in Wissenschaft & Frieden 2018-3: Gender im Visier

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1618 – 1648 – 2018

Zur Aktualität des Dreißigjährigen Krieges und des Westfälischen Friedens

von Michael Rohrschneider

Am 23. Mai 2018 jährte sich zum 400. Mal der berühmte Prager Fenstersturz, der den Auftakt des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) markierte. Die aktuellen Diskussionen in Wissenschaft und breiterer Öffentlichkeit über dieses bedeutende Ereignis gehen oftmals einher mit der Frage, ob und inwiefern man aus dem »Großen Krieg« und dem Westfälischen Frieden (24. Oktober 1648) im Hinblick auf die gegenwärtigen Konflikte im Nahen und Mittleren Osten etwas lernen könne. Der Autor führt in die Geschichte der Jahre 1618 bis 1648 ein und zeigt auf, dass die Erforschung von Krieg und Frieden im 17. Jahrhundert durchaus Potenziale bietet, um aktuelle Konfliktlagen besser verstehen zu können.

Am 23. Mai 1618 ereignete sich in Prag etwas Außergewöhnliches. Eine Abordnung der protestantischen böhmischen Stände drang in die königliche Burg auf dem Hradschin und warf die beiden katholischen Statthalter Martinitz und Slawata sowie deren Sekretär Fabricius aus dem Fenster. Die drei »Defenestrierten« überlebten den Sturz aus großer Höhe. Die katholische Seite führte dies auf das rettende Eingreifen der Gottesmutter Maria zurück, wohingegen die protestantische Propa­ganda vermeldete, sie hätten überlebt, weil sie auf einem Misthaufen gelandet seien.

Anlass dieses spektakulären „Mordanschlag[s] auf Mitglieder der kaiserlichen Regierung“ (Gotthard 2016, S. 77) war die Zuspitzung konfessionspolitischer Differenzen zwischen den protestantischen Ständen und ihrem katholischen Landesherren, dem Habsburger Ferdi­nand von Innerösterreich, der 1617 König von Böhmen geworden war. Hinter diesen konfessionellen Spannungen stand jedoch die viel ältere und grundsätzlichere Frage der politischen Machtverteilung zwischen der Krone und den böhmischen Oberschichten, die nun gewaltsam ausgetragen wurde (Repgen 1998, S. 292). Die explosive Mischung aus konfessionellen und politischen Konflikten entfesselte einen dreißig lange Jahre währenden Krieg, der katastrophale Folgen hatte und erst nach mehrjährigen Friedensverhandlungen 1648 auf einem multilateralen „Kongress der Superlative“ (Kampmann 2008, S. 152) in Münster und Osnabrück zu großen Teilen beendet werden konnte.

Worum ging es im Dreißigjährigen Krieg?

Versucht man, den verworrenen Kriegsverlauf der Jahre 1618 bis 1648 zu strukturieren, dann lassen sich folgende generelle Aspekte hervorheben: Einerseits war der Dreißigjährige Krieg ein »teutscher« Krieg. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war Hauptkriegsschauplatz, und zahlreiche Konflikte in wichtigen Fragen der deutschen Reichsverfassung wurden damals mit großer Erbitterung ausgetragen: Sollte sich das Reich zu einer eher zentralisierten Monarchie mit dem Kaiser als entscheidendem Machtfaktor entwickeln oder zu einem tendenziell föderalen Verband von vergleichsweise selbständig agierenden Gliedern? Und wie würden sich zukünftig die Beziehungen zwischen den Konfessionen in politischer und verfassungsrechtlicher Hinsicht gestalten, wenn beispielsweise auf den Reichstagen konfessionelle Streitfragen beraten und entschieden würden?

Das war aber nur die eine Seite der Medaille. Denn das Ringen um die Verfasstheit des »teutschen« Reiches war unauflöslich mit Konflikten zwischen den europäischen Mächten verwoben. Insbesondere die Konkurrenz um die Vorherrschaft in Europa zwischen den österreichischen und spanischen Habsburgern einerseits und dem aufstrebenden Frankreich andererseits war hierbei von außerordentlicher Bedeutung. Auch die Auseinandersetzungen in Nordosteuropa um die Vorherrschaft in dieser Region spielte mit in das Geschehen hinein. Zudem überschattete die immer wieder greifbare Gefahr eines neuerlichen Krieges gegen das Osmanische Reich die Politik der europäischen Höfe wie ein Damoklesschwert. Nahezu ganz Europa war somit betroffen, nicht nur das Heilige Römische Reich. Dass der Dreißigjährige Krieg so außerordentlich lange währte, hängt zweifellos mit dieser doppelten Problematik zusammen: Einerseits war er ein »teutscher« Krieg, andererseits manifestierten sich in jenen Jahren tief verwurzelte Konflikte zwischen den in Entstehung begriffenen frühmodernen »Staaten« Europas. Beides lässt sich nicht trennscharf differenzieren.

Den Versuch, die komplexen und wechselnden Kriegsabläufe mit ihren zahllosen Schlachten und Feldzügen kurz und knapp darzustellen, sollte man erst gar nicht unternehmen. Zu disparat war das langjährige Kriegsgeschehen, als dass man es mit wenigen Worten umreißen könnte. Einen guten Zugang zum Gesamtverlauf des Krieges ermöglicht jedoch folgende Beobachtung: Immer dann, wenn die Habsburger (Spanien und der Kaiser) militärisch eindeutig zu dominieren drohten, trat eine neue auswärtige Macht offen auf antihabsburgischer Seite in den Krieg ein (1625 Dänemark, 1630 Schweden und 1635 Frankreich). Am Ende des sehr wechselhaften dreißigjährigen Ringens wurde schließlich eine Friedensordnung vereinbart, die Europa erklärtermaßen einen christlichen, allgemeinen und ewigen Frieden bringen sollte (»Pax sit christiana, universalis et perpetua«).

Die drei Friedensschlüsse des Jahres 1648

Nach langjährigen Verhandlungen in den beiden Kongressstädten Münster und Osnabrück wurden im Jahr 1648 drei Friedensverträge unterzeichnet. Zunächst erfolgte am 30. Januar die Unterzeichnung des spanisch-niederländischen Sonderfriedens von Münster. Dieser Friedensschluss setzte dem so genannten Achtzigjährigen Krieg (1568-1648) ein Ende. König Philipp IV. von Spanien erkannte nun die aus einem Aufstand gegen das spanische Mutterland hervorgegangene Republik der Vereinigten Niederlande als völkerrechtlich unabhängigen und souveränen Staat an (Poelhekke 1948).

Von diesem Separatfriedensschluss, der für die Entstehung des heutigen niederländischen Staates einen wichtigen Markstein darstellt, ist der Friedensschluss vom 24. Oktober 1648 strikt zu unterscheiden, für den sich die Bezeichnung »Westfälischer Frieden« eingebürgert hat. Bei diesem Frieden handelt es sich um zwei Teilfriedensschlüsse, die vertragsrechtlich gesehen allerdings eine Einheit bilden: Der Kaiser schloss – unter Hinzuziehung der Reichsstände – zum einen mit dem König von Frankreich und zum anderen mit der Königin von Schweden Frieden. Geregelt werden sollten mit diesem Friedensschluss sowohl zahlreiche Streitpunkte der internationalen Beziehungen als auch die politischen, konfessionellen, wirtschaftlichen und verfassungsrechtlichen Probleme im Heiligen Römischen Reich.

Ein weiterer Krieg konnte auf dem Westfälischen Friedenskongress allerdings nicht beendet werden. Die seit 1635 währende militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Spanien wurde, trotz intensiver Verhandlungen in Münster, noch elf weitere Jahre bis zum so genannten Pyrenäenfrieden (7. November 1659) fortgesetzt. Insofern war das ursprüngliche Ziel des Westfälischen Friedenskongresses 1648 gescheitert: die Schaffung eines allgemeinen Friedens der Christenheit (Rohrschneider 2007).

Der Westfälische Frieden ist zweifellos der am besten erforschte Friedensschluss der gesamten Frühen Neuzeit (ca. 1500-1800). Dies hängt unmittelbar damit zusammen, dass Forscher*innen für diesen Friedensschluss auf eine herausragende Materialgrundlage zurückgreifen können. Allein im Rahmen der historisch-kritischen Edition der inzwischen am Zentrum für Historische Friedensforschung der Universität Bonn angesiedelten »Acta Pacis Westphalicae« (APW) sind bis heute 48 stattliche Bände erschienen, dazu ein elektronisches Supplement. 40 Bände der »Acta Pacis« liegen seit einiger Zeit zudem auch digital vor und können jederzeit kostenlos abgerufen werden (»APW digital«). Die Historische Friedens- und Konfliktforschung hat von dieser wegweisenden Aktenedition in den vergangenen Jahrzehnten ungemein profitiert (Lanzinner 2014).

400 Jahre nach dem Prager Fenstersturz

Der 400. Jahrestag des Prager Fenstersturzes fand in Wissenschaft und Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Publikationen erschienen zu diesem Anlass, Funk und Fernsehen berichteten ausführlich, und im Internet wurde fleißig gebloggt. Das Jahr 2018 wird allerdings noch mit einem komplementären Gedenktag aufwarten: Am 24. Oktober jährt sich zum 370. Mal die Unterzeichnung des Westfälischen Friedens, der zuletzt im Jahre 1998 mit einem großen Jubiläum bedacht wurde, an dem sich u.a. zahlreiche europäische Staatsoberhäupter persönlich beteiligten. Die Bedeutung der beiden Jahreszahlen 1618 und 1648 ist evident. Sie sind als Chiffren frühneuzeitlicher Bellizität einerseits und Friedensfähigkeit andererseits nicht nur feste Bestandteile der Geschichtswissenschaft, sondern als »Lieux de Mémoire« zweifellos Marksteine im kollektiven deutschen und europäischen Gedächtnis.“ (Rohrschneider/Tischer 2018, S. 2) Zwar ist nicht ansatzweise zu erwarten, dass die mediale Aufmerksamkeit zum »kleinen« Jubiläum des Westfälischen Friedens so groß sein wird wie der »runde« Jahrestag des Prager Fenstersturzes. Gleichwohl zeigen bereits die zum Gedenkjahr 2018 publizierten Monographien, Sammelbände und Aufsätze, dass die gegenwärtige wissenschaftliche Diskussion über den Dreißigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden an einem Thema kaum vorbeikommt: der Frage nach der Aktualität der Beschäftigung mit dem Geschehen der Jahre 1618 bis 1648.

Die Geschichte als »Lehrmeisterin des Lebens«?

Historiker*innen streiten gerne über die Frage, ob und inwiefern der auf Cicero zurückgehende Topos von der Geschichte als »Lehrmeisterin des Lebens« (»historia magistra vitae«) seine Berechtigung hat (Koselleck 2000). Immer wieder wird in diesem Zusammenhang mit guten Gründen auf das dringende Erfordernis verwiesen, bei Vergleichen zwischen vergangenen und gegenwärtigen Phänomenen mit außerordentlicher Behutsamkeit vorzugehen. Vor vorschnellen Analogieschlüssen, unreflektierten Gleichsetzungen und anachronistischen Parallelisierungen wird sehr zu Recht nachdrücklich gewarnt. Andererseits ermöglichen gerade Vergleiche und Analogien – je nach Untersuchungsgegenstand – erhebliche Erkenntnisgewinne, denkt man etwa an die reizvollen Gedankenspiele kontrafaktischer (der Realität widersprechender) Geschichtsschreibung (Evans 2014).

In der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion über den Dreißigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden findet man im Hinblick auf diese Problematik bemerkenswerte Diskrepanzen. Drei Beispiele hierfür seien genannt. So liest man in der 2017 erschienenen Gesamtdarstellung des Dreißigjährigen Krieges aus der Feder des Politologen Herfried Münkler folgende Einschätzung: „Es scheint also, als könne man aus der Westfälischen Ordnung nichts mehr lernen. Dafür aber lässt sich umso mehr aus dem Dreißigjährigen Krieg lernen, dessen Formen der Kriegführung im großen Stil in die Praxis der Kriege zurückgekehrt sind.“ (Münkler 2017, S. 817-818) In Georg Schmidts neuer Geschichte des Dreißigjährigen Krieges heißt es dagegen: „Die Lektüre des Westfälischen Friedensvertrages vermittelt vor allem die Einsicht, dass Alternativen zu den üblichen Wegen eine Lösung sein können.“ (Schmidt 2018, S. 694) Und die jüngste Monographie Johannes Burkhardts endet mit dem pointierten Schlusssatz: „Der Krieg der Kriege konnte […] schließlich doch beendet werden, und wer schon weiß, wie das möglich war, könnte es in vergleichbaren Fällen vielleicht schneller schaffen.“ (Burkhardt 2018, S. 265) Ein von der Universität Cambridge (»Forum on Geopolitics«) und der Körber-Stiftung betriebenes Forschungsprojekt widmet sich genau dieser so kontrovers diskutierten Frage nach der Anwendbarkeit des Westfälischen Friedens auf die heutige Zeit (von Hammerstein/Milton 2018).

Dieser fachwissenschaftliche Diskurs ist insofern von außerordentlicher Relevanz, als vonseiten der Politik derzeit explizit nach dem Potenzial gefragt wird, das die Erforschung des Dreißigjährigen Krieges und des Westfälischen Friedens für die Konfliktlagen der gegenwärtigen Staatenwelt bereithält. Die bekanntesten Beispiele hierfür sind die beiden Reden, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier noch während seiner Amtszeit als Außenminister im Jahr 2016 hielt (Steinmeier 2016a; Steinmeier 2016b). Steinmeier gab ausdrücklich die Frage zu bedenken, ob man nicht aus dem Westfälischen Frieden etwas zur Lösung des Syrien-Krieges lernen könne. Kann es also einen – wie auch immer gearteten – »Westfälischen Frieden« für den Mittleren Osten geben?

Je länger der Krieg in Syrien dauert, umso deutlicher werden strukturelle Ähnlichkeiten zwischen der aktuellen dortigen Lage und dem Dreißigjährigen Krieg. Dies fordert Fragen nach Parallelen und Analogien förmlich heraus. Drei Aspekte treten hierbei besonders in den Vordergrund: Sowohl der Dreißigjährige Krieg als auch der gegenwärtige Krieg in Syrien waren bzw. sind (1.) asymmetrische Konflikte. Es handelt sich hierbei nicht um »klassische« Staatenkonflikte, bei denen fest institutionalisierte und zentral organisierte Staaten gegeneinander Krieg führen, sondern um Auseinandersetzungen, die in hohem Maße durch die Konfrontation rebellierender und/oder nichtstaatlicher Akteure mit der Landesherrschaft respektive dem amtierenden Machthaber geprägt waren bzw. sind.

Ferner ist (2.) auf die außerordentliche Bedeutung des Faktors Religion hinzuweisen. Die für uns Westeuropäer heutzutage selbstverständliche Trennung von Staat und Kirche bzw. Politik und Religion kann für das 17. Jahrhundert (noch) keine Gültigkeit beanspruchen. So war es für frühneuzeitliche Herrscher vollkommen klar, dass sie sich als gläubige Christen nicht nur um ihr eigenes Seelenheil, sondern auch um das ihrer Untertanen zu sorgen hatten. Die Parallelen zum Nahen und Mittleren Osten liegen auf der Hand, denn auch dort ist die Gemengelage durch die enge Verflechtung von politischen und religiösen Interessen gekennzeichnet.

Schließlich ist (3.) auf die – mehr oder weniger offene – Einmischung auswärtiger Mächte in den Dreißigjährigen Krieg und den Krieg in Syrien aufmerksam zu machen. Allerdings wird in diesem Zusammenhang auch ein substanzieller Unterschied deutlich: Während der Syrienkonflikt auch und gerade Züge eines Stellvertreterkriegs trägt, verhielt es sich im Dreißigjährigen Krieg anders. Alle damals kriegführenden Parteien hatten konkrete Eigeninteressen und agierten nicht primär als Marionetten anderer Mächte. Das konnte zwar in der Sache durchaus auch vorkommen; ein solches Vorgehen war aber keineswegs ein Strukturprinzip.

Was können wir aus dem Westfälischen Frieden lernen?

Mögliche Analogien und Vergleiche zwischen den Verhältnissen der Jahre 1648 und 2018 liefern keine tagespolitisch konkret nutzbaren Handlungsanweisungen. Ein Beispiel dafür ist die so genannte »Normaljahrsregel«, die im Westfälischen Frieden zur Beilegung der konfessionellen Konflikte etabliert wurde. Derzufolge markierte ein Stichdatum (1. Januar 1624) den Status quo des religiösen Besitzstands: Was an diesem Tag katholisch war, sollte katholisch, was protestantisch war, sollte protestantisch bleiben – allerdings mit zahlreichen Ausnahmen, die friedensvertraglich festgeschrieben wurden (Fuchs 2010). Könnte eine solche Regelung ein Vorbild für die Lösung gegenwärtiger Konflikte sein? Nein, sicher nicht! Dennoch können wir aus dem Prinzip des Normaljahrs etwas lernen. Denn wie verfuhren die Väter des Westfälischen Friedens in diesem höchst umstrittenen Verhandlungspunkt? Sie transferierten einen religiös-theologischen Konflikt auf eine politische Ebene und klammerten dabei die religiöse Wahrheitsfrage komplett aus, denn man konnte und wollte offenbar nicht entscheiden, wer theologisch gesehen Recht hat und wer nicht: Katholiken, Lutheraner oder Calvinisten? Und das war die entscheidende Voraussetzung dafür, dass es am Ende doch noch gelang, den gordischen Knoten der konfessionellen Auseinandersetzungen zu durchtrennen, nämlich mittels der Konstituierung einer politischen Lösung für ein religiös-konfessionelles Problem. Eine solche Vorgehensweise wäre sicherlich eine denkbare Option, um in Syrien Verständigungsfortschritte zu erreichen.

Darüber hinaus kann man anhand des Westfälischen Friedens lernen, welche Verhandlungsinstrumente in der Vergangenheit mit Erfolg angewendet wurden und welche Schwierigkeiten damit üblicherweise einhergehen. So zeigen etwa die westfälischen Friedensverhandlungen eindrücklich die Möglichkeiten und Grenzen von institutionalisierter Friedensvermittlung auf, die damals vom päpstlichen Legaten und dem venezianischen Botschafter geleistet wurde. Eine Lehre ist aus der Geschichte jedenfalls ganz klar zu ziehen: Friedensvermittlung ist kein Allheilmittel. Es kommt stets sehr auf die Unparteilichkeit und individuellen Fähigkeiten der Mediatoren an. Aber selbst noch so gute Vermittler können einen Friedensschluss nicht herbeizaubern, zumal wenn die Rahmenbedingungen für erfolgreiche Verhandlungen nicht gegeben sind.

Ein weiterer Gesichtspunkt hängt mit der Verhandlungstechnik der Mediation eng zusammen: Wie verfährt man, wenn die Konfliktparteien gar nicht bereit sind, sich mit dem Kontrahenten an einen Verhandlungstisch zu setzen? Man schafft zwei Verhandlungsorte! Der Friedenskongress von Münster und Osnabrück zeigt, dass ein solches Prozedere in der Vergangenheit mit Erfolg umgesetzt werden konnte – obwohl die beiden westfälischen Städte damals kommunikationstechnisch gesehen eine Tagesreise auseinanderlagen. Gerade angesichts moderner Kommunikationsmittel sollten getrennte Verhandlungsorte eigentlich kein Problem sein.

Auch eine internationale Garantie der Einhaltung des für Syrien zu schließenden Friedens ist sicherlich unerlässlich, wie schwierig dies im Einzelnen auch sein mag. Und warum nicht nach dem Vorbild des Westfälischen Friedens? Das hieße dann, dass alle Signatarmächte den Frieden garantieren, sodass das Friedensabkommen auf einem breiten, soliden Fundament gründen könnte.

Bei aller gebotenen Zurückhaltung gegenüber der Bedeutung, die dem Prinzip der Geschichte als »Lehrmeisterin des Lebens« in der konkreten politischen Praxis zukommt: Aus dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden kann man durchaus etwas lernen – zwar nicht im Sinne von konkreten Handlungsanweisungen, aber die Historische Friedens- und Konfliktforschung kann zweifellos dabei helfen, Strukturen gewaltsamer Konflikte anhand einer Analyse von historischen Phänomenen mit größerer Tiefenschärfe zu verstehen und somit auf Grundlage gesicherten Wissens Orientierung zu vermitteln. Gerade in einer Zeit, in der »Fake News« zu einem langfristigen Strukturproblem avancieren, ist dies wichtiger denn je.

Literatur

APW digital; apw.digitale-sammlungen.de.

Burkhardt, J. (2018): Der Krieg der Kriege – Eine neue Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Stuttgart: Klett-Cotta.

Evans, R.J. (2014): Veränderte Vergangenheiten – Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte. München: DVA.

Fuchs, R.-P. (2010): Ein »Medium zum Frieden« – Die Normaljahrsregel und die Beendigung des Dreißigjährigen Krieges. München: Oldenbourg.

Gotthard, A. (2016): Der Dreißigjährige Krieg – Eine Einführung. Köln [u.a.]: Böhlau.

Hammerstein, E. von; Milton, P. (2018): Von Münster nach Damaskus – Für Syrien und Irak bietet der Westfälische Frieden hilfreiche Erkenntnisse. Internationale Politik, 1-2018 (Januar/Februar), S. 75-79.

Kampmann, Ch. (2008): Europa und das Reich im Dreißigjährigen Krieg – Geschichte eines europäischen Konflikts. Stuttgart: Kohlhammer.

Koselleck, R. (2000): Historia Magistra VitaeÜber die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte. In: Koselleck, R.: Vergangene Zukunft – Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 4. Aufl., S. 38-66.

Lanzinner, M. (2014): Das Editionsprojekt der Acta Pacis Westphalicae. Historische Zeitschrift, Vol. 298, Nr. 1, S. 29-60.

Münkler, H. (2017): Der Dreißigjährige Krieg – Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648. Berlin: Rowohlt.

Poelhekke, J.J. (1948): De vrede van Munster. Den Haag: Nijhoff.

Repgen, K. (1998): Dreißigjähriger Krieg. Wiederabdruck in: Repgen, K.: Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede – Studien und Quellen. Paderborn [u.a.]: Schöningh, S. 291-318.

Rohrschneider, M.: (2007): Der gescheiterte Frieden von Münster – Spaniens Ringen mit Frankreich auf dem Westfälischen Friedenskongress (1643-1649). Münster: Aschendorff.

Rohrschneider, M.; Tischer, A. (2018): Dreißigjähriger Krieg und historischer Wandel – Einführende Überlegungen. In: Rohrschneider, M.; Tischer, A. (Hrsg.): Dynamik durch Gewalt? Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) als Faktor der Wandlungsprozesse des 17. Jahrhunderts. Münster: Aschendorff, S. 1-10.

Schmidt, G. (2018): Die Reiter der Apokalypse – Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. München: C.H.Beck.

Steinmeier, F.-W. (2016a): Der Westfälische Frieden als Denkmodell für den Mittleren Osten – Rede bei den Osnabrücker Friedensgesprächen (12. Juli 2016); auswaertiges-amt.de.

Steinmeier, F.-W. (2016b): Rede zur Eröffnung des 51. Deutschen Historikertages (20. September 2016); auswaertiges-amt.de.

Michael Rohrschneider ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte sowie Leiter des Zentrums für Historische Friedensforschung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

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