericht von Pappy Orion, der von der eigenen Fluchtgeschichte vor dem Krieg im Ostkongo berichtete. Zusätzlich konnten Interessierte jeden Morgen mit einer geleiteten Meditation den Tag beginnen. Abgerundet wurde die gemeinsame Lernerfahrung durch ein feierliches Get-Together mit Live-Musik und Live-Painting, bei dem Eindrücke und Erfahrungen auch zwischen den verschiedenen Modulen ausgetauscht und die Bekanntschaften der Peace Summer School gefestigt wurden.

Dieses vielseitige Programm wurde ermöglicht durch die enge Kooperation des Lehrstuhls mit dem ASKA e.V., dem Friedensbüro der Stadt Augsburg, dem Evangelischen Forum Annahof und finanziell gefördert durch das Kulturamt der Stadt Augsburg. Sowohl diese gelungenen Kooperationen als auch die zentrale Lage des Veranstaltungsortes im Herzen der Stadt Augsburg und das vielseitige Programm waren wichtige Voraussetzungen für den großen Erfolg der Peace Summer School – entscheidend sind am Ende jedoch immer die Teilnehmenden selbst. Sie waren es, die die Peace Summer School zu einer einzigartigen, prägenden und motivierenden Erfahrung machten, die uns allen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Dazu hat auch die große Heterogenität der Teilnehmenden beigetragen, denn sie waren nicht nur von ganz verschiedenen Orten, sondern auch mit ganz unterschiedlichen Erwartungen angereist. Wie sich in persönlichen Gesprächen schnell zeigte und sich später in den Evaluationsergebnissen bestätigte, suchten viele Teilnehmende nach der Möglichkeit einer »Kostprobe« der Friedens- und Konfliktforschung. Sei es, weil sie aus Augsburg stammen, aber die Arbeit des Lehrstuhls für Friedens- und Konfliktforschung nicht kannten, sei es, weil sie in ihrem Studium bereits mit einzelnen Aspekten des Forschungsfelds in Kontakt gekommen sind oder sich in ihrer beruflichen Praxis mit Fragen zu Frieden und Konflikt auseinandersetzen. Doch auch viele Studierende der Friedens- und Konfliktforschung und angrenzender Disziplinen fanden ihren Weg nach Augsburg in der Erwartung, sich mit »Interessengeschwistern« auszutauschen – wozu die Peace Summer School reichlich Möglichkeiten bot.

Die Augsburg Peace Summer School war auch eine Gelegenheit, Perspektiven und Methoden der Friedens- und Konfliktforschung kennenzulernen, die im jeweils eigenen Studiengang nicht angeboten werden, oder sich vertiefend mit einzelnen Ansätzen und Fragestellungen auseinanderzusetzen. Besonders für Nachwuchswissenschaftler*innen boten die Module Orientierung in Bezug auf die spätere Berufswahl und eine hilfreiche Möglichkeit zur Schärfung des Profils. Im Mittelpunkt der persönlichen Auseinandersetzung stand für viele Teilnehmende die Reflexion des eigenen Selbstverständnisses als Friedens- und Konfliktforscher*in sowie die Relevanz des Gelernten für die eigene Lebensrealität. Am Ende der Woche verließen die Teilnehmer*innen die Friedensstadt Augsburg nicht nur mit einem Zertifikat, sondern auch mit vielen bereichernden Erfahrungen und Kontakten. Ob ähnliches auch beim Friedensfest 2018 angeboten wird? Man darf gespannt sein!

Svenja Burst, Theresa Werner, Nora Schröder

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