in Wissenschaft & Frieden 2020-2: Frieden begreifen

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Lebensweltliche Frieden

Der Ritt der »Dakota 38+2«

von Melanie Hussak

Anhand lebensweltlicher Friedensverständnisse der L/Dakota1 betrachtet der Artikel die Bedeutung marginalisierter Ontologien (Theorien des Seins) zum Verständnis von bisher übersehenen Friedensprozessen und damit verbundenen Friedens­potentialen. Die Autorin beleuchtet am Beispiel des Ritts der »Dakota 38+2« die gegenwärtige Situation indigener Gemeinschaften sowie Einsätze zur Wiederherstellung ihrer Frieden (im Plural verstanden!) und damit verbunden von ihnen angestoßene Prozesse der Dekolonialisierung. Aus dieser Betrachtung werden im Anschluss Implikationen für die Friedensforschung und Friedensarbeit diskutiert.

Die Frage nach dem »Phänomen« Frieden, seinem Wesen, seinen Ursachen und seinen Erscheinungsbildern ist ein zentrales Thema der Friedens- und Konfliktforschung, Friedenspädagogik und Friedensarbeit. Eine umfassende Begriffsarbeit ist zentral für die Disziplin, hat der Friedensbegriff doch ebenso konstitutive wie normative Funktionen (Narr 1969, S. 14, zit. nach Schwerdtfeger 2001, S. 27). So ist er ein wesentlicher Ausgangspunkt für friedenswissenschaftliche Untersuchungsgegenstände, theoretische Bezüge sowie daraus folgende Erkenntniswege. Zudem hat das einem Friedensbegriff zugrundeliegende Verständnis von Frieden Konsequenzen für das Handeln. Somit beeinflusst der Diskurs, der innerhalb der Friedensforschung darüber geführt wird, was denn Frieden sei und wie er zu erhalten oder herzustellen ist, nicht nur etwa die Entwicklung von Methoden der Konfliktanalyse, Konfliktbearbeitung und Friedensstrategien, sondern wirkt auch auf politische Entscheidungen, wie, womit und wozu etwa auf weltweite (bewaffnete) Konflikte reagiert wird. Die konkrete Fassung des Friedensbegriffs hat also äußerst weitreichende Konsequenzen für eine Vielzahl von Menschen.

Insbesondere nach den weltpolitischen Umwälzungen von 1989 nahm die Diskussion des Friedensbegriffs neuen Schwung auf. Auch im innergesellschaftlichen Bereich etablierte sich eine empirische Friedensforschung; sie machte deutlich, dass die theoretischen Verortungen des Friedensbegriffs zumeist westlich geprägte Wissenschafts- und Konfliktverständnisse widerspiegeln. Der vielfach diskutierte »local turn« bewirkte eine stärkere Einbeziehung und Reflexion lokaler und kultureller Kontexte sowie die vermehrte Beachtung »traditioneller« Konfliktbearbeitungsmethoden, die metatheoretischen Grundannahmen der Disziplin blieben aber weitestgehend unberührt.

Auch der Friedensbegriff wurde zunehmend als zu begrenzt wahrgenommen und seine Nähe zum europäischen Nationalstaat konzeptionell bemängelt. Schwerdtfeger erinnerte beispielsweise daran, dass „ein wahrer Frieden ein Frieden ist, der von vielen Menschen bewirkt und gehalten wird und nicht nur von wenigen für viele organisiert wird“ (Schwerdtfeger 2001, S. 14). Friedensbegriffe haben demnach auch »lebensweltliche« Bedeutungsinhalte. Ähnlich wie Schwerdtfeger wies auch Wolfgang Diet­rich auf die Einschränkungen eines universalistischen Friedensbegriffs hin und schlug richtungsweisend vor, von einem singulären zu einem pluralen Verständnis von Frieden überzugehen, zu den „vielen Frieden“ (Dietrich 2008).

In den letzten Jahren wurde vermehrt begonnen, auch metatheoretische Standpunkte der Disziplin zu berücksichtigen und zu diskutieren. Dies ist insbesondere auf de- und postkoloniale, feministische und indigene Forschung zurückzuführen. Mit dem Begriff »epistemische Gewalt« wird auf die Gewalt aufmerksam gemacht, die von Wissen und Wissenschaft selbst ausgeht. Diese ist auch innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung wirkungsmächtig (Brunner 2018). Mechthild Exo spricht im Kontext der Ausgrenzung von Wissensformen abseits hegemonialer Diskurse von einem „übergangene[n] Wissen“ (Exo 2007). Für Polly O. Walker gehört die Hegemonie westlicher Erkenntnistheorien zu den gravierend­sten Aspekten der Kolonialprozesse, da dadurch die Sicht indigener Menschen auf Konfliktbearbeitung weitgehend ausgeblendet wurde (Walker 2004, S. 530). Sie betont die darüber hinaus bestehende »ontologischen Gewalt«, die vermieden werden kann, wenn berücksichtigt wird, wie indigene Gemeinschaften die Welt erleben und konzeptualisieren, und nicht eine Weltsicht eine andere gewaltvoll unterdrückt (ebenda, S. 527, 546). Dieser ontologischen Dimension, also der »Theorie des Seins«, die konzeptualisiert, wie die Welt gemacht und geschaffen ist, wurde bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt.

Multiple Gewaltformen gegen die indigene Bevölkerung

Indigene Communities haben in den Vereinigten Staaten von Amerika aufgrund der Kolonialisierung und der dadurch verursachten physischen Gewalterfahrungen, Machtgefälle und Ungleichheiten noch immer nur begrenzte Handlungsfreiheit für ihr eigenes Land und Leben. Forderungen der indigenen Bevölkerung nach Dekolonialisierung und Selbstbestimmung sowie gesellschaftlicher und politischer Aufarbeitung des Kolonialisierungsprozesses erlangten bislang noch zu wenig Resonanz im öffentlichen Diskurs.

Anders als beispielsweise das benachbarte Kanada, dessen offizielle Entschuldigung für die zugefügte Gewalt im Jahr 2008 zu der Errichtung der »Truth and Reconciliation Commission of Canada« führte, übernahmen die Vereinigten Staaten von Amerika auf Bundesebene nie Verantwortung für den Landraub und die genozidale Politik gegen die indigene Bevölkerung. Eine Auseinandersetzung mit den Gewalttaten und dem gewaltvollen nationalen Narrativ sowie Entschuldigungen finden zumeist nur auf lokaler Ebene statt und gehen auf Graswurzel-Initiativen zurück.

Die erzwungene Assimilation und »Zivilisierung« mittels verpflichtender Beschulung in Internaten, aufgezwungener politischer Strukturen und Verboten spiritueller Praktiken, die bis Ende der 1970er Jahre gültig waren, führten zum Verlust von Identität, Sprache, Zeremonien und vielen weiteren kulturellen Praktiken. Bis heute leidet die indigene Bevölkerung Nordamerikas an andauernder physischer und struktureller Gewalt, Diskriminierung und transgenerationaler Traumatisierung.

Die strukturelle Gewalt ist in soziale und politische Strukturen eingebettet und schlägt sich nieder in einer hohen Arbeitslosigkeit, grundlegenden Versorgungsproblemen in den Reservaten, wenig politischer Teilhabe sowie Ungleichheiten im Bildungssystem (Dunbar-Ortiz und Gilio-Whitaker 2016, S. 2).

Zu den bereits genannten Gewaltformen kommt eine weitere Dimension hinzu, die für die Wiederherstellung von Frieden wesentlich ist: Durch die Trennung der indigenen Bevölkerung von ihren ursprünglich gelebten Denkweisen, Gefühlen, Beziehungsgefügen und Naturräumen sowie das Verbot von »traditionellen« Praktiken und Ritualen werden auch ihre eigenen Methoden der Konfliktbearbeitung und (Wieder-) Herstellung von innergemeinschaftlichem Frieden unterdrückt und vergessen. Zu den von außen verursachten Gewalttaten kommt somit noch eine verschärfende ontologische Gewaltdimension hinzu, indem Gemeinschaftskonflikten nicht mehr autonom und mit eigenen Mitteln begegnet werden konnte. Wertvolles Friedenswissen konnte den nächsten Generationen nur unvollständig weitergegeben werden. Dieser Verlust wirkt bis heute nach.

Viele Gewalterfahrungen haben sich in der Folge internalisiert und neue Formen der Gewalt hervorgerufen. Das zeigt sich etwa an einer hohen Rate häuslicher Gewalt, einer sehr hohen Suizidrate bei Jugendlichen sowie Problemen mit Alkoholismus und Drogen. Dementsprechend wenden sich indigene Programme und Initiativen im Bereich der Friedens- und Konfliktarbeit gegenwärtig zum einen gegen verfestigte Machtverhältnisse, zum anderen sollen durch Revitalisierung von eigenem Wissen und eigenen Praktiken auch Traumata überwunden (Wilson 2005, S. 196) und dem Bruch sozialer Beziehungen entgegengewirkt werden.

Die Frieden der L/Dakota

Die Frieden der L/Dakota sind in ein umfassendes Beziehungsgefüge und Wissens­system eingebettet. Sie drücken sich insbesondere in den beiden Bezeichnungen »mitakuye oyasin« und »­WoLakota« aus.

»Mitakuye oyasin« bedeutet so viel wie »wir sind alle mit allem verbunden« und verweist auf die besondere Verbindung der L/Dakota zu allen Entitäten. Diese Redewendung wird verwendet, wenn ein Gebet, eine Zeremonie oder ein wichtiges Gespräch beschlossen wird. »WoLakota« bezieht sich ebenfalls auf das relationale »In-der-Welt-sein« der L/Dakota und meint Frieden im Sinne von Balance. Das damit verbundene Wissenssystem ist eine zirkuläre und relationale Philosophie, in der das Gleichgewicht aller Faktoren für eine Konsensfindung im Mittelpunkt steht. Entsprechend liegt ein Fokus für die Herstellung von Frieden auf dem Wohlbefinden einer Gemeinschaft.

Diese hier nur angerissenen Verständnisse werden im Folgenden deutlich im Umgang mit dem »broken circle« – eine vielfach genutzte Metapher für den durch koloniale Gewalt unterbrochenen Kreislauf des Lebens und den damit verbundenen Versuch, die Balance in der eigenen Gemeinschaft wieder herzustellen.

Der Ritt »Dakota 38+2»

Der Ritt ist jenen 38 Dakota gewidmet, die nach dem »Sioux-Aufstand« bei der größten Massenhinrichtung in der Geschichte der Vereinigten Staaten am 26. Dezember 1862 auf Anordnung von US-Präsident Abraham Lincoln gehängt wurden, sowie weiteren zwei Dakota, die zunächst nach Kanada flüchten konnten und später gehängt wurden. Sie hatten bewaffneten Widerstand gegen die Vertreibung ihrer Gemeinschaft aus Minnesota in Richtung der Great Plains geleistet, was als »US-Dakota-Krieg« in die gängige Geschichtsschreibung einging.

Ihre Nachfahren reiten seit 2005 jährlich im Dezember 330 Meilen zum Ort der Exekution in der Kleinstadt Mankato und bitten mit diesem Ritual um Vergebung für die Gewalt, die beide Seiten verursachten. Der Ritt beginnt in Lower Brule, Süd Dakota, und führt nach Mankato, Minnesota, wo die Reitenden am Jahrestag der Hinrichtung ankommen. Es ist eine zeremonielle Reise zurück in ihre ursprüngliche Heimat.

Auf diesem zweiwöchigen Ritt kommen die Teilnehmenden durch Städte, die besonders für Rassismus gegen Indigene bekannt sind. Die Begegnungen und Auseinandersetzung mit der Geschichte wirken auf beiden Seiten transformativ. Viele Bewohner*innen dieser Städte, selbst in Mankato, erfuhren erst durch den Ritt von den Hinrichtungen, da diese in der amerikanischen Geschichtsschreibung in der Regel unterschlagen werden.

Neben dieser Bewusstseinsschaffung ist der Ritt für die Teilnehmenden eine Zeit der Erinnerung und Ehrung der Gehängten und Vertriebenen sowie der Heilung und Versöhnung. Die Heilung nach »innen«, in die eigene Gemeinschaft, umfasst mehrere Aspekte: Geschichten und Erinnerungen werden geteilt und eigenes Wissen revitalisiert und weitergegeben. Die Gemeinschaftsmitglieder erfahren Unterstützung, da in diesem geschützten Rahmen auch in der Gegenwart erlittene oder verursachte Gewalttaten benannt und angesprochen werden können. Das Aufleben von Ritualen und Heilmethoden ermöglicht eine Bearbeitung und Transformation. Damit verbunden ist auch der wichtige Aufbau des Selbstwertgefühls nach oftmals unzähligen Diskriminierungserfahrungen: das Erleben, als »Indian« wertvoll zu sein. Waziyatawin Angela Wilson betont, dass bereits der Prozess der Rückgewinnung eigener Traditionen heilend wirkt (Wilson 2005, S. 196).

Dieser Heilungsprozess wirkt aber auch nach »außen«: Über das öffentliche Erzählen von den vergangenen Ereignissen und der gegenwärtigen Lebenssituation treten die Teilnehmenden während des Ritts in Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. Für die Heilung der Traumata der Vergangenheit ist wichtig, dass die Sichtweise und damit die Wahrheit der Reitenden Gehör findet. Außerdem bedeutet diese Heilung auch, im Sinne des Wohlergehens des Ganzen zu vergeben. Im Sinne von »Mitakuye oyasin« ist es ein Angebot an die US-Bürger*innen, die Beziehungen gemeinsam transformativ zu bearbeiten.

Implikationen für die Friedensforschung

Eine wissenschaftliche und praktische Auseinandersetzung mit Frieden braucht eine verstärkte Beschäftigung mit »blinden Flecken«. Durch ein Bewusstsein für gleichermaßen epistemische wie ontologische Gewalt werden soziale Wirklichkeiten und Erfahrungen sichtbar, die sonst marginalisiert werden oder erst gar nicht in das Blickfeld geraten. Ein Verständnis, wie indigene Gemeinschaften die Welt wahrnehmen und Frieden fassen und konzeptualisieren, birgt wichtiges Friedenspotential und Friedenswissen. Ausgangspunkt hierfür bietet eine umfassende Begriffsdiskussion sowie eine Anerkennung lebensweltlicher Friedensverständnisse.

Initiativen wie der Ritt der Dakota zeigen zudem einen dringenden Bedarf an der Bearbeitung von Konflikten, die in gegenwärtigen Konfliktdatenbanken nur unzureichend erfasst und wahrgenommen werden. Grund hierfür ist, dass Konflikte entweder internalisiert, durch Machtungleichgewichte verdeckt und/oder der Vergangenheit zugerechnet werden. Für lange Zeit blieb daher auch die genozidale Gewalt an indigenen Menschen und eine anhaltende Kolonialität aufgrund bestehender asymmetrischer Machtstrukturen als Untersuchungsgegenstand der Friedensforschung zu wenig beachtet. Polly Walker drückt das so aus: „Indigenen Menschen das Recht zu verweigern, innerhalb ihrer Weltanschauungen zu fungieren, bedeutet die Realität ihrer Erfahrungen zu leugnen. (Walker 2004, S. 531)

Die Wiederherstellung und das Aufleben eigener Frieden ist somit nicht nur Teil einer wichtigen und notwendigen dekolonialisierenden Heilung, sondern bietet auch der Friedensforschung wertvollen Erkenntnisgewinn.

Anmerkung

1) Die Lakota und Dakota gehören ebenso wie die Nakota zu den »Oceti Sakowin«, den »Seven Council Fires«. Sie sind zumeist unter der kolonialen Fremdbezeichnung »Sioux« bekannt.

Literatur

Brunner, C. (2018): Epistemische Gewalt – Konturierung eines Begriffs für die Friedens- und Konfliktforschung. In: Dittmer, C. (Hrsg.): Dekoloniale und Postkoloniale Perspektiven in der Friedens- und Konfliktforschung – Verortungen in einem ambivalenten Diskursraum. Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung, Sonderband 2, S. 25-59.

Dietrich, W. (2008): Variationen über die vielen Frieden – Band 1: Deutungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Dunbar-Ortiz, R.; Gilio-Whitaker, D. (2016): „All the Indians died off” – And 20 other myths about Native Americans. Boston: Beacon Press.

Exo, M. (2017): Das übergangene Wissen – Eine dekoloniale Kritik des liberalen Peacebuilding durch basispolitische Organisationen in Afghanistan: Bielefeld: transcript.

Schwerdtfeger, J. (2001): Begriffsbildung und Theoriestatus in der Friedensforschung. Opladen: Leske und Budrich.

Walker, P.O. (2004): Decolonizing Conflict Resolution – Addressing the Ontological Violence of Westernization. The American Indian Quarterly, Vol. 28, Nr. 3-4, S. 527-549.

Wilson, A.W. (2005): Relieving our suffering – indigenous decolonization and a United States truth commission. In: dieselbe; Yellow Bird, M. (2005): For Indigenous Eyes Only – A decolon­ization handbook. Santa Fe: School of American Research Press, S. 189-205.

Melanie Hussak ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz der Universität Koblenz-Lan­dau. Neben der Friedensforschung ist sie dort im Bereich der Friedenspädagogik tätig und promoviert zu Friedensvorstellungen und Friedensprozessen indigener Gemeinschaften.

Mein Dank gilt Jim Miller, der den Ritt träumte und anschließend verwirklichte, seiner Frau Alberta, Josette Peltier sowie allen Teilnehmenden des Ritts im Dezember 2019, die mich herzlich willkommen hießen, für die wertvollen Begegnungen und Gespräche. Mein Dank gilt auch der Friedensakademie Rheinland-Pfalz, die diesen Feldaufenthalt finanziell unterstützte und somit erst ermöglichte.

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