Dossier Nr. 85

in Wissenschaft & Frieden 2017-4: Eingefrorene Konflikte

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Transhumanismus und Militär

von Roland Benedikter, Christopher Coenen, Hans-Jörg Kreowski,
Robert Ranisch, Alexander Reymann und Stefan Lorenz Sorgner

Beilage zu Wissenschaft und Frieden 4/2017 und FIfF-Kommunikation 4/2017
Herausgegeben von der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden
in Zusammenarbeit mit dem Forum InformatikerInnen für Frieden und
gesellschaftliche Verantwortung (FIfF e.V.)

Das W&F-Dossier 85, »Transhumanismus und Militär«, liegt der Zeitschrift »Wissenschaft und Frieden« 4/2017 bei und ist zugleich Beilage der Zeitschrift »FIfF-Kommunikation« 4/2017, herausgegeben vom »Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V.« (FIfF). Das FIfF zählt außerdem zur Gruppe der Herausgeber von »Wissenschaft und Frieden«. Ausgewählte Beiträge der »FIfF-Kommunikation« sind auf den Internetseiten des FIfF zu finden.

Das FIfF wurde 1984 gegründet als eine Vereinigung von und für Menschen aus der Informatik und aus informatik- und informationstechniknahen Berufen, die sich kritisch mit den Folgewirkungen ihres Faches und Berufsfeldes auseinandersetzen. Aktuelle Arbeitsthemen sind u.a. die militärische Nutzung von Informatik und Informationstechnik, die Verletzung der Persönlichkeitsrechte durch Datensammelwut und Überwachungswahn sowie eine Technikgestaltung, die die Menschenwürde achtet und dazu beiträgt, Arbeit und Leben der Menschen zu erleichtern. Dieses Dossier kann als Beitrag zur Kampagne »Cyberpeace« gesehen werden, mit der das FIfF ein Gegenkonzept zu den weltweiten Cyberkriegsaktivitäten und dem fortschreitenden Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik für militärische Zwecke entwickeln will.

Das FIfF im Internet: fiff.de und cyberpeace.de

zum Anfang | Transhumanismus und Militär

von Hans-Jörg Kreowski

Transhumanismus ist eine internationale philosophisch-futuristische Bewegung mit dem Ziel, die physischen und intellektuellen Grenzen heutiger Menschen zu überwinden. Die Idee ist, dafür existierende Technologiefelder, wie Robotik, Künstliche Intelligenz, Kognitionswissenschaften, Informationstechnologie, Nanotechnologie, Biotechnologie und andere mehr, nutzbar zu machen. Die Befürworterinnen und Befürworter sehen im Transhumanismus einen Leitfaden zum Erreichen posthumaner Bedingungen. Max More, ein führender Protagonist, definiert ihn so:

„Transhumanismus ist sowohl eine vernunftbasierte Philosophie als auch eine kulturelle Bewegung, die die Möglichkeit und Wünschbarkeit bejaht, die menschliche Existenz mit Hilfe von Wissenschaft und Technologie fundamental zu verbessern. Transhumanist*innen streben die Fortsetzung und Beschleunigung der Evolution intelligenten Lebens mittels Wissenschaft und Technik an, über die derzeitige menschliche Form und menschliche Grenzen hinaus und geleitet von lebensfördernden Prinzipien und Werten.“ (More 2009; siehe z.B. auch Bostrom 2005, Coenen 2007, Häggström 2016, Hansell und Grassie 2011, More und Vita-More 2013 sowie Sorgner 2012 für eine ausführliche Darstellung der Thematik)

Kritikerinnen und Kritiker halten die Bewegung für äußerst gefährlich. Der bekannte Zukunftsforscher Francis Fukuyama zum Beispiel bezeichnet Trans­humanismus als eine der gefährlichsten Ideen der Welt (Fukuyama 2004).

Die Intention, Menschen geistig und körperlich zu Übermenschen umzubauen, hat vielerlei und überwiegend zivile Motive, betrifft insbesondere aber auch den militärischen Komplex. Eine gängige Vorstellung dabei ist, dass Soldaten und Soldatinnen zu Kampfmaschinen mutieren, die angstfrei, skrupellos und mit potenzierten Kräften ihre Feinde bekämpfen und töten. Die Idee ist nicht neu. Es sei an das Nibelungenlied erinnert, in dem Siegfried – abgesehen von einer Körperstelle – Unverletzlichkeit erlangte, indem er in Drachenblut badete. Oder man denke an den ganz realen und von der Wehrmachtsleitung angeordneten Drogenmissbrauch deutscher Panzersoldaten und Kampfpiloten im Zweiten Weltkrieg, denen systematisch Metamphetamin-Tabletten mit dem Markennamen »Pervitin« verabreicht wurden. Sie hießen im Soldatenjargon »Stuka-« oder »Göring-Pillen« und »Panzerschokolade«. Der synthetische Wirkstoff ist heute als »Crystal Meth« oder »Ice« bekannt.

In diesem Dossier werden militärische Aspekte und Elemente des Transhumanismus vorgestellt und kritisch beleuchtet. Drei Wissenschaftsbereiche spielen dabei eine besondere Rolle: die Gentechnik, die Künstliche Intelligenz und die Nanotechnologie. Auf dem Gebiet der Genom-Editierung wurden mit Hilfe der so genannten CRISPR/Cas-Methode in jüngster Zeit große Fortschritte erzielt, die auch für militärische Anwendungen vielversprechend zu sein scheinen. Stefan Lorenz Sorgner geht in seinem Beitrag darauf ein, und Robert Ranisch vertieft die Thematik ausführlich und mit vielen Literaturverweisen. Während eine gentechnische Transformation des Menschen zum »Nachmenschen« im Rahmen des biologisch Lebendigen verbleibt, laufen die transhumanistischen Ideen beim Einsatz der Künstlichen Intelligenz eher darauf hinaus, ein superintelligentes System auf Basis der silizium-gestützten Computertechnik zu entwickeln. Die Überlegungen in diese Richtung und ihre militärischen Komponenten werden von Alexander Reymann und Roland Benedikter diskutiert. Sie weisen insbesondere darauf hin, dass in diesen Zusammenhang auch die Entwicklung autonomer Systeme einschließlich autonomer Waffen gehört.

In einem Zweig der Nanotechnologie, worunter alle Forschungsrichtungen zusammengefasst werden, die sich mit Phänomenen und Strukturen im molekularen Bereich beschäftigen, geht es um den Entwurf autonomer Maschinen in Molekülgröße, die in Schwärmen bestimmte Aufgaben übernehmen sollen (vgl. Drexler 1992 und 1996, Mulhall 2002 und Schmid 2003). Im Konzert mit Bio- und Informationstechnologie sowie Kognitionswissenschaft spricht man auch von »konvergierenden Technologien«. Führende Fachleute erwarten von den Erkenntnissen und Ergebnissen bahnbrechende Anwendungen, wie die Reinigung von Wunden, Blut und Lunge, die Bekämpfung von Krankheiten, wie Alzheimer und Parkinson, und die Leistungssteigerung des Gehirns (siehe Roco and Bainbridge 2003). Die Versprechungen für den militärischen Bereich umfassen angstfreie Soldaten und Soldatinnen, Unsichtbarkeit durch Tarnkappen, das Verschwindenlassen gegnerischer Waffen und vieles mehr. Christopher Coenen geht in seinem Beitrag ausführlich auf die Dreiecksbeziehung von Transhumanismus, konvergierenden Technologien und potentiellen militärischen Anwendungen ein. Darüber hinaus zeichnet er einen historischen Abriss der Beziehung zwischen Transhumanismus und dem militärisch-industriellen Komplex und stellt in diesem Kontext eine imposante Reihe von Akteuren vor. Der Artikel gibt einen guten Überblick über die Gesamtproblematik und folgt deshalb direkt auf dieses Editorial.

Auch wenn vieles, was im Transhumanismus sowohl für den zivilen wie den militärischen Bereich diskutiert und beabsichtigt wird, wie Unsichtbarkeit, Unbesiegbarkeit, Unsterblichkeit, ewige Gesundheit, übernatürliche Kräfte und Superintelligenz, eher nach alten Mythen und Märchen klingt, muss man gewärtig sein, dass die immensen Geldmittel, die in diesem Kontext aufgewendet werden, nicht völlig wirkungslos verpuffen werden. Es muss mit Ergebnissen gerechnet werden – auch sehr eindrucksvollen und nicht ungefährlichen. Die Autoren der folgenden Beiträge mahnen zur Vorsicht bei der Bewertung der transhumanistisch motivierten Initiativen, geben aber keine Entwarnung.

In allen Beiträgen schwingt mit, dass die Intentionen des Transhumanismus vielfach in sich widersprüchlich sind. So sind Zielsetzungen begrüßenswert, die die Verbesserung der Lebenssituation einzelner kranker oder körperlich eingeschränkter Individuen betreffen. Sie liegen ganz auf der Linie der Humanmedizin, mit Krücken, Brillen, Prothesen, Medikamenten und Therapien aller Art menschliches Leid zu mindern. Etwas ganz anderes ist die Absicht, die ganze Menschheit gezielt umbauen zu wollen. Genauso muss man die beiden vorgeschlagenen Wege zum Posthumanen sorgfältig unterscheiden: ein biologischer, gentechnischer und chemischer Umbau des Menschen versus eine Entwicklung von Robotern oder anderen informationstechnischen Systemen, die den heutigen Menschen überlegen sind. Falls es je soweit käme, machte das – mit einer gewissen Ironie formuliert – insbesondere auf den zukünftigen Schlachtfeldern einen großen Unterschied: ob nämlich gedopte Soldaten und Soldatinnen oder Blechbüchsen gegeneinander kämpfen. Zu befürchten ist, dass heute noch niemand eine Vorstellung hat, was im Kontext von Transhumanismus und Militär auf die Menschheit zukommt. Aufmerksamkeit und Kontrolle durch Politik und Öffentlichkeit sind dringend geboten. Eine kritische Wissenschaft wäre wünschenswert, die sowohl die technischen Entwicklungen mit transhumanistischem Potenzial als auch ihre gesellschaftlichen Auswirkungen begleitet.

Abschließend möchte ich mich im Namen des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) für die Zusammenarbeit mit der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden und der Redaktion der Zeitschrift bedanken. Nachdem in den FIfF-Kommunikationen 2/2016 und 3/2016 mit »Transhumanismus – Technikoptimismus vs. Konzeptkritik« bzw. »Transhumanismus und Gender« in zwei Themenschwerpunkten ein weites Spektrum transhumanistischer Überlegungen diskutiert worden war, machte die verantwortliche W&F-Redakteurin Regina Hagen darauf aufmerksam, dass die militärischen Aspekte fehlen, und schlug vor, dazu ein W&F-Dossier herauszugeben. Das liegt nun vor und hat sich, glaube ich, gelohnt.

Literatur

Arnell, A.H. (2003): Future Technologies, Today’s Choices – Nanotechnology, Artificial Intelligence and Robotics. A Technical, Political and Institutional Map of Emerging Technologies. London: Greenpeace Environmental Trust.

Bostrom, N. (2005): A History of Transhumanist Thought. Journal of Evolution and Technology, No. 14, Issue 1, S. 1-25.

Coenen, C. (2007): Utopian Aspects of the Debate on Converging Technologies. In: Banse, G. (ed.): Assessing Societal Implications of Converging Technological Development. Berlin: Edition Sigma, S. 141-172.

Drexler, K.E. (1992): Nanosystems – Molecular Machinery, Manufacturing and Computation. New York: John Wiley & Sons.

Drexler, K.E. (1996): Engines of Creation – The Coming Era of Nanotechnology. London: Fourth Estate.

Fukuyama, F. (2004): Transhumanism. Foreign Policy, Sept./Oct.

Häggström, O.: Here Be Dragons – Science, Technology and the Future of Humanity. Oxford: Oxford University Press.

Hansell, G.R.; Grassie, W. (eds.) (2011): H+/- – Transhumanism and Its Critics. Philadelphia: Metanexus Institute.

More, M. (2009): H+ – True Transhumanism. Metanexus Institute.

More, M.; Vita-More, N. (eds.) (2013): The Transhumanist Reader – Classical and Contemporary Essays on the Science, Technology, and Philosophy of the Human Future. Hoboken, NJ: Wiley.

Mulhall, D. (2002): Our Molecular Future. Amherst, NY: Prometheus Books.

Roco, M.C.; Bainbridge, M.S. (2003) (eds.): Converging Technologies for Improving Human Performance – Nanotechnology, Biotechnology, Information Technology and Cognitive Science. Dordrecht: Kluwer Academic Publishers (currently Springer).

Schmid, G. (ed.) (2003): Nanoparticles – From ­Theory to Application. Weinheim: Wiley-VCH.

Sorgner, S.L. (2009): Nietzsche, the Overhuman, and Transhumanism. Journal of Evolution and Technology, Vol 20, Issue 1, S. 29-42.

Hans-Jörg Kreowski ist Professor (i. R.) für Theoretische Informatik an der Universität Bremen und Mitglied im Vorstand des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF).

zum Anfang | Gegen Grenzen

Der militärisch-industrielle Komplex und die transhumanistische Versuchung

von Christopher Coenen

Vor bald zehn Jahren hat Jürgen Altmann den Transhumanismus treffend als „eine seltsame Mischung von alten Menschheitsmythen und Technikeuphorie, von wissenschaftlich belegten Aussagen, einigermaßen begründeten Extrapolationen und dogmatisch anmutenden Erwartungen“ bezeichnet und darauf hingewiesen, dass er „zunehmend in der normalen Wissenschaft, Wissenschaftsförderung und Technikplanung […] vor allem in den USA“ eine Rolle spiele (Altmann 2009). In diesem Zusammenhang verwies er auch auf die so genannte NBIC-Initiative in den USA, die ab 2001 eine Veranstaltungsreihe zu »konvergierenden Technologien« (nano, bio, info, cogno = NBIC) durchgeführt hatte. In dieser wurde vorausgesagt, durch das Zusammenwachsen verschiedener Schlüsseltechnologien und -forschungsbereiche werde zunehmend eine Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit möglich (human enhancement, HE, was zuweilen auch, dann stärker an die Eugenik erinnernd, als »Verbesserung des Menschen« übersetzt wird).

Bei diesen Technikvisionen stand u.a. die Erwartung im Mittelpunkt, Mensch und Technik würden weitgehend miteinander verschmelzen. Neben der „Stärkung des US-Militärs“ und „wolkigen Versprechen“, wie jenes, „die Menschheit könne zu einem einzigen, verteilten und vernetzten »Gehirn«“ werden, wurden auch eher mittelfristige Zukunftsvisionen zu leistungsfähigen Gehirn-Computer-Schnittstellen (brain-computer interfaces) und zur biotechnologischen Veränderung des menschlichen Körpers formuliert (Altmann 2009). Die Rolle, die der Transhumanismus in dieser stark von der US-Militärforschung mitgeprägten Initiative spielte, wurde verschiedentlich analysiert (TAB 2008), und es wurde hinsichtlich dieser auf die Propagierung des HE abzielenden Aktivitäten angemahnt, die politische Nutzung von Zukunftsvisionen kritisch zu hinterfragen (Nordmann 2007). Insbesondere in diesem Zusammenhang wurde im Feld der Technikfolgenabschätzung (TA) das Konzept des »vision assessment« (Visionsanalyse und -bewertung) weiterentwickelt (siehe Ferrari, Coenen, Grunwald 2012) und immer wieder betont, dass bereits der zukunftsvisionäre Diskurs selbst – also nicht erst der tatsächliche Umgang mit den in Frage stehenden Technologien – in verantwortungsvoller Weise erfolgen sollte (Coenen 2011).

Noch immer bietet eine Erklärung der World Transhumanist Association (WTA) aus den frühen 2000er Jahren die beste Definition der transhumanistischen Ziele: „[W]ir […] prognostizieren, dass es machbar ist, das menschliche Dasein neu zu gestalten, einschließlich solcher Parameter wie Unausweichlichkeit des Alterns, Begrenztheit des menschlichen und künstlichen Intellekts, nicht selbst gewählte Psyche, Leiden und unsere Beschränkung auf den Planeten Erde.“ (zitiert nach Schneider 2009) Die Anhängerschaft dieser Weltanschauung erwartet also, dass es möglich sein wird, die »conditio humana« neu zu gestalten, einschließlich der Unvermeidlichkeit des Alterungsprozesses, der Begrenzungen menschlichen und künstlichen Intellekts, einer nicht selbstgewählten Psyche, des Leidens sowie unserer Beschränkung auf den Planeten Erde (wobei im Begriff »confinement« neben »Beschränkung« auch Bedeutungen wie »Gebundenheit«, »Einsperrung« und »Gefangenschaft« anklingen). So gesehen, stellt der Transhumanismus im Kern ein Projekt dar, mit dem vor allem gegen verschiedene, zumeist naturgegebene Grenzen und Beschränkungen des Menschen zu Felde gezogen werden soll.

Mit Blick auf das Thema des vorliegenden Beitrags – die Wechselwirkungen zwischen militärischer Forschung und Entwicklung (FuE) einerseits und dieser Weltanschauung andererseits – lässt sich daher zunächst festhalten, dass Transhumanisten und die wenigen Transhumanistinnen einen Kampf gegen die Natur propagieren (wobei dieser freilich als natürliche Aufgabe der Menschheit angesehen wird). Zugleich dürfte es im Fall einer Realisierung der transhumanistischen Technikvisionen zu einer weiteren Entgrenzung des Krieges und allgemein des Militärischen kommen.

Für den militärisch-industriellen Komplex (MIK) – den US-Präsident Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede am 17. Januar 1961 als eine maßgeblich durch die (computer-) technologische Revolution beeinflusste Verbindung eines gewaltigen Militär-Establishments mit einer großen Rüstungsindustrie definierte – stellt der Transhumanismus in verschiedener Hinsicht eine Versuchung dar: Seine technologischen Zukunftserwartungen stellen die Überwindung bisheriger Schranken militärischer Machtentfaltung in Aussicht, insbesondere mit Blick auf die Verknüpfung von Mensch und Maschine (und vor allem dem Computer); und sein eigentümlicher Begriff von »Befreiung«, der auf die Überwindung natürlicher Grenzen abzielt, bietet die Möglichkeit, Fortschrittshoffnungen im Bereich der Militärforschung in ein (zumindest oberflächlich) emanzipatorisches Zukunftsnarrativ einzuweben. Vice versa stellt der MIK für den Transhumanismus (als gesellschaftliche Bewegung) insofern eine Versuchung dar, als insbesondere für zivile Zwecke (noch) weitgehend uninteressante FuE-Projekte im militärischen Kontext vorangetrieben werden können.

Haben wir es bei den Wechselwirkungen zwischen MIK und Transhumanismus also mit einer Wahlverwandtschaft zu tun? Bevor zur Beantwortung dieser Frage solche Wechselwirkungen etwas näher betrachtet werden, ist zunächst noch auf den Transhumanismus allgemein, insbesondere aber auf dessen Bedeutung für die IT-Industrie einzugehen.

Transhumanismus

Angesichts der in der Einleitung erwähnten Ziele des Transhumanismus nimmt es nicht wunder, dass er – in der Regel noch unter anderen Namen (wie »Extropianismus«) und mit Fokus auf die Idee der »Singularität« – zunächst vor allem in theologischen, religions- und anderen geisteswissenschaftlichen sowie insbesondere ideengeschichtlichen Studien thematisiert wurde (für Hinweise auf frühe Diskussionen siehe Coenen, C. (2008). Unter »Singularität« wird hier eine Art Bruch in der Menschheitsgeschichte verstanden, nämlich der Zeitpunkt, an dem künstliche Intelligenz (KI) so weit entwickelt ist, dass eine gänzlich neue, vorher noch nicht einmal ansatzweise verstehbare Ära beginnt. Dies hindert transhumanistische Visionäre, wie den verdienstvollen US-Erfinder Ray Kurzweil, allerdings nicht daran, Prognosen auch für diese Ära zu machen (Kurzweil 2005). Das Konzept der »Singularität« entspricht im Kern dem der „Intelligenzexplosion“, das von Irving John Good in der ersten Hälfte der 1960er Jahre entwickelt wurde (Good 1965). In unserem Kontext ist neben dem direkten Beitrag zur trans­humanistischen Ideengeschichte, den Good hiermit machte, u.a. von Interesse, dass er – wie einige der wichtigsten Entwickler früher transhumanistischer Zukunftsvisionen (bspw. John Desmond Bernal) – maßgeblich in die wissenschaftliche Unterstützung des Kriegs gegen NS-Deutschland eingebunden war und dass seine Überlegungen zu »ultraintelligenten Maschinen« ein hervorragendes Beispiel für die Wechselwirkungen zwischen Militärforschung und dem KI-Forschungsgebiet darstellen.

Als ein Ensemble wissenschafts- und gesellschaftsbezogener Zukunftsvisionen ist der Transhumanismus ein Produkt der Jahrzehnte von 1870 bis 1930 und formte sich insbesondere in Großbritannien und Russland bzw. der Sowjetunion. Allerdings hatte er in Großbritannien – dessen diesbezügliche Ideengeschichte für den heutigen Transhumanismus von größerer Bedeutung ist als die frühtranshumanistischen Überlegungen im Zarenreich und in der Sowjetunion – noch nicht die Funktion einer umfassenden Weltanschauung, sondern stellte lediglich ein Element progressiver und insbesondere auch sozialistischer ideologischer Entwürfe dar.1 Schlüsselfiguren dieser Tradition in Großbritannien waren der Autor und Afrikaerforscher W. Winwood Reade, der bedeutende Schriftsteller Herbert George (H.G.) Wells, ein führender Intellektueller seiner Zeit, sowie die herausragenden Naturwissenschaftler Julian Huxley (Bruder von Aldous und erster UNESCO-Vorsitzender), John Burdon Sanderson (J.B.S.) Haldane und Bernal.2 Letzterer publizierte im Jahr 1929 die – im Lichte des heutigen Transhumanismus – reifste transhumanistische Zukunftsvision seiner Zeit, den futurologischen Essay »The World, The Flesh and The Devil« (1970).3 In diesem finden sich bereits fast alle Kernelemente transhumanistischen Denkens, wobei im Jahr 1929 selbstverständlich Überlegungen zu KI, synthetischer Biologie und Neurotechnologie, wenn überhaupt, nur sehr zukunftsspekulativ möglich waren. Auch wenn bei Bernal und Haldane die transhumanistischen Visionen – im Vergleich zu ihrer naturwissenschaftlichen Forschung, ihrem auch militärische Aspekte einschließenden antifaschistischen Engagement und ihren sonstigen politischen Aktivitäten (u.a. als Promotoren einer der Gesamtgesellschaft nützlichen FuE oder ihrem prosowjetischen Eintreten gegen – westliche – Aufrüstung und Krieg) – nicht zentral erscheinen, so haben doch beide auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekundet, dass diese Visionen für ihr Denken von grundlegender Bedeutung waren.

Es waren dann, soweit ersichtlich, u.a. zwei Kontexte, innerhalb derer das frühe transhumanistische Denken Eingang in den (westlichen) MIK fand: zum einen eben die militärische FuE im Dienste des Kampfes gegen die faschistischen Achsenmächte, an denen sich auch verschiedene von Bernal und Haldane beeinflusste Wissenschaftler beteiligten, und zum anderen die maßgeblich durch Schriften von Bernal, Haldane und Wells geprägte Science-Fiction (siehe Parrinder 1995), die seit Mitte des 20. Jahrhunderts gerade auch unter angelsächsischen Technowissenschaftlern erhebliche Popularität erlangte. Schon in den 1960er Jahren bildeten sich so jene Wechselwirkungen zwischen FuE einerseits und deren fiktionaler Antizipation und Reflektion andererseits heraus, die bis heute den Diskurs zu den Wissenschafts- und Technologiefeldern prägen, die für den Transhumanismus von besonderem Interesse sind.4

Das aktuelle trans­humanistische Milieu

Aktuell findet im Diskurs über Transhumanismus insbesondere der Umstand Beachtung, dass er eine Art von Ersatzreligion für prominente Repräsentanten der IT-Industrie ist. 5 Auch hier spielt Science-Fiction eine nicht zu unterschätzende Rolle. So wurden sowohl Elon Musk (SpaceX, Tesla und andere Unternehmen) als auch Mark Zuckerberg (Facebook), die beide in der ersten Jahreshälfte 2017 ambitionierte Projekte im Bereich Gehirn-Computer-Schnittstellen (brain-computer interfaces, BCI) vorstellen,6 stark inspiriert durch einen originellen Weltentwurf des schottischen Science-Fiction-Schriftstellers Iain Banks (siehe Cross 2017). In diesem steht eine „die Kultur“ genannte Post-Mangel-Gesellschaft im Mittelpunkt, in der KI-Entitäten den größten Einfluss ausüben, aber mit zumeist menschenähnlichen Wesen, die über zahlreiche Möglichkeiten des »enhancement« verfügen, in einer eher anti-hierarchischen und nicht-kapitalistischen Gesellschaftsordnung interagieren.7

Bereits in der ersten Hälfte der 2000er Jahre bekannten sich auch die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page zu den transhumanischen Kernvisionen der Erschaffung den Menschen weit überlegener KI und der Verbindung des menschlichen Gehirns mit Computertechnik, und sie haben Bekenntnisse dieser Art in den 2010er Jahren verschiedentlich wiederholt. Neuere Aktivitäten von Google bzw. Alphabet vermitteln den Eindruck, dass die Verwirklichung transhumanistischer Kernvisionen (beispielsweise im KI-Bereich und in der Langlebigkeitsforschung) tatsächlich zur Agenda der Firma gehört. Als symbolischer Akt wird dabei oft der Eintritt Kurzweils, des bekanntesten Transhumanisten, bei Google angesehen, wo er als ein »Direktor of Engineering« mit dem Fokus KI tätig ist (und nicht etwa, wie öfters fälschlich behauptet wird, als Leiter des KI-Geschäftsfeldes oder gar des ganzen Engineering-Bereichs). Google unterstützte auch die durch Kurzweil mit einem Partner durchgeführte Gründung der sich als globale Eliteschmiede verstehenden Singularity University auf NASA-Gelände.

In verschiedenen neueren deutschsprachigen kritischen Publikationen zum Transhumanismus wird Google eine Schlüsselrolle in dessen Propagierung und, sozusagen, praktischer Umsetzung beigemessen. Der Journalist Thomas Wagner warnt davor, dass Google und andere Kräfte im Silicon Valley im Begriff seien, eine globale „Robokratie“ zu installieren und dafür zu sorgen, dass der Mensch zum „Auslaufmodell“ wird (Wagner 2015). Den bereits erwähnten, von einigen Führungsfiguren der IT-Industrie ebenfalls gehegten Traum einer »Singularität«, der begreifbar ist als extremer Ausdruck der „kalifornischen Ideologie“ (Barbrook and Cameron 1996),8 deutet Wagner als gefährliche, weil politisch-gesellschaftlich einflussreiche Ideologie sowie als Pseudoreligion. Markus Jansen, u.a. freier Mitarbeiter beim »Gen-ethischen-Netzwerk«, macht sich ausführlich darüber Gedanken, wie in unserem „Zeitalter der globalen Kontrolle“ der Transhumanismus „das Leben“ neu definiert. Die durch Google und andere Akteure angestrebte Verschmelzung des Menschen mit Informationstechnologien“ offenbare „einen nekrophilen, toten Kern“ 9 und sei „ein Signum der neuesten totalitären Tendenzen in einem wüsten globa­len Land“ (Jansen 2015).

Weitere Führungsfiguren und bedeutende Firmen der IT-Industrie zeigen ebenfalls, z.T. bereits seit den 2000er Jahren, eine Nähe zum Transhumanismus: Bill Gates (Microsoft), der langfristig eine Ausbreitung von Computerimplantaten erwartet, bezeichnete Kurzweil als den besten Prognostiker zur KI, und von Kurzweil wurde er dahingehend zitiert, dass er die Schaffung einer neuen optimistischen Religion mit einer gottgleichen KI wünschenswert finde (Kurzweil 2005, S. 374f). Im Jahr 2008 stand das »Developer Forum« der Firma Intel unter dem Motto »Countdown to Singularity«, und Justin Rattner, der damalige Chief Technology Officer der Firma, gab Kurzweil und seinen Ideen breiten Raum.

Das von dem umstrittenen Transhumanisten Eliezer Yudkowsky geleitete Machine Intelligence Research Institute in Berkeley führte von 2007 bis 2012 so genannte »Singularity Summits« durch, bei denen neben vielen Transhumanisten auch Führungsfiguren der IT-Industrie, wie Rattner, Peter Norvig (Google) und Dharmendra Modha (IBM), Vorträge hielten. Neben Yudkowsky waren Kurzweil und der IT-Unternehmer Peter Thiel Mitbegründer der Veranstaltungsreihe. Thiel, der mit PayPal reich wurde und sehr frühzeitig in Facebook investierte, ist ein politisch irrlichternder »loony libertarian«, der unlängst eine gewisse Berühmtheit erlangte, weil er als einzige Führungsfigur der IT-Industrie Donald Trump unterstützt. In Beiträgen über ihn in führenden US-Zeitungen spielten seine transhumanistische Hoffnungen, wie die auf individuelle Unsterblichkeit, eine erhebliche Rolle. Er gehört auch zur kleinen Zahl von IT-Industriellen, die transhumanistischen Aktivisten materiell förderten oder noch fördern. Weitere Beispiele dafür sind der sich auch für den Kosmismus interessierende Russe Dmitri Itzkow10 und der verstorbene Brite James Martin, der es durch eine Stiftung an die Universität Oxford ermöglichte, dass dort transhumanistisch gesinnte Philosophen, wie Nick Bostrom, in führenden Positionen tätig sind. Der IT-Unternehmer Larry Ellison (Oracle) erhofft persönliche Unsterblichkeit und fördert Forschung zu biologischen Alterungsprozessen.

Diese Beispiele sind vor dem Hintergrund der Herausbildung eines transhumanistisch gesinnten Milieus vor allem in den USA seit den 1970er Jahren zu betrachten (Regis 1990; Schummer 2009; Coenen 2011; McCray 2012). Schlüsselfiguren waren hier u.a. der bereits erwähnte KI-Pionier Minsky, der vor allem als »LSD-Guru« bekannte, sich aber frühzeitig für weitreichende Cybervisionen und die so genannte »Kryonik« interessierende Timothy Leary, der Robotiker Hans Moravec sowie K. Eric Drexler, Minsky-Schüler und futuristischer Popularisierer des Begriffs »Nanotechnologie«. Bis auf Leary lassen sich diese Männer (mit Joachim Schummer) als »visionäre Ingenieure« und (mit Patrick McCray) als »visioneers« (Visionsingenieure) bezeichnen. Mit zum Teil gewagten Zukunftsvisionen haben sie das Bild von FuE-Feldern, wie KI, Nanotechnologie und Weltraumforschung, stark beeinflusst, und sie haben, wie auch der Minsky-Schüler Kurzweil, populärwissenschaftliche Bücher geschrieben, in denen sehr weitreichende Visionen einer posthumanen Zukunft vorgestellt werden.11 Dieses durch den US-Verleger John Brockman »Dritte Kultur« getaufte Milieu wurde in Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit durch den mittlerweile verstorbenen Journalisten Frank Schirrmacher bekannt, der bereits in den frühen 2000er Jahren das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für dessen Repräsentanten öffnete.12

Das transhumanistische oder transhumanismusnahe Milieu lässt sich als Teil der Leitkultur des digitalen Kapitalismus begreifen, in deren Zentrum eine Melange aus oft quasi-religiös anmutendem Technikoptimismus und einigen zentralen Elementen der »Gegenkultur« der 1960er und 1970er Jahre steht. Diese Gegenkultur war keineswegs durchgängig technik- oder wissenschaftsfeindlich oder -skeptisch, sondern prägte mit ihrer Hochschätzung von Kreativität, dem Bruch mit Althergebrachtem und dem Überschreiten von Grenzen die IT-Kultur maßgeblich. In jüngerer Zeit fanden diese Zusammenhänge durch den Personenkult um Steve Jobs (Apple) verstärkt Beachtung. Jobs hatte sich mehrfach dahingehend geäußert, dass die Gegenkultur für ihn prägend gewesen sei, auch hinsichtlich seiner Geschäftsphilosophie, und merkte einmal an, Gates habe den Nachteil, weniger durch LSD-Konsum und andere Praktiken der Gegenkultur geprägt worden zu sein als er selbst. Dieser denke daher in zu engen Grenzen.

Militärforschung und Transhumanismus

Welche Rolle spielte nun die Militär­forschung in der Entwicklung des Trans­humanismus zu einem ideologischen Kernelement der Kultur des digitalen Kapitalismus?

Wie bereits erwähnt, spielten Bernal, der wohl wichtigste Vordenker des Transhumanismus, und Good, der mit seinem Konzept der Intelligenzexplosion dessen Ideengeschichte ebenfalls maßgeblich beeinflusste, eine wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Unterstützung des Kampfes gegen NS-Deutschland. Dasselbe gilt für den britischstämmigen US-Physiker Freeman Dyson, der wiederum zu den intellektuell herausragenden Technikfuturisten unserer Zeit gehört und viel dazu beitrug, an die Bedeutung Bernals als Technikvisionär zu erinnern.

Doch die These einer Wahlverwandtschaft von MIK und Transhumanismus lässt sich nicht allein mit dem Umstand begründen, dass einige Wissenschaftler mit transhumanistischen Zukunftsvisionen eine wichtige Rolle in der weiteren Verwissenschaftlichung und der Computerisierung des Kriegs spielten. Wichtiger ist hier der sich im Kontext der US-Militär- und Weltraumforschung im Kalten Krieg vollziehende Aufstieg der an die Kybernetik13 anknüpfenden KI und die Herausbildung jener Cyborg-Subjektivität, die eine transhumanistische Kernvision (Angleichung von Mensch und Maschine) ist (Edwards 1996) und unsere heutige Zeit auch im zivilen Bereich maßgeblich prägt.

Die Wahlverwandtschaft wird sehr deutlich in den 1960er Jahren. Nach einer ersten Enttäuschung über die Diskrepanz zwischen Visionen und Ergebnissen im KI-Feld wurde die Künstliche Intelligenz infolge des Sputnik-Schocks wieder verstärkt gefördert. Ab 1963 erhielt beispielsweise ein u.a. von dem transhumanistischen Vordenker und KI-Pionier Minsky gegründetes KI-Projekt am Massachusetts Institute of Technology (MIT) jahrelang zweistellige Millionenbeträge aus der Militärforschung (Grudin 2012). Weithin bekannt ist auch der Umstand, dass die Geschichte des Personal Computer (PC) und des Internets im Kontext der US-Militärforschung begann, wobei Joseph Carl Robnett Licklider als Leiter des Information Processing Techniques Office der Advanced Research Projects Agency des US-Verteidigungsministeriums von 1962 bis 1964 eine führende Rolle als Wissenschaftsmanager spielte und der Ingenieur Douglas Carl Engelbart mit seinem Augmentation Research Center an der Stanford University Ende der 1960er Jahre maßgeblich die digitale Welt vorbereitete, in der wir heute leben.

Es wurde bereits erwähnt, dass die digitale Revolution an der US-Westküste in hohem Maß durch das gegenkulturelle Milieu der damaligen Zeit geprägt wurde (Markoff 2005). Ein Teil dieser neuen digitalen Elite distanzierte sich politisch allerdings weitgehend von den kapitalismuskritischen Elementen der Gegenkultur (Barbrook and Cameron 1996) und engagierte sich in FuE-Aktivitäten, die im Kontext der Bemühungen des US-amerikanischen MIK im Kalten Krieg standen. Diese neue Elite war jedoch vor allem daran interessiert, Computer und deren Vernetzung zu Werkzeugen für individuelle Selbstentfaltung zu machen.

Wie sehr dieser aus der Gegenkultur gespeiste Technikfuturismus durch den (mittels der Science-Fiction popularisierten) älteren Transhumanismus à la Bernal beeinflusst wurde, zeigt die Geschichte der im Jahr 1975 gegründeten L5 Society (Regis 1990; Schummer 2009; Coenen 2011; McCray 2012). Diese Organisation von Weltraumkolonisationsenthusiasten bezog sich zum einen auf Bernals Idee für eine permanente Raumstation (»Bernal-Sphäre«), die dieser in dem erwähnten bedeutenden transhumanistischen Essay »The World, the Flesh and the Devil« (1929) vorgestellt hatte. Zum anderen stellte die – in ihrem Aktivismus zugunsten des völkerrechtlichen Mondvertrags durchaus politisch erfolgreiche – L5 Society einen Nährboden für die Entwicklung des neueren Transhumanismus dar. Zu nennen ist hier das Engagement des transhumanistisch gesinnten Nanotechnologie-Futuristen K. Eric Drexler und der Transhumanistin Martine Rothblatt (damals noch als Martin Rothblatt) in dieser Gesellschaft. Die Entwicklung der L5 Society steht exemplarisch zudem für die auch ideologische Annäherung der noch stark von den »establishment«-kritischen Elementen der Gegenkultur geprägten neuen technowissenschaftlichen Elite an den MIK. Die Frage einer Militarisierung des Weltraums wurde zu einem zentralen Streitpunkt in der L5 Society, in deren Publikationen der gegenkulturell geprägte Enthusiasmus für Utopien eines außerirdischen alternativen Lebens zunehmend von dem Interesse an militärisch-industriellen Weltraumvisionen verdrängt wurde (McCray 2012, S. 140 ff).

Exemplarisch für die Verschränkung von digitaler und psychedelischer Revolution ist auch das Wirken von Stewart Brand (siehe Turner 2006). Er assistierte im Jahr 1968 dem oben bereits erwähnten Douglas Carl Engelbart bei einer legendären Präsentation der Ergebnisse von Pionierarbeit im Bereich der PC- und Internetentwicklung, die durch US-Militärforschungseinrichtungen finanziert wurde. Zugleich war er eine Schlüsselfigur der psychedelischen Gegenkultur und gab den von Jobs und anderen Galionsfiguren des digitalen Kapitalismus später in höchsten Tönen gelobten »Whole Earth Catalog« heraus, der einen technologischen Do-it-yourself-Ansatz mit ökologisch-alternativkulturellen Ideen kombinierte.

Vor dem skizzierten Hintergrund erscheint es folgerichtig, dass ein Kernbegriff des heutigen Transhumanismus, das »human (performance) enhancement«, ebenfalls Wurzeln zugleich in IT-Industrie, Militärforschung und Gegenkultur hat. Hier sind zwei Aspekte von besonderem Interesse: Zum einen bereiteten die erwähnten, im Kontext der Militärforschung entstandenen Ideen und technischen Entwicklungen im Bereich der Mensch-Computer-Interaktion und der KI – wie auch das in der Weltraumforschung entstandene Konzept des »Cyborg« – den Boden für die Visionen einer performance-orientierten Verschmelzung von Mensch und Maschine. Zum anderen wurde die noch für die bereits erwähnte NBIC-Initiative zentrale Begrifflichkeit der Verbesserung der »human performance« maßgeblich in einem Überschneidungsbereich von Militärforschung und Gegenkultur popularisiert.

In Bezug auf den ersten Punkt ist festzuhalten, dass in der US-Militärforschung zur Mensch-Computer-Interaktion und KI ab den 1960er Jahren nicht nur technische Grundlagen für das Internet und den PC geschaffen wurden, sondern beispielsweise Licklider ein Leitbild der Mensch-Maschine-Symbiose entwarf und Engelbart Ideen zu einer Koevolution von Mensch und Computer entwickelte, die noch die NBIC-Initiative sehr prominent würdigte. Insbesondere in Engelbarts Ansatz ist die Vorstellung zentral, dass Menschen durch die »Kommunikation« mit avancierter Computertechnologie ihre Intelligenz steigern (to augment) können. Durch die Intelligenzsteigerung würden wiederum noch bessere Maschinen gebaut werden, was weitere Lerneffekte mit sich bringen werde usw.

Seit Mitte der 1980er Jahre erlangte das Konzept des »human performance enhancement« zudem in anderen Zusammenhängen der Militärforschung an Bedeutung. Mögliche Potenziale zur Leistungssteigerung von Soldatinnen und Soldaten wurden unter diesem Label ab 1984 systematisch untersucht, und zwar in Auseinandersetzung mit Ideen und psychologischen Techniken, die in der gegenkulturellen »human potentials«-Bewegung entwickelt worden waren. Ein »Committee on Techniques for the Enhancement of Human Performance« arbeitete zwölf Jahre lang zu diesen ganz überwiegend psychologischen Aspekten des HE, durchaus unter Prüfung auch wissenschaftlich fragwürdiger Ideen aus der Gegenkultur (Druckman 2004).

Anfang der 1990er Jahre wurde dann in der US-Militärforschung auch der Aspekt des bio-, neuro- und informationstechnologischen »enhancement of human performance« im militärischen Kontext stark gemacht. So heißt es in einem Bericht zu damals neuen wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen, dass die Biotechnologie, weil der Soldat ein biologisches System sei, ein einzigartiges Potenzial der Leistungssteigerung biete (US National Research Council 1992). In dem Bericht wird eine Erweiterung der menschlichen Leistungsfähigkeit durch direkte Verbindungen des zentralen Nervensystems mit Maschinen und durch andere »bionische« und prothetische Entwicklungen vorausgesagt. »Bionisch« verbundene Mensch-Maschine-Systeme würden ungefähr im Jahr 2030 verfügbar sein. Weitere Möglichkeiten des HE wurden im Bereich der Stärkung des Immunsystems u.a. mit biotechnologischen Mitteln gesehen. Im Kontext von Aktivitäten zur Nano-Bio-Info-Konvergenz taucht in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre dann als Leitbild das „new concept of enhancement (improving human performance)“ auf (neues Enhancement-Konzept [menschliche Leistungsfähigkeit verbessern]) (Smith 1998). Die Worte in Klammern waren danach zentral für die NBIC-Initiative.

In der durch US-Militärforschungseinrichtungen mitgetragenen NBIC-Initiative selbst lässt sich dann – vor dem skizzierten Hintergrund wenig überraschend – eine (insbesondere in Europa) oft als seltsam empfundene Melange aus grandiosen Technikvisionen zur Zukunft der Menschheit und militärisch-industriellen Interessen der USA ausmachen. Zugleich stellte die Initiative einen politischen Ritterschlag für den Transhumanismus dar (TAB 2009), noch bevor dessen Funktion als eine Ersatzreligion von Führungsfiguren der IT-Industrie weithin offenbar wurde.

Militärisches »Human Enhancement«?

Die historische Skizze lässt es als gerechtfertigt erscheinen, wenn nicht von einer Geburt des Transhumanismus aus dem (sich mit anderen Traditionen verbindenden) Geist der Militärforschung, so doch von der Geburt der Idee des »human (performance) enhancement« aus diesem Geist zu sprechen.

In der neueren, ab Ende der 1990er Jahre einsetzenden ethisch-politischen Debatte über HE spielt die Militärforschung wiederum eine durchaus bedeutsame Rolle, auch wenn viele Promotor*innen des HE – ganz in der skizzierten Tradition – eher linksliberale und -libertäre Auffassungen vertreten und daher die Relevanz militärischer Aspekte oft ignorieren oder herunterspielen. In eher grobschlächtigen Kritiken erscheint die Lage hingegen als klar: Wer im Einfluss des Transhumanismus auf IT-Industrie-Führungsfiguren bei gleichzeitiger Offenheit der Militärforschung für diese Weltanschauung eine Doppelrolle dieser Weltanschauung wahrnehme, unterliege einem Irrtum, weil es sowohl in der angeblich weitgehend als Militärtechnologie zu verstehenden Informationstechnologie wie auch im Transhumanismus „im Kern“ um die „technologische Beherrschung und Kon­trolle des Todes“ gehe, „wobei immer nur die anderen sterben sollen“ (Jansen 2015, S. 255).

Diese Einschätzung ist nicht nur ungerecht, weil sie den unzweifelhaften Impetus gerade des modernen Trans­humanismus gegen den Tod ignoriert, sondern auch unangemessen in Bezug auf die Beiträge der Militärforschung zur HE-Diskussion. Generell lässt sich anhand der vorliegenden Literatur und auch von Diskussionen unter Beteiligung von Militärforschungsfachleuten, an denen der Verfasser teilnehmen konnte, feststellen, dass in diesen – durchaus im Gegensatz zu der »hype«-lastigen ethischen HE-Diskussion – ein realistischer Blick auf die technischen und pharmazeutischen Möglichkeiten vorherrscht (vgl. JASON 2008). Dies mag vor allem an Image-Erwägungen mit Blick auf öffentliche Akzeptanzprobleme eines »enhanced soldier« liegen, weist aber doch darauf hin, dass die spezifisch transhumanistischen Visionen einer Mensch-Maschine-Symbiose in der Militärforschung mit einiger Skepsis gesehen werden. Wenn überhaupt, werden in den Bereichen der Drogeneinnahme (vor allem gegen schlafmangelinduzierten Leistungsabfall) und der Ernährung Potenziale für wirksames HE gesehen.

Zudem finden sich Beispiele für das Bemühen, die weiterreichenden Implikationen eines HE für militärische Zwecke zu reflektieren. Abschließend soll ein solcher Versuch kommentiert werden, wobei zu beachten ist, dass es sich um die Publikation eines im Ruhestand befindlichen Soldaten handelt, des U.S. Air Force Colonel Dave Shunk (2015).

Shunk beginnt seinen Text mit der Feststellung, dass der Supersoldat kommen werde, vielleicht nicht heute, aber bald. Trotz der Fragwürdigkeit dieser Feststellung ist anzuerkennen, dass es ihm mit dieser Aussage vor allem darum geht, die Relevanz ethischer Erwägungen in diesem Zusammenhang zu betonen. Shunk schließt zuerst technologische Entwicklungen, bei denen es zu keinen (chirurgischen oder pharmazeutischen) Eingriffen in den menschlichen Körper kommt, aus dem Gegenstandsbereich seiner Reflektion aus. Allerdings betont er, dass der Soldat der Zukunft durch Entwicklungen in der Hirnforschung, Biotechnologie, Nanotechnologie, Genetik und Medikamentenentwicklung »enhanced« werden könne. Auch hier ist Skepsis angebracht, aber dies bedeutet nicht, dass seine Reflektionen zu ethischen Problemen irrelevant wären. Unter Verweis auf uralte Mythen von Supersoldaten und reale Drogenexperimente, beispielsweise der deutschen Wehrmacht, argumentiert Shunk, dass der Einsatz riskanter HE-Mittel seit langer Zeit eine militärische Handlungsoption ist. An diese Ausführungen schließt sich eine lange Reihe von Fragen zu den Herausforderungen durch die Vision des HE an. Auf die problematische Nutzung neuester Technologie hinweisend (Drohnen-Attacken und die Spionage durch die National Security Agency der USA), plädiert er dafür, ethische und rechtliche Aspekte des HE frühzeitig zu diskutieren. Sein Aufsatz endet mit dem Nietzsche-Zitat, dass derjenige, der mit Ungeheuern kämpfe, zusehen möge, dass er dabei nicht selbst zum Ungeheuer wird. Auch wenn der in der US-Militärforschung mindestens seit den 1980er Jahren feststellbare Fokus der »human performance enhancement«-Diskussionen auf die Gefahr möglicher feindlicher Supersoldaten14 fragwürdig ist, da ja aus der US-Militärforschung selbst heraus immer wieder Initiativen zu einer positiven Befassung mit dem HE-Thema ergriffen werden, so ist die mit dem Nietzsche-Zitat ausgedrückte Warnung durchaus bedenkenswert. Das Potenzial, dass die transhumanistischen Träume im militärischen Kontext zu wahren Albträumen werden, ist tatsächlich groß.

Die transhumanistische Weltanschauung, insbesondere in ihrer individualistischen, durch Gegenkultur und das »Space Age« geprägten Variante, ist keine unzweifelhaft bösartige Ideologie, wie es beispielsweise der Faschismus ist. Die Faszination, die kühne Träume einer Verwirklichung alter Menschheitshoffnungen auszuüben vermögen, darf aber nicht dazu führen, dass bestimmte zu verteidigende Grenzen aus dem Blick geraten: So wie es verboten werden sollte, ohne Not invasive HE-Mittel (einschließlich Drogen) bei Minderjährigen anzuwenden – hier ist das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit über dem Elternrecht anzusiedeln –, so sollte nichttherapeutisches HE auch im militärischen Bereich geächtet werden. Durch die in diesem Bereich gegebenen Befehls- und Unterordnungsstrukturen bestände sonst die Gefahr einer Aushöhlung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit, mit unabsehbaren Folgen auch für das zivile Leben.

Anmerkungen

1) Der frühe Transhumanismus im zaristischen Russland, der von dem im Jahr 1903 verstorbenen Nikolai Fjodorowitsch Fjodorow entwickelt wurde, wies hingegen bereits einen weltanschaulichen Charakter auf. Dieser so genannte »Kosmismus« fand in jüngster Zeit verstärkt Beachtung in Kunst und akademischer Forschung. Bolschewist*innen wie Leo Trotzki waren sich seines weltanschaulichen Charakters bewusst und bemühten sich daher – letztlich mit Erfolg – darum, seinen in der frühen Sowjetunion (bis über den Tod Lenins hinaus) bestehenden Einfluss zu beenden. Zum Kosmismus siehe Groys 2005.

2) Bernal und Haldane waren zudem führende Mitglieder jener Zirkel kommunistisch oder sozialistisch politisierter Naturwissenschaftler*innen, die sich unter erheblichem Einfluss sowjetischer wissenschaftspolitischer Aktivitäten im Großbritannien der Zwischenkriegszeit herausbildeten. Siehe dazu Werskey 2007 und Vogeler 1992.

3) Vgl. zu diesen Pionieren transhumanistischen Denkens Coenen 2013 und Coenen 2014a.

4) Um nur ein Beispiel zu nennen: Der bereits erwähnte Irving John Good beriet Stanley Kubrick bei dessen Arbeit an dem bedeutenden Science-Fiction-Film »2001: A Space Odyssey« (1968), in dem ein paranoider Supercomputer eine Hauptrolle spielt. Ko-Autor des Drehbuchs war der populäre Schriftsteller und in der Weltraumforschung einflussreiche Futurologe Arthur C. Clarke, der im Zweiten Weltkrieg in der britischen Militärforschung tätig war und wiederum in einem Roman, der in diesem Kontext spielt, Bernal als eine jener „olympischen Entitäten“ bezeichnete, die mit großer Geschwindigkeit „die gesamte Art der Kriegsführung“ verändert hätten. Siehe dazu Clarke 1963.

5) Vgl. zum Folgenden Millikan 2010, Levy 2011, Cracken and Grossman 2013, Coenen 2014b sowie die dortigen Hinweise auf weitere journalistische Publikationen.

6) Elon Musk gründete die Firma Neuralink, mit einer von ihm gewohnten ambitionierten Zielsetzung, nämlich der Einführung von leistungsfördernden BCI-Implantaten (auch für nichttherapeutische Zwecke) bereits in den 2020er Jahren, insbesondere auch mit dem Ziel, die Menschheit für das kommende KI-Zeitalter fit zu machen. Facebook bildete ein 60 Köpfe zählendes Team, um alltagstaugliche nichtinvasive BCI-Technik zu entwickeln.

7) Die eingangs erwähnte Hinwendung in Teilen der TA zur Visionsanalyse und -bewertung hat sich – selbst mit Blick auf die in der Regel in relativ kurzen Zeitspannen denkende Politikberatung – auch deshalb in den letzten Jahren verstärkt, weil die transhumanistische Weltanschauung offenkundig nicht nur durch trans­humanistische Organisationen, einige Akademiker*innen (z.B. aus der angewandten Ethik) und vereinzelte politische Aktivitäten (wie die NBIC-Initiative) befördert wird, sondern eben auch durch Schlüsselfiguren und -firmen in der für unsere derzeitigen Gesellschaften so relevanten IT-Industrie.

8) Vgl. dazu auch McCray 2017.

9) Schon seit der ersten Hälfte der 2000er Jahre agitierte die radikale Gruppe »Pièces et Main d’Oeuvre« (piecesetmaindoeuvre.com) in Frankreich gegen den Transhumanismus, den sie als Avantgarde eines großangelegten wissenschaftlich-»nekrotechnologischen« und kapitalistischen Angriffs auf die Menschheit und das Leben ansieht. Der Transhumanismus erscheint ihnen als Symptom und Treiber des Fortschritts der Inhumanität, als Feind des Menschlichen. In konkreter, materieller Weise werde mittels Bio-, Informations-, Nano- und Neurotechnologien in den technowissenschaftlichen Laboren der Anthropozid vorbereitet, gegen den wir, mit unserer Sehnsucht, menschlich zu bleiben, kämpfen müssten. Siehe dazu Pièces et Main d’Oeuvre 2015.

10) Siehe Website der »2045 Strategic Social Initiative; 2045.com.

11) Weitere Naturwissenschaftler oder Ingenieure, die eine ähnliche Rolle wie die Genannten spielen, sind u.a. Kevin Warwick, der in der Öffentlichkeit mehr für seine Cyborg-Selbstexperimente und -Selbstdarstellung als für seine Arbeiten in den Bereichen KI und Robotik bekannt ist, und der akademisch sehr produktive Biochemiker und Molekularbiologe George Church, der in den 2010er Jahren verstärkt mit auch über die Biologie hinausgehenden trans­humanistischen Visionen hervorgetreten ist.

12) Schirrmacher kooperierte dabei mit Brockman, Gründer des Edge-Netzwerks, der in diesem Zusammenhang u.a. auch mit dem deutschen Verleger Hubert Burda zusammenarbeitet. Mit diversen Veranstaltungen und Publikationen, in denen er bekannte Wissenschaftler*innen u.a. mit Größen der IT-Industrie zusammenbringt, möchte Brockman die von ihm so genannte, durch den Transhumanismus stark beeinflusste »Dritte Kultur« fördern, ein Netzwerk von neuartigen, weil insbesondere auch naturwissenschaftlich geprägten Intellektuellen, das mit Entscheider*innen aus Wirtschaft und Politik eng verbunden ist.

13) Kybernetik ist die Wissenschaft von technischen, biologischen u.a. Regelungs- und Steuermechanismen.

14) Siehe Committee on Assessing Foreign Technology Development in Human Performance Modification (2012).

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Dipl. Pol. Christopher Coenen arbeitet am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT-ITAS), derzeit vor allem zu den Themen Mensch-Computer-Interaktion, Neurotechnologien, Prothetik und Automatisierung. Er gibt die Zeitschrift »NanoEthics. Studies of New and Emerging Technologies« heraus.

zum Anfang | Transhumanismus, Militär, Gentechniken

von Stefan Lorenz Sorgner

Zunächst sollte betont werden, dass der Transhumanismus in keinem unmittelbaren Bezug zum militärischen Gebrauch neuester Technologien steht. Die Bildung des Transhumanismus-Begriffs geschah durch Julian Huxley in einem 1951 erschienen Artikel, in dem er den Transhumanismus wie folgt beschrieb: „Eine so breit angelegte Philosophie sollte vielleicht besser nicht Humanismus genannt werden, weil damit eine unbefriedigende Konnotation verbunden wäre, sondern Transhumanismus. Es ist die Idee, dass die Menschheit versucht, ihre Begrenzungen zu überwinden und eine vollkommenere Erfüllung zu erreichen; es ist die Feststellung, dass sowohl individuelle als auch soziale Entwicklungen Prozesse der Selbsttransformation sind.“ (Huxley 1951, S. 139). Diese Definition erachte ich noch immer für treffend.

Das Ziel des Transhumanismus ist es, die Grenzen des bisherigen Menschseins zu überwinden. Ausgangspunkt hierfür sind folgende Annahmen: Mittels der menschlichen Selbstüberwindung wird die individuelle Wahrscheinlichkeit, ein gutes Leben zu führen, erhöht. Der Mensch ist durch evolutionäre Prozesse entstanden und kann sich aus diesem Grund als Gattung weiterentwickeln, falls er nicht zuvor zugrunde geht. Wenn der Mensch so bleibt, wie er gegenwärtig ist, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des Aussterbens der Menschheit, da sich die Umwelt in einem ständigen Fluss der Entwicklung befindet und Menschen nur überleben können, wenn sie an ihre Umwelt angepasst sind. Dass die Menschheit aussterben wird, falls sie sich nicht weiterentwickelt, ist sicher. Spätestens in fünf Milliarden Jahren wird sich die Sonne aufblähen und damit unser Sonnensystem zerstören. Wir haben jedoch mittlerweile die technischen Möglichkeiten, die menschliche Weiterentwicklung mitzubestimmen, und wir sollten sie aus den bereits genannten Gründen auch nutzen. Die vielversprechendsten Techniken hierfür sind die Künstliche Intelligenz und die Gentechniken, da beide Möglichkeiten der menschlichen Weiterentwicklung bieten, entweder um via »mind uploading« (Hochladen des menschlichen Bewusstseins) zu einen siliziumbasierten Posthumanen zu werden oder um ein kohlenstoffbasiertes Wesen zu bleiben, aber trotzdem die bisherigen Grenzen des Menschseins zu überschreiten.

Anhand dieser grundsätzlichen Überlegungen wird klar, dass der militärische Einsatz von Technologien kein primäres Anliegen des Transhumanismus ist. Trotzdem ergeben sich zahlreiche militärische Bezüge aus dieser kurzen Übersicht. Zum einen muss die Entstehung neuer Techniken finanziert werden. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Zuweilen entwickeln individuelle Forscher*innen aus wissenschaftlicher Neugier mit ihren eigenen Mitteln etwas Neues. In der Regel wird aber eine solide Geldquelle benötigt, um Technikforschung realisieren zu können, wobei die effektivsten Geldquellen wohl die folgenden sind: 1. Masse an Menschen (z.B. Sex- und Unterhaltungsindustrie); 2. Militär. Es gibt jedoch noch einen weiteren Bezug des Transhumanismus zum Militär, und dieser hat mit der Frage des Aussterbens der Menschheit zu tun. Das Aussterben kann nicht nur aufgrund von Satelliteneinschlägen oder Naturkatastrophen geschehen, sondern kann auch menschliche Ursachen haben, sei es durch nicht beabsichtigte Nebeneffekte menschlichen Handels oder durch bewusste Aktionen (Krieg, Terrorismus). Diesen können sowohl Künstliche Intelligenz als auch Gentechniken zugrunde liegen.

Herausforderungen der Gentechnologie

Die Möglichkeiten des Cyberkriegs sind bereits weithin bekannt, die des Einsatzes von Gentechniken hingegen befinden sich aufgrund der Entwicklung von CRISPR/Cas91 und der Verschaltung von Genanalysen mit »Big Gene Data«2 in einem exponentiellen Wachstum. Bill Gates hat dies treffend erkannt und jüngst deutlich zur Sprache gebracht. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2017 sprach er explizit die sozialen Herausforderungen an, die insbesondere mit den neuesten Gentechniken einhergehen: „Die nächste Epidemie könnte von dem Computerbildschirm eines Terroristen ausgehen, der Gentechnik gezielt einsetzt, um eine synthetische Variante von Pockenviren zu schaffen […] oder einen besonders ansteckenden und tödlichen Grippestamm.“

Bill Gates thematisierte auch die möglichen Konsequenzen einer solchen Pandemie: „Ob durch eine Laune der Natur oder von einem Terroristen erzeugt – Epidemiologie-Experten sagen, dass ein sich schnell verbreitendes, luftübertragbares Pathogen innerhalb eines Jahres mehr als 30 Millionen Menschen töten könnte. Und sie sagen voraus, dass die Welt einen solchen Ausbruch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahren erleben wird.“ Auf Einwände, die solche Zukunftsszenarien für aufmerksamkeitserregende Hirngespinste erachteten, erwiderte er treffenderweise folgendes: „Es ist schwer, sich eine Katastrophe dieses Ausmaßes vorzustellen, aber genau das ist vor nicht allzu langer Zeit passiert. 1918 tötete ein besonders ansteckender und tödlicher Grippestamm zwischen 50 und 100 Millionen Menschen.“ (Alle Zitate von MacAskill 2017)

Diese Überlegungen machen deutlich, dass auch das Militär Gentechniken ernst nehmen muss, um auf die militärische und terroristische Anwendung dieser Techniken vorbereitet zu sein und angemessen auf sie reagieren zu können. Bereits in dem Weltbestseller »Inferno« von Dan Brown aus dem Jahr 2013 stand die terroristische Anwendung von Keimbahnmodifikationen im Zentrum der Handlung. Interessanterweise wurde die Thematik dabei auch mit der Thematik des Transhumanismus verbunden. Die wichtigsten diesbezüglichen Gentechniken lassen sich in die folgenden drei Kategorien unterteilen: Genmodifikation, Genselektion und Genanalyse.

Anwendungsbereiche der Gentechniken

Der Bereich der Genanalyse ist hinsichtlich der möglichen praktischen Anwendungen der am weitesten vorangeschrittene. Aufgrund der Verschaltung der Analyse mit »Big (Gene) Data« ist jedoch ein weiterer ganz entscheidender Zuwachs an zusätzlichen Informationen in diesem Bereich zu erwarten. Die ursprünglich von Google mitfinanzierte Firma 23andme hat mittlerweile über eine Million Kunden, woran das große öffentliche Interesse an Genanalysen bereits deutlich wird.

Je mehr Genanalysen plus die dazugehörigen Persönlichkeitsbeschreibungen der jeweiligen Träger vorliegen, desto mehr Korrelationen zwischen Genen und damit einhergehenden Eigenschaften lassen sich feststellen und desto verlässlicher werden die entsprechenden Aussagen. Diese Entwicklung hat bereits jetzt politische Auswirkungen. Seit 2015 ist es für Bewohner*innen und Besucher*innen Kuwaits gesetzlich verpflichtend, eine Speichelprobe abzuliefern. Das Zuwiderhandeln wird mit hohen Gefängnisstrafen bestraft. Die offizielle Begründung hierfür ist die Terrorismusbekämpfung. Sollte sich diese Maßnahme als effizient erweisen, so kann nicht ausgeschlossen werden, dass entsprechende Maßnahmen auch in weiteren Ländern implementiert werden.

Die sozialen Konsequenzen einer solchen Gesetzgebung haben radikale Auswirkungen auf alle unsere Lebensbereiche. Nicht nur zur Vorbeugung und zur Aufklärung kann die genetische Sichtung verwendet werden, auch für den Auswahlprozess von Soldat*innen können Genanalysen nützlich sein, z.B. um die Mortalität im Rahmen der Ausbildung zu reduzieren, was hinsichtlich der Sichelzellenanämie in der US-Armee bereits seit Langem praktiziert wird. Neueste Gen-Analysemethoden könnten die Einsatzmöglichkeiten, die Herausforderungen und die Stärken der einzelnen Militärangehörigen besonders effektiv und präzise herausarbeiten, um sie so besonders wirkmächtig und passend einsetzen zu können. Weiterhin sind die Genanalyse und die damit einhergehenden neuen Informationen die Voraussetzung für die anderen gentechnischen Anwendungen. Nur wenn wir wissen, was Gene zu leisten im Stande sind, kann eine bewusste Förderung von diesen erfolgen, sei es durch Selektion oder durch Modifikation.

Weniger relevant für den militärischen Einsatz ist der Bereich der Genselektion. Jedoch sind auch die diesbezüglichen technischen Möglichkeiten bereits weit vorangeschritten. Die hier anzuwendende Technik ist die Auswahl von befruchteten Eizellen nach der künstlichen Befruchtung und der anschließenden Präimplantationsdiagnostik. Auf dieser Basis ergibt sich die Möglichkeit der Selektion von befruchteten Eizellen mit den erwünschten Genen. In Deutschland ist dieser Prozess nur in sehr beschränktem Maße erlaubt, da hier nur drei Eizellen entnommen werden dürfen und diese anschließend befruchtet und in der Regel implantiert werden müssen. Im Vereinten Königreich hingegen stehen 50-60 befruchtete Eizellen zur Wahl, aus denen im Anschluss drei zur Implantation ausgewählt werden können. In totalitären politischen Systemen könnte man auf diese Weise bereits jetzt effektiv und verlässlich eine staatlich verordnete Selektion durchführen, um so die Wahrscheinlichkeit der Zeugung von Soldat*innen mit den für das jeweilige Tätigkeitsfeld passenden Eigenschaften zu fördern.

Für den militärischen Einsatz relevanter ist der große Bereich der Genmodifikationen, der aufgrund der neuen CRISPR/Cas9-Technik effektiv, präzise und kostengünstig wurde. Diese Technik hat nicht nur ein enormes Potential hinsichtlich des Einsatzes beim Menchen, sondern auch und gerade bei nicht-menschlichen Wesen wird sie bereits heute eingesetzt. Diesbezüglich könnten zahlreiche Themenbereiche erörtert werden. Von besonderer Brisanz und Relevanz sind hier die so genannten »Gene Drive«-Verfahren (Genantrieb), die die beschleunigte Vererbung von Genen in Populationen fördern. Mit Hilfe der CRISPS/Cas9-Technologie und unter Berücksichtigung des »Gene Drive«-Prinzips versucht die Bill und Melinda Gates Foundation, die Anopheles-Mücke, die für die Übertragung von Malaria verantwortlich ist, durch gezielte Unfruchtbarmachung auszurotten. Diese Techniken könnten jedoch auch genutzt werden, um bewusst bestimmte Menschengruppen zu attackieren. Die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA, Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums) hat aus diesem Grund eine »Safe Genes«-Initiative entwickelt, um sich in den kommenden Jahren intensiv mit diesem Themenbereich auseinanderzusetzen (Garthwaite 2016).

Weitere Studien und Debatten sind nötig

Alle in dieser Übersicht angesprochenen Beispiele der militärischen Relevanz von Gentechniken bieten nur eine erste oberflächliche Ahnung von der enormen Brisanz und Potenz der hiermit einhergehenden Möglichkeiten. Ich gehe davon aus, dass insbesondere die Bereiche der »Big Gene Data« und der CRISPS/Cas9-Technologie unter Berücksichtigung des »Gene Drive«-Prinzips die beiden Techniken darstellen, die hinsichtlich der Zukunft des menschlichen Zusammenlebens von kaum abzusehender Bedeutung sein werden. Weitere Studien und auch eine breitere öffentliche Debatte sind notwendig, um reflektiert und informiert mit den Möglichkeiten dieser Techniken umgehen zu können.

Anmerkungen

1) Die CRISPR/Cas-Methode (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) ist eine biochemische Methode, um DNA gezielt zu schneiden und zu verändern (Genome Editing). Gene können mit dem CRISPR/Cas-System gefunden, geschnitten und modifiziert werden, und dies ist mittels dieser Methode wesentlich einfacher, schneller und kostengünstiger als mit anderen bisher bekannten Verfahren der Genom-Editierung.
Die folgende Webseite gibt eine anschauliche Einführung zum Thema: transgen.de/lexikon/1845.crispr-cas.html.

2) »Big Gene Data« bezeichnet komplexe und große Datenmengen bezüglich Erbanlagen und korrelierenden Eigenschaften, für deren Analyse und Auswertung digitale Techniken benötigt werden.
Weitere Ausführungen zum Thema siehe z.B. Stefan Lorenz Sorgner (2017): Genetic Privacy, Big Gene Data, and the Internet Panopticon. Journal of Posthuman Studies, Vol. 1, No. 1, S. 87-103

Literatur

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Prof. Dr. Stefan Lorenz Sorgner unterrichtet Philosophie an der John Cabot University in Rom, ist Direktor und Mitbegründer des »Beyond Humanism Network«, Visiting Fellow am Ethikzentrum der FSU Jena, Research Fellow am Ewha Institute for the Humanities der Ewha Womans Universität in Seoul und Fellow am Institute for Ethics and Emerging Technologies. Er ist Autor und Herausgeber von mehr als zehn Büchern, zuletzt »Transhumanismus« (2016). Er ist Editor-in-Chief und Founding Editor des »Journal of Posthuman Studies«.

zum Anfang | Zur militärischen Nutzung der Genom-Editierung

von Robert Ranisch

Der Transhumanismus lässt sich in einem engen Sinne als Theorie und Bewegung1 beschreiben, die mithilfe neuer technischer Anwendungen die menschliche Natur so radikal verändern möchte, dass wir gleichsam von einem evolutionären Sprung sprechen müssten (Ranisch and Sorgner 2014, S. 7-9). Das Motiv des Transhumanen beschreibt dabei den Übergang vom Humanen hin zum Posthumanen. Jenseits von eschatologischen Vorstellungen, die menschliche Evolution in ein posthumanes Zeitalter zu überführen, können wir allerdings auch in einem weiten Sinne von transhumanistischen Technologien oder Entwicklungen sprechen. Hiermit sind Verfahren angesprochen, welche die körperliche und geistige Ausstattung des Menschen sowie dessen Verhaltensweisen durch Techniken, die am oder im menschlichen Körper wirken, auf ausgeprägte Weise verbessern (Stichwort »human enhancement«). In diesem Zusammenhang sind insbesondere Anwendungen aus dem Bereich der Nano-, Bio- und Informationstechnologie sowie der Cognitive Science (Kognitionswissenschaft) – kurz NBIC – zu nennen.

Aufgrund des erhofften Potenzials, die menschliche Leistungsfähigkeit zu steigern, kann es nicht verwundern, dass ein ausgeprägtes militärisches Interesse an der Forschung und Entwicklung entsprechender Technologien besteht (military human enhancement). Zugleich muss festgestellt werden, dass zwar die selbsternannten Transhumanisten und Transhumanistinnen kaum als Befürworter bzw. Befürworterinnen militärischer Technologieentwicklung auftreten (Sorgner in diesem Dossier; Švana 2017), entsprechende Forschung und Entwicklung allerdings einen besonderen Stellenwert für sie hat: Hier zeigt sich schließlich mehr als in der zivilen Sphäre, wie ernsthafte Anstrengungen und eine umfänglich finanzierte Wissenschaft Verbesserungstechnologien hervorbringen können, die Erweiterungen über das normale menschliche Maß hinaus erlauben: „Ein Bereich, in dem Technologieforschung und -entwicklung das größte transhumanistische Potential haben, ist der Verteidigungsektor.“ (Thomas 2017)

CRISPR: das neue »Allzweckwerkzeug«

Zu den neuesten Verfahren, denen das Potenzial nachgesagt wird, eine transhumanistische Technologie zu sein, können die erst seit kurzem zur Anwendung gebrachten Methoden der Genom-Editierung gezählt werden. Insbesondere das bei Bakterien vorkommende CRISPR/Cas-System (einführend: Doudna and Charpentier 2014) beflügelt nicht nur die Fantasie von Naturwissenschaftlern und Naturwissenschaftlerinnen, sondern wird gegenwärtig von Transhumanisten und Transhumanistinnen und technoprogressiven Denkern und Denkerinnen affirmativ verhandelt (exemplarisch: de Araujo 2017; Gyngell and Selgelid 2017).

Auch wenn Verfahren zur direkten genetischen Veränderung von Lebewesen bereits seit einigen Jahrzehnten Verwendung finden, war deren Einsatz bisher recht beschränkt. Ebenso wurden die andauernden Hoffnungen auf die Entwicklung von Gentherapien (z.B. gegen Krebs oder Autoimmunerkrankungen) bisher nicht erfüllt. Trotz umfangreicher Förderung auf diesem Gebiet mündete in mehr als zwei Jahrzehnten Forschung bisher nur ein Bruchteil der Studien in Anwendungen, die bis zur klinischen Reife gebracht werden konnten (The Journal of Gene Medicine 2017).

Mit neuen Techniken der Genom-Editierung könnte sich dies ändern. CRISPR/Cas kann dabei als eine disruptive Entwicklung betrachtet werden (Ledford 2015), welche konkurrierende Verfahren binnen kürzester Zeit aus den Laboren verdrängt. Nach verbreiteter Meinung sind die neuen Möglichkeiten der Genom-Editierung wesentlich kostengünstiger, effektiver und einfacher in der Anwendung als bisherige Methoden. Eine Konsequenz dessen ist, dass im Internet mittlerweile Do-it-yourself-CRISPR-Baukästen angeboten werden, mit denen Hobbynaturwissenschaftler und Hobbywissenschaftlerinnen oder Biohacker an ihrem Küchentisch zumindest einfache Experimente durchführen können. Gerade mit der scheinbaren Niedrigschwelligkeit beim Einsatz dieser neuen Verfahren verbinden sich aus Perspektive der Gefahrenabwehr ganz eigene Herausforderungen und Risikoprofile.

Da CRISPR in allen Zellformen wirken kann, sind Anwendungsfelder der Genom-Editierung vielfältig. Binnen kürzester Zeit wurden die neuen Verfahren bei zahlreichen Pflanzen, Pilzen und Tieren angewandt (zum Überblick: Nuffield Council on Bioethics 2016b). Mittels Genom-Editierung wird zudem versucht, neue Kraftstoffe, Materialen oder pharmazeutische Produkte zu entwickeln, und CRISPR könnte es einmal erlauben, dass Tierorgane als Transplantat menschliches Leben retten. Im Zusammenhang mit der »Gene Drive«-Methode sind sogar Eingriffe in ganze Ökosystem denkbar. So wird beispielsweise an einer Veränderung von Anopheles-Mücken geforscht, die dazu führen würde, dass diese binnen weniger Generationen selbstständig ihre Population ausrotten und damit als Überträger von Malaria entfallen (Hammond et al. 2016). Sollten auch nur einige durch »Gene Grive« veränderte Organismen das Labor verlassen, könnte das globale Auswirkungen haben (Nature 2016, S. 160).

Die größten Hoffnungen, zugleich aber auch Befürchtungen, verbinden sich mit der Nutzung der Genom-Editierung an Menschen bzw. menschlichen Zellen. Gegenwärtig findet diesbüglich ein Wettrennen zwischen den USA und China bei der Entwicklung erster klinischer Anwendungen statt (Cyranoski 2016). Studien mit somatischen Gentherapien laufen bereits, und begleitet von einer breiten medialen Berichterstattung wurden auch Versuche mit menschlichen Embryonen durchgeführt. Nachdem 2015 ein chinesisches Forscherteam erstmals die gezielte Veränderung der Erbanlagen von (nicht-lebensfähigen) Embryonen wagte (Liang et al. 2015), wurde 2017 bekannt, dass auch in den USA eine Genom-Editierung mit diesmal lebensfähigen Embryonen erfolgte (Ma et al. 2017). Derartige Keimbahninterventionen (die Veränderung von Keimzellen oder Embryonen) sind deshalb so kontrovers, da – sollten die Embryonen übertragen und ausgetragen werden – entsprechende Veränderungen an kommende Generationen weitervererbt werden könnten.

Transhumanistische Visionen

Während in der Wissenschaft der Fokus deutlich im Bereich der Grundlagenforschung sowie erster Versuche mit therapeutischer Zielsetzung liegt, wird in transhumanistischen Kreisen bereits seit Jahren über die Möglichkeit verhandelt, in die Erbanlagen (zukünftiger) Menschen einzugreifen, um diese genetisch zu verbessern (Hughes 2015). Die jüngsten Entwicklungen rund um CRISPR wurden so auch mit großer Euphorie verfolgt, da sich hier nun scheinbar ein realistisches Szenario zeigt, Menschen etwa intelligenter, stärker oder langlebiger zu machen sowie besondere Talente durch genetische Veranlagungen zu begünstigen (de Araujo 2017). Dies wäre mit anderen denkbaren Verfahren, die eine Einflussnahme auf das Erbgut von (zukünftigen) Personen ermöglichen, bisher nur begrenzt möglich. Eine Embryonenselektion nach einer Präimplantationsdiagnostik erlaubt es zwar, einige (monogenetische) Eigenschaften zu verhindern; sie kann allerdings kaum die Steigerung von komplexen Eigenschaften wie Intelligenz erreichen (Shulman and Bostrom 2014), da diese zahlreichen (genetischen) Faktoren unterliegen. Mittels der Genom-Editierung wäre es dagegen denkbar, auch polygenetische Eigenschaften gezielt zu fördern (Gyngell, Douglas, Savulescu 2017) und damit auch genetisch zu verbessern.

Diese vorgestellten Anwendungszwecke erfreuen sich in der breiten Öffentlichkeit keiner großen Beliebtheit (Harvard T. H. Chan School of Public Health 2016; Weisberg et al. 2017; Dijkstra and Schuijff 2016). Gegenwärtig zeigt sich eine moralische Ambiguität in der Wahrnehmung der Genom-Editierung, bei der sich weitreichende Hoffnungen mit Untergangsszenarien mischen. Während insbesondere im Kontext der ersten chinesischen Experimente die Frage nach einem Moratorium hinsichtlich keimbahnverändernder Anwendungen verhandelt wurde (Lanphier et al. 2015), scheint diese Option mittlerweile vom Tisch zu sein. Bezeichnenderweise dauerte es nur wenige Monate, bis mit dem Francis Crick Institute (Großbritannien) sowie dem Karolinska Institutet (Schweden) europäische Labore mit der Grundlagenforschung an Embryonen nachzogen.

Wenn sich gegenwärtig eine Art Konsens bezüglich der Forschung zur Genom-Editierung herausbildet, dann vielleicht der, dass allgemein breite Hoffnungen in das therapeutische Potenzial sowie in die Grundlagenforschung gesteckt werden. Dabei sehen wir mittlerweile auch in Deutschland eine steigende Akzeptanz der Embryonenforschung (exemplarisch: Leopoldina 2017). Möglichen Anwendungen der Keimbahninterventionen im Rahmen der Reproduktionsmedizin wird dagegen eine Absage erteilt, ebenso wie dem Einsatz zur Verbesserung von Menschen. Letztgenannte Optionen werden dabei nicht nur mit Blick auf Sicherheitsbedenken abgelehnt, sondern auch aus Angst vor neuen Formen einer »Eugenik« (Ranisch i.E. 2017), so genannten »Designerbabys«, entstehenden sozialen Ungleichheiten, aber schließlich auch einer militärischen Nutzung (Dual-use).

Genom-Editierung im militärischen Kontext

Aufgrund des vergleichbar einfachen und kostengünstigen Einsatzes von CRISPR und dem großen (Schädigungs-) Potenzial der Genom-Editierung kann es nicht verwundern, dass diese Entwicklung auch die Aufmerksamkeit von Militärs und Verteidigungsexperten und -expertinnen auf sich zog. So wurden neue Verfahren der Genom-Editierung 2016 vom Nationalen Geheimdienstdirektor der USA, James R. Clapper, potenzielle Massenvernichtungswaffen genannt, die in den falschen Händen eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellen würden (Clapper 2016, S. 9). Hier scheinen insbesondere die Gefahren angesprochen, die sich aus der möglichen Entwicklung neuer biologischer Waffen oder eines missbräuchlichen Einsatzes der »Gene Drive«-Methode ergeben. Die US-amerikanische Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA, militärische Forschungsagentur) hat diesbezüglich mittlerweile ein eigenes Projekt namens »Safe Genes« ins Leben gerufen, „um einen Werkzeugkasten für Biosicherheit [biosafety and biosecurity] aufzubauen und damit potenzielle Risiken zu reduzieren sowie Innovation auf dem Gebiet der Genom-Editierung anzuregen“ (DARPA 2016). Zudem unterstützt DARPA Forschung zur Genom-Editierung an verschiedenen führenden US-amerikanischen Universitäten (DARPA 2017).

Es ist zu vermuten, dass das militärische Interesse an der Genom-Editierung nicht nur auf Gegen- bzw. Abwehrmaßnahmen beschränkt bleibt, wobei eine detaillierte Analyse laufender Militärprojekte naturgemäß kaum möglich ist (Nuffield Council on Bioethics 2016a, S. 101). Im Rahmen einer militärischen Verwendung lassen sich allerdings eine ganze Reihe von Einsatzwecken denken (Yang 2015), insbesondere im Zusammenhang mit Innovationen in der Militärmedizin. Anzunehmen ist aber auch, dass die Potenziale der Genom-Editierung eine Versuchung darstellen, militärische Forschung voranzutreiben, die auf eine gezielte Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit zielt. Der Einsatz von Drogen und Betäubungsmitteln stellt eine lange bekannte Methode zur (vermeintlichen) Leistungssteigerung von Soldaten und Soldatinnen dar; ebenso gibt es verschiedene Versuche, ein biotechnologisches Enhancement zu bewirken (für einen Überblick: Ford and Glymour 2014). Um dies festzustellen, genügt ein Blick auf frei zugängliche Dokumente der DARPA. Dort erfahren wir von Forschungsvorhaben zur Erweiterung der Fähigkeiten von Soldaten und Soldatinnen, die es ihnen erlauben sollen, Gras zu verdauen, besondere Belastungen und Stress auszuhalten, quasi-telepathisch zu kommunizieren oder verbesserte sensorische Sinne zu erlangen (Lin 2016, S. 60-61).

In den letzten Jahren widmeten sich mehrere Studien den medizinischen, pharmakologischen und neurowissenschaftlichen Entwicklungen sowie den Innovationen aus dem Bereich der Robotik und diskutierten die Frage, wie diese die Kriegsführung verändern werden und welche ethischen, sozialen und rechtlichen Herausforderungen sich hiermit verbinden (Beard, Galliott, Lynch 2016; Carrick et al. 2013; Harrison Dinniss and Kleffner 2016; Lin, Mehlman, Abney 2013; Mehlman 2015). Nicht nur seitens der medialen Berichterstattung, sondern auch von Forschern werden Parallelen zwischen neuen Mitteln der Kriegsführung und transhumanistischen Visionen gezogen (Švana 2017; Al-Rodhan 2015). Diese Vergleiche zielen dabei weniger auf den Umstand ab, dass der Transhumanismus ein ausgeprägtes Interesse an militärischen Fragen hätte, sondern vielmehr auf die Radikalität und Eingriffstiefe, mit der moderne Militärtechnologie auf die Leistungssteigerung und Erweiterung des menschlichen Körpers zielt.

In diesem Zusammenhang ist in den öffentlichen Medien, aber auch im akademischen Diskurs häufig die Rede von so genannten »Supersoldaten« (exemplarisch: Galliott and Lotz 2016). Diese quasi-transhumane Figur, die in der Literatur wahlweise als übermenschliches Wesen oder als willenlose Tötungsmaschine auftaucht, wird dabei zunehmend mit den Möglichkeiten der Genom-Editierung in Verbindung gebracht. Auch von manchen Sicherheitsfachleuten wird mittlerweile gewarnt – und dabei auf die chinesischen Versuche an Embryonen als Weckruf für die internationale Gemeinschaft verwiesen –, dass wir erste Schritte in Richtung solcher genetisch veränderter Übermenschen sehen: „[M]an könnte, zumindest im Prinzip, einen Soldaten mit großer Muskelkraft und Stärke […] hervorbringen“ (zitiert in Ansley 2016). Auch die US-amerikanische Denkfabrik Atlantic Council meinte in diesem Zusammenhang kürzlich: „CRISPR könnte eines Tages die Feinde der USA in die Lage versetzen, einen »Supersoldaten« zu schaffen, um zukünftige Schlachtfelder zu dominieren.“ (Eastwood 2017)

Es wird keine Supersoldaten geben

Insbesondere hinsichtlich des Einsatzes von Techniken der Genom-Editierung zur Verbesserung des menschlichen Körpers ist gegenwärtig allerdings Skepsis geboten. Dies gilt gerade bezüglich der hier benannten Vorstellung, dass zukünftig einmal Supersoldaten in Geheimlaboren – von den westlichen Medien gerne nach China projiziert – »gezüchtet« werden könnten (vgl. Schaefer 2016). Selbst wenn wir unterstellen, dass derartige Forschung, die auf eine systematische Menschrechtsverletzung im Rahmen von großangelegten Humanversuchen hinausliefe, durch keinerlei forschungsethische Schranken gebändigt würde, müssen aus wissenschaftlicher und pragmatischer Sicht Zweifel an der Plausibilität solcher Dystopien vorgebracht werden.

Jenseits von stark vereinfachenden gen-deterministischen Vorstellungen ist nicht davon auszugehen, dass sich für relevante Eigenschaften die genetische Grundlage eindeutig identifizieren lässt oder gezielt gefördert werden könnte. Bereits vermeintlich einfache phänotypische Merkmale, wie die Körpergröße, werden auf mehrere tausend genetische Variationen im Erbgut zurückgeführt (Goldstein 2009, S. 1696). Trotz erster vielversprechender Anwendungen der Genom-Editierung fehlen zudem Anhaltspunkte, dass die notwendige Präzision bei der Veränderung der Keimbahn gegenwärtig gegeben ist. In dieser Hinsicht können gerade die mit Sorge beobachteten chinesischen Experimente entkräften, dass wir bald genetisch veränderte Nachkommen fürchten müssen. Als zentrales Ergebnis der Studie von Liang und Kolleginnen und Kollegen mit 86 Embryonen, die sich übrigens »nur« an der Behandlung der ­ß-Thalassämie versuchten, kann vielmehr gelten, dass das angenommene Wunderwerkzeug CRISPR hier keineswegs so präzise arbeitet, wie erhofft. Vielmehr wurden unzählige unerwünschte Mutationen, so genannte »off-target«-Effekte (vgl. Knoepfler 2016, 153-156), dokumentiert. Dies galt zwar nicht für die jüngsten US-amerikanischen Versuche mit lebensfähigen Embryonen. Der hier vermeintlich gefundene Reparaturmechanismus würde es allerdings auch nicht erlauben, gezielt (multifaktorielle) Erbeigenschaften zur Leistungssteigerung zu fördern. Mit Blick auf den Forschungsstand lässt sich sagen, dass die therapeutische Genom-Editierung zur Veränderung der Keimbahn gegenwärtig in den Kinderschuhen steckt und noch Jahre von einer ersten klinischen Anwendung entfernt ist. Die verbessernde Keimbahnintervention muss momentan als reine Spekulation gelten.

Selbst wenn sich dies eines Tages ändern sollte, sprechen pragmatische Gründe gegen die Keimbahnverbesserung zu militärischen Zwecken. Bis zum Einsatz der gewünschten Supersoldaten würden nicht nur mehrere Jahrzehnte vergehen. Es ist auch davon auszugehen, dass die hierfür eingesetzten Techniken bis dahin bereits überholt sind. Auch genetisch verbesserte Soldaten und Soldatinnen, die, spekulieren wir etwa, ausdauernder und vielleicht intelligenter seien, blieben weiterhin Menschen aus Fleisch und Blut. Ob diese allerdings in militärischen Konflikten in mehreren Jahrzehnten weiterhin den ihnen vorgesehenen Stellenwert erfüllen könnten, muss angezweifelt werden.

Ein realistischeres Szenario bezüglich der Genom-Editierung zur militärischen Leistungssteigerung stellt dabei eine genetische Veränderung von lebenden Personen dar. Ähnlich wie im Falle des Gendopings (vgl. Körner and Erber-Schropp 2016), welches allerdings ebenso kontrovers diskutiert wie spekulativ ist, könnten so etwa Ausdauer oder Muskelwachstum begünstigt werden. Dass es seitens des Militärs ein Interesse an vielfältigen Formen der pharmakologischen Leistungssteigerung gibt, ist ein offenes Geheimnis (Kamienski 2016). Aber auch hier muss einigermaßen nüchtern festgestellt werden, dass kaum anhaltende Verbesserungseffekte zu erwarten sind, ohne dass diese mit Risiken einhergingen oder an »natürliche« Beschränkungen des menschlichen Körpers stoßen (vgl. Bostrom and Sandberg 2008). Zudem muss ebenso vor dem Hintergrund pragmatischer Überlegungen gefragt werden, welche erhofften Verbesserungen der menschlichen Physis oder Psyche überhaupt denkbar sind, die nicht gegebenenfalls mit risikoärmeren, nicht-invasiven und reversiblen Techniken erzielt werden könnten.

Die hier vorgebrachte Skepsis gegenüber der Vorstellung, dass zukünftige Kriege von genetisch aufgerüsteten Supersoldaten geführt werden, bedeutet nicht, dass Entwicklungen der Genom-Editierung keine zukünftigen Sicherheitsrisiken darstellen. Begründete Bedenken richtigen sich allerdings auf mögliche bioterroristische Anwendungen, etwa im Zusammenhang mit der »Gene Grive«-Methode (Ahteensuu 2017; Gurwitz 2014). Sorgen über genetisch veränderte, transhumane Soldaten und Soldatinnen gehören dagegen in den Bereich der Science-Fiction. Hier zeigt sich tatsächlich eine ganz reale Parallele zwischen transhumanistischen Gedanken und gegenwärtigen Verhandlungen über Supersoldaten. Beiden Diskursen haftet eine Vorliebe für spekulative, oft düstere Zukunftsszenarien an, die weit mehr in den Bereich des utopisch bzw. dystopischen Denkens gehören (vgl. Dickel 2011), als dass sie einer Wissenschaftsanalyse standhalten.

Freilich können Erfahrungen über vergangene Entwicklungen, gerade im Bereich der Militärtechnologie, bei derartigen Einschätzungen zur Zurückhaltung auffordern. Die Geschichte hat gezeigt, dass viele gegenwärtige Innovationen vor nicht allzu langer Zeit kaum greifbar waren. Hieraus den umgekehrten Schluss zu ziehen, wäre allerdings ebenso verfehlt: Nicht alles Vorstellbare wird einmal Realität.

Anmerkung

1) Zu den bekanntesten transhumanistischen Organisationen zählen dabei Humanity+ sowie das Institute for Ethics and Emerging Technologies (IEET). Zur transhumanistischen Bewegung: Ranisch and Sorgner 2014, S. 12-13.

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Robert Ranisch studierte Philosophie und Politikwissenschaft an den Universitäten Warwick, Jena und Oxford; Promotionsstudium in Philosophie/Bioethik an den Universitäten Düsseldorf und Tübingen. Er leitet die Forschungsstelle »Ethik der Genom-Editierung« (gefördert durch die Dr. Kurt und Irmgard Meister-Stiftung) am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin und ist Geschäftsführer des Klinischen Ethikkomitees am Universitätsklinikum Tübingen. Des Weiteren ist er Managing Director des Global Applied Ethics Institute (GAEI.org), Mitglied des »Think Thank 30« des Club of Rome (tt30.de) und assoziierter Forscher am Ethikzentrum der Universität Jena sowie am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören normative Fragen der Bio- und Gentechnologie sowie Grundlagen der Medizin- und Organisationsethik.

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Lose Überlegungen zu einem »großen« Zeitthema

von Alexander Reymann und Roland Benedikter

Technologie prägt das individuelle und gesellschaftliche Leben immer stärker. Ein Zurück, wenn überhaupt wünschenswert, scheint unmöglich – und technologischer wie wissenschaftlicher Fortschritt unaufhaltsam. Die Technologie ist zur dritten Gesellschaftskraft neben Politik und Wirtschaft geworden, ja beginnt sie in ihrer Zeitbedeutung zu überwölben und zu überholen.

Auf dem Fundament dieser Tatsache hat sich der »Transhumanismus« als lose philosophische und sozio-politische Strömung gebildet. Die zunehmende Bedeutung von Technologie und deren Ausmaß an Gesellschaftsveränderung in den Fokus öffentlicher Wahrnehmung zu rücken und weltweit noch weit stärker als bisher auf die politische Agenda zu setzen, ist das Programm der transhumanistischen Bewegung. Sie ist seit einigen Jahren dabei, sich auch politisch als loser, transnationaler Parteienverbund zu organisieren, mit Gründungen in den USA, Großbritannien und Erstanläufen auch in Deutschland. In den USA kandidierte die »Transhumanistische Partei der USA« 2016 für das Amt des US-Präsidenten. Kandidat war der Intellektuelle, Journalist und Unternehmer Zoltan Istvan, Autor des Bestsellers »Die transhumanistische Wette« (The Transhumanist Wager, 2013).

Die heute immer drängendere Notwendigkeit, dasjenige, was technisch bereits machbar ist, gesellschaftlich breiter zu diskutieren und darauf aufbauend politisch-rechtlich zu regeln, ist nicht von der Hand zu weisen. Der fast ausschließliche Fokus des Transhumanismus darauf, wie die Entwicklung am Schnittpunkt zwischen Mensch und Technologie zu bewerten und weiter zu behandeln ist, und die Ableitung der Lösung aller anderen Fragen aus diesem Schnittpunkt verleihen der Bewegung ihr Alleinstellungsmerkmal. Eine grund-optimistische Einstellung gegenüber einer durchgängig von Technologie durchdrungenen Zukunft ist für sie charakteristisch. Dabei geht es um nichts weniger als die fundamentale Um- und Neugestaltung menschlichen Lebens und Zusammenlebens – um Roboter, die dem Menschen bald mühevolle Arbeiten abnehmen sollen, intelligente Häuser und miteinander kommunizierende und lernende Geräte, die unsere Leben organisieren. Transhumanist*innen befürworten auch selbstfahrende Autos, Urlaub in der virtuellen Realität oder auf dem Mond; und sie bereiten sich auf die Kolonialisierung des Weltraums vor, darunter – laut Space-X-Mitgründer Elon Musk, auch Denker und Lenker hinter der elektrischen Trend-Automobilmarke Tesla – die Besiedlung des Mars.

Doch darüber hinaus geht es dem Transhumanismus um weit mehr: Es geht um die Veränderung des Menschen selbst, seines Körpers, seines Geistes, seiner Natur, seiner (Selbst-) Konzeption. »Veränderung« meint aus transhumanistischer Sicht stets Verbesserung: Human Enhancement. Optimierung des Menschen und seiner »conditio humana« mittels radikalen Einsatzes von Technologie ist das einigende Leitmotiv einer ansonsten vielgestaltigen, zwischen linken und rechten Flügeln umstrittenen und bis in die Grundlagen hinein heterogenen Bewegung.

Der Kernwiderspruch: »Aufrüstung« für den kranken oder den gesunden Menschen?

Ohne Frage ist es ein hehres Ziel trans­humanistischer Bemühung, Blinden in absehbarer Zeit das Sehen und Tauben das Hören zu ermöglichen, etwa mittels Retina-Chips oder Cochlea-Implantaten, also »intrusiver« Technologie, die mit dem menschlichen Körper verschmilzt, ja diesen in der Vision der Transhumanist*innen immer mehr austauschbar, im Idealfall gar in immer mehr Teilen ersetzbar machen soll. Ebenso steht es um intelligente Herzschrittmacher, fühlende Prothesen und sonstige technische Hilfsmittel, die das Leid Betroffener lindern sollen. Die Verbesserung der Lebensqualität mittels umfassenden transdisziplinären und transversalen wissenschaftlichen Fortschritts ist erklärter Teil der Programmatik des Transhumanismus.

Doch erst vom Zustand des gesunden Menschen ausgehend, nimmt das trans­humanistische Utopia seine eigentlichen Konturen an und entfaltet sein konstitutives, für die transhumanistische Ideologie charakteristisches Konfliktpotential. Der Mensch an sich kann »besser« sein, so das Credo – intelligenter, schneller, robuster, vernetzter. Und zu guter Letzt vielleicht sogar unsterblich, wenn er sich mehr oder weniger bedingungslos und radikal mit Technologie auf- und umrüstet. Und wenn er damit seine bisherige Selbsterfahrung in noch unbekannte Gebiete hinein überschreitet. Das gilt für den gesunden Menschen im Prinzip ebenso sehr, ja noch viel mehr als für den kranken. Denn vom gesunden Körper ausgehend, so die – vielfach von Polemiken begleitete – transhumanistische Maxime, sei im Prinzip ein »höheres Niveau« des Enhancement erreichbar.

Der Transhumanismus träumt im Kern tatsächlich von einem »neuen Menschen«, den er nicht als einzelnen, sondern als »neue Menschheit« (neo-humanity) konzipiert, wie es der »Globale Zukunftskongress 2045« im März 2013 in einem offenen Brief an den damaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon formulierte (Global Futeres 2045). Darin forderten weltweit führende Philanthropen, wie James Martin, Mitgründer und Namensgeber der James Martin 21st Century School an der Universität Oxford, und Wissenschaftler, wie Anders Sandberg, die flächendeckende Umschichtung öffentlicher Mittel in den Technologiebereich, unter anderem zur Herstellung eines Technik-Mensch-Kontinuums, von dem man sich eine ganz neue menschliche Verfassung und Seinsqualität erwartet.

Die Mittel und Wege dazu sind vielfältig. Manche sind bereits Realität – etwa die gezielte Veränderung des Erbguts oder direkte Gehirn-Computer- und Gehirn-Maschinen-Schnittstellen (brain-computer interfaces und brain-machine interfaces), in denen sich Mensch, künstliche Intelligenz und Maschine zur Einheit verbinden. Andere Vorhaben sind ambitioniert, aber greifbar, wie etwa die 2017 vermutlich erstmals zum Versuch kommende Transplantation eines Kopfes (Head-Transplanting) (Benedikter, Siepmann, Reymann 2017). Wieder andere liegen zumindest aus heutiger Sicht noch in weiter Ferne, insbesondere Wege zur konkreten Überwindung des Todes, aber auch die nachhaltige Unterbrechung zellulärer Alterungsprozesse, die umfassende Cyborgisierung des Körpers oder die Entkoppelung von Körper und Geist mit anschließender Digitalisierung und Implementierung des Geistes (mind) in ein nicht-biologisches Substrat, auch bekannt als «Mind-Uploading« (ibid.) Logische wie philosophische Ungereimtheiten werden hierbei scheinbar ignoriert (so ist es zumindest zu bezweifeln, dass eine Trennung von Körper und Geist mehr sein kann als ein kartesisches Hirngespinst).

Wie ernst es den Transhumanist*innen jedoch mit der Erreichung ihrer Ziele zu einem wahrhaften »Qualitätssprung der Menschheit« ist, beweisen unter anderem die seit Jahren international aufsehenerregenden und viel diskutierten Visionen ihrer prominenten Vertreter, wie Nick Bostrom, Direktor des »Zukunft der Menschheit«-Instituts an der Universität Oxford und Berater des BRAIN-Projekts der US-Regierung unter Barack Obama, oder Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung beim nominell wertvollsten Konzern der Welt, Google. Bereits bei diesen Personalien wird eines deutlich: Transhumanismus ist keine Nischen-Ideologie von und für Science-Fiction-Liebhaber*innen. Es handelt sich um eine Ideologie, die von einflussreichen und finanzstarken Akteur*innen aus Politik, Wirtschaft und Forschung getragen und verbreitet wird. Nicht zufällig liegt ein Zentrum der Bewegung in der Technologie-Schmiede der USA, dem Silicon Valley. Und eine ihrer bis heute wichtigsten Institutionen und steingewordene Vision – die 2008 vom Unternehmer und Luftfahrtingenieur Peter Diamandis sowie von Ray Kurzweil gegründete Singularity University, eine Hochschule, die der Vorbereitung auf das erwartete Erwachen der Technik zu Selbstbewusstsein (Singularität) gewidmet ist – liegt auf dem Campus des ehemaligen NASA-Forschungsparks auf dem Moffet Airfield in Kalifornien.

Ambivalenzen der Bewegung

Auf den ersten Blick spricht manches dafür, dem Transhumanismus angesichts seiner zum Teil abenteuerlichen »Moonshot«-Visionen eine euphorische Naivität zuzuschreiben oder ihn gar zu verdächtigen, heraufziehende Gefahren zunehmender Technologie-Abhängigkeit zu übersehen. Doch handelt es sich nicht einfach um ein Sammelbecken technikobsessiver Soziopathen, die mit der berechenbaren Logik computergestützter Intelligenz mehr anzufangen wissen als mit jener des Menschen selbst. Der organisierte Teil der transhumanistischen Bewegung ist stets bemüht zu betonen, dass er sich in der Tradition des Humanismus sieht, in dessen Mittelpunkt die Würde des Menschen und seine bestmögliche Entfaltung stehen (Humanity+ o.J.).

Zur Realisierung einer wahrhaft »neo-humanitären« Gesellschaft in Form von Wissenschaft und Technologie seien allerdings die neuen Triebkräfte und Möglichkeiten der Technologie in die humanistische Geisteshaltung zu integrieren, was umgekehrt eine Selbstüberschreitung des traditionellen Humanismus voraussetze und damit einen Transhumanismus begründe. Zukünftige Entwicklungen auf bestmögliche Weise zu antizipieren und förderlich zu gestalten, ist die selbsterkorene Hauptaufgabe des Trans­humanismus. Was so simpel klingt, ist in der Praxis allerdings komplex und widersprüchlich – und im Einzelfall meist umstritten. Besonders deutlich zeigen sich tiefe Gräben zwischen bisherigem Humanismus und Transhumanismus im Themenfeld Sicherheit, Konflikt und Krieg.

Weniger Mensch = mehr Humanismus?

Auf der einen Seite sind transhumanistische Grundgedanken zu Mensch und Krieg nicht von vornherein abzuweisen. Es muss der Gedanke erlaubt sein, ob nicht gerade menschliche Leidenschaften immer wieder Konflikte befeuern, sobald es zu Sicht- und Meinungsunterschieden kommt. Angehörige des Militärapparates sollen sich demgegenüber möglichst professionell verhalten, besonders Soldat*innen. Professionell meint: möglichst leidenschaftslos. Könnte, wie es manche Transhumanist*innen vor allem innerhalb des Militärs erhoffen (Wallace 2015), der sich heute abzeichnende, verstärkte Einsatz autonomer Waffensysteme demnach dazu beitragen, das Quantum humanistischer Tendenzen in kriegerischen Konflikte zu vergrößern? Würden autonome, und das heißt intelligente, aber leidenschaftslose Waffen womöglich ein Zeitalter des »sauberen Krieges« einläuten, das schon so lange erhofft und noch länger herbeigeredet wird, nämlich spätestens seit dem Ersten Golfkrieg 1990/91? Die transhumanistische Vision einer »selbstaktiven« Technologie, die den Menschen vor allem in Gefahrsituationen ersetzt, scheint in diese Richtung zu weisen.

Im Kern geht es den Transhumanist*innen in der Tat um eine Humanisierung von Konflikten und Militär durch hyperintelligente Technisierung, etwa dadurch, dass in Zukunft »nur« noch Roboter beziehungsweise ferngesteuerte Maschinen gegeneinander kämpfen und die Menschen nach und nach physisch aus Konflikten und Kriegen verschwinden. Manchen Transhumanist*innen gelten daher »autonome« Waffensysteme als „Freund des Menschen“ (Toscano 2015). So wie es im Ansatz etwa der neue russische Kampfpanzer T-14 Armata vormacht, der auch für Neuentwicklungen des Westens als Vorbild dient – und vielen eben wegen seiner intelligenten Automatisierung bei nur mehr verbleibender Assistenzfunktion von Menschen Angst macht. Dasselbe trifft für die nächste Generation von Kampfflugzeugen und Tarnkappen-Kriegsschiffen zu, deren »Intelligenz« ebenfalls rasch zunimmt, wodurch immer mehr Aufklärungs-, Identifikations- und Kampfhandlungen automatisch – und damit schneller und menschen(halb)unabhängig – vorgenommen werden. Ähnliches gilt für selbststeuernde Systeme, die heute noch mehrheitlich im Versuchsstadium sind. Zu autonomen und selbststeuernden Systemen hat es seit 2015 zahlreiche Gesetzesdiskussionen gegeben, unter anderem auf Ebene der Vereinten Nationen, um sie in den meisten Kontexten zu ächten oder zu verbieten.

Transhumanist*innen sind zwar im Prinzip mehrheitlich gegen selbstentscheidende Systeme in Kriegen, zugleich aber für eine möglichst breite und umfassende zivile Mensch-Maschine-Konvergenz. Darin liegt ein Widerspruch. Die Beispiele sind zwar keineswegs durchgängig so düster, wie manche annehmen, aber durchgängig tiefenambivalent. Die Frage ist nämlich, ob, wenn zwei Roboter mit dem Kampf fertig sind und einer übrigbleibt, dieser dann nach Hause geht oder sich nicht im Gegenteil aufmacht, die hinter dem anderen Roboter stehenden Menschen zu vernichten, damit diese nicht einen neuen Gegner entsenden. Die transhumanistisch ersehnte Abwesenheit von Menschen aus dem Krieg wäre dann nur der erste Schritt, dem als zweiter die Vernichtung eben der hinter der Technologie stehenden Menschen folgen muss, soll denn der Krieg überhaupt den ihm intrinsischen »Sinn« und Zielpunkt, nämlich die Erzeugung eines Siegers und eines Verlierers, verwirklichen.

Sterben Konflikte aus, weil die Menschen aus ihnen verschwinden?

Ein Aussterben bewaffneter Konflikte ist durch das heute absehbare Verschwinden von Menschen aus Kriegen damit insgesamt kaum in Sicht. Und die Durchdringung der Schlachtfelder mit dem Geist der Humanität ist ebenfalls kaum zu erwarten. Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen und Zerstörungswut gehören zum Repertoire von Kriegshandlungen und resultieren in Angst, Traumatisierung, Verrohung und Hass von Menschen im Angesicht der Erfahrung des Todes, die den Krieg begleitet. Im Zweifel zu töten, bevor man selbst getötet wird, ist eine maßgebliche – menschliche und technische – Maxime im bewaffneten Konflikt.

Es ergibt sich daraus eine fundamental ambivalente Perspektive bezüglich des »transhumanistischen« Einsatzes autonomer Waffensysteme. Einerseits besteht Hoffnung auf Milderung des Leids der unmittelbar am Krieg Beteiligten, das heißt weniger tote Soldat*innen (was als logisch gelten muss, wenn immer weniger von ihnen Menschen sind) sowie weniger Tote und weniger Leid auf Seiten der Zivilbevölkerung aufgrund fehlender menschlicher Leidenschaften und daraus resultierenden unangemessenen Verhaltens“. So argumentiert etwa Ronald (Ron) Arkin, Professor am Georgia Institute of Technology und prominenter Befürworter des Einsatzes tödlicher autonomer Waffensysteme (Häusler 2017, Georgia Tech o.J.). Die Frage ist allerdings, ob Krieg nicht an und für sich selbst bereits »unangemessenes Verhalten« ist.

Auf der anderen Seite steht zu befürchten, dass weniger Grausamkeit und Leidenschaft im Krieg zu mehr Kriegen führt. Die Hemmschwelle zum Kampfeinsatz militärischer und politischer Entscheidungsträger*innen könnte sinken, wenn im Konfliktfall geringere menschliche Verluste zu erwarten und zu verantworten sind. Vorboten dieser Entwicklung finden sich in den Phantasien des heutigen US-Präsidenten Donald Trump, »kleine« Atombomben einsatzfähig zu machen und deren Einsatz »ethisch« zu legitimieren (Wellerstein 2016). Im gleichen Maße würde voraussichtlich die Unterstützung der Öffentlichkeit steigen, wenn »trans­humanistischer« Krieg durch weniger menschlichen Schaden seinen Schrecken verliert. Das Bild vom sauberen Krieg dank technischer Akkuratesse erhielte zweifellos neuen Auftrieb. Doch das wäre ein zweischneidiges Schwert, das sich letztlich gegen den Menschen wenden müsste.

Transhumanismus und Künstliche Intelligenz

Die Einschätzung der Auswirkungen der – sich gegenwärtig vielleicht am raschesten von allen Avantgarde-Technik-Branchen entwickelnden – Künstlichen Intelligenz (KI) scheint die Gretchenfrage in transhumanistischen Kreisen zu sein. Viele Intellektuelle der Technologie-Branche haben in den letzten Jahren diesbezüglich immer wieder öffentlich Bedenken geäußert. Die Liste reicht von Steve Wozniak und Bill Gates über Elon Musk bis zu Stephen Hawking. Sie alle sehen die Gefahr gegeben, dass sich der Mensch durch die Schöpfung künstlicher Intelligenz selbst abschafft, weil sich diese aus Gründen antizipativen Selbsterhalts gegen ihn wenden muss: Nur der Mensch kann »den Stecker ziehen«, und diese bloße Möglichkeit reicht aus, um ihn als Bedrohungsfaktor vorbeugend zu beseitigen.

Dieses Szenario, beschrieben unter anderem im Buch »Superintelligenz« von Nick Bostrom (2014, S. 117 ff.), so dramatisch es im schlimmsten Fall sein mag und so sehr wir daran durch Science-Fiction-Imaginationen wie »Terminator«, »Odyssee im Weltraum«, »Westworld« oder »Ex Machina« mittels Populärkultur bereits »gewöhnt« sind, ist vielleicht weniger unmittelbar realistisch, als es gefühlt der Fall zu sein scheint.

Trotzdem ist Künstliche Intelligenz, die in speziellen Fällen jene des Menschen übertrifft, längst allgegenwärtig. Vom Autopiloten im Flugzeug bis hin zu Schachcomputern: Es fehlt nicht an Intelligenz im Sinn von Rechen- und Verarbeitungsleistungen. Es fehlt aber (noch) an Bewusstsein. Alles bisher Existierende an Künstlicher Intelligenz ist bestenfalls die Illusion von selbstbewusstem Bewusstsein – also von Bewusstsein, das an jenes des Menschen heranreicht (ein primordiales Bewusstsein ist die »seelische« Reiz-Antwort-Reaktion, die auch bei Tieren gegeben ist, jedoch ohne »Ich«-Funktion und ohne »Ich«-Erfahrung).1

In dieser Hinsicht ist der menschliche Verstand leicht zu täuschen. Wo etwas Anzeichen intentionalen Handelns zeigt, da unterstellen wir Bewusstsein. Vom Stofftier bis zu Gott folgt dies derselben Logik, die nach Meinung von Evolutionsforschern auf eine Adaption zurückgeht, welche als „Agent detection“ (Barrett 2009) bezeichnet wird. Sie rührt daher, dass es dem Überleben zuträglicher ist, im raschelnden Busch einen Feind statt einen Windstoß zu vermuten. Ob ein menschenähnliches künstliches Bewusstsein in absehbarer Zeit erschaffen und dann auch für militärische Zwecke genutzt werden kann, steht empirisch besehen derzeit noch in den Sternen.

Human Enhancement und militärrevelante Technikinnovation

Es gibt jedoch avantgardistische Militärtechnologien, die bereits konkret existieren. Sie benötigen dringend öffentliche Regularien, die man für sie bisher sträflich vernachlässigt hat. Die Rede ist vom Überschneidungspunkt zwischen Human Enhancement und Militärtechnologie. Worum geht es?

Eine Möglichkeit, militärische Überlegenheit durch technologische Innovation herzustellen, besteht in verbesserter Ausstattung und überlegener Leistungsfähigkeit menschlicher Bodentruppen. So forscht etwa das Wyss Institute der Harvard Universität in Kooperation mit der US-amerikanischen Militärforschungsbehörde DARPA an Exoskeletten, auch Exo-Anzüge (Exosuits) genannt, die Soldat*innen leistungsfähiger machen sollen, sodass sie mehr Ballast über längere Distanzen tragen können (Ackerman 2015). In Kombination damit stehen bei praktisch allen Weltmächten auch intrusive Technologien auf der Agenda, etwa das (experimentelle) »Cortical Modem«, mittels dessen sich Informationen künftig direkt in den visuellen Kortex des Gehirns einspeisen lassen sollen, sodass Soldat*innen im Manöver, frei von externer Technologie, Daten direkt in ihrem Sichtfeld haben (Hewitt 2015). Eine derartige Gehirn-Computer-Schnittstelle soll, soweit erforderlich, auch in entgegengesetzter Richtung funktionieren und langfristig die Steuerung von Robotern mittels Gedanken ermöglichen.

Der Ansatz zur Steigerung menschlicher Kapazitäten, gleich ob durch Exoskelette, intrusive Technologien oder durch den Einsatz verhaltensverändernder oder leistungssteigernder Pharmazeutika, wie bereits seit Jahren erprobt und von militärischen Abkommen bisher kaum erfasst, dürfte in Zukunft kaum vollständig zu verhindern sein. Dies erstens, da Human Enhancement eine wachsend große Bandbreite technologischer Anwendungsoptionen umfasst und das Feld daher kaum zu überschauen, geschweige denn flächendeckend zu kontrollieren ist. Zweitens, da vorab nicht mit Sicherheit zu erahnen ist, was von entstehenden transhumanistischen Optionen in welchem Umfang als rüstungsrelevant einzustufen ist. Viele möglicherweise rüstungsrelevante Innovationen kommen heute aus dem medizinischen Bereich und mehr denn je aus dem Bereich der Unterhaltungsindustrie. Deren Forschungen und Produkte aufgrund möglicher militärischer Nutzbarkeit zu ächten, ist rechtlich transnational kaum durchzusetzen. Dies induziert ein weiteres Problem, nämlich dass neben staatlichen Akteuren immer mehr Innovationen aus dem transnationalen privatwirtschaftlichen Bereich kommen, was effektive Kontrollen erschwert.

Dies gilt zum Beispiel für den Bereich der Konvergenz von Automation und Robotik. Die militärische Relevanz dieser Konvergenz hinsichtlich des Einsatzes tödlicher autonomer Waffensysteme ist sicher weniger uneindeutig, als das für das Prinzip des Human Enhancement als solchem der Fall ist. Ein Beispiel ist etwa das seit 2013 zum Google-Imperium gehörende Robotik-Unternehmen Boston Dynamics. Es baut seit 2012 humanoide Roboter des Typs Atlas. Wie Atlas soll auch der vierbeinige Cheetah mit Spitzengeschwindigkeiten von fast 50 km/h und einer Traglast von rund 150 kg der Unterstützung herkömmlicher Soldaten im Einsatz dienen, diese laut offizieller Darstellung aber bis auf Weiteres nicht ersetzen (Boston Dynamics o.J.; Ackerman und Guizzo 2016). Offiziell steht der Einsatz für Bergungsarbeiten und andere Dienste im Vordergrund, nicht der Kampfeinsatz. Trotzdem könnten sich aus diesen Prototypen unter veränderten politischen, rechtlichen und internationalen Bedingungen Elemente für die Entwicklung von Killerrobotern ergeben (Krishnan 2016).

Das Militär als Gesellschaftsindikator

Fazit? Der Grundtrend zu mehr »trans­humanistischer« Technologie in Konflikt und Krieg ist heute unzweifelhaft gegeben. Inwieweit die künftigen Technologien tatsächlich autonom agieren und Entscheidungen über Leben und Tod fällen werden, ist neben der rechtlichen vor allem eine Frage der Autonomie-Definition – worin die wahrscheinlich größte Hürde auf dem Weg zur Ächtung möglicher Killerroboter liegt, sofern überhaupt gewollt. Das in der Praxis größte Problem für ein generelles Verbot autonomer Waffensysteme liegt nämlich darin, dass die Grenze zwischen automatisch und autonom fließend und eine allgemeingültige begriffliche Klärung daher kaum möglich ist. Eine strenge Auslegung des Feldes im Rahmen der Genfer Waffenrechtskonvention ist kaum zu erwarten, auch, weil das militärische Interesse an Neuentwicklungen und ihren vielseitigen Potentialen zu groß sein dürfte.

Das größte Problem bei alledem sind nicht die Absichten der Transhumanist*innen, von denen die Mehrheit für die Ächtung oder zumindest für die starke Beschränkung autonomer Waffensysteme plädiert (Russell, Tegmark, Walsh 2015) – die sie allerdings für schwer durchsetzbar hält, da es noch keine Weltregierung gibt (und auf absehbare Zeit geben wird), welche das „Dunkel gegenwärtiger Politik und Ethik“ hinsichtlich des Zusammenflusses von Transhumanismus und Militär in gemeinsamer und geregelter Weise aufhellen könnte (Bostrom 2006). Das Bedrohliche ist eher die aktuelle internationale politische Logik, mit der die Technologisierung von Konflikt und Krieg vorangetrieben wird. Während in einer Welt des regressiven Trends zurück zu Nationalstaaten der eine mit sich hadert, ist ein anderer schon einen Schritt weiter gegangen. Die Angst, abgehängt zu werden, begleitet jede einzelne Entscheidung für oder gegen den Einsatz neuartiger Technologie. Eine Logik, die schnell zu einem Wettrüsten in jedem Lebensbereich führt, unter Individuen wie auch unter Staaten. Dies gilt sicher nicht zuletzt auch im militärischen Bereich, dessen innere Logik stets den Zwang ergibt, technologische Überlegenheit anzustreben. Ein starkes militärisches Interesse am Potential auf den Gebieten des Human Enhance­ment in ihrer Verbindung mit (halb-) autonomen Waffensystemen ist daher beinahe selbstredend.

Folgerichtig investieren alle großen Weltakteure beachtliche Mittel in entsprechende »transhumanistische« Militärprojekte. 2015 etwa stellte Russland der Öffentlichkeit seinen bereits erwähnten neuen Panzer Armata T-14 vor, der weltweit als Schritt in eine neue Qualität der Automatisierung und damit als Entwicklungsvorbild gilt. Der T-14 verfügt in der Standard-Version über einen ferngesteuerten Waffenturm, soll künftig aber auch komplett automatisiert als Drohnen- oder Roboter-Panzer agieren können (Odrich 2015). Die israelische HARPY-Drohne kann, so ihr Hersteller, aufgrund fortgeschrittener Intelligenz und Entscheidungsfähigkeit selbständig feindliche Radarsysteme erfassen und ohne expliziten Befehl angreifen (Israel Aerospace Industries IAI o.J.). Die Liste ließe sich nahezu beliebig fortführen, da praktisch alle Waffensysteme auf dem Weg zur Kombination von Intelligenz und »Selbsttätigkeit« (im erweiterten und unscharfen Sinne) sind.

Deutlicher denn je entwickelt sich so im globalen Kontext eine technologische Schieflage, die über das Problem ungleicher militärischer Mittel hinaus eine Entwicklung vorwegnimmt und antreibt, die global auch gesamtgesellschaftlich zu befürchten ist. Es geht um die große Zeitfrage wachsender Ungleichheit an Mitteln, Fähigkeiten und Ressourcen, weit über jene militärischen Charakters hinaus. Während ein Teil der Menschheit mittels Technologie die bisherigen Grenzen des Menschseins überschreitet, lebt ein anderer, vermutlich sehr viel größerer Teil ohne Zugang zu solchen Möglichkeiten und sieht sich nach wie vor konfrontiert mit allzu menschlichen, existentiellen Problemen wie Hunger, Armut, Krankheit und Tod. Das gilt auch für Konflikt und Krieg.

Ausblick

So scheint heute die Konsequenz auch übereifriger Technologiegläubigkeit die zunehmende Spaltung der Menschheit in zwei Lager und in eine Welt mit zwei Geschwindigkeiten zu sein. Der »Trans­humanismus« mag sich als Erbe oder gar Weiterentwicklung des klassischen Humanismus verstehen: Er trägt mit seinem beharrlichem Drängen auf universale Technologisierung von Mensch, Umwelt und Konflikt indirekt zu dieser Entwicklung bei und verschärft damit das globale Gefälle der Ungleichheit.

Bei all diesen Überlegungen ist Trans­humanismus jedoch keine homogene Philosophie; und Technologie ist trotz zum Teil zweifelhafter »transhumanistischer« Euphorie per se weder gut noch schlecht. Sie ist vielmehr Erweiterung und Ergänzung menschlicher Handlungsoptionen. Ihre Hervorbringung, Weitergabe und Weiterentwicklung ist vielleicht das wesentliche Element menschlicher evolutionären Entwicklung. Technologie ist Werkzeug. Und wie in jedem Fall von Werkzeuggebrauch hängt das Ergebnis auch in Konfliktsituationen von zwei Faktoren ab: erstens von der Kompetenz, das Werkzeug wirksam und angemessen einzusetzen; zweitens von der Intention und Integrität der Benutzer*innen.

Es ist demnach auf lange Sicht vermutlich weniger entscheidend, welche Technologie zur Verfügung steht, und möge sie auch noch so furchteinflößend sein. Entscheidend ist eher, dass sie in unserer, in Menschen-Hand liegt – und dass sie damit genauso ambivalent ist wie der Mensch selbst.

Anmerkungen

1) Ein gutes, allerdings mittlerweile bereits etwas in die Jahre gekommenes Beispiel ist der humanoide Roboter BINA48 (Erstentwicklung 2010) von Hanson Robotics: hansonrobotics.com/robot/bina48/.
http://www.hansonrobotics.com/robot/bina48/

Literatur

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Ackerman, E.; Guizzo, E. (2016): The Next Generation of Boston Dynamics‘ ATLAS Robot Is Quiet, Robust, and Tether Free. IEEE Spectrum, 24.2.2016.
http://spectrum.ieee.org/automaton/robotics/humanoids/next-generation-of-boston-dynamics-atlas-robot

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http://jnslp.com/2015/05/08/friend-of-humans-an-argument-for-developing-autonomous-weapons-systems/.

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http://www.kurzweilai.net/the-proposed-ban-on-offensive-autonomous-weapons-is-unrealistic-and-dangerous

Wellerstein, A. (2016): No one can stop President Trump from using nuclear weapons – That’s by design. The Washington Post, 1.12.2016.
https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2016/12/01/no-one-can-stop-president-trump-from-using-nuclear-weapons-thats-by-design/?utm_term=.9d0b95614293

Wyss Institute: Soft Exosuits; wyss.harvard.edu.
https://wyss.harvard.edu/technology/soft-exosuit/

Alexander Reymann ist unabhängiger Wissenschaftler und freier Autor. Roland Benedikter, Dr. Dr. Dr., ist Forschungsprofessor für Multidisziplinäre Politikanalyse am Willy Brandt Zentrum der Universität Breslau, Research Affiliate an der Stanford Global Studies Division und Global Futures Scholar an der Europäischen Akademie Bozen. Gemeinsam sind sie Verfasser der folgenden Abhandlung; »Head-Transplanting« and »Mind-Uploading« – Philosophical Implications and Potential Social Consequences of Two Medico-Scientific Utopias« (2017, Review of Contemporary Philosophy, Volume 16, S. 38-82).

in Wissenschaft & Frieden 2017-4: Eingefrorene Konflikte

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