in Wissenschaft & Frieden 2021-4: Chinas Welt? – Zwischen Konflikt und Kooperation, Seite 57–58

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Neue Technologien und Resilienz

Tagung »Science · Peace · Security ’21«, online, 08.-10. September 2021

von Thea Riebe und Christian Reuter

Die Science · Peace · Security ’21 (SPS21) Konferenz fand in diesem Jahr virtuell statt. Ausgerichtet wurde sie durch Prof. Malte Göttsche, Leiter der Forschungsgruppe »Nukleare Verifikation und Abrüstung« an der RWTH Aachen mit Unterstützung eines international besetzten Programmkomitees. Die Konferenz brachte Wissenschaftler*innen aus vielen Disziplinen und aus aller Welt, Diplomat*innen sowie Mitglieder der Bundeswehr zusammen, um über aktuelle Fragen der Rüstungskontrolle und Abrüstung unter dem diesjährigen Motto »The Impact of New Technologies: Destabilizing or Enabling Resilience?« zu diskutieren.

Die SPS wurde 2019 als Konferenzreihe ins Leben gerufen, um Wissenschaftler*innen der naturwissenschaftlichen und technischen Friedens- und Konfliktforschung alle zwei Jahre die Möglichkeit zu bieten, sich über Fragen der Technikfolgenabschätzung und Rüstungskontrolle sowie über Problemstellungen im Umgang mit sicherheitskritischer Forschung und Entwicklung (F&E) auszutauschen und zu vernetzen. Nicht zuletzt steht dabei die Rolle von Technologien in Konflikten und im Hinblick auf die internationale Sicherheit im Zentrum. So auch in diesem Jahr: auf dem Programm standen Nukleare Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung, Neue Technologien wie Autonome Waffensysteme (AWS), Cyberpeace und Desinformation, biologische, chemische und konventionelle Waffen und Rüstungskontrolle, Weltraum- und Hyperschallwaffen, Technikfolgenabschätzung und internationale Sicherheit. Gefördert wurde die SPS21 vom »Forschungsverbund Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit« (FONAS), der »Deutschen Stiftung Friedensforschung« (DSF) und der »Volkswagenstiftung«.

Große Herausforderungen, bewährte Ansätze?

Den Begrüßungsvortrag hielt Marjolijn van Deelen, Sondergesandte für Nichtverbreitung und Abrüstung des Europäischen Auswärtigen Dienstes. In ihrer Ansprache bezog sie sich mit ihren Forderungen direkt auf das Anliegen der Konferenz: Es bedürfe eines sicherheitspolitischen Denkens außerhalb der gewohnten Disziplinen, um die Zusammenhänge zwischen aktuellen Entwicklungen in verschiedenen Bereichen globaler Rüstungsdynamiken besser zu verstehen. Ähnlich argumentierte Prof. Robin Geiß, Direktor des Instituts der Vereinten Nationen für Abrüstungsforschung (UNIDIR) in seiner Ansprache am ersten Tag der Konferenz. Er rief dazu auf, fragmentierte Debatten zu einzelnen Waffengattungen zu verlassen, um solche übergeordneten Probleme besser identifizieren zu können, die ein erhebliches Schadenspotential haben können. Dazu gehörten seines Erachtens nicht nur Herausforderungen durch neue Technologien, welche viele Problemstellungen zusätzlich überlagerten, sondern auch die Diskussion bestehender ungelöster Fragen, wie beispielsweise zur Umsetzung von konventioneller Rüstungskontrolle. Im Hinblick auf neue Technologien schlug Prof. Geiß vor, sich nicht von überhitzten Bedrohungsnarrativen anstecken zu lassen, sondern auf bewährte Ansätze zur De-Eskalation und Vertrauensbildung in der Rüstungskontrolle zu setzen.

Dilemmata der Entscheidung: Autonome Waffensysteme (AWS)

Im Bereich der autonomen Waffensysteme (AWS) wurde der Trend zu einer immer schnelleren Entscheidungsfindung thematisiert, die den Einsatz menschlicher Entscheider*innen zunehmend verdrängen könnte. Zwei Sessions und ein Vortrag widmeten sich diesen drängenden Fragen zu AWS. In der Session zu »Autonomous Systems – Responsibility, Ethics and Norms« wurden normative Fragen bezüglich der „Verantwortungslücke” diskutiert, welche durch AWS entstehen kann und wie mit diese geschlossen werden könnte. In ihrem Vortrag ergänzte Prof. Catrin Misselhorn (Universität Göttingen) ein weiteres ethisches Argument: Soldat*innen hätten in bewaffneten Konflikten keine Verpflichtung zum Töten ihrer Feinde, Maschinen hingegen fehle die Freiheit, sich gegen das Töten zu entscheiden.

Die Zukunft nuklearer Verifikation?

In insgesamt vier Sessions (u.a. zum Thema »Vertrauen in Nukleare Verifikation«) und einem Abendvortrag von Prof. Frank von Hippel wurden Fragen und Probleme diskutiert, die vor dem Hintergrund der Modernisierung von Nuklearwaffen und Trägersystemen entstehen. Zudem wurden neue Forschungsprojekte zur Verifikation nuklearer Abrüstung und der Einhaltung von nuklearen Rüstungskontrollverträgen vorgestellt. In der Zusammenfassung am Freitag beschrieb Dr. Irmgard Niemeyer (Forschungszentrum Jülich) den wissenschaftlichen Diskurs auf der SPS21 wie folgt: Besonders im Bereich nuklearer Rüstungskontrolle ergeben sich durch immer neue und verbesserte Trägersysteme große Herausforderungen für die Aufrechterhaltung der etablierten Kontrollregime. Es gäbe viele Akteure, die bilaterale Verabredungen einem multilateralen Vorgehen vorzögen. Zudem bestehe ein Spannungsverhältnis zwischen dem Ideal der Transparenz und dem Schutz von Geheimnissen in Kontrollregimen. Nicht zuletzt gäbe es viele neue Technologien, die zur Verifikation vorgeschlagen und entwickelt werden können, die aber durch Kommunikation an politische Entscheidungsträger*innen bekannt gemacht werden müssten.

Technikfolgenabschätzung und Rüstungskontrolle

Mit Fragen der Rüstungskontrolle und der Vertrauensbildung beschäftigten sich insgesamt drei Sessions sowie ein Vortrag von Brigadegeneral Peter Braunstein, Kommandeur des Zentrums für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr (ZVBw). Neben der Arbeit des Zentrums beschrieb er vor allem die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen für Rüstungskontrolle und Verifikation. Da sich die Art der Konflikte zunehmend zu hybriden Auseinandersetzungen wandle, stünden gegenwärtige Verifikationsregime vor großen Herausforderungen, sich schnell genug an die Entwicklungen anzupassen. Es sei daher wichtig zu diskutieren, welche Instrumente für die Rüstungskontrolle überarbeitet und neu eingebracht werden müssten. Bei der Erneuerung der Instrumente sei allerdings der kooperative Ansatz der Rüstungskon­trolle von zentraler Bedeutung.

Im Bereich der Technikfolgenabschätzung wurde die unzureichende Gefahrensimulationen in der Forschung an Gene Drives, also Methoden zur beschleunigten Ausbreitung von Genen in Populationen, durch Dr. Johannes Fries und Dr. Bernd Giese (BOKU) thematisiert. Als weitere, noch nicht ausreichend erforschte Themen, wurden Quanten-Technologien in einer Session am Donnerstag, unter der Moderation von Prof. Götz Neuneck (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg), sowie Risiken durch die zunehmende Anzahl menschengemachter Weltraumobjekte – und -schrott durch den Vortrag von Dr. Moriba Jah (University of Texas) identifiziert.

Viele der Diskussionsrunden auf der Konferenz beschränkten sich nicht auf eine bestimmte Disziplin oder ein bestimmtes Thema, sondern brachten oftmals unterschiedliche Perspektiven miteinander in Dialog. So kamen auch praxisorientierte Fragen darüber, wie Wissenschaftler*innen Politik beraten könnten oder aktuelle Trends der Friedenspädagogik nicht zu kurz. Beispielsweise diskutierten Prof. Martin Ziegler (KAIST) und Dr. Hans-Georg Weinig, Direktor des »Advisory Board on Education and Outreach« (ABEO) der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), den zielführenden Einsatz sowie die Gestaltung unterstützender E-Learning-Materialien und Massive Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPGs).

Fazit und Ausblick

Die Teilnehmer*innen der SPS21 Konferenz haben gezeigt, dass das Feld der naturwissenschaftlichen Friedens- und Konfliktforschung thematisch breit und interdisziplinär aufgestellt ist, dass rege Disziplinen-übergreifende Zusammenarbeit besteht und dass es viele Ideen der Wissenschaftler*innen für eine friedensfördernde Technikgestaltung, praxisorientierte Dialogangebote und pädagogische Konzepte gibt. Gleichzeitig zeugten die zahlreichen Beiträge der Praktiker*innen von ihrem großen Interesse.

Nicht zuletzt wurde auf der Konferenz auch die Zukunft der naturwissenschaftlich-technischen Friedensforschung diskutiert. Hierbei wurde von unterschiedlichen Personen wiederholt festgestellt, dass es selbst nach der aktuell laufenden Förderinitiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung strukturell an Perspektiven für Wissenschaftler*innen fehlt. Die Analyse war eindeutig: Sollten keine neuen Stellen geschaffen werden, würde in den nächsten vier bis sechs Jahren ein erheblicher Kompetenzverlust eintreten, bei gleichzeitig steigendem Bedarf an kompetenter politischer Beratung angesichts der weltweit zunehmenden Aufrüstung und Entwicklung neuer Waffensysteme. Zu dieser Einschätzung war auch bereits der Wissenschaftsrat (2019) in seinem Gutachten gelangt.

Mehr Informationen zum Programm und den Redner*innen findet sich unter: sps21.fonas.org

Literatur

Wissenschaftsrat (2019): Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Friedens- und Konfliktforschung. 7827-19. Gießen.

Thea Riebe und Christian Reuter

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