in Wissenschaft & Frieden 2020-2: Frieden begreifen

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Göttinger Friedenspreis

Preisverleihung an AMICA, 7. März 2020, Göttingen

von Regina Hagen

Das Logo von AMICA e.V. trägt den Zusatz »Frauenrechtsarbeit in Krisenregionen«. Während des Bosnienkrieges „beschlossen zahlreiche Menschen [in Freiburg], nicht tatenlos zuzuschauen, wie ein weiterer geopolitischer Krieg Menschenleben und Existenzen zerstört. Sie sammelten Hilfsgüter, Bekleidung, Lebensmittel und Medikamente, mieteten einen LKW und machten sich auf die gefährliche Reise nach Tuzla, mitten ins Kriegsgebiet. So beschreibt ­AMICA selbst den Beginn des Engagements. Weitere Transporte folgten, 1993 gründete sich der Verein, der heute AMICA heißt – die Freundin.

Rasch ging es um mehr als Hilfstransporte. 1994 wurde in Tuzla die Eröffnung des ersten Frauenhauses unterstützt, das bis heute besteht. Aufgrund der Erfahrungen bei der praktischen Hilfsarbeit erweiterte AMICA den Focus um die Unterstützung von Frauen und Mädchen in Kriegs-, Nachkriegs- und Krisenregionen, darum wissend, dass sie „angesichts eines Klimas der Gewalt besonders gefährdet sind und dass sie gleichzeitig auch diejenigen sind, die Friedens- und Versöhungsprozesse vor Ort vorantreiben“. Die Zusammenarbeit vor Ort ist langfristig ausgelegt, es geht um Hilfe beim Aufbau nachhaltiger Strukturen, bei der Finanzierung dieser Arbeit, bei der Ausarbeitung passender Hilfsangebote und um die gemeinsame politische Begleitung dieser Arbeit.

AMICA wurde für diese Arbeit wiederholt ausgezeichnet, am 7. März 2020 auch mit dem Göttinger Friedenspreis. Die Preisverleihung fand – nach dem Streit vergangenes Jahr um die Ehrung der »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.« (siehe W&F 2-2019) keine Selbstverständlichkeit – wieder in der Alten Aula der Göttinger Universität statt und damit erneut in sehr festlichem Rahmen. Die Reihen im Saal waren allerdings spärlich und vorwiegend mit Menschen aus Göttingen und der nahen Umgebung besetzt: Der Corona-Virus Sars-CoV-2 breitete sich zunehmend auch in Deutschland aus, nur wenige reisten daher von weiter her an.

Das ist schade, denn mit AMICA gab es eine lebendige und vielseitig aktive Gruppe kennenzulernen. Die Jury des von der Stiftung Dr. Roland Röhl vergebenen Preises erläuterte ihre Entscheidung wie folgt: „Seit über 25 Jahren unterstützt AMICA tausende von Frauen und Mädchen in aktuellen Kriegsgebieten […]. Zu den Kernaufgaben gehören psychosoziale Arbeit mit Traumatisierten, medizinische Versorgung, Rechtsberatung, Maßnahmen zur Existenzsicherung sowie Projekte zu Chancengleichheit. Mit der Stärkung dieser Frauen und Mädchen leistet AMICA einen entscheidenden Beitrag zur Versöhnung und zu einer künftigen, nachhaltigen Frie­densordnung in diesen Konfliktländern.

In ihrer lebhaft vorgetragenen und mit Anekdoten gespickten Laudatio zog Herta Däubler-Gmelin, ehemalige Bundesministerin der Justiz und langjährige Abgeordnete, einen großen Bogen und beschrieb vielfältigstes Frauenengagement für den Frieden in zahlreichen Ländern. Dieses sei unverzichtbar, da Frauen allerorten mit „mächtigen Gegeninteressen“ konfrontiert seien und häufig Opfer von Gewalt und Unterdrückung würden. Umso dringlicher sei die beharrliche Verfolgung der Ziele der UN-Resolution 1325, »Frauen, Frieden und Sicherheit«, aus dem Jahr 2000.

In ihrer Preisträgerin-Rede erläuterte Gabriele Michel, Vorsitzende des AMICA-Vorstands, die Arbeit des Vereins anhand dreier zentraler Begriffe: Zivilcourage, Empowerment und Solidarität.

Es sei einfach zu sagen, man setze sich für Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten ein. Es sei aber für uns kaum vorstellbar, was es für die AMICA-Partnerinnen konkret heiße, in einem Kriegs- und Krisengebiet aktiv zu sein. „Es bedeutet, dass sie jeden Tag mit den Auswirkungen von Gewalt, sozialer Not und psychischen Traumata in Kontakt sind. Es bedeutet, dass sie bei ihren Einsätzen oft selbst in Gefahr geraten. AMICA kooperiert u.a. mit Partnerinnen in der Ukraine und in Libyen. Diese erleben regelmäßig Schießereien, Bombenterror und die Folgen von Flucht, auch innerhalb des Landes. Sie könnten nicht wie evtl. Besucherinnen von AMICA einer Eskalation entkommen und setzten dennoch beharrlich ihre Arbeit fort – das sei Zivilcourage.

Maßnahmen zum Empowerment sollen die AMICA-Partnerinnen stärken, „damit diese ihre Ressourcen – die emotionalen ebenso wie die physischen, geistigen und finanziellen – einsetzen können, um die Frauen zu unterstützen, die zu ihnen kommen. Damit diese wiederum ihre Interessen, Ziele und Rechte selbstverantwortlich vertreten können. Empowerment sei mehr als »Hilfe zur Selbsthilfe«, an die Stelle von Hilfe trete Power, also Eigeninitiative, Entschiedenheit, Kraft und Kreativität.

Und schließlich die Solidarität. Sie sei „der Ausgangspunkt und die Essenz“ der ­AMICA-Arbeit. Dazu gehöre, den Projekten und Partnerinnen lange treu zu bleiben: schon 27 Jahre in Bosnien-Herzegowina, zehn Jahre in Tschetschenien, ebenso lange in Palästina. „Wir sind nicht weiter gezogen in andere Länder, als die Waffen endlich schwiegen und die Reporter ihre Laptops einpackten. Weil offenkundig war und ist, dass mit dem Ende des Krieges viele Probleme erst begannen und immer wieder beginnen. Das verstehe AMICA unter Solidarität.

Die Begründung der Jury und die Preisträgerin-Rede sind unter goettinger-friedenspreis.de zu lesen. Mehr zu AMICA steht unter amica-ev.org.

Regina Hagen

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