in Wissenschaft & Frieden 2019-4: Ästhetik im Konflikt

zurück vor

Politik und Ästhetik

von Tim Bausch

In jeder guten Redaktion gibt es trotz eines gemeinsamen Wertekanons unterschiedliche Interessen. Die Redaktion von W&F ist hier keine Ausnahme. Nur durch eine Pluralität an Meinungen kann es gelingen, das thematisch breite Spektrum der Friedensforschung und der Friedenspolitik möglichst adäquat abzudecken. Kulturwissenschaftliche Aspekte kommen in diesem Bereich jedoch eher am Rande vor. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Thema unserer Ausgabe 4-2019, »Ästhetik im Konflikt«, anfangs von Skepsis begleitet wurde. Würden sich auf unseren »Call for Papers« genügend Autor*innen finden, die das Heft mit ihren Gedanken bereichern? Und würde es jenen Autor*innen gelingen, den ästhetischen Raum hinsichtlich seiner politischen Implikationen ausreichend zu vermessen?

Weit mehr als dreißig Artikelvorschläge ließen die anfänglichen Zweifel verschwinden, und es fiel der Redaktion schwer, aus dieser Fülle auszuwählen. Vielleicht lässt sich an dieser starken Resonanz ein neuer Trend, ein neu erwachendes Interesse an kulturwissenschaftlichen Zugängen erkennen.

Die Autor*innen des vorliegenden Heftes wandten sich den Fragen unseres Calls auf ganz unterschiedlicher Weise zu. Zunächst widmen sich Christine Andrä und Berit Bliesemann de Guevara so genannten »Konflikttextilien« und diskutieren deren Nutzen für Fragestellungen der Friedensforschung und Friedensarbeit. Claudia Maya und Stefan Peters legen in ihrem Beitrag dar, wie das Medium Fotografie als Anwalt für den Frieden fungieren kann. Christina Hartmann erläutert, wie künstlerische Widerstandsformen und Symbole der Friedfertigkeit in der sudanesischen Revolution genutzt wurden. Aicha Kheinette rekonstruiert in ihrer Analyse den vermeintlichen »Sex-Appeal« der Atombombe und zeigt auf, wie eben diese sexualisierte Ästhetik zur Verharmlosung des Schreckens führt. Ich selbst mache in einer szenischen Darstellung von Hauszerstörungen im Westjordanland sichtbar, welche Rolle der Ästhetik im Spannungsverhältnis von Herrschaft und Widerstand zukommt. Michaela Zöhrer thematisiert die Wirkmächtigkeit von Friedensbildern und legt dabei einen Schwerpunkt auf ethische Begleitfragen. Maximiliane Jäger-Gogoll befasst sich mit Erinnerungskultur und beschreibt, wie die Auseinandersetzung mit Kriegsdenkmälern auf kritisch-ästhetische Weise gelingen kann. Michael Jenewein arbeitet am Beispiel einer Werbekampagne der Bundeswehr heraus, wie Kriegserfahrungen als Individualisierungsprozess ästhetisiert werden. Dieter Senghaas wiederum verdeutlicht das friedenspolitische Potential klassischer Musik.

Bei aller thematischen Breite eint die Beiträge, dass im Kern die Suche nach den politischen Implikationen des Ästhetischen steht. Der Nexus politisch/ästhetisch wird hier verstanden als etwas, das gesellschaftliche Wirklichkeit prägt oder zumindest in Frage stellt. Dabei wird der Diskurs rund um das Ästhetische von einer gewissen intellektuellen Abstraktion getragen. Umso bemerkenswerter erscheint eine weitere Gemeinsamkeit der Beiträge: Allesamt entwickeln sie ihre Argumentation anhand konkreter Fallbeispiele und weisen dadurch eine empirische Bodenhaftung auf, die in weiterer Konsequenz die politische Faktizität des Ästhetischen offenbart.

Weiterhin wird deutlich: Ästhetisch ist nicht das Schöne und Erhabene, vielmehr ist Ästhetik ein Modus des Empfindens. Etwas ist dann ästhetisch, wenn es unsere Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsprozesse prägt. Ästhetik kann emanzipieren (siehe z.B. Bausch und Andrä/Bliesemann de Guevara) oder disziplinieren (Kheinette und Jenewein). Im konzeptionellen Kern ist Ästhetik, wie hier deutlich wird, Form und Wirkung, Darstellung und soziale Folge zugleich. Aus einer kritisch-emanzipatorischen Perspektive gilt dann zu fragen: Wem dient die Welt, die hier erzeugt wird?

Im gegenwärtigen politischen Diskurs sind allerlei ästhetische Szenarien auszumachen, etwa dann, wenn Emmanuel Macron und Donald Trump vor dem Weißen Haus eine Eiche pflanzen, wenn sich Kim Jong-un auf einem weißen Ross ablichten lässt, wenn Greta Thunberg mit einem Segelboot in die stürmische See sticht oder wenn Protestierende in Hong Kong vor einem übermächtigen Gegner bunte Regenschirme aufspannen. Ästhetik, wird dabei deutlich, ist eine Form der Theatralik und der Inszenierung. Entsprechend muss jede Auseinandersetzung mit dem Ästhetischen mit einer herrschaftskritischen Perspektive einhergehen. Ästhetik ist im Kern also weniger Romantik denn Politik. Korrespondieren verschiedene ästhetische Szenen miteinander, wird die Wirkkraft des Ästhetischen sichtbar und mündet an ihrem wirkungsvollsten Punkt in die Erzeugung einer anderen Welt. So können ganze Räume ästhetisch umfunktioniert werden. Der Hambacher Forst etwa ist letztendlich mehr als eine Ansammlung von Baumhäusern, sondern vielmehr die ästhetische Verkörperung einer politischen Utopie, welche das Gegenwärtige übersteigt und abseits der Herrschaftspfade sicht- und erfahrbar macht. Gerade durch die besondere Wirkkraft des Ästhetischen wird die so konstruierte (Erfahrungs-) Welt eindringlich und in weiterer Konsequenz mobilisierend. Ästhetik ist so gesehen eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Ihr Tim Bausch

in Wissenschaft & Frieden 2019-4: Ästhetik im Konflikt

zurück vor