in Wissenschaft & Frieden 2017-2: Flucht und Konflikt

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Umkämpfte Erinnerungen an Hiroshima

von Annette Ripper

Barack Obama war seit dem Atombombenabwurf auf das Zentrum von Hiroshima am 6. August 1945 der erste US-Präsident, der die Stadt besuchte. In seiner Rede verwies er auf die Bedeutsamkeit der Erinnerung an die verheerenden Folgen, da Erinnerung ein Umdenken ermögliche (Obama 2016). Erinnerungsarbeit ist jedoch ein komplexer Prozess, der eng an die Konstruktion von Identität gebunden ist, entweder die eines Einzelnen oder die eines Kollektivs. Dieser Beitrag beleuchtet anhand des Briefwechsels von Claude Eatherly, einem ehemaligen Major der US Army Air Force, mit dem österreichischen Philosophen Günther Anders und der daran anschließenden Debatte ein Stück dieser Erinnerungsarbeit, die an der Schnittstelle von Erinnerung und Gegen-Erinnerung, Identität und politischer Machtausübung angesiedelt ist.

Das philosophische Werk von Günther Anders bezieht sich in besonderer Weise auf die Ungeheuerlichkeit von Nuklearwaffen. Anders‘ Entsetzen über die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki haben sich tief in seine Arbeit und seine Aktivitäten eingeschrieben. Entwicklung und Einsatz der Atombombe markieren für ihn eine klare Zäsur im Beziehungsgefüge zwischen Mensch und Technik und zwar insofern, als der Mensch mit dem Einsatz der Technik potentiell in die Lage versetzt wird, seinen eigenen Untergang herbeizuführen. Anders stellt folgende Thesen auf, die für ihn in diesem Stadium der Technikentwicklung charakteristisch sind und die insgesamt die »Antiquiertheit des Menschen«, so der Titel seines zweibändigen Hauptwerks, ausmachen: „daß wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; daß wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können; und daß wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen, nein: zu sollen, nein: zu müssen“ (Anders 1985, Vorwort zur 5. Auflage).

Die erste These ist gekoppelt an das, was Anders als „prometheische Scham“ (ebd., S. 23) bezeichnet und was sich auf das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt bezieht und dieses Verhältnis verändert. Das Subjekt als Natürliches, Menschliches, empfindet Scham gegenüber der kalkulierbaren, immer gleich bleibenden leistungsintensiven Kraft der technischen Apparate, Maschinen und Objekte. Das ungeheure Destruktionspotential, die berechenbare Exaktheit und die Reichweite technischer Produkte übersteigen die menschlichen Fähigkeiten um ein Vielfaches, weswegen der Mensch sich seiner Unterlegenheit schämt und daher, so Anders, „zum Hofzwerg seines eigenen Maschinenparks“ (ebd., S. 25) werde. Diese, auch als „prometheische[s] Gefälle“ (ebd., S. 25) bezeichnete Distanz zwischen dem Vermögen der technischen Produkte und dem der Menschen verändere sich und werde größer – und zwar nicht nur, weil die Technik immer mehr kann als der Mensch, sondern auch, weil damit eine Diskrepanz zwischen »Herstellen« und »Vorstellen« einhergeht: „Daß wir nämlich mehr herstellen können, als wir vorstellen können; daß die Effekte, die wir mit Hilfe unserer von uns selbst hergestellten Geräte anrichten, so groß sind, daß wir für deren Auffassung nicht mehr eingerichtet sind.“ (Jungk 1961, S. 19)

Anders sah seine These in der seelischen Verfassung und der Zustandsveränderung des am militärischen Einsatz der Hiroshima-Bombe beteiligten Majors Eatherly bestätigt. Dieser war Pilot der Flugzeugcrew, die vor dem Bombenabwurf die Wetterbedingungen über Hiroshima erkundete und die dafür benötigten guten Sichtverhältnisse meldete. In den Tagen nach der Explosion der Bombe war Eatherly sehr still und auffallend verschlossen. In den folgenden Jahren wurde er durch skurrile Vergehen mehrfach straffällig, aus der Armee entlassen und nach zweifach versuchtem Suizid wiederholt – angeblich freiwillig – in der psychiatrischen Abteilung eines Militärkrankenhauses in Texas untergebracht. Die biografische Entwicklung Eatherlys erregte Aufsehen und wurde medial bekannt. Anders wurde durch einen »Newsweek«-Artikel von 1957 auf Eatherly aufmerksam und beschloss, ihn zu kontaktieren. Er schrieb Eatherly im Juni 1959 einen Brief, in dem er ihm seine Überlegungen zur neuartigen moralischen Situation, in die die Nuklearwaffen die Menschheit versetzt hatten, darlegte.

Der Effekt der Nachträglichkeit – eine eindringliche Korrespondenz

Dieser Brief bildete den Auftakt einer eineinhalb Jahre andauernden und 71 Briefe umfassenden Korrespondenz, die 1961 von Robert Jungk herausgegeben und einer größeren Leserschaft zugänglich gemacht wurde (Jungk 1961). Für Anders war Eatherly „schuldlos schuldig“ (ebd., S. 17 und 66) geworden, er war ein kleiner Teil eines komplexen Ganzen, ein Rädchen im Getriebe, das diesen Wahnsinn möglich machte. Und gerade weil Eatherly verhaltensauffällig war und offenbar an der Verarbeitung des Unvorstellbaren scheiterte, war er Anders zufolge Täter und Opfer zugleich und damit ein „Symbol der Zukunft“ mit der Funktion eines „Kronbeispiels“ (ebd., S. 17) für die grausame Wirkung und Rückwirkung der Bombe, die nicht nur unmittelbar durch sie Betroffenen unvorstellbare physische und psychische Verletzungen zufügt, sondern auch denjenigen, die sie gegen andere einsetzen. Eatherlys sonderbares Verhalten war der Beleg für die Gewissenskonflikte, die durch die Beteiligung an der Ermordung mehrerer Hunderttausend Menschen ausgelöst werden, die sich durch eine Einzelperson nicht bewältigen lassen und sich in Schuldgefühlen äußern, die ein Ventil brauchen, welches entweder ihre Anerkennung oder ihre Substitution sein muss. Für Anders war dieser Umstand nicht zuletzt darin sinnfällig geworden, dass Eatherly versucht hatte, sich durch eine Reihe krimineller und pseudo-krimineller Aktivitäten schuldig zu machen.1 Das Verhalten Eatherlys erlaubte damit im Rückschluss auf seine Beteiligung an der »Hiroshima-Mission«, den Einsatz der Atombombe als „schuldhafte Tat“ (Coulmas 2005, S. 7) zu klassifizieren.

Im US-amerikanischen Erinnerungsdiskurs wird der Einsatz hingegen bis heute nicht als schuldhaft anerkannt, denn sonst hätte sich Präsident Obama bei seinem Besuch in Hiroshima im Mai 2016 entschuldigen können und müssen. Wenig verwunderlich also, dass Eatherly der Schuldspruch für seine kriminellen Handlungen verwehrt wurde und er von der Justiz nicht belangt, sondern für krank erklärt wurde. Vermutlich 1947, nach seiner Entlassung vom Militär, wurde er in ein Krankenhaus für ehemalige Armeeangehörige in Waco, Texas, eingewiesen (ebd., S. 65).2 Man attestierte dem ehemaligen Air-Force-Piloten einen manischen Zustand“, der Auslöser für einen „Schuldkomplex“ (ebd., S. 90 und 122) gewesen sei, und entkoppelte damit die Relation zwischen Krankheitsbild und Bombenabwurf.

Anders kritisiert diese Diagnose nicht nur im Hinblick auf die Trennung von Ursache und Wirkung, sondern verweist auch auf die Problematik des Terminus »Schuldkomplex«. Durch dessen Verwendung würde der an reale Ereignisse gekoppelten Erfahrung von Schuld die Grundlage entzogen und nahegelegt, das Schuldgefühl sei einzig das Ergebnis oder die Begleiterscheinung eines schon zuvor existenten krankhaften psychischen Zustandes (ebd., S. 122 f.). Ob Eatherly tatsächlich schon vor Hiroshima psychisch angegriffen war, wie einige Autoren – darunter Huie (1964) – behaupten, lässt sich hier nicht entscheiden. Dass aber die US-Regierung Interesse daran hatte, die Glaubwürdigkeit desjenigen Piloten zu untergraben, dessen Einsatz eine Voraussetzung für den Abwurf der Atombombe von Hiroshima war, darf als wahrscheinlich gelten.

Die mediale Aufmerksamkeit des Falls Eatherly war mit dem Briefwechsel zwischen dem Piloten und dem Philosophen stark angestiegen. Zudem war Anders schon früh mit der Veröffentlichung einzelner Briefe befasst, lange bevor die von Jungk herausgegebene gesamte Korrespondenz publiziert und in mehrere Sprachen übersetzt wurde (ebd., S. 25 f.).3 Und auch Eatherly war offenbar bereits vor seiner Einweisung an die Öffentlichkeit getreten, um sich für Frieden und gegen atomare Rüstung einzusetzen (ebd., S. 25). Während des Austauschs mit Anders waren Filmproduzenten an Eatherly herangetreten, die seinen Werdegang verfilmen wollten. Anders riet ihm ab, solche Angebote ernst zu nehmen: „Wir dürfen die Gefahr nicht unterschätzen, daß Sie, der wirkliche Mensch, in einen hübsch lächelnden Schauspieler verwandelt werden könnten, also in eine harmlose Figur, die nicht dem Ernst der Wirklichkeit zugehört, sondern der Welt des bloßen Scheins. Sie wissen genau so gut wie ich, daß es Machtgruppen gibt, die an einer solchen Verwandlung interessiert wären, und denen nichts willkommener wäre, als wenn sie Sie unter Ihrem glamour begraben könnten.“ (ebd., S. 40 f.)

Stattdessen riet er ihm, selbst als Schriftsteller tätig zu werden und seine Biographie als einen „Akt der Selbstheilung“ (ebd., S. 58) niederzuschreiben. Anders sorgte sich um den Zustand Eatherlys, der wiederholt behauptete, man wolle ihn ins Militär-Krankenhaus Walter Reed verlegen (ebd., S. 58). Möglicherweise war eine Verlegung eine Reaktion auf die wachsende Popularität Eatherlys, der Unmengen an Post erhielt, darunter „Berge von Briefen aus Japan“ (ebd., S. 56). Besonders hervorzuheben ist hier der Brief der »Hiroshima Girls«, die sich, selbst versehrt und für den Rest ihres Lebens durch Entstellungen und Narben gekennzeichnet, an ihn wandten, um ihm ihr tiefes Mitleid“ zu übermitteln und ihn wissen zu lassen, dass sie „in gar keinem Sinne Feindschaft empfinden“ und ihm wünschen, dass er „bald vollkommen gesunden“ möge (ebd., S. 38 f.). Dieses beeindruckende Dokument ist nur ein Beispiel für viele versöhnliche Briefe, die Eatherly aus Japan erreichten.

Erinnerungsdiskurse

Der offizielle Erinnerungsdiskurs in Hiroshima ist heute bestimmt durch Gedenken an die Opfer, obgleich es für sie ein langer und mühsamer Weg war, als solche anerkannt zu werden.4 Mit moralischen und politischen Anklagen zurückhaltend bleibt das Erinnern an die Massenvernichtung von etwa 140.000 Menschen eher auf die humanitäre Katastrophe bezogen. So haben die Atombombenabwürfe als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (ebd, S. 92) neben der Shoah Eingang in die Geschichtsbücher gefunden. Der japanische Historiker Hiroshi Hasegawa konnte aber anhand bislang unbekannter Dokumente den beabsichtigt experimentellen Charakter der »Mission« belegen und aufzeigen, dass aufgrund von Manövern des Trägerflugzeuges vor dem Abwurf die Opferzahl von Hiroshima um geschätzte 70.000 Menschen erhöht wurde (Knauß 2009).

Das verleiht der Frage nach dem »Warum«zusätzlich Brisanz. Japan hatte jahrzehntelang auf kriegsstrategische Gründe der USA und auf die militärische Lage im Zweiten Weltkrieg verwiesen. Der Japanologe Coulmas kommt zu der Einschätzung, dass sich aktuell ein Wandel im Erinnern an Hiroshima ankündigt. Die im kollektiven Gedächtnis Japans seit den 1960er Jahren verankerte Selbstbeschreibung als „einzig[e] vom Atomtod heimgesuchte Nation“ (Coulmas 2005, S. 28) scheint an Eindringlichkeit zu verlieren, ebenso wie die mediale Aufmerksamkeit für erinnerungskulturell geprägte Veranstaltungen. Das äußert sich nicht zuletzt darin, dass die lange durch die Bombardierung geprägte pazifistische Einstellung Japans aufzuweichen beginnt (siehe dazu den Artikel »Zivilklausel auf japanisch« von Hartwig Hummel in dieser W&F-Ausgabe) und vereinzelt sogar die Anschaffung eigener Atomwaffen angeregt wird (ebd., S. 110 und 114).

Was die USA betrifft, so wird die Frage des »Warum« kurze Zeit nach der Katastrophe mit der Rettung von Menschenleben sowie der schnellen Beendigung des Krieges begründet. Der damalige Präsident Truman sprach einmal von „500.000 geretteten US-Leben“ (Bernstein 1986), ein anderes Mal sogar von einer Million. Gemeint sind mit diesen Zahlen US-Soldaten, die bei einer konventionellen Eroberung Japans wohl ihr Leben verloren hätten. Für diese Zahlen gibt es aber keine Grundlage, und diese Begründung stieß von Beginn an auf Widerspruch.

Der US-amerikanische Historiker Gar Alperovitz trug andere Einschätzungen zusammen, etwa von General Eisenhower, damals Oberkommandierender der in Europa stationierten US-Truppen, vom damaligen Stabschef Admiral William Leahy und aktuelleren Datums auch von J. Samuel Walker, dem ehemaligen Historiker der U.S. Nuclear Regulatory Commission. Sie alle waren sich einig, dass die Bomben weder zur Rettung von Menschenleben beitrugen, noch in irgendeiner Weise kriegsstrategisch gerechtfertigt werden konnten. Im Gegenteil. Leahy bekannte:„Die Japaner waren bereits besiegt und bereit, sich zu ergeben […] Der Einsatz dieser barbarischen Waffe gegen Hiroshima und Nagasaki war keine substanzielle Unterstützung in unserem Krieg gegen Japan […] Da wir sie als Erste benutzt haben, […] haben wir einen ethischen Standard übernommen, der dem der Barbaren des finsteren Mittelalters gleicht. Mir wurde nicht beigebracht, auf diese Weise Krieg zu führen, und Kriege können nicht gewonnen werden, indem man Frauen und Kinder vernichtet.“ (zitiert nach Alperovitz 1990, S. 29)

Verhindert hat Leahy den Abwurf der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki dennoch nicht, obgleich er und andere, darunter namhafte Physiker wie Leo Szilard, vom Einsatz abrieten. Leahy wies Truman schon im Juni 1945 darauf hin, dass „eine Kapitulation von Japan unter Bedingungen herbeigeführt werden kann, die für Japan akzeptabel sind und gänzlich zufriedenstellende Regelungen für Amerikas Verteidigung gegen eine künftige transpazifische Aggression einschließen“ (ebd., S. 24).

Alperovitz zufolge waren machtstrategische Gründe gegenüber der Sowjetunion für den Einsatz der Bomben ausschlaggebend (ebd., S. 23). Nach der Kapitulation Japans wurde von den US-Besatzern eine Zensur über alle Hiroshima und Nagasaki betreffenden Aspekte verhängt, die nicht nur die Opferversorgung erschwerte, sondern auch die Auseinandersetzung und den Erinnerungsdiskurs behinderte. Etabliert wurde vielmehr eine Gegenerinnerung, in der sich die Erzählung von einem „gerechten Krieg“ (Coulmas 2005, S. 116), in dem die Atombomben zum sofortigen Kriegsende geführt und Leben gerettet hätten, bis heute verfestigt hat (ebd., S. 96).

In den USA besteht bis in die Gegenwart ein starkes Interesse, diese Erzählung zu stützen. Dies zeigte sich an der Debatte um den Besuch Obamas in Hiroshima, die von Republikanern und Veteranen angestoßen wurde (ebd., S. 32f), sowie exemplarisch im Streit um die von der Smithsonian Institution geplante Ausstellung zum 50-jährigen Kriegsende im Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington D.C. in den 1990er Jahren. Die Kuratoren hatten Hiroshima und Nagasaki um Exponate für die Ausstellung gebeten, die diese bereitwillig zur Verfügung stellten und die der Anlass heftiger Kontroversen wurden. Veteranenverbände und konservative Politiker waren gegen die Ausstellung von Exponaten, die Anlass geben könnten, das oben gezeichnete US-amerikanische Erinnerungsbild in Frage zu stellen. In dieser schließlich im Kongress verhandelten Debatte setzte sich am Ende die konservative Meinung durch, und die Ausstellung wurde abgesagt (ebd., S 32 f.). Teil dieser Ausstellung sollte auch der vollständig restaurierte B29-Bomber »Enola Gay« sein, mit dem die »Little Boy« genannte Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde.

Tibbets vs. Eatherly

Die mit der Namensgebung vorgenommenen Verharmlosungen und Personifikationen dieser todbringenden Artefakte stützen die Gegenerinnerung in den USA, die längst Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses geworden ist. Enola Gay hieß die Mutter des Piloten Paul Tibbets, der das Trägerflugzeug der Hiroshima-Bombe flog. Anders als Eatherly, der die Wetterbedingungen auskundschaftete und das „go ahead“ (Jungk 1961, S. 44) an Tibbets Besatzung gab, versicherte Tibbets bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2007, dass er keine Gewissensbisse hatte und auch nicht habe. In einem Bericht des »Independent« schrieb der Journalist David McNeill: „Paul Tibbets, der Pilot der »Enola Gay«, sagte auch, dass die Bombe Leben gerettet habe. Auf die Frage, ob er es bereue, sagte er: ‚Ach was, auch nicht, wenn ich nochmals darüber nachdenke. Unter den selben Umständen, verdammt, ja, ich würde es wieder tun.’“ (McNeill 2005)

1960, zur Zeit des Briefwechsels zwischen Anders und Eatherly, erschienen etliche Dokumentationen über die Crew der »Enola Gay«, so etwa in »Coronet«.5 In der August-Ausgabe der Zeitschrift wird unter dem Titel »15 Years Later: The men who bombed Hiroshima«6 ein Portrait der Crew abgedruckt, dem ein großes Foto der Besatzung vorangestellt ist. Es zeigt zwölf junge Männer in Uniformen, die, in zwei Reihen hintereinander aufgestellt, lachend in die Kamera blicken. Alles „handverlesene Experten, ausgewählt für ihre Intelligenz, emotionale Stabilität und Disziplin“ (ebd., S. 79) – Charaktereigenschaften, die allen bei ihren erfolgreichen Nachkriegskarrieren geholfen hätten. Und für alle steht trotz unterschiedlicher Meinungen in Detailfragen eines fest: „sie sind sich in dem Punkt einig, ob sie das Gleiche wieder tun würden“ (ebd., S. 89). Danach folgen 14 Seiten Ausschnitte aus Interviews mit den einzelnen Crewmitgliedern, mit größer gedruckten Anmerkungen am Rand für diejenigen Leser*innen, die sich nicht die Mühe machen, den vollständigen Artikel zu lesen. Dort nimmt der ungenannte Autor der Zusammenfassung auch Bezug auf Gerüchte, die im Umlauf seien: „Es gingen Gerüchte um, dass Unglück, Gewissensbisse und sogar Wahnsinn die Männer, die die Bombe abwarfen, wie ein Fluch verfolgte. Diese Geschichten waren nicht wahr. Ein Mitglied einer Aufklärungsmission, die vor dem Angriff auf Nagasaki [sic!] im Einsatz war, ist zwar in einer Nervenheilanstalt, den Crewmitgliedern der »Enola Gay« geht es aber prächtig.“ (ebd., S. 89)

Der Bezug auf Eatherly ist deutlich. Die Leser*innen werden hier geschickt gelenkt. Der Gedanke, dass sich im „mental hospital“ ein Patient aufhält, der die »Hiroshima-Mission« als Ganzes in Frage stellt, scheint hier völlig abwegig. Dies wird verstärkt durch die folgende Äußerung Tibbets, des Bomberpiloten von Hiroshima, Ich habe absolut kein Schuldgefühl, ganz entgegen einiger Berichte, in denen behauptet wurde, dass ich im Irrenhaus sei, weil mich wegen dieser Sache Gewissensbisse plagten. Ich glaube nicht, dass irgendjemand kämpferische Aktivitäten im Gefecht persönlich nehmen sollte. Ich wurde angewiesen, es zu tun. Wenn ich angewiesen würde, so etwas heute zu tun, ich habe in den vielen Jahren Militärdienst gelernt, Befehle zu befolgen, also würde ich sie fraglos befolgen.“ (ebd. S. 90)

Immerhin eines der Besatzungsmitglieder spricht einen Wunsch aus, der hier nicht unerwähnt bleiben soll: „Ich hoffe, dass bald alle Nationen diese Bombe ächten werden, so, wie sie Giftgas geächtet haben.“ (ebd., S. 96) Es bleibt die einzige Aussage dieser Art in dem Text.

Vier Jahre nach dem »Coronet«-Text erschien »The Hiroshima Pilot« (1964) von William B. Huie, einem Journalisten, der ebenfalls auf den Fall Eatherly aufmerksam geworden war und ein beträchtliches Materialienkonvolut – bestehend aus Interviews, militärischen Führungszeugnissen, Tonbandaufnahmen von Freunden, Familie und Kollegen – zusammengetragen hatte, das belegen sollte, dass Eatherly keineswegs der von seinem Gewissen gepeinigte und zum Pazifisten geläuterte Bomberpilot sei. Vielmehr sei er ein anerkennungssüchtiger Betrüger, dessen Angststörung wohl eher daher rührte, dass er für den Angriff auf Nagasaki und später für den Abwurf der Testbombe auf den Bikini-Atoll nicht berücksichtigt worden sei. Günther Anders warf Huie vor, Eatherly zu einer Symbolfigur stilisiert zu haben, die eher einem Wunschbild entspreche als den Tatsachen. Anders wies das entschieden zurück und unterstellte seinerseits Huie, er habe sich kaufen lassen (Zimmer 1964).7 Huie wurde außerdem von anderen Journalisten vorgeworfen, die teilweise zweifelhaften und nur mündlich gegebenen Gegendarstellungen voreingenommen und zu unkritisch widergegeben zu haben (ebd.).

Ausblick

Was letztlich im Fall Eatherly Wahrheit ist und was nicht, lässt sich kaum beurteilen. Doch dass Geschichtsschreibung und Erinnerung konstruktive Prozesse sind, sollte mit den obigen Ausführungen belegt werden. Daher steht in diesem Zusammenhang weniger die Frage nach der ultimativen Wahrheit im Vordergrund, sondern vielmehr die nach den Schlussfolgerungen, die wir aus der Korrespondenz zwischen Anders und Eatherly für unser heutiges Denken und Handeln ziehen. Was diese Korrespondenz ermöglicht hat, war eine Reflexion über den ersten beabsichtigten Einsatz einer Massenvernichtungswaffe, die den Tod von mehreren Hunderttausend Menschen mit sich brachte,. Die genaue Zahl ist bis heute unbekannt (Althaus 2015). Schätzungen liegen bei 140.000 getöteten Menschen bis Ende des Jahres 1945. Fünfzig Jahre später werden Opferzahlen für Hiroshima in einigen Publikationen mit insgesamt über 200.000 angegeben (Schleusener 2004, S. 20), in anderen ist sogar von 350.000 Opfern die Rede, einschließlich derer, die teilweise ihr Leben lang mit den Folgen kämpf(t)en (Coulmas 2005, S. 18). Eine angemessene Aufarbeitung war zeitgenössisch durch Zensurmaßnahmen behindert worden, und zu schnell war die Weltgemeinschaft in der Nachkriegsgeschichte durch neue Bedrohungslagen und durch die Aufarbeitung anderer Gräueltaten abgelenkt.

Die Ausführungen wollten auch zeigen, dass das Erinnern ein umkämpfter Prozess ist, der von US-Seite bis heute entschieden geführt wird. Die Eatherly-Briefe ermöglichten einen trostspendenden Austausch mit den Opfern einer Katastrophe, denen lange die Anerkennung verweigert wurde und deren Leid durch die zensurbestimmte Informationspolitik der US-Besatzer lange Zeit im Verborgenen blieb. Und selbst wenn Anders mehr in Eatherly gesehen hat – ist dieser Umstand nicht Ausdruck für die Wünschbarkeit einer Vision, an die es damals wie heute zu glauben lohnt?

Anders‘ oft als kulturpessimistisch bezeichnete Philosophie steht im Zeichen der industriellen Produktion, des Holocaust und der Atombombe. Stilisierungen und Überspitzungen waren für ihn notwendige Mittel, um sich einer von ihm konstatierten Bagatellisierung der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung zu widersetzen und so zu deren Wahrheit zu gelangen (Anders 1985, S. 236). Die Aktualität seiner Überlegungen zeigt sich heute insbesondere im Hinblick auf die atomare Situation (Morat 2006; Dries 2009, S. 94).

Anmerkungen

1) Zu diesen gehörten etwa ein Banküberfall, ohne Geld stehlen zu wollen; vgl. Jungk 1961, S. 11.

2) Dem Briefwechsel ist eine genaue Datierung der Einweisung nicht zu entnehmen. Eatherly war 1959, als Anders ihn kennenlernte, bereits viele Jahre Patient in der psychiatrischen Abteilung des Veteranenkrankenhauses in Waco, Texas, wenn auch mit Unterbrechungen. In der Zeit seiner Korrespondenz mit Anders war er bis Oktober 1960 durchgängig interniert, ist dann aber geflohen. Allerdings griff man ihn zwei Monate später wieder auf und wies ihn unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen erneut ein (vgl. Coulmas 2005, S. 113 und 119).

3) Diese Briefe wurden nicht nur in Deutschland publiziert, sondern auch in bekannten Tageszeitungen in Japan (vgl. Coulmas 2005, S. 58).

4) Das gilt für alle Opfer von Hiroshima, inbesondere aber für koreanische Bombenopfer, die im August 1945 als Kriegsgefangene in Japan waren, und für »Hibakusha«, deren Verwundungen äußerlich nicht sichtbar waren (vgl. Coulmas 2005, S. 26f.).

5) »Coronet« war ein auflagenstarkes und ein breites Publikum ansprechendes Digest-Magazin, das in den Jahren 1936 bis 1971 monatlich erschien. Die Artikel reichten von kulturellen Themen und Starportraits bis hin zu Dossiers über Personen und Personengruppen aus verschiedenen Bereichen.

6) Der Artikel ist online verfügbar unter ­oldmagazinearticles.com/atomic_bomb_­opinions_held_by_Enola_Gay_Crew-pdf.

7) Was die Replik von Anders anbelangt, so bezieht sich Zimmer hier auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Mai 1964.

Literatur

Alperovitz, G. (1990): Why the United States dropped the bomb. Technology Review, 93(6), S. 22-34. Von Alperovitz liegt eine deutsche Übersetzung seines Standardwerks zum Atomwaffeneinsatz auf Hiroshima vor: Hiroshima – Die Entscheidung für den Abwurf der Bombe. Hamburg: Hamburger Edition, 1995.

Anders, G. (1985 [1956]): Die Antiquiertheit des Menschen. Erster Band. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. Siebte Auflage. München: Beck.

Althaus, J. (2015): Atombomben 1945 – Niemand kennt die wirkliche Zahl der Opfer. welt.de, 10.8.2015.

Bernstein, B. J. (1986): A postwar myth: 500 000 U.S. lives saved. Bulletin of the Atomic Scientists, 42(6), S. 38-40.

Coulmas, F. (2005): Hiroshima – Geschichte und Nachgeschichte. München: Beck.

Dries, C. (2009): Günther Anders. Paderborn: Fink.

Fohler, S. (2003): Techniktheorien – Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen. München: Fink.

Huie, W.B. (1964): The Hiroshima Pilot. New York: Putnam. Deutsch ebenfalls 1964 erschienen bei Zsolnay.

Jungk, R. (Hrsg.) (1961): Off limits für das Gewissen – Der Briefwechsel zwischen dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly und Günther Anders. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Knauß, F. (2009): Atombombe auf Hiroshima – Ein Experiment mit 70 000 Toten. Zeit Online, 20.8.2009.

McNeill, D. (2005): “My God what have we done?” – the commander of the »Enola Gay«. Independent, 4.8.2005.

Medick, V. und Wagner, W. (2016): Obamas heikle Hiroshima-Mission. Spiegel Online, 26.5.2016.

Morat, D. (2006): Die Aktualität der Antiquiertheit – Günther Anders‘ Anthropologie des industriellen Zeitalters. Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 2, S. 322-327.

Obama, B.H. (2016): Remarks by President Obama and Prime Minister Abe of Japan at Hiroshima Peace Memorial, Hiroshima Peace Memorial, Hiroshima, Japan, May 27. 2016; obamawhitehouse.archives.gov.

Schleusener, J. (2004): Tage, die die Welt veränderten. 6.8.1945 – Die Bombe auf Hiroshima. Augsburg: Weltbild.

Zimmer, D.E. (1964): Der Bomberpilot von Hiroshima – Claude Eatherly oder die Suche nach dem einen Gerechten. DIE ZEIT, 28.8.1964.

Annette Ripper, M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei IANUS, einer Einrichtung für naturwissenschaftliche Friedensforschung an der TU Darmstadt.

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