in Wissenschaft & Frieden 2020-4: Umwelt, Klima, Konflikt – Krieg oder Frieden mit der Natur?

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Biodiversitätskonflikte

Eine sozial-ökologische Perspektive

von Thomas Fickel, Robert Lütkemeier, Diana Hummel

Am Umgang mit Biodiversität entzünden sich weltweit Konflikte, die bisher nicht umfassend erforscht und systematisiert wurden, da die Zusammenhänge zwischen Biodiversitätsverlust und gesellschaftlichen Konflikten vielfältig sind (Fickel und Hummel 2019; Scheffran 2018). Der jüngste Bericht des Intergovernmental Panel on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES 2019) prognostiziert, dass der Verlust der globalen biologischen Vielfalt in den kommenden Jahrzehnten dramatisch ansteigen wird. Somit werden gesellschaftliche Konflikte infolge der Degradation oder des Zusammenbruchs von Ökosystemen wohl weiter zunehmen. Die Bewältigung von Biodiversitätskonflikten muss daher sowohl die nachhaltige Lösung von Umweltproblemen als auch die Deeskalation und Bearbeitung von Konflikten zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteur*innen einschließen.

Ein wesentliches Merkmal von Konflikten im Bereich der Biodiversität ist die Überlagerung von widerstreitenden Interessen und Einflussmöglichkeiten der beteiligten Parteien, ungleichen Zugängen zu Ressourcen und erheblichen Wertedifferenzen. Biodiversitätskonflikte zeichnet überdies aus, dass sie von fehlendem, unsicherem oder strittigem Wissen über ökologische und sozial-ökologische Prozesse geprägt sind. Dies betrifft die lokalen ebenso wie die globalen Zusammenhänge von gesellschaftlichem Handeln und Biodiversität. Die Bearbeitung und Lösungssuche braucht jedoch dieses Wissen, um zu guten und nachhaltigen Lösungen zu gelangen.

Wir wollen in diesem Artikel zeigen, wie eine konfliktsensible sozial-ökologische und transdisziplinäre Forschung einen Beitrag zum besseren Verständnis von Konflikten um Biodiversität und zu deren Bearbeitung leisten kann. Sozial-ökologische Forschung fokussiert explizit auf die vielfältigen Beziehungen zwischen Natur und Gesellschaft und deren krisenhafte Entwicklungen. Der transdisziplinäre Forschungsansatz ermöglicht es, neben wissenschaftlichem Wissen unterschiedlicher Disziplinen auch das Praxiswissen der relevanten Akteur*innen zusammenzubringen. Durch diesen integrierten, problemorientierten Zugang kann die Forschung ein verbessertes Wissen über die umstrittenen lokalen gesellschaftlichen Naturverhältnisse bereitstellen und so zur Vermittlung in Biodiversitätskonflikten beitragen. Zur Erläuterung werden wir zuerst die Besonderheit des Konfliktfeldes Biodiversität darstellen und anschließend sozial-ökologische Forschung an zwei Fallbeispielen – Konflikte im Kontext des Insektenschutzes in Deutschland und um Wildtiermanagement in Namibia – veranschaulichen.

Konflikte im Feld Biodiversität

Der Begriff Biodiversität bezeichnet keinen eindeutig abgrenzbaren oder direkt greifbaren Gegenstand, sondern umfasst eine Vielzahl von Perspektiven auf die Vielfältigkeit natürlicher Lebensformen und Interaktionen. Weit verbreitet ist die der Artenvielfalt als Vorkommen unterschiedlichster Arten von Lebewesen auf der Erde. Darüber hinaus beschreibt der Begriff die Vielfalt von Genpools innerhalb und zwischen Arten und die Vielfalt unterschiedlicher Ökosysteme auf der Welt, von Regenwäldern bis zu Wüsten. Ein zentrales Thema der Forschung ist die Frage nach der Bedeutung von Biodiversität für menschliche Gesellschaften, auf die verschiedene wissenschaftliche Disziplinen unterschiedliche Antworten geben.

Aus ökologischer Perspektive wird der Wert von Biodiversität als stabilisierender Faktor für Ökosysteme bemessen. Mikroorganismen im Boden z.B. zersetzen organisches Material, und Raubtiere verhindern ein Anwachsen von Beutetier-Populationen. Das komplexe Zusammenspiel unterschiedlichster Tiere und Pflanzen in einem Ökosystem trägt zu dessen Stabilität bei. Sehr bekannt ist die Forschung zu Ökosystemleistungen, die zum Ziel hat, die Bedeutung einer intakten Natur für das menschliche Wohlergehen offenzulegen (MEA 2005). Ein Teil der Forschung versucht, den Nutzen von biologischer Vielfalt in monetäre Werte zu fassen (TEEB 2010). Ein prominentes Beispiel ist die Berechnung des wirtschaftlichen Nutzens der globalen Bestäubung durch Insekten für die Landwirtschaft, der für das Jahr 2015 auf 235-577 Mrd. US$ beziffert wurde (IPBES 2016). Auch der ökonomische Wert von touristischer Wildtierjagd lässt sich so abschätzen. Kulturell ausgerichtete Perspektiven betonen hingegen den symbolischen Charakter von Biodiversität, z.B. ihre Ästhetik oder ihren Erholungswert. In aktuellen Debatten im Rahmen des IPBES-Prozesses wird auch aus nicht-westlichen Perspektiven die Bedeutung von Biodiversität für die eigene Identität, das »gute Leben« und den sozialen Zusammenhalt mit einbezogen (Christie et al. 2019).

Die gesellschaftliche (und individuelle) Bewertung von Biodiversität ist regional und kulturell sehr spezifisch. Mensch-Wildtier-Interaktionen in Namibia sind schwer mit denen in Deutschland zu vergleichen. Und sogar innerhalb Deutschlands unterscheiden sich die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichem Handeln und Biodiversität erheblich, beispielsweise hinsichtlich der Nutzungspraktiken in Schutzgebieten (wie Beweidung, Einsatz von Pestiziden, Umweltbildung). Ökologische und natürliche Funktionsweisen sind untrennbar mit kulturellen Bezugnahmen verbunden (Schramm et al. 2020). Die Soziale Ökologie bezeichnet diese dynamischen Beziehungen zwischen Individuen, Gesellschaft und Natur als gesellschaftliche Naturverhältnisse.

Konflikte im Feld Biodiversität entstehen in der Praxis oft, wenn Ziele des Biodiversitätsschutzes mit anderen Zielen kollidieren, die kurz- oder langfristig zur Degradation oder Zerstörung der Biodiversität führen, oder wenn bestehende lokale Beziehungen zu Biodiversität gefährdet sind. In der englischsprachigen Debatte wird dies als „conservation conflict“ (Redpath et al. 2015) bezeichnet und zeigt sich in unserer Forschung u.a. im Spannungsfeld von Schutz vs. Nutzung von Elefanten bzw. Wildtieren der namibischen Savanne oder beim Schutz von Insektenbiodiversität in deutschen Naturschutzgebieten. Darüber hinaus deuten sich Konflikte an, in denen der Umbau von Ökosystemen (z.B. Forstumbau in Bezug auf Klimawandelanpassung) zu Konflikten führt.

Sozial-ökologische Dimensionen von Biodiversitätskonflikten

Die Betrachtung der unterschiedlichen Bewertungen von Biodiversität ist wichtig, da sie den sozial-ökologischen Charakter dieser Konflikte belegen, was Auswirkungen auf die Konfliktanalyse und -bearbeitung haben kann. Diese müssen im Sinne von Nachhaltigkeit 1. die sozialen/politischen Dimensionen von Konflikten (Interessen, Eskalationsgrad, Diskurse etc.), 2. die Stabilität bzw. den Funktionserhalt von Ökosystemen sowie 3. unterschiedliche gesellschaftliche Bezugnahmen auf und Wechselwirkungen mit Biodiversität berücksichtigen. Um dieses charakteristische Zusammenwirken von »Natur« und »Gesellschaft« für die Konfliktanalyse und Lösungsfindung besser handhabbar zu machen, ist eine systemische Zugangsweise erforderlich.

Zum besseren Verständnis der sozial-­ökologischen Wechselwirkungen in Bezug auf Biodiversität wurde am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung (Frankfurt a.M.) ein Modell sozial-ökologischer Systeme (SES) erarbeitet (Mehring et al. 2017). Es bietet einen analytischen Rahmen und eine Heuristik für die Erforschung von Biodiversitätskonflikten und ermöglicht es, die drei oben genannten Bereiche angemessen zusammen zu betrachten und sowohl disziplinäres wissenschaftliches Wissen als auch lebensweltliches Praxiswissen zu integrieren. Im Zentrum des SES stehen die Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichen Akteur*innen und Ökosystemfunktionen, die genuin sozial-­ökologische Strukturen und Prozesse hervorbringen. Intendiertes Management (z.B. der Einsatz von Pestiziden) ebenso wie dessen unbeabsichtigte Folgen beeinflussen die Ökosystemfunktionen. Zugleich stellen Ökosystemfunktionen Ökosystemleistungen (z.B. Bestäubung) bereit – oder auch negative Effekte (Disservices), die schädlich für die Akteur*innen sein können (z.B. Zerstörung von Zäunen durch Wildtiere). Die sozial-ökologischen Dynamiken werden durch vier Gestaltungsdimensionen beeinflusst: Wissen (wissenschaftliches und praktisches Wissen, z.B. wildtierbiologische Kenntnisse), Institutionen (formelle und informelle Handlungsregeln, z.B. staatliche Verordnungen), Technologien (z.B. Landmaschinen oder Zäune) und Praktiken (Verhaltensmuster bezüglich der Nutzung von Biodiversität und Ökosystemleistungen, wie Wiesenmahd oder Jagd).

Aus der sozial-ökologischen Perspektive lassen sich Konflikte um Biodiversität nur angemessen verstehen und bearbeiten, wenn die soziale und die ökologische Seite in der Konfliktbearbeitung nicht additiv bearbeitet, sondern die Wechselwirkungen der gesellschaftlichen Naturverhältnisse beleuchtet werden.

Transdisziplinäre Forschung unterstützt Konfliktbearbeitung

Doch wie kann dies gelingen? Um die Mehrdimensionalität von Biodiversitätskonflikten zu untersuchen und zugleich die Anliegen und Bedürfnisse der Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen, ist ein transdisziplinärer Forschungsansatz erforderlich, der es erlaubt, sozialwissenschaftliches mit naturwissenschaftlichem Wissen zu verknüpfen. Doch auch das lokale Praxiswissen der beteiligten Konfliktparteien ist mit in den Forschungsprozess einzubeziehen (Jahn et al. 2012). Die Konfliktbeteiligten vertreten nicht nur als »Stakeholder« unterschiedliche Interessen, sondern verfügen zugleich als »Knowledgeholder« über unterschiedliches Wissen, das zu berücksichtigen ist.

Wir möchten anhand von zwei Biodiversitätskonflikten und damit verbundenen Forschungsprojekten Wege aufzeigen, wie transdisziplinäre sozial-ökologische Forschung den Konfliktbearbeitungsprozess unterstützen kann.

Konflikte im Bereich Insektenschutz in Deutschland

Am Projekt DINA (Diversität von Insekten in Naturschutz-Arealen) lässt sich illustrieren, wie ein transdisziplinärer Forschungsprozess dazu beitragen kann, unterschiedliche Bezugnahmen auf Biodiversität offenzulegen und durch Wissensintegration eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu schaffen. Das Projekt beschäftigt sich mit dem Insektenrückgang in Deutschland. Zugespitzt haben sich damit verbundene Konflikte spätestens seit der öffentlichen Diskussion der »Krefeld-Studie« (Hallmann et al. 2017), die nachwies, dass in deutschen Naturschutzgebieten in den letzten 30 Jahren mehr als 70 % der Biomasse von Insekten verschwunden sind. Die gesellschaftlichen Reaktionen auf diesen Befund waren enorm und gegensätzlich (Fickel et al. 2020). Ein Beispiel ist die bayerische Petition »Rettet die Bienen«, die mit mehr als einer Million Unterschriften Rekorde brach und die Landespolitik zur Überarbeitung des Naturschutzgesetzes drängte. Auf der anderen Seite führten Landwirt*innen deutschlandweit Proteste durch und blockierten deutsche Innenstädte mit großen Landmaschinen. In den Forderungen dieser Bewegungen wurden Insektenschutz, geplante Verbote von Pestiziden, ökonomische Zwänge sowie Anerkennungsdefizite hinsichtlich landwirtschaftlicher Leistungen in der Nahrungsmittelproduktion betont. Zusätzlich wird bei diesem Konflikt wissenschaftliches Wissen unterschiedlich bewertet und die Aussagekraft dieses Wissens für lokale Kontexte in Frage gestellt.

Zur Erarbeitung von Lösungen bieten sich Dialogrunden auf lokaler Ebene an, in denen gemeinsam wissenschaftliche Ergebnisse diskutiert, lokale Bedingungen analysiert und Lösungsmöglichkeiten gesucht werden. Im Rahmen des DINA-Projekts werden in drei Naturschutzgebieten in Deutschland Dialogformate zum Thema »Insektenmanagement« mit Landwirt*innen, Behördenmitarbeiter*innen und Naturschützer*innen erprobt. Dabei werden die verschiedenen Interessen betrachtet, aber auch die sozial-ökologischen Zusammenhänge, wie das praktizierte Biodiversitätsmanagement, oder der Einfluss von landwirtschaftlichen Praktiken, eingesetzter Technik oder Förderrichtlinien auf die Insektenbiodiversität in den jeweiligen Schutzgebieten mit einbezogen. Die naturwissenschaftlichen Ergebnisse aus dem Projekt werden in die Diskussion eingebracht und diskutiert, um zusammen mit den Akteur*innen eine gemeinsame Wissensbasis zu den lokalen Bedingungen zu schaffen. Der Forschungsprozess selbst erlaubt also nicht nur, die widerstreitenden Interessen offenzulegen, sondern die Beteiligten als »Knowledgeholder« zu adressieren, die sozial-ökologisches Systemwissen haben. Unter Einbezug erfahrener Mediator*innen wird im Prozess Zuhören ermöglicht und somit ein besseres wechselseitiges Verstehen gefördert. Als Ergebnis werden unter Berücksichtigung der Dimensionen Intuitionen, Technologie, Wissen und Praktiken dann Lösungen gesucht, die für alle Parteien umsetzbar sind und im besten Fall Vorteile bringen.

Konflikte um Wildtiermanagement in Namibia

Unser zweites Beispiel zur Veranschaulichung von Biodiversitätskonflikten befasst sich mit der Koexistenz von Menschen und Wildtieren in Namibia. Es zeigt, wie transdisziplinäre Forschung das Wissen unterschiedlicher Akteur*innen über sozial-ökologische Wechselwirkungen nutzen kann, um damit eine Konfliktbearbeitung zu unterstützen.

Im namibisch-deutschen Forschungsverbund ORYCS (Wildtier-Managementstrategien in Namibia, orycs.org) schauen sich die beteiligten Forscher*innen u.a. die unterschiedlichen Perspektiven von Akteur*innen auf Wildtiere der namibischen Savanne an, mit einem speziellen Fokus auf Elefanten. Der Schutz von Biodiversität im Allgemeinen und von Wildtieren im Speziellen ist ein hohes politisches Ziel in Namibia. Die Erfolge der Politik, die insbesondere auf ein Nutzungsrecht an Wildtieren setzt (z.B. Tourismus, Jagd, Fleischproduktion) und damit Anreize zu ihrem Schutz erzeugt, zeigen sich nicht zuletzt in steigenden Populationszahlen. Diese positive Entwicklung führt allerdings auch zu Spannungen zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Tourismus. Während der Naturschutz die steigenden Populationszahlen begrüßt und sie als Zeichen intakter Ökosysteme und einer resilienten Umwelt gegenüber den Folgen des Klimawandels einstuft, sehen insbesondere Landwirt*innen die Situation kritisch. Großlandwirt*innen, die vorrangig Viehwirtschaft betreiben, verspüren deutliche Nachteile, wie häufigere Schäden an Zäunen und Wasserstellen; Kleinlandwirt*innen, die keinen eigenen Grundbesitz haben und sich für ihre Viehwirtschaft die Allmende teilen, klagen über gefährliche Begegnungen zwischen Mensch und Tier. Der Tourismussektor fördert unterdessen wildtierbasierte Managementformen, wie Foto-Safaris. Alle Akteur*innengruppen schieben sich gegenseitig die Schuld für die Zunahme von Konfliktsituationen zwischen Menschen und Elefanten sowie weiteren Wildtierarten, wie Löwen und Hyänen, zu.

Unsere empirischen Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass diese Biodiversitätskonflikte in unterschiedlichen ökonomischen Interessen und moralischen Vorstellungen sowie persönlichen Beziehungen und historisch bedingter sozialer Ungleichheit begründet liegen. Während die traditionelle Viehwirtschaft aufgrund zunehmender Dürren finanzielle Einbußen hinnehmen musste, hat der Tourismus sowohl auf privaten Farmen als auch im Nationalpark großen Erfolg. Beide Strategien schließen sich in unmittelbarer Nachbarschaft jedoch aus, da Wildtiere und ihr Verhalten von den einen als Ökosystemleistung, von den anderen hingegen als etwas Negatives wahrgenommen werden. Parallel schwelen Wertekonflikte im Hinblick auf die Zulässigkeit der Jagd von Wildtieren. Im Hintergrund dieser Diskussionen spielt außerdem die Kolonialgeschichte des Landes eine wichtige Rolle, um gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen weißen und schwarzen Landwirt*innen verstehen zu können.

Es zeigt sich, wie eng die Dimensionen Institutionen, Wissen, Technologien und Praktiken eines sozial-ökologischen Systems zusammenwirken und die Konfliktdynamik prägen. Zur transdisziplinären Bearbeitung dieses komplexen Biodiversitätskonfliktes bietet sich ein breiter partizipativer Ansatz an, um für eine ganze Region ein Konzept zur Förderung der Koexistenz zwischen Wildtieren und Menschen zu entwickeln. Individuelle Lösungen, z.B. der Bau von Schutzzäunen oder das Anlegen künstlicher Wasserstellen, verlagern das Problem eher. Für eine langfristige Lösung bedarf es einer verstärkten gegenseitigen Akzeptanz der Bedürfnisse aller Interessengruppen. Das Projekt unterstützt dies inhaltlich durch die Generierung neuen Wissens, u.a. über das Wanderverhalten der Tiere oder potentielle Managementstrategien, sowie durch die Einbindung der Akteur­*innen in den Forschungsprozess zur Vergemeinschaftung des Wissens.

Ausblick

Biodiversitätskonflikte umfassen einen für die Konfliktanalyse und -bearbeitung relevanten sozial-ökologischen Bereich. Die Soziale Ökologie beansprucht mit ihrem transdisziplinären Ansatz, mit einer vertieften und gemeinsam erarbeiteten Wissensbasis Ansatzpunkte für einen nachhaltigeren Umgang mit Biodiversität und zugleich Wege zur Deeskalation von Konflikten aufzuzeigen. Hier steht die Forschung bislang noch am Anfang. Der analytische Rahmen zur Erforschung von Biodiversitätskonflikten wird am ISOE derzeit in der empirischen Forschung für verschiedene thematische Problemstellungen angewendet und erprobt. Erst auf Basis dieser empirischen Ergebnisse werden sich allgemeinere Aussagen über die Voraussetzungen für Konflikttransformationen im Konfliktfeld Biodiversität treffen lassen.

Für die sozial-ökologische Forschung stellt sich die Aufgabe, die umfangreichen Erkenntnisse aus der Friedens- und Konfliktforschung in stärkerem Maße aufzunehmen und vermehrt den Austausch zu suchen und anzubieten. Um die prognostizierten Herausforderungen und sozial-ökologischen Konflikte im Anthropozän zu bewältigen, ist eine bessere Vernetzung und Anschlussfähigkeit der verschiedenen wissenschaftlichen Gemeinschaften – Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung, sozial-ökologische Forschung und Friedens- und Konfliktforschung – dringlicher denn je.

Literatur

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Fickel, Th.; Hummel, D. (2019): Sozial-ökologische Analyse von Biodiversitätskonflikten – Ein Forschungskonzept. Frankfurt a.M.: ISOE, Materialien Soziale Ökologie 55.

Fickel, Th.; Lux, A.; Schneider, F.D. (2020): Insektenschutz in agrarischen Kulturlandschaften Deutschlands – Eine Diskursfeldanalyse. Frankfurt a.M.: ISOE, Materialien Soziale Ökologie 59.

Hallmann, C.A.; Sorg, M.; Jongejans, E.; Siepel, H.; Hofland, N.; Schwan, H.; Stenmans, W.; Müller, A.; Sumser, H.; Hörren, T.; Goulson, D.; de Kroon, H. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PloS one, Vol. 12, Nr. 10, e0185809.

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Redpath, S.M.; Gutiérrez, R.J.; Wood, K.A.; Young, J. (eds.) (2015): Conflicts in Conserva­tion – Navigating towards solutions. Cambridge: Cambridge University Press.

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Scheffran, J. (2018): Biodiversity and Conflict. Supplementary Contribution to IPBES Global Assessment on Biodiversity and Ecosystem Services.

The Economics of Ecosystems and Biodiversity/TEEB (2010): Mainstreaming the Economics of Nature – A synthesis of the approach, conclusions and recommendations of TEEB; teebweb.org.

Thomas Fickel, Politikwissenschaftler (M.A.), ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes Biodiversität und Bevölkerung am ISOE – Institut für sozial-­ökologische Forschung, in Frankfurt a.M.
PD Dr. Diana Hummel, Politikwissenschaftlerin, ist Mitglied der Institutsleitung des ISOE und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsschwerpunkt Biodiversität und Bevölkerung.
Dr. Robert Lütkemeier, Geograph, ist Ko-Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe »regulate« und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkt Wasserressourcen und Landnutzung am ISOE.

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