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Women Beyond Passive Victimhood

2. Tagung des Netzwerks Friedensforscherinnen, Magdeburg, 7.-8. Oktober 2019

von Christine Buchwald und Lena Merkle

Nach einer ersten Tagung zum Thema »Feministische Perspektiven der Friedens- und Konfliktforschung« im Frühjahr 2019 veranstalteten die Frauensprecherinnen der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung (AFK) am 7. und 8. Oktober 2019 eine zweite Tagung mit dem Beisatz »Women beyond passive victimhood« in Kooperation mit dem Studiengang Peace and Conflict Studies der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Das bereits bewährte Format einer Work-in-progress-Veranstaltung wurde ins Zentrum der Tagung gerückt und stieß erneut auf positiven Zuspruch der aktiven wie passiven Teilnehmenden. Dies äußerte sich primär in verlängerten Vortrags- und Diskussionszeiten gegenüber klassischen Formaten sowie im beratenden Charakter der Diskussionen, die durch mitgebrachte Fragen der Präsentierenden strukturiert wurde. Ziel des eingeschränkten Fokus war es, Frauen jenseits der oftmals wissenschaftlich wie im alltäglichen Umgang sehr präsenten weiblichen Opferrolle zu thematisieren. Von gut 30 Teilnehmenden präsentierten elf eigene Projekte in insgesamt fünf Panels. Ergänzt wurde das Programm um eine Filmvorführung am ersten Veranstaltungstag.

Ann-Kathrin Rothermel präsentierte im ersten Panel zu »Local and International Agency« einen Teil ihres Promotionsprojektes unter dem Titel »Victims, mothers and activists – Discourses of gendered agency in the UN’s global counterterrorism agenda«. Anhand von Dokumenten des Global Counter-Terrorism Coordination Compact betrachtet sie die Einbindung von Frauen als Opfer sowie in aktiven Rollen. In der Diskussion wurde in den Dokumenten insbesondere die Rolle der Konzepte von Männlichkeit aufgegriffen. Anschließend diskutierte Antje Busch unter dem Titel »Women as Local-Level Politicians in Post-Conflict Bougainville (Papua New Guinea)« überraschende Ergebnisse ihrer Feldforschung. Trotz einer 50-prozentigen Frauenquote in Gemeinderäten verwiesen einige Frauen in den Interviews lediglich auf die Fortführung der matrilinearen Kultur statt auf ein aktives Empowerment. Für diese Abweichungen von ihren Annahmen kristallisierte Antje Busch sieben verschiedene Erklärungsansätze heraus, die sie zur Diskussion stellte.

Im Panel »Women in the Media« stellte Evelyn Pauls in ihrem Vortrag »Female Fighters Shooting Back« erste Ergebnisse ihres Postdoc-Projektes vor. Sie legt den Fokus ihres Projektes auf ehemalige Kämpferinnen in Indonesien, Burundi, Nepal und den Philippinen, die die Möglichkeit erhielten, sich in Workshops zum Umgang mit Kamera und Schnitt fortbilden zu lassen, um dann die Frauen in ihrem Umfeld zu interviewen. Dabei entstand ein Korpus an Narrationen der Konflikte sowie seiner Folgen, der insbesondere spannende Einblicke in die Fragen nach dem Selbst und dem Anderen zulässt. Jana Schneider sprach danach über »Female War Reporters – Limitations and Possibilities of Gender«. Durch semi-strukturierte Interviews will sie die Dynamiken evaluieren, denen Kriegsreporterinnen in einem Umfeld begegnen, das von männlichen Aggressions- und weiblichen Opfernarrativen geprägt ist. Ihr Geschlecht kann dabei zum Vorteil werden, etwa in Bezug auf Zugänge und Perspektiven, jedoch auch zum Nachteil, insbesondere dann, wenn sie als verletzlicher wahrgenommen werden.

Das Panel »Masculinity and Femininity« war das Forum für Maria Hartmann und Bahar Oghalai, um ihr Konzept einer anti-toxischen Männlichkeitskultur von Bewegungen vorzustellen, auf das sie in ihrem Vortrag »Don’t stabilize what oppresses us! Of Masculine Revolution, Makers-of-Peace and Apolitical Practice« eingingen. Ausgehend von einer als gewaltvoll erlebten Situation entwickelten sie auf einer theoretischen Ebene ein Konzept, sich von der toxischen Männlichkeit zu lösen und so einem feministischen Zugang und einem Lösen von den genderbinären Rollenkonzepten in Bezug auf Krieg und Frieden näher zu kommen. Maximilian Kiefer ging anschließend in seinem Vortrag »Creating the New Man and the New Woman? Guerilla Masculin­ities and Femininity in the Salvadoran FMLN« auf die Konstruktion von Männlichkeit innerhalb der salvadorischen Guerilla ein. Im Rahmen seiner Masterarbeit arbeitete er Gender-Praktiken sowie -Konstruktionen auf der Diskursebene heraus. Anhand eines Modells bildete er die Ergebnisse auf der Makro-, Meso- und Mikroebene ab.

Beim Panel »Power and Empowerment« eröffnete Flora Hallmann mit ihrem Beitrag über ihre anstehende Masterarbeit »Because it’s never just sexism – how ethnicity and ideology influence the construction of narratives about politically violent women« die Diskussion über Narrative von verschiedenen politisch radikalen Frauen. Für ihre Analyse nutzt sie Laura Sjobergs Gerüst zu »Mothers, Monsters, Whores«. Mit dieser Einteilung analysiert sie sechs Fallbeispiele, die sich unter anderem durch die leitende Ideologie (rechts-/linksradikal, islamistisch) unterscheiden. Im folgenden Vortrag »More than dichotomous – Analyzing female perpetrators of the Rwandan genocide through Timothy Williams’ typ­ology of action« ging Marie-Therese Meye auf eine Analyse von 25 Interviews ein, die sie anhand verschiedener statistischer Daten auswertete und in der Logik von Timothy Williams Typologie zu Genoziden einordnete.

Im Panel »Sex and Sexuality« berichtete zunächst Laura Hartmann aus ihrem Projekt »(Nasty) Women talk back«. Aus einem Blickwinkel der Intersektionalität betrachtet sie Frauenbewegungen in Südafrika und den USA. Die Bewegungen stehen im Spannungsfeld von Race und Gender als Diskriminierungskategorien und sind international verbreitet und vernetzt. Solidarität und Sisterhood stehen dabei im Fokus der Forschung. Nora Lehner stellt in ihrem Projekt »A reflection on the concept of agency when researching sexual relations, prostitution and sexual barter during the Allied Occupation of Vienna« die Frage, wie Genderrollen sich in Krisensituationen verändern können. In diesem Projekt analysierte sie Formen sexuellen Handels im besetzten Wien der Nachkriegszeit. Die noch nie betrachteten Autobiographien sowie eine Anzahl biographischer Portraits von als Prostituierte registrierten Frauen zeigt das Spannungsfeld von Zwang, Agency, Gewalt und Wahlfreiheit, in welchem die Frauen ihre Entscheidungen trafen.

Die Rückmeldungen zum Veranstaltungsformat sowie zu den einzelnen Beiträgen waren überaus positiv, sodass eine Fortsetzung der Tagungsreihe im kommenden Sommer bereits in Planung ist. Ein ausführlicherer Tagungsbericht findet sich auf der Homepage des Netzwerks Friedenforscherinnen (afk-web.de/cms/netzwerk-­friedensforscherinnen).

Christine Buchwald und Lena Merkle

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