70.000 neue Soldat*innen für die Bundeswehr
Worum geht es?
- Nach Plänen der Bundesregierung soll die Bundeswehr auf 250.000-260.000 Soldat*innen anwachsen. Dies wird unter anderem mit der aktuell als bedrohlich markierten Situation in Europa und einer dafür notwendig scheinenden Verstärkung der »Landes- und Bündnisverteidigung« begründet.
- Seit Aussetzung der Wehrpflicht und Umstellung auf eine Berufs- und Freiwilligenarmee nach 2010 war die Bundeswehr stets ca. 180.000-185.000 Soldat*innen stark. Die Planungen bedeuten einen benötigten Zuwachs von 70.000-80.000 Soldat*innen.
- Da mit dem derzeitigen Rekrutierungsprozess nicht entsprechend viele Menschen in die Armee geworben werden können, verschärft sich die Diskussion um eine kommende neue Wehrpflicht (vgl. für eine friedenspolitische Analyse: EAK 2025).
- Bislang wurde versucht, die »Personalsituation« zu beheben mit dem Einsatz von Millionen Euro für Werbematerial, schöngerechneten Daten zur rückläufigen Rekrutierung sowie mit dem Aufbau einer Drohkulisse, eine überalternde Bundeswehr könne die »Einsatzbereitschaft« gefährden (vgl. Bundesrechnungshof 2025).
Personalentwicklung der Bundeswehr im Überblick ab 2000.
Quellen: div Fundstellen bei: Bundeswehr, Bundesamt für Zivildienst, EAK, AGDF, Friedenskooperative, BAFzA, Wehrbeauftragte*r des Bundestages, div. Kleine Anfragen.
Was sagen die Daten?
- Die Herausforderung der Personalrekrutierung ist nicht neu – schon seit Jahren besteht die Herausforderung, das »Level« von 185.000 Soldat*innen überhaupt zu halten. Nachdem angesichts zunehmender Spannung mit Russland das Ziel vorgegeben wurde, dass die Bundeswehr bis zum Jahr 2025 auf 203.000 aktive Soldat*innen anwachsen solle, entstand schnell die zusätzliche Herausforderung einer »Minderrekrutierung« von über 20.000 Menschen (Kirsch und Wagner 2025).
- Die Planungen stehen in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der NATO, da Deutschland für das neue Streitkräftemodell 35.000 Soldat*innen für die Bereitschaft und zehn Kampfbrigaden zugesagt hat. Doch die Ansprüche der NATO scheinen zu wachsen: „So berichtete die WELT im Oktober 2024, die NATO sei dabei, ihre Kapazitätsziele […] anzuheben […]. Für Deutschland bedeute das u.a. ‚fünf bis sechs weitere Kampftruppenbrigaden‘ mit je rund 5.000 Soldat*innen […].“ (Kirsch und Wagner 2025)
- Die erhältlichen Daten zu den freiwillig Wehrdienstleistenden lassen weder ein klares Bild einer abnehmenden noch einer stark gewinnenden Rekrutierung erahnen (vgl. Abb.). Eher wird sichtbar, dass sich seit 2011 ein Niveau eingependelt hat, bei dem zwischen 8.500-10.000 Menschen jedes Jahr zum Wehrdienst bereit zu sein scheinen. Kriegsdienstverweigerung stellte im Jahrzehnt zwischen 2010-2020 keine nennenswerte Größe dar.
Friedenspolitische Konsequenzen?
- Bei einer Reaktivierung der Wehrpflicht bedarf es einer dringlichen Notwendigkeit der Beratung zur Kriegsdienstverweigerung. Die Verbände der Friedensbewegung sollten sich darauf frühzeitig einstellen und Berater*innen ausbilden.
- Die miteinander verwobenen Erzählungen von Dienstbereitschaft für die Gesellschaft und dem Dienst in der Armee müssen aktiv entflochten werden. Zwangsdienste können kein Mittel einer friedlichen Gesellschaft sein.
- Die sich in Zeiten der Militarisierung verselbstständigenden Bedrohungserzählungen der Versicherheitlichungslogik müssen problematisiert werden – alternative Verteidigungskonzepte (Defensive Verteidigung, Soziale Verteidigung) müssen etabliert werden.
Literatur
Bundesrechnungshof (2025): Handlungsbedarf bei der Bundeswehr. Wiederausrichtung auf Landes- und Bündnisverteidigung erfordert verantwortungsvolle Mittelverwendung und Kurskorrektur bei Organisation und Personal. Bonn, 27.5.2025.
EAK (2025): Wehrdienst in unsicheren Zeiten – eine Herausforderung für die Kirche. 5 Thesen zum neuen Wehrdienst und einer allgemeinen Dienstpflicht (AGDF und EAK). Online unter: eak-online.de/eak.
Kirsch, M.; Wagner, J. (2025): Rekrutierungsprobleme, Reserve und der Neue Wehrdienst. Informationsstelle Militarisierung (IMI)-Analyse 2025/03. Tübingen, 17.3.2025.

