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Friedens-Bildung in einer globalisierten Welt?

AK Friedenspädagogik der AFK, Hamburg, 11.-13. November 2019

von AK Friedenspädagogik

Wie können wir politischen, klimatischen und soziokulturellen Herausforderungen friedens-pädagogisch begegnen? So lautete die zentrale Fragestellung der Tagung »Friedens-Bildung in einer globalisierten Welt? Herausforderungen und Möglichkeiten für die Friedenspädagogik« des Arbeitskreises Friedenspädagogik der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK).

Dr. Klaus Seitz bot uns in seiner Keynote einen Überblick über die weltpolitische Lage, um die Herausforderungen zu konkretisieren. Deutlich wurde in seinem Vortrag »Die Welt aus den Fugen – Neue Konfliktkonstellationen und die Zukunft globaler Politikgestaltung in der Weltgesellschaft«, dass weniger die Politik die Welt gestaltet als wirtschaftliche Unternehmen, deren »Interessen« zum großen Teil nicht in der Erhaltung der Welt als Lebensraum für alle auf ihr Lebenden liegen. Die Sustainable Development Goals – kurz SDG – der Agenda 2030, Soziales, Umwelt und Wirtschaft zusammenhängend zu denken und danach zu handeln, erweisen sich bislang vielmehr als unerreichbare Zielvorstellungen bzw. Richtlinien, die nicht eingehalten werden, nach dem Motto »die Welt ging grundlegend in die andere Richtung«. Die SDGs würden zwar, wie auch andere politische Beschlüsse, Möglichkeiten zur Verbesserungen des planetarischen Zustands aufzeigen, die wirtschaftspolitische Praxis bewirkt aber eine gegenteilige Entwicklung. Einen Rahmen für diese Entwicklung bietet das neoliberale Paradigma, in dem sich die westlichen Gesellschaften seit ca. 40 Jahren bewegen und das sich insbesondere in den letzten 20 Jahren durch die Ökonomisierung und Digitalisierung aller Lebensbereiche manifestieren konnte. Dr.in Bettina Gruber und Dr.in Josefine Scherling vertieften mit ihrem Beitrag zu »Friedens- und Menschenrechtsbildung innerhalb eines neoliberalen Paradigmas – Herausforderungen und Perspektiven« die vorhergegangenen Ausführungen von Dr. Klaus Seitz.

Der Verwertungslogik des neoliberalen Paradigmas können (bzw. konnten) sich gesellschaftliche Bereiche, deren Aufgabe eben gerade nicht in der Gewinnmaximierung und Nutzbarmachung liegt, scheinbar nicht mehr entziehen. Verbunden ist mit dem auf Wachstum (des Kapitals) ausgerichteten Paradigma auch eine zunehmende Ent-Demokratisierung.

Was lässt sich also einer zunehmenden Entdemokratisierung von bislang als demokratisch betrachteten Gesellschaften und einer marktkonformen Bildung entgegensetzen? Und wie? Wie lassen sich unterschiedliche Zivilgesellschaften stärken?

Die Herausforderungen einer Friedens-Bildung bestehen, so die Diskussion auf der Tagung, auf vielen Ebenen, auf die wir auf unterschiedliche Weise Einfluss nehmen können.

Pädagogische Handlungsmöglichkeiten liegen, so machte Dr.in Patricia Baquero Torres in ihrem Vortrag »Die Relevanz eines postkolonialen Blicks auf Wissen und Gesellschaft und die Herausforderungen für eine entsprechende Friedensbildung« deutlich, darin, die Komplexität von Machtstrukturen in pädagogischen Settings wahrzunehmen, zu reflektieren und zu transformieren. Hier können vor allem post- und dekoloniale Ansätze hilfreich sein, welche die Sichtbarmachung von Machtstrukturen und -verhältnissen aufzeigen, die auf binären Oppositionen basieren. Ein zweiter Fokus lag auf dem Ansatz der »Care Ethic« nach Carol Gilligan, der auf die emotionale Bildung aufmerksam macht. Emotionen sind grundlegend für unsere – moralischen – Entscheidungen. Die Reflexion postkolonialer Strukturen und die Selbstreflexion emotionaler Eingebundenheit in diese können dann zu einer gewaltfreien Konflikttransformation führen.

In den anschließenden Arbeitsgruppen und der Podiumsdiskussion mit Expert*innen aus der Praxis (Michael Liebert, Umweltbildung; Robert Pechhacker, Gewaltprävention; Christoph Rößler, Politische Bildung) wurden die Notwendigkeit der Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen und die Ansprache als »ganzer Mensch«, nicht nur als Verbraucher*in, diskutiert. Bildungsinstitutionen sind daher gefragt, Erfahrungsräume zu schaffen, in denen Lern- und Bildungsprozesse angeregt werden können, die verantwortliches Handeln in Bezug auf die Welt, in der wir leben, ermöglichen. Eine stärkere Vernetzung und Kooperation pädagogischer Teilbereiche, wie Umweltbildung, Politische Bildung, Demokratiebildung, vorurteilsbewusste Bildung, scheint daher dringend geboten.

Unterstützt wurde die Tagung vom Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation – ikm, Hamburg; dem Christlichen Verein junger Menschen – CVJ, Hamburg; der Hochschule für angewandte Wissenschaften – HAW, Hamburg; dem Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung, Alpen-Adria-Universität Klagen­furt (Österreich).

AK Friedenspädagogik der AFK

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