in Wissenschaft & Frieden 2018-4: Kriegsführung 4.0

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Kriegsführung 4.0

von Thomas Gruber und Marius Pletsch

Die erste Feuerwaffe, die Entwicklung der Telegrafie, der Krieg in der Luft – die Militärgeschichte ist durchzogen von taktischen und technologischen Neuerungen, welche die jeweilige Form der Kriegsführung vollständig umkrempelten. Jüngere Beispiele hierfür sind die Erfindung und der Einsatz von Nuklearwaffen sowie die militärische Eroberung des Alls. Militärwissenschaftlich hat sich für solche umwälzende Meilensteine der Kriegsgeschichte der Begriff »Revolution in Military Affairs« etabliert. Und wenn wir der aktuellen militärischen und medialen Berichterstattung Glauben schenken, so steht uns eine neue solche »Revolution« ins Haus. Unser Titel »Kriegsführung 4.0« orientiert sich dabei am Editorial »Kriegsführung 3.0« im Heft 1-2011 und soll veranschaulichen, dass sich die »moderne Kriegsführung« in den vergangenen sieben Jahren (leider) in riesigen Schritten weiterentwickelt hat. Wir haben den Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe deshalb auf diejenigen technologischen und taktischen Neuerungen in der Kriegsführung gelegt, die aktuell auf eine grundlegende Umwälzung militärischer Angelegenheiten hindeuten: das militärische Agieren im Cyber- und Informationsraum sowie die immer weitere Automatisierung von Kriegsgeräten und Entscheidungsprozessen.

Seit 2014 befasst die internationale Staatengemeinschaft sich mit der Problematik selbststeuernden Kriegsgerätes: Die Gruppe der Regierungsexpert*innen zu letalen autonomen Waffensystemen traf sich Ende August 2018 im Rahmen der Konvention über konventionelle Waffen fünf Tage lang in Genf, um über Autonomie in Waffensystemen zu diskutieren. Die Ergebnisse können allerdings nur enttäuschen, was vor allem an den USA, Russland, Israel, Südkorea und Australien liegt, die sich im Sicherheitsdilemma gefangen sehen und militärische Vorteile erhoffen. Aber auch der Vorschlag Deutschlands und Frankreichs kann angesichts des Risikopotentials von Waffensystemen, die keiner ausreichenden menschlichen Kontrolle mehr unterliegen, nicht erstrebenswert sein. Gemeinsam schlagen die beiden Staaten eine politische Selbstverpflichtung vor, keine völkerrechtlich verbindliche Ächtung. Eine Mehrheit der 88 an den Gesprächen beteiligten Staaten möchte eine »bedeutsame menschliche Kon­trolle« über Waffensysteme beibehalten, auch wenn die genauen Vorstellungen über die Bedeutung dieses Begriffes noch nicht hundertprozentig abgestimmt sind. Nächstes Jahr werden die Gespräche fortgesetzt.

Auch die Gefahr von Angriffen im virtu­ellen Raum soll bald international diskutiert werden. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Guterres, möchte Gespräche über Cyber- und Informationsoperationen, über kriminelle Aktivitäten, wie die Attacke mit dem Erpressungsvirus Wannacry, und über die versuchte Beeinflussung stark polarisierter westlicher Gesellschaften beginnen. Schon jetzt halten sich Staaten offen, auf Cyberoperationen mit konventionellen Waffen zu reagieren, was angesichts der Schwierigkeit, solche Operationen zweifelsfrei zuzuschreiben, enormes Eskalationspotenzial hat.

Es ist kaum verwunderlich, dass die deutsche Regierung beide Auswüchse dieser modernen Form der Kriegsführung maßgeblich begünstigt: Sowohl im Cyber- und Informationsraum als auch bei zumindest teilautonomen Systemen soll die Bundeswehr zukünftig erstklassig aufgestellt sein. Im Juni 2018 fällte der Bundestag die Entscheidung, dass auch Deutschland über bewaffnungsfähige Drohnen verfügen soll. Ob die Drohnen auch bewaffnet eingesetzt werden sollen, wird sich in einer noch zu führenden Debatte herausstellen. Seit April 2017 verfügt die Bundeswehr außerdem über das Kommando Cyber- und Informationsraum, das die deutschen militärischen Fähigkeiten im virtuellen Raum bündeln soll, so etwa Cyberangriffe auf Computernetzwerke oder propagandistische Aktionen. Die militärische Besetzung des Cyber- und Informationsraumes durch ein eigenes Führungskommando ist weltweit bisher einzigartig.

Auch diesmal haben wir versucht, den Heftschwerpunkt aus verschiedenen spannenden Perspektiven zu beleuchten. Frank Sauer und Thomas Gruber diskutieren über dystopische Zukunftsszenarien. Marius Pletsch befasst sich mit den Gefahren einer automatisierten Drohnenkriegsführung, und Opratap Chatterje beschreibt die dafür erforderliche Technologie und ihre Schwächen. Daniel Leisegang erörtert die Big-Data-Problematik in militärischen Anwendungen. Christoph Marischka stellt das neue Kommando Cyber- und Informationsraum vor, während Ute Bernhardt und Ingo Ruhmann einen Blick auf die Lebensadern, die Infrastruktur dieser Art der Kriegsführung werfen. Daniele Amoroso und Guglielmo Tamburrini geben einen Überblick über völkerrechtliche Aspekte von Drohnenkriegsführung, autonomen Waffensystemen und Cyberkriegsführung. Noel Sharkey untersucht, was »bedeutsame menschliche Kontrolle« bei autonomen Systemen konkret bedeutet. Moritz Kütt und Alex Glaser schließlich erläutern, wie nicht ganz so moderne Computertechnologie zur Verifikation nuklearer Abrüstung genutzt werden könnte.

Thomas Gruber und Marius Pletsch

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