in Wissenschaft & Frieden 2020-2: Frieden begreifen

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Aus dem Herausgeberkreis

von W&F-Herausgeberkreis

Menschenrechte für Assange

FifF unterstützt Petition für WikiLeaks-Gründer

Von 24. bis 27. Februar 2020 fand in London der erste Teil der Anhörung über die Auslieferung von Julian Assange an die USA statt. Ihm werden Spionage, Computerbetrug und Computermissbrauch vorgeworfen. Die Beweisaufnahme ist ab dem 18. Mai terminiert. Am ersten Tag der Anhörung positionierte sich das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) wie folgt:

Wir fordern von der deutschen Regierung, der britischen Regierung, der US-Regierung, den Regierungen aller EU-Mitgliedstaaten, dem Europäischen Parlament und der Europäische Kommission, ihr Handeln strikt an der Rechtsstaatlichkeit, den Menschenrechten und der Pressefreiheit auszurichten und auch gegenseitig auf deren Einhaltung hinzuwirken. Konkret fordern wir:

1. Julian Assange muss sofort die nötige psychologische und medizinische Versorgung bekommen.

2. Die USA müssen die Spionage-Anschuldigungen gegen Julian Assange sofort fallen lassen und in der Folge muss Großbritannien ihn sofort freilassen.

3. Großbritannien darf Julian Assange keinesfalls an die USA ausliefern, weil ein unfaires Gerichtsverfahren und Folter drohen.

4. Die Vorgehensweisen der Behörden in Schweden und Großbritannien, die zu diesem unhaltbaren Zustand geführt haben, sind lückenlos und öffentlich aufzuklären.

Begründung

Der Fall Julian Assange stellt die westlichen Gesellschaften vor eine Schicksalsfrage: Führen wir unsere Grundwerte wie Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Pressefreiheit nur dann ins Feld, wenn wir andere Staaten kritisieren, oder nehmen wir sie wirklich ernst und praktizieren sie? Dann müssen wir sie nicht nur in politischen Belehrungen anderer hochhalten, sondern auch in schwierigen und als unbequem empfundenen Situationen anwenden. Sie würden dann nicht nur für diejenigen Personen gelten, die Regierungen unterstützen oder sich im Sinne des Status quo äußern, sondern besonders für diejenigen, die laut Kritik üben, den Finger in die Wunde legen und sich mit den Mächtigen anlegen. Gerade für diese Menschen müssen Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Pressefreiheit gelten, gerade für diese Menschen sind sie gedacht, denn genau diese Menschen benötigen den Schutz. Versagen wir als Gesellschaft in solchen Fällen schutzbedürftigen Journalist*innen wie Julian Assange ihre Rechte und Freiheiten, so sind unsere Werte tatsächlich nichts wert, weil sie genau dann nicht gelten würden, wenn es überhaupt auf sie ankommt. Gefälliger Journalismus benötigt keinen Schutz, Julian Assange hingegen braucht ihn dringend.

Diverse weitere Organisationen und Privatpersonen unterstützen die Petition ebenfalls. Die Unterzeichung ist unter assange.fiff.de möglich.

Künstliche Intelligenz als Wunderland

FIfF-Konferenz und FIfF-Kommunikation 1/2020

Von 22. bis 24. November 2019 fand in Bremen die Konferenz 2019 des Forum Informatikerinnen und Informatiker für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) statt. Das Leitmotiv der Konferenz, »Künstliche Intelligenz als Wunderland«, nahm Bezug auf »Alice im Wunderland«, den Roman von Lewis Carroll, in dem die Protagonistin phantastische Abenteuer erlebt und skurrile Gestalten trifft.

Professor Dr. Hans-Jörg Kreowski, Universität Bremen, zitiert aus der Einladung: „Ein neues Wunderland eröffnet sich heute durch Künstliche Intelligenz. Es ist von Robotern bevölkert, die Fußball spielen, tanzen, jonglieren, kochen, Dienstleistungen aller Art erbringen, Alte und Kranke pflegen und Orte erkunden, die für Menschen gefährlich oder unerreichbar sind. Es gibt dort selbstfahrende Autos und unbemannte Flugobjekte. Lernende neuronale Netze beeindrucken, weil sie fast alle Spiele gegen fast alle Spielerinnen und Spieler gewinnen. Man trifft allenthalben auf Systeme, die sehen, lesen, sprechen und lernen können. Und es wird gemunkelt, dass sich demnächst eine neue Spezies mit Superintelligenz dazu gesellen wird, die besser denken kann als alle Menschen zusammen.

In der Begrüßung zur Konferenz, die in der FIfF-Kommunikation abgedruckt ist, stellte FIfF-Vorsitzender Stefan Hügel die Frage: „Wie können wir Künstliche Intelligenz kon­trollieren, und nach welchen Kriterien? Bereits heute führen die verwendeten Lernverfahren zu Ergebnissen, die mit unserer Auffassung von Ethik nicht immer in Einklang stehen – beispielsweise beim programmierten Rassismus, wenn (Vor-) Urteile, die in die Daten bereits eingeschrieben sind, sich reproduzieren und beim »Lernen« noch verstärken? Wer wählt die richtigen Daten aus, um diese Systeme zu trainieren? Was sind überhaupt »richtige« Daten? Hier wird es politisch: Wir müssen uns über die Daten, mit denen Maschinen trainiert werden, demokratisch verständigen.

Der Schwerpunkt von FIfF-Kommunikation 1/2020 besteht aus den schriftlichen Fassungen der Vorträge auf der FIfF-Konferenz 2019 sowie Berichten aus den Arbeitsgruppen:

Den Schlusspunkt bildet der Artikel von Detlef Borchers, der ein interessantes Schlaglicht auf die Anfänge der KI wirft. Neben den Beiträgen der Referentinnen und Referenten enthält der Schwerpunkt auch einen Rückblick auf die Aktivitäten des vergangenen FIfF-Jahres.

Seit nunmehr zehn Jahren wird auf der FIfF-Konferenz der Weizenbaum-Studienpreis – früher FIfF-Studienpreis – für herausragende Abschlussarbeiten mit Bezug zu Informatik und Gesellschaft verliehen, so auch dieses Jahr. Die Laudationes und die Beiträge der Preisträgerin und der Preisträger sind ebenfalls im Heft abgedruckt: Thomas Gruber über Mathematik, Informatik und Krieg, Alexandra Keiner über Algorithmen im Asylprozess und Philipp Imperatori über die Verschlüsselungspolitik der USA. In seinem Beitrag »Im Bann der Netzwerke« setzt sich Markus Reinisch mit der Aufmerksamkeitsökonomie und der subtilen Steuerung in sozialen Medien auseinander.

Zu allen Vorträgen der Konferenz gibt es außerdem Videoaufzeichnungen. Sie sind verlinkt auf https://2019.fiffkon.de.

Inhaltliche Anfragen richten Sie bitte an redaktion@fiff.de; ein Rezensionsexemplar können sie bei fiff@fiff.de gerne anfordern. Auf der Webseite fiff.de/publikationen/fiff-kommunikation finden Sie weitere Informationen zur aktuellen Ausgabe und zu vorangegangenen Heften.

Meldungen des BdWi

Freisprüche für Akademiker*innen für den Frieden

Der türkische Zusammenschluss » Baris Için Akademisyenler« (Akademiker*innen für den Frieden) wurde im November 2012 gegründet. Mehr als 1.100 türkische und kurdische Wissenschaftler*innen unterschrieben im Januar 2016 einen Aufruf der »Akademiker*innen für den Frieden« und protestierten mit ihrer Unterschrift gegen die militärischen Maßnahmen der türkischen Regierung in den kurdischen Gebieten und gegen die Zivilbevölkerung. Diese Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Wissenschaftler*innen zog eine beispiellose Kriminalisierungskampagne nach sich; zahlreiche Unterzeichner*innen wurden angeklagt, verurteilt, eingesperrt oder mussten fliehen.

Das türkische Verfassungsgericht gab am 26. Juli 2019 dem Einspruch von zehn Angeklagten gegen ihre Verurteilung statt und erklärte, die Petition sei ein rechtmäßiger Ausdruck der Redefreiheit. Auf der Grundlage dieser Entscheidung haben nun Wiederaufnahmeverfahren begonnen und erste Ergebnisse erbracht. Von den Friedensakademiker*innen, die die Aufschiebung ihrer Verurteilung nicht akzeptiert hatten, wurden bisher acht freigesprochen; bei weiteren vier Angeklagten wurden die Urteile aufgehoben – sie müssen aber noch auf die Wiederaufnahme des Verfahrens warten.

Die Gesamtzahl der freigesprochenen Angeklagten liegt nun bei 599 (Stand 23. März 2020). Weitere Informationen unter barisicinakademisyenler.net/English.

Universität ohne Grenzen – Off-University

In der Türkei mussten zahlreiche Wissenschaftler*innen ihre akademischen Institutionen aufgrund ihrer politischen Ansichten verlassen und wurden politisch verfolgt. Damit verloren sie auch die Möglichkeit zur Lehre. Als Reaktion wurde vor etwa drei Jahren die Off-University gegründet. Die Off-University bietet ihre kostenlosen Kurse über eine Online-Plattform an. Das Ziel ist es, Wissenschaftler*innen zu unterstützen, die von autoritären Regimen von ihren Institutionen ausgeschlossen wurden, und neue Wege zu entwickeln, ihr Wissen und ihre Forschung zu teilen.

Das Fernstudienprogramm bezieht Menschen aus allen Teilen der Welt ein, die aufgrund von Krieg oder politischer Verfolgung gezwungen wurden, ihre Arbeit, Forschung oder ihr Studium aufzugeben. So erhalten Wissenschaftler*innen und Studierende, deren Reisefreiheit eingeschränkt wurde, die Möglichkeit, Wissenschaft und Bildung online fortzuführen. Auf lange Sicht hofft der die Off-University tragende Verein, eine Friedensuniversität zu schaffen, die Präsenz- und digitale Bildungsformate miteinander verbindet.

Im April begann das Sommersemester 2020. Zu den spannendsten Themen, mit denen sich die Kurse des neuen auseinandersetzen, zählen Klimawandel und Klimagerechtigkeit, die Rolle der Medien in der Verbreitung von diskriminierenden Diskursen und unterschiedliche philosophische Blickwinkel auf »zuhause«.

Falls Sie interessiert sind, an den kostenlosen Kursen teilzunehmen, gibt es hier weitere Informationen: https://off-university.com/de-DE.

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