Narcas

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Frauen als Täter*innen im mexikanischen Drogenkrieg

von Sylvia Karl

Frauen werden ebenso wie Männer zu Täter*innen. Dies zeigen viele Forschungen zu Kriegen und Konflikten. Entgegen dem weitläufigen Bild von Frauen als Opfer ist es meist eine bewusste und strategische Entscheidung der Frauen, in gewalttätige Strukturen einzutreten. Ein Einblick in die Motivationen und das Handeln von Täter*innen im mexikanischen Drogenkrieg soll einen Diskussionsbeitrag zur Problematik der verzerrten Wahrnehmung von Frauen als Täter*innen liefern und darüber hinaus eine eher unsichtbare Seite des mexikanischen Drogenkrieges zeigen.

Mein Geschäft ist töten und Drogen verkaufen1, soll Melissa Margarita Calderón Ojeda, bekannt als La China, oft gesagt haben. Auf Fotos in den sozialen Medien zeigt sich die 1984 geborene Mexikanerin mit zwei Sturmgewehren AK47 in jeweils einer Hand. Sie wurde im Jahr 2008 zur Kommandantin von Los Damasco, einem Tötungskommando des mächtigen Sinaloa-Kartells von El Chapo Guzmán. Im Jahr 2015 gründete sie ihre eigene bewaffnete Organisation und schuf sich damit das Sinaloa-Kartell als Feind. In nur drei Monaten kontrollierte sie die von verschiedenen Drogenkartellen umkämpfte nordmexikanische Stadt La Paz in Baja California. Sie war verantwortlich für zahlreiche Morde, ließ Leichen zerstückeln oder in Geheimgräbern verscharren. Ende 2015 wurde sie verhaftet und zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Von mexikanischen Medien wird sie beschrieben als eine der brutalsten Sicarias (Auftragsmörderin) und Narcas (Drogenhändlerin), vor der sogar die männlichen Narcos Angst hätten, als schöne Chefin von Sicarios oder als sadistisches, irres Monster.

Solche Narrative und Beschreibungen gab es auch für andere Narcas. Ein weiteres Beispiel ist Claudia Ochoa Felix (1987-2019), die ebenfalls Kommandantin eines Exekutionsarms des Sinaloa-Kartells war. Genannt die »Königin von Los Antrax«, zeigte sie sich in sozialen Medien mit ihren mit Edelsteinen dekorierten Waffen, in luxuriösen Villen und Autos und präsentierte dem Schönheitsideal der patriarchal-sexistischen Welt entsprechend ihren durch Operationen geformten Körper. Sie wurde im Jahr 2019 tot in einem Hotelzimmer aufgefunden. In einer für sie nach ihrem Tod komponierten Drogen-Ballade heißt es: „Ich war eine starke Guerrillera!“ 2

Immer noch mag es erstaunen, dass Frauen derartige Gewalttaten durchführen, Exekutionskommandos anführen oder Befehle zum Zerstückeln und Verschwindenlassen von Leichen geben. Diese zwei Beispiele weiblicher Täter*innen im mexikanischen Drogenkrieg sind jedoch keineswegs Ausnahmen. Im Gegenteil, sie zeigen nur einen kleinen Ausschnitt zahlreicher Frauen in mexikanischen Drogenkartellen, die seit jeher jenseits vorherrschender femininer Stereotype agieren und das traditionell männlich transportierte Bild der mexikanischen Narcos aufbrechen. Sie widersprechen damit vor allem dem immer noch weit verbreiteten Bild der friedlichen Frau und des aggressiven Mannes.

Die Rollen von Frauen in der Narco-Welt

Die mediale Öffentlichkeit und auch eine Vielzahl an wissenschaftlichen Studien zum mexikanischen Drogenkrieg und der organisierten Kriminalität zeichnen eine männlich dominierte Welt, in der Frauen zumeist zwei ganz spezifische Rollen zukommen: Zum einen sind sie Opfer der Gewalttaten der Narcos – die hohe Zahl an Femiziden und die aktuelle »Krise der Verschwundenen«, in der unter den Opfern viele Frauen sind, stellen ohne Zweifel eine der gravierendsten humanitären Tragödien in Mexiko dar, auf die hier jedoch nicht näher eingegangen werden kann (vgl. dazu Karl 2022). Zum anderen wird auf jene Frauen fokussiert, die als hypersexualisierte, passive Objekte der Begierde als Liebhaberinnen und Ehefrauen an der Seite von Macho-Drogenbossen stehen. Allerdings gibt es auch zahlreiche andere Rollen von Frauen in der Drogenwelt, die weniger öffentlich sichtbar sind. Lassen wir diese unsichtbar, können wir nur einen Teil dieses Konfliktfelds verstehen.

Frauen sind seit Beginn des Drogenhandels am Anfang des 20. Jahrhunderts im mexikanischen Drogengeschäft tätig: als Kleinbäuerinnen und Produzentinnen von Marihuana oder Schlafmohn, als Drogenschmugglerinnen, als Auftragsmörderinnen, Geldwäscherinnen oder auch als Anführerinnen von mächtigen, transnationalen Drogennetzwerken. Letztere sind vor allem La Nacha oder Lola La Chata, aktiv in den 1930er bis 1950er Jahren, welche bis heute gültige (Gewalt-)Strategien und Allianzen begründeten (vgl. Carey 2014). Die im deutschen Exil lebende mexikanische Journalistin Anabel Hernández (2021) fordert in ihrem Buch zu Frauen in der organisierten Kriminalität, dass auch mehr Frauen und Töchter der aktuellen Drogenbosse in Mexiko vor Gericht gebracht werden sollten. Sie sind es, die entgegen der öffentlichen Meinung oft eine komplexe und fundamentale Rolle in diesem System spielen, indem sie für Gewalttaten (mit-)verantwortlich sind und diese durch mächtige familiäre Netzwerke perpetuieren. Aktuelles Beispiel ist Emma Coronel, die im Jahr 2021 verurteilte und inhaftierte Ehefrau von El Chapo Guzmán vom Sinaloa Kartell.

Im Gegensatz zu den historischer Frauenfiguren im mexikanischen Drogenhandel, die sich als Geschäftsfrauen verstanden, eher im Hintergrund und mit Vorsicht mächtige (transnationale) Netzwerke aufbauten und sich nie zu Gewalttaten bekannten – obwohl sie zahlreiche anordneten – gibt es seit einigen Jahren ein neues soziales Phänomen: Es gibt zwar (noch) keine Zahlen, aber immer mehr junge Frauen werden zu Sicarias und führen Tötungskommandos an, die aus männlichen und weiblichen Täter*innen bestehen und im Auftrag der großen Kartelle handeln. Sie zeigen sich in dieser Rolle als Täter*innen in den sozialen Medien und inszenieren sich als selbstbewusste, gewalttätige und mächtige Frauen mit ihren Waffen. Es sind Frauen wie La Tosca vom Kartell der Zetas, Rosalinda vom Cártel Jalisco Nueva Generación oder die zu Beginn erwähnte La China.3 Was sind die Beweggründe dieser Frauen, in das gewalttätige Feld der Drogenökonomie einzusteigen und die Interessen des jeweiligen Kartells mit der Waffe zu verteidigen? Und warum schockieren uns ihre Gewalttaten und Selbstrepräsentationen mehr als jene von Männern?

Mütter, Monster, Huren: Täter*innen und feministische Konfliktforschung

Wenn wir uns mit Täter*innen beschäftigen, müssen wir auch Widersprüche und Ambivalenzen zulassen. Eine dieser Ambivalenzen ist die häufige Annahme, auch von feministischen Stimmen, dass die Fokussierung auf Frauen als Täter*innen und Männern als Opfer die Errungenschaften emanzipatorischer Befreiungsbewegungen von Frauen untergraben könnte. Aber genau das Gegenteil würde damit erreicht werden, nämlich das Aufbrechen der Stereotype der passiven, friedlichen Frau und des aggressiven, gewalttätigen Mannes und eine realitätsgetreuere Beschreibung des gesamten Konfliktfeldes. Frauen werden paradoxerweise durch die Beschreibung als ebenso gewalttätig handelnde Täter*innen wie Männer von stereotypen Frauenbildern befreit und als ebenbürtige Akteur*innen positioniert. Denn: Frauen können ebenso gewalttätig agieren wie Männer friedlich sein können (vgl. Sjoberg und Gentry 2007).

Allerdings hinkt die öffentliche Wahrnehmung hinterher, Frauen als Täter*innen zu begreifen. So tauchen auch in Mexiko problematische und realitätsverzerrende Phänomene auf, wenn etwa fast jede aufgefundene Frauenleiche automatisch von den Behörden als Opfer eines Mannes und daher als Femizid in die Statistiken eingeht. Diese ermordete Frau kann jedoch Narca und somit Täter*in gewesen sein, die zum Opfer einer anderen Sicaria eines verfeindeten Drogenkartells wurde. Diese Besorgnis äußerte etwa die Mexikanerin Rosa Obdulia in einem Kommentar im Jahr 2021 zu einem Video der jungen Sicaria »La Cholita« vom Drogenkartell Carteles Unidos, die den Anführer eines verfeindeten Drogenkartells provozierte. Kurz darauf wurde die Sicaria entführt und als verschwunden gemeldet: „Ich hoffe nur, dass sie nicht in die Femizid-Statistiken aufgenommen wird, wenn sie ihre Leiche finden.4

Warum ist es immer noch so schwer, Frauen als Täter*innen zu begreifen? Gender und die Konstruktion von bestimmten weiblichen Rollen- und Charakterzuschreibungen spielen hier eine wichtige Rolle. Es dauerte einige Zeit, bis die meisten männlichen Täter, vor allem nach dem Nationalsozialismus, als ganz gewöhnliche Menschen und nicht als Psychopathen begriffen wurden. Während Gewalttaten von Männern zwar als nicht legitim, aber als weitgehend normal beschrieben werden, werden Gewalttaten von Frauen immer noch als überaus schockierend empfunden. Caron Gentry und Laura Sjoberg (2007) geben interessante Einblicke in ihrer Analyse zahlreicher Kriege und Konflikte, in denen Frauen als Täter*innen agierten. Seien es nun KZ-Aufseher*innen in der NS-Zeit, weibliche Selbstmordkommandos im Nahen Osten, US-amerikanische Soldatinnen in Abu Ghraib, serbische Täter*innen im bosnischen Genozid oder Täter*innen in Ruanda – es sind stets drei vorherrschende Narrative, mit denen gewalttätige Frauen beschrieben werden: als Mütter, Monster oder Huren. Das Mutter-Narrativ sieht gewalttätige Frauen stets in Abhängigkeit zu einem Mann, den sie beschützt, verteidigt und dem sie loyal ist. Das Monster-Narrativ beschreibt gewalttätige Frauen als psychisch krank, als inhuman und als keine richtigen Frauen. Dieses Narrativ spricht den Frauen jegliches rationales Verhalten oder ideologische Motivationen ab. Das Huren-Narrativ gibt der dämonischen weiblichen Sexualität die Schuld an ihrem abnormen Verhalten.

All diese Narrative sprechen Täter*innen eigenständiges Handeln und bewusste Entscheidungen ab, und oft werden sie auch als Opfer von Männern dargestellt, die zu Gewalttaten gezwungen werden. Eine Tatsache, die natürlich oftmals zutrifft, aber nicht immer. Frauen als Täter*innen können ebenso wie Männer gleichzeitig oder über die Zeit hinweg multiple Rollen einnehmen: als Opfer, Täter*in, Retter*in oder Widerstandskämpfer*in. Dies haben auch zahlreiche Forschungen der feministischen Konfliktforschung etwa zum Holocaust, zum Genozid in Ruanda oder zu Ex-Jugoslawien gezeigt (vgl. Brown 2020).

Die oben genannten Mütter-Monster-Huren-Narrative werden herangezogen, da in den meisten kulturellen Kontexten das Bild der Frau als friedlich, fürsorglich und passiv vorherrscht. Gewalttätige Frauen brechen mit diesen weiblichen Stereotypen und werden daher immer noch als böser und dämonischer im Vergleich zu gewalttätigen Männer wahrgenommen, obwohl dies keineswegs den Tatsachen entspricht. Im Fall der gewalttätigen Narcas werden diese drei Narrative ebenfalls bedient. Sie werden in den Medien im Gegensatz zu den männlichen Narcos viel öfter zur Sensation gemacht und in Verbindung zu ihrer Rolle als Frau beschrieben: als sadistische, irre Monster, als Huren, als schönste Killerinnen der Welt, als Opfer eines Narco-Mannes, den sie beschützen wollte oder dessen Geschäfte sie fortführte. Betrachten wir jedoch nun die Beweggründe, warum Frauen zu gewalttätigen Narcas werden, sehen wir, dass es meist bewusste Entscheidungen waren, die wir nur durch die Analyse von individuellen Täter*innenbiographien erkennen können.

Die Perspektive der Täter*innen

In der anthropologischen Konfliktforschung stehen seit jeher die handelnden Menschen auf einer lokalen Ebene eines Konfliktes im Zentrum der Forschung. Sie richtet den Blick auf die Mikroebene eines von Gewalt geprägten Feldes und versucht die Perspektive der handelnden Individuen und Gruppen einzunehmen, ohne das Handeln moralisch zu bewerten. Sie fokussiert vordergründig auf Motivationen, lokale sozio-kulturelle Werte und das Selbstverständnis der individuellen Akteur*innen, um ein möglichst differenziertes Verständnis von Gewaltkontexten zu erlangen. Betrachtet man zudem einzelne Täter*innen-Biographien, können wichtige Einblicke in die Handlungsoptionen gewonnen werden, die Rückschlüsse auf individuelle und strukturelle Bedingungen der Täter*innenschaft ermöglichen (vgl. Nordstrom 2007).

Um nun das Handeln der Narcas zu verstehen, kann etwa das Konzept der sozialen Navigationen von Mats Utas (2005) herangezogen werden. Mats Utas forschte zu weiblichen Täter*innen in Rebellengruppen in Sierra Leone. Dabei bezeichnete er nicht nur das gesamte Handlungsspektrum der Täter*innen in einem spezifischen Gewaltkontext als soziale Navigationen, sondern inkludierte damit auch die biographischen Hintergründe, die individuellen Beweggründe und die sozialen Netzwerke, die sie aufbauten, um sich Vorteile zu verschaffen. Mats Utas beobachtete, dass für viele marginalisierte Frauen die bewusste Entscheidung zur freiwilligen Teilnahme an gewalttätigen Strukturen eine Form von Empowerment bedeutete.

Die Möglichkeit der persönlichen Ermächtigung ist auch ein zentraler Beweggrund, warum viele Frauen in Mexiko freiwillig Teil eines Drogenkartells werden (vgl. Campbell 2008). Da es nicht einfach ist, sich in den dominanten patriarchalen Strukturen Mexikos als finanziell unabhängige Frau auf legalem Weg Respekt und Macht zu verschaffen, bedarf die Erlangung von Unabhängigkeit meist guter finanzieller Ressourcen, einer Ausbildung und einer angemessenen sozialen Vernetzung. Doch wie auch aus anderen Kontexten bekannt, entstehen durch Kriege Gewaltmärkte, die vielen Frauen in patriarchalen Systemen mit festen Genderrollen neue Handlungsspielräume, finanzielle Ressourcen und relative Unabhängigkeit von dominanten Männern eröffnen. Auch Narcas navigieren in einem lukrativen Konfliktfeld. Es ist dies ein sozialer, ökonomischer und kultureller Raum in der Grauzone von Legalität und Illegalität, in der Drogenhändler*innen eigene Verhaltenscodes und Werte schaffen. Die kriminellen Tätigkeiten der Narc@s werden in diesem kulturellen Raum aus deren Perspektive als legitim und für ihre Anhänger*innen als erstrebenswert erachtet. Was als kriminell und illegal wahrgenommen wird, verändert sich so im Auge der Betrachter*innen, wie auch Studien zu anderen Gewaltkontexten zeigen (vgl. Parnell und Kane 2003, Nordstrom 2007).

La vida loca

Armut ist keine Erklärung für Täter*innenschaft. Armut, soziale Marginalisierung, fehlende Ausbildungs- und Jobmöglichkeiten begünstigen allerdings im Fall der meisten hier beschriebenen Frauen den Eintritt in die Welt der Narc@s. Viele dieser Narcas wuchsen entweder bereits in Familien auf, die im Drogengeschäft in den unterschiedlichsten Hierarchiestufen tätig sind, oder kommen durch Freund*innen oder Ehemänner in Kontakt mit einem Drogenkartell. Oftmals kommen sie aber auch damit in Berührung, weil es im sozialen Umfeld ihres Dorfes oder Stadtviertels ein attraktives ökonomisches Angebot der dort agierenden Drogenkartelle gibt. Der ökonomische Aspekt und die soziale Verankerung der Narc@s in Mexiko ist daher zentral für das Verständnis der Teilnahme in einem Drogennetzwerk. Schätzungen zufolge sind Drogenkartelle mittlerweile zum fünftgrößten Arbeitgeber Mexikos aufgestiegen. Die Teilnahme an gewalttätigen Gruppen kann also jenseits moralischer Bewertungen als eine Form der sozialen Mobilität und der Arbeit gesehen werden. Dies trifft auch auf die Selbstwahrnehmung vieler Narcas zu, wie das zu Beginn erwähnte Zitat von Melissa Ojeda zeigt.

Für viele Mädchen und Frauen sind Narc@s keine weit entfernten bösen und kriminellen Akteur*innen, sondern oftmals Verwandte, Nachbar*innen, Freund*innen oder Bekannte, die ihnen ein lukratives Angebot machen. Ihnen also eine Form der Arbeit vermitteln. So werden jungen Mädchen und Burschen für Tätigkeiten in der untersten Hierarchiestufe der Drogenkartelle als Halcones (Spitzel) oder Sicarias im Monat Summen zwischen 5.000,- und 7.000,- Pesos ausgezahlt und ihnen lukrative Aufstiegschancen versprochen. Dies sind Summen, die bei einem Mindestlohn von etwa 170 Pesos (ca. sieben Euro) für acht Stunden Arbeit ein enorm attraktives Angebot sind. Die Option Narca zu werden verspricht also einen weitaus besseren und schnelleren ökonomischen und auch sozialen Aufstieg. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass jedes Mädchen aus schwachen Einkommensgruppen zur Narca wird. Es sind immer strukturelle aber auch individuelle Faktoren, die diese Entscheidung beeinflussen. Außer Frage steht auch, dass es zahlreiche gewaltsame Zwangsrekrutierungen von Mädchen und Frauen in Drogenkartelle gibt. Aber es gibt auch viele Frauen, die sich bewusst dafür entscheiden, den Schritt in ein gewalttätiges Leben mit hohem Risiko eines gewaltsamen Todes oder einer Gefängnisstrafe zu wagen. Die Entscheidung für das Leben in der Illegalität folgt oft einem in Mexiko weitverbreiteten Spruch: „Lieber fünf Jahre als König, als fünfzig als Ochse!“

Wie erwähnt streben viele Mädchen durch den Eintritt in die Narco-Welt danach, neben dem ökonomischen Aspekt auch struktureller Gewalt und patriarchalen Strukturen der Unterdrückung zu entkommen, denn Narcas stehen außerhalb der traditionellen weiblichen Rollenbilder in Mexiko. Eine Narca wird nicht von einem Mann unterdrückt, eine Narca bestimmt über Männer und teilt Männern Befehle aus. In der Drogenballade für La China heißt es: „Wo sie hinkommt, wird getan, was sie sagt.“ 5 Und ebenso wie männliche Narcos nimmt sie sich das Recht auf sexuelle Beziehungen zu mehreren Männern, auf exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum und Gewalttaten. Sie entscheiden sich bewusst für „la vida loca“, wie viele von ihnen in den sozialen Medien und in Videos auf YouTube sagen. Junge Frauen aus sozial marginalisierten Familien, die aus den vorherrschenden dominanten Rollenbildern ausbrechen wollen, sehen daher Narcas, die sich vor allem in den sozialen Medien als starke, befreite, respektierte und mit Macht und Geld ausgestattete Frauen präsentieren, als erstrebenswerte Vorbilder.

„Ich bin eine Guerrillera“

Die Beschreibung der anfangs erwähnten Narca Claudia Ochoa Félix als Guerrillera zeigt eine Selbstwahrnehmung als Kämpferin, die nur im Kontext der kolonialen und postkolonialen Geschichte Mexikos zu verstehen ist. In diesem Narrativ werden nur jene respektiert, die Macht und Geld haben, jedoch nicht die Armen. Frauen und Männer in Drogenkartellen reihen sich daher oftmals in die Tradition der Widerstandskämpfer*innen gegen einen als korrupt und gewalttätig wahrgenommenen Staat ein, der Armut und soziale Ungerechtigkeit produziert und nur den ökonomischen und politischen Eliten des Landes dient. Diese selbsternannten Guerrilleras kämpfen unter der Fahne des jeweiligen Drogenkartells, um aus ihrer Perspektive Gerechtigkeit und Respekt für sich selbst und ihre Familien zu schaffen. Sie wollen außerdem ökonomischen Gewinn und sozialen Aufstieg erreichen, der ihnen aus ihrer Sicht von der hierarchisch strukturierten Gesellschaft verwehrt wird. Sie kämpfen auch für eine bessere Zukunft ihres sozialen Umfeldes, indem sie großzügig Armen und Bedürftigen helfen und sich so auch Loyalitäten schaffen. Sie begreifen sich als „mutige Frauen, die sich nichts gefallen lassen und ebenso kämpfen können.“ 6 Gewalt scheint dabei nur ein legitimes Mittel, diese Ziele zu erreichen.

Narcas sind selbst zentrale Akteur*innen in einem gut durchorganisierten Narco-Staat, der mit enormen Gewinnen aus der transnationalen Drogenökonomie eine Vielzahl an Menschen an sich bindet. Immer schon navigierten Frauen in diesen gewalttätigen Strukturen, um die lukrativen Gewinne mit der Waffe zu verteidigen und Menschenrechtsverletzungen zu befehligen. Es ist an der Zeit, sie ohne Pathos und Sensationalisierung als gewöhnliche Täter*innen zu begreifen und sie ebenso für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen.

Anmerkungen

1) De Otálora, O.: ‚La China‘, el mito ‚feminista‘ de la narco cultura, 1.11.2015. In: El correo.com.

2) Drogen-Ballade (Narcocorrido): En memoria de Claudia Ochoa Félix.

3) Für Informationen und Videos siehe auch das Informationsportal: El Blog del Narco (blogdelnarcomexico.com).

4) Youtube-Video: “La Cholita” Sicaria de Carteles Unidos que se burló del Mencho.

5) Drogen-Ballade von Javier Rosas: En la Sierra y la Ciudad (La China).

6) Drogen-Ballade: En memoria de Claudia Ochoa Félix.

Literatur

Brown, S. (2020): ‘They forgot their role’: Women perpetrators of the Holocaust and the genocide against the Tutsi in Rwanda. Journal of Perpetrator Research 3(1), S. 156-185.

Campbell, H. (2008): Female drug smugglers on the U.S.-Mexico border: Gender, crime, and empowerment. Anthropological Quarterly 81(1), S. 233-267.

Carey, E. (2014): Women drug traffickers. Mules, bosses & organized crime. Albuquerque: University of New Mexico Press.

Hernández, A. (2021): Emma y las otras señoras del narco. Mexiko-Stadt: Grijalbo.

Karl, S. (im Erscheinen, 2022): Massengräber in Mexiko: Nekropolitik, Narco-Staat und der Kampf um Rehumanisierung der Verschwundenen. In: Gunsenheimer, A.; Wehrheim, M. (Hrsg.): Narcotráfico y narcocultura en América Latina. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Nordstrom, C. (2007): Global outlaws. Crime, money, power in the contemporary world. Berkeley: University of California Press.

Parnell, P.; Kane, S. (2003): Crime´s power. Anthropologists and the ethnography of crime. New York: Palgrave Macmillan.

Sjoberg, L.; Gentry, C. (2007): Mothers, monsters, whores: Women’s violence in global politics. London/New York: Zed Books.

Smeulers, A. (2015): Female perpetrators: Ordinary or extra-ordinary women? International Criminal Law Review 15(2), S. 207-253.

Utas, M. (2005): West-African warscapes. Victimcy, girlfriending, soldiering: Tactic agency in a young woman’ s social navigation of the Liberian war zone. Anthropological Quarterly 78(2), S. 403-430.

Sylvia Karl ist Kultur- und Sozialanthropologin. Sie lehrte an den Universitäten Marburg, Zürich und Wien und führte zahlreiche Forschungen in Mexiko durch. Derzeit ist sie für SOS-Kinderdorf Österreich tätig.