W&F 2026/1

Atomwaffen stehen nicht alleine

Strukturen nuklearer Gewalt und pazifischer Widerstand

von Janina Dannenberg

Mit verheerenden Folgen wurden im Pazifik über vier Jahrzehnte durch heutige NATO-Staaten Atomexplosionen durchgeführt. Als sogenannte »Tests« standen sie im Zeichen der Wissenschaft und dienten zugleich der gezielten politischen Darstellung von nuklearer Potenz. Die Folgen stehen in engem Zusammenhang mit sozial-­ökologischen Krisen in der Region, seien es Gesundheitskrisen, der Klimawandel, die Erosion kultureller Integrität, Naturzerstörung oder (post-)koloniale Abhängigkeiten. Der Beitrag legt einige der genannten Verknüpfungen beispielhaft dar und wirft einen Blick auf Kämpfe um (nicht nur) nukleare Gerechtigkeit und Unabhängigkeit.

Zwischen 1946 und 1996 detonierten in der »See der Inseln« (Hau'ofa 1994) etwa 300 Kernwaffen, gezündet von den drei Atommächten der heutigen NATO. Die USA hatten in der Folge des Zweiten Weltkriegs die Kontrolle über die Marshallinseln als UN-Treuhandgebiet übernommen. Statt jedoch den humanitären Pflichten dieser Position nachzukommen, nutzten sie die Marshallinseln, um militärische Stärke zu demonstrieren. Zwischen 1946 und 1958 detonierten sie hier 67 Bomben auf den Atollen Enewetak und Bikini.1 Insgesamt wurde Energie in Höhe von 108,5 Megatonnen TNT-Äquivalenten freigesetzt. Über die 12 Jahre der »Tests« gerechnet, entspricht dies mehr als 1,6 Hiroshimabomben am Tag (vgl. Bennett et al. 1994, S. 19). Im Rahmen des sogenannten »Bravo-Tests« detonierte hier am 1.3.1954 die stärkste jemals von den USA gezündete Wasserstoffbombe.

Raketen mit Bomben für atmosphärische Höhentests starteten die USA in den Folgejahren (1958-1962) auf dem Johnston-Atoll und von nahegelegenen U-Booten aus. Hier wurden 1962 zudem fünf Atombomben aus Flugzeugen abgeworfen. Das nicht menschlich bewohnte Atoll liegt etwa 500 km südöstlich von Hawaii.

Das dritte Gebiet, in dem die USA bombardierten, waren die heute zu Kiribati zählenden Atolle Kiritimati2 und Malden (1962, 24 atmosphärische Tests). Hier wurde Infrastruktur des Vereinigten Königreichs genutzt, unter dessen Kolonialherrschaft das Gebiet stand. Dieses hatte hier selbst bereits 1957-1958 neun atmosphärische Wasserstoff- und Atombomben gezündet, nachdem Bombenzündungen in Australien von der dortigen Regierung nicht mehr akzeptiert worden waren.

Ab 1966 zündete Frankreich 193 Bomben auf den Atollen Moruroa und Fangataufa in Mā’ohi Nui (bzw. Französisch-Polynesien; ab 1974 unterirdische Explosionen). Algerien hatte zuvor die Unabhängigkeit erreicht, weshalb die Bombardierungen dort gestoppt wurden – Mā’ohi Nui ist bis heute nicht von Frankreich unabhängig. Begleitet von weltweiten Protesten zündete Frankreich noch 1996 eine letzte Bombe.3 Im gleichen Jahr trat es, wie alle offiziellen Atommächte, dem umfassenden Atomteststoppvertrag bei.

Die Atomwaffentests in der »See der Inseln« sind Resultat und Fortsetzung kolonialer und rassistischer Gewalt. Im Folgenden sollen drei typische Muster dieser Gewalt hervorgehoben werden: Peripherisierung, Abwertung und Landnahme.

Peripherisierung, Abwertung und Landnahme

Erstens wurden die Gebiete, auf denen die Bombardierungen stattfanden, als (menschen-)leer, abgelegen und bedeutungslos konstruiert. Dieses Muster spiegelt sich bis heute in der verbreiteten Imagination von pazifischen Inseln als einsam oder isoliert wider. Noch 2021 rechtfertigte Präsident Macron bei einer Rede in Mā’ohi Nui die Ortswahl für die Atomtests mit der vermeintlicher Abgelegenheit der Inseln (Macron 2021). Auf Moruroa gab es zwar zum Zeitpunkt der Teststarts keine feste Wohnbesiedelung, jedoch war das Atoll saisonal besiedelt, die Menschen aus dem ca. 100 km entfernten Tureia nutzen Mo­ruroa für die Fischerei, Kokosernte und das Sammeln von Perlmutt (Mury 2026). Auch Kiritimati hatte Einwohner*innen, anders als vom Vereinigten Königreich dargestellt: Von den über 3.000 km entfernten, teilweise eng besiedelten Atollen der Gilbertinseln, ebenfalls unter britischer Kontrolle, waren Menschen nach Kiritimati umgesiedelt worden, um dort für britische Firmen auf Kokosplantagen zu arbeiten (vgl. Alexis-Martin et al. 2021). Von der Regierung wurden diese offenbar als »Verfügungsmasse« gesehen und nicht als Einwohner*innen mit eigenen Rechten.

Zweitens lassen sich dort, wo Menschen nicht durch Peripherisierung verleugnet werden konnten, typische Muster der Abwertung feststellen. Beispielsweise waren nach dem Bravo-Test die Einwohner*innen des benachbarten Rongelap Atolls sehr großen Mengen des Fallout ausgesetzt, was zu vielen akuten Krankheiten führte.4 Vonseiten des US-amerikanischen Militärs und assoziierten Ärzten wurden 539 Männer, Frauen und Kinder ohne ihr Wissen und Einverständnis über viele Jahre für ein medizinisches Forschungsprojekt missbraucht, inklusive operativer Eingriffe und Injektionen.5 Der Leiter des Projektes begründete sein Forschungsinteresse damit, dass es schwierig sei, an vergleichbar kontaminierte Menschen zu kommen. Die Menschen von Rongelap seien zwar nicht direkt mit zivilisierten Menschen vergleichbar, es sei aber doch wahr, dass „diese Leute mehr wie wir sind als Mäuse“ (zitiert nach Maclellan 2019). Diese rassistische Abwertung der betroffenen Menschen durch Dehumanisierung und Naturalisierung ist ein typisches Muster kolonialer Herrschaft und – da sie insbesondere gegenüber Frauen* vorkommt – ihrer Verquickung mit vergeschlechtlichter Herrschaft. Diese wird nach Teaiwa (1994) auch in der symbolischen Gewalt der Benennung einer zweiteiligen Bademode als »Bikini« – bekanntermaßen ein durch die Atombombenzündungen unbewohnbares Atoll – deutlich. Der Designer suchte einen „zündenden Begriff, der wie eine Bombe einschlagen sollte“ (u.a. Böck 2016). Das Leid rassifizierter pazifischer Körper wird so unsichtbar gemacht. Gleichzeitig findet eine symbolische Ausbeutung und Aneignung von Frauenkörpern statt und die Schrecken der Atombombe werden durch die vergeschlechtlichte Ästhetik verschleiert.

Wie für viele andere koloniale Gewaltkontexte ist, drittens, Landnahme ein grundlegendes Muster von Atomwaffentests. Beispielsweise erlebten die Menschen von Rongelap nach einer fluchtartigen Evakuierung infolge des Bravo-Fall­outs Jahre der Umsiedelung, teilweise an sehr unwirtliche Orte, an denen sie dann »vergessen« wurden, und, ignoriert von der US-Regierung, Hungersnöte durchlitten. Den Einwohner*innen des Bikini-Atolls wurde ebenfalls ihr Land genommen. Sie wurden vor den Tests dazu überredet, die Insel „zum Wohle der Menschheit“ (vgl. Niedenthal 2013) kurzfristig zu verlassen. Eine Vorstellung von der Wirkung von Atombomben hatten sie nicht. Die Erwartung, nach wenigen Wochen in ein funktionierendes Gemeinschaftssystem auf einer ökologisch intakten und (subsistenz-)ökonomisch weitgehend autarken Insel zurückzukehren, wurde enttäuscht.6 Bis heute übernehmen die USA keine Verantwortung für eine sichere Rückkehr.

Ein Ort, an den viele vertriebene Menschen langfristig umgesiedelt wurden, ist die Insel Ebeye. Dort herrschen kata­strophale infrastrukturelle, sozioökonomische, gesundheitliche und ökologische Zustände. Die Insel ist einer der am dichtesten besiedelten Orte der Erde. Bereits unter japanischer Besatzung beschlagnahmte das Militär die größere Nachbarinsel Kwajalein und vertrieb die Bewohner*innen nach Ebeye. Das US-Militär übernahm die Basis nach dem Krieg und baute sie zum logistischen Zentrum der Atomwaffentests aus. Auf Ebeye wurden so immer mehr Menschen zusammengepfercht (Johnson 2013). Die soziale Ungleichheit zwischen Kwajalein und Ebeye ist gravierend. Nach Beendigung der Testprogramme wurde die Militärbasis nicht zurückgebaut. Militärische Landnahme der Vergangenheit und der Zukunft gehen hier also zusammen – mit einer verheerenden atomaren Zwischennutzung.

Menschen je nach politischen und militärischen Erfordernissen umzusiedeln und dabei existente soziale Verbindungen zu stören, ist eine Herrschaftspraxis. Wenn heute in der Region Umsiedlungen aufgrund der Klimakrise diskutiert werden, dann können diese nicht von der Gewalt historischer Umsiedlungen »zum Schutz der Menschen« losgelöst betrachtet werden.

Menschen und Naturen – verseucht und umgeformt

Menschliche und nicht-menschliche Naturen sind in der »See der Inseln« auf vielfältige Weise von kolonialen Übergriffen betroffen (vgl. auch die Beiträge von Mohr, Firth und Seifert in dieser Ausgabe). Ein historisches Beispiel ist der Phosphatabbau, der zu einer regelrechten Umformung ganzer Inseln führte. Heute wird Umformung u.a. durch den Meeresspiegelanstieg und bauliche Küstenschutzmaßnahmen vorangetrieben. Mit dem Tiefseebergbau dringt fremdherrschaftlich eingebettete Umformung jetzt womöglich zusätzlich in ganz neue Räume vor. Nukleare Gewalt ist in diese Umformungen eingewoben.

Das Atoll Johnston/Kalama7 wurde sich ab 1858 von US-Amerikanern mit Profitabsicht angeeignet. Der amerikanische »Guano Islands Act« erlaubte es US-Bürger*innen, unbewohnte Inseln einzunehmen, die zu keinem Staat gehörten. Nachdem der Abbau des Guanos, der sowohl militärischen als auch wirtschaftliche Zwecken diente, abgeschlossen war, wurde das Atoll überwiegend militärisch genutzt. Ab den 1930er Jahren wurde, wie auf anderen unter dem Guano Islands Act angeeigneten pazifischen Inseln, eine Militärbasis errichtet und eine Landebahn gebaut. Als Bau- und Füllmaterial wurden aus der Lagune ausgebaggerte Korallen genutzt sowie angefallener Schrott, u.a. alte Autos. Die Landfläche von Kalama/Johnston wurde so auf mehr als das Zehnfache der ursprünglichen Inselfläche vergrößert. Auf dieser baulich erschaffenen Basis veränderten die in den folgenden Jahren stattfindenden Nukleartests ihrerseits die Materialität des Atolls. Infolge mehrerer Abbrüche und Unfälle fielen radioaktive Trümmer auf die Insel nieder. Belastetes Material wurde entweder im Ozean verklappt oder in baulichen Strukturen fixiert, beispielsweise in weiteren Landebahnen.8 Mit Plutonium kontaminierter Metall- und Betonschrott sowie Korallensand wurde unter einer Abdeckung aus Korallen vergraben. In der Folge der vollständigen Einnahme und Umformung für militärische Zwecke wurden auf und bei Johnston/Kalama biologische und chemische Waffen getestet, und Altbestände aus anderen Ländern gelagert und entsorgt, mit wiederum weitreichenden Umweltfolgen. Die durch die Atomwaffentests erzeugten Umformungen stehen also nicht nur im Zusammenhang mit vergangenen militärischen Nutzungen, sondern wirken auch in die Zukunft. Die Strahlenaktivität wird hierbei alle gebauten Strukturen, die nicht zuletzt in Folge des Klimawandels erodieren, bei weitem überdauern (vgl. Kuper et al. 2024, S. 81). Ein bekanntes Beispiel für die Erhöhung der Belastung durch Radioaktivität im Zuge des Klimawandels ist der »Runit Dome«, ein mit Beton versiegelter Bombenkrater auf der Insel Runit (Enewetak Atoll), in dem seit 1977 radioaktives Material aus den Atombombenexplosionen auf den Marshallinseln lagert. Durch den steigenden Meeresspiegel und die zunehmende Erosion des Betons wird befürchtet, dass immer mehr kontaminiertes Material in den Pazifik gelangt.

Die Betroffenheit menschlicher Naturen in der »See der Inseln« durch Atomwaffen sieht Maurer (2024) in historischer Kontinuität mit eingeschleppten Epidemien, die im 19. Jahrhundert in vielen Kolonien bis zu 90 % der Bevölkerung dahinrafften. Mit Krebserkrankungen, Totgeburten, Fehlbildungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen leben zu müssen, stellt für die Menschen der Region eine weitere Folge von außen eingebrachter und mit lokalem Wissen nicht erklärbarer und zusätzlich von staatlichen Geheimhaltungspraktiken betroffener Gesundheitsbeeinträchtigungen dar.9 Ihre Auswirkungen im täglichen Leben sind an den verschiedenen Orten sehr unterschiedlich, abhängig von Gesundheitssystem und sozio-ökonomischen Bedingungen. Die Gesundheitsversorgung für Krebskranke und die Unterstützung durch die Täterstaaten ist jedoch in keinem der betroffenen Länder ausreichend.

Als Besonderheit der Strahlenbelastung gilt die langfristige Wirkung. Gesundheitliche Auswirkungen können bei Schädigung von Keimzellen noch mindestens in der Folgegeneration auftreten.10 Zudem drohen radioaktive Elemente mit langen Halbwertszeiten, wenn sie über Nahrung oder Atemwege aufgenommen werden, noch über viele Generationen Menschen zu gefährden.

Neben direkten Schäden durch Strahlung hat die Zerstörung von lokalen Ökonomien und subsistenzwirtschaftlich nutzbarer Natur durch die Atomexplosionen zu Veränderungen in der Lebensweise und Ernährung geführt, die in eine umfassende Gesundheitskrise im Pazifik führte.11 Hier zeigt sich wieder die Rolle der Atomwaffen als Verstärker für generelle Prozesse kolonialer Gewalt.

Der weite Horizont des pazifischen Widerstandes

Die Durchführung von Atom»tests« war von Beginn an von Widerstand begleitet. Bereits 1950 beteiligte sich die Unabhängigkeitsbewegung von Mā’ohi Nui am »Stockholmer Appell« zur Ächtung der Atombombe.12 1954 forderten marshallesische Politiker*innen das UN-Treuhandbüro dazu auf, die Atomtests zu unterlassen und sich um die Sicherheit und Gesundheit der Vertriebenen zu kümmern. In den folgenden Jahrzehnten gab es vielfältige Proteste in der Region: von Frauengruppen, über Kirchen bis hin zu Gewerkschaften und Studierenden. Auf Kwajalein sorgte 1982-1983 die »Operation Homecoming« für Aufmerksamkeit, bei der vertriebene Landeigentümer*innen mehrere Monate ihre Ländereien auf der Insel der Militärbasis (wieder) besetzten (Dé Ishtar 1994, S. 29ff.; Johnson 2013, S. 104ff.). Im Zuge der neuen Unabhängigkeit vieler Staaten wurde auch von den neuen Pan-Pazifischen Organisationen (»Pacific Conference of Churches«, »University of the South Pacific«, »South Pacific Forum«) ein Ende der Atomtests angemahnt. Mitte der 1970er Jahre vernetzten sich viele Gruppen international, das »Nuclear Free and Independent Pacific Movement« (NFIP) entstand.

Johnson (2013, S. 73f.) berichtet von spannungsgeladenen Diskussionen im Jahr 1978, in denen der Zusammenhang von nuklearer Gewalt und fehlender nationaler Unabhängigkeit einiger Staaten von weißen Anti-Atomaktivist*innen nicht im gleichen Maße erkannt wurde wie von pazifischen Indigenen. Für diese besteht zwischen beiden nicht nur ein politischer Zusammenhang. Vielmehr werden in ihren gesellschaftlichen Naturverhältnissen Beziehungen zum Land und zum Ozean priorisiert, beides eigene würdige Entitäten, die durch fremdbestimmte Aneignung gestört werden.13

1983 verfasste die Bewegung eine Erklärung, die antikoloniale Kämpfe und den Widerstand gegen Militarisierung und Atomwaffen fest miteinander verbindet (NFIP 1983). Auf staatlicher Ebene mündete dieser Aktivismus 1985 im »Rarotonga-Abkommen« für eine kernwaffenfreie Zone im südlichen Pazifik, ein großer regionaler Erfolg. Gleichzeitig wurde es von den USA nicht ratifiziert und im Zuge der derzeitigen Militarisierungsprozesse werden bestehende Schlupflöcher genutzt: Den Vertrag über die Lieferung von Atom-U-Booten an Australien (AUKUS) konnte das Abkommen nicht verhindern (de Jong und Rata 2023).

Auch die heutigen anti-nuklearen pazifischen Bewegungen betrachten das nukleare Erbe nicht isoliert. Der (post-)koloniale Kontext der Gegenwart in Form bestehender wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeiten, Naturausbeutung durch Tiefseebergbau und vor allem der Klimawandel werden grundsätzlich mitgedacht. In vielen Fällen sind es dieselben Akteure, die sich in diesen Bereichen engagieren. In Bezug auf den Klimawandel geht es längst nicht nur darum, den »Runit-Dome« vor dem Meer zu schützen. Junge US-Marshalles*innen setzen sich für die Rechte von Migrant*innen in den USA ein (so beispielsweise die »Marshallese Educational Initiative«). Klimabedingte Migration erscheint hier als Fortsetzung nuklearer Gewaltverhältnisse. Die Gefahr einer einzigen Geschichte“ (Adichie 2009) wird von Aktivist*innen direkt adressiert. So fordert die marshallesische Dichterin Kathy Jetñil-Kijiner in ihrem Gedicht »Tell them« (Jetñil-Kijiner 2011) die vielseitige Geschichte der Marshalles*innen, z.B. die der Seefahrt wahrzunehmen und in ihnen nicht nur die Opfer des Klimawandels zu sehen.

Die hegemoniale Epistemologie westlicher Wissenschaft wird heute durch künstlerische Formate und Beiträge herausgefordert, die als wichtiges Wissen für den Weg Richtung nuklearer Gerechtigkeit im Diskurs platziert werden. Mit den »Nuclear Truth Protocols« (vgl. Nuclear Truth Project o. J.) werden zudem wissenschaftliche Praktiken direkt adressiert, um die Reproduktion von Ungleichheit durch die Wissenschaft zu vermeiden. All diesem liegt ein Denken in Verbindungen, Relationen und Abhängigkeiten zwischen Menschen und Nicht-Menschlichem zugrunde. Dieses wird direkt z.B. in der Dokumentation »My Fish is your Fish« (MISA 2019) der »Marshallese Students Association« ausgedrückt. Ein verstrahlter Fisch betrifft hier den ganzen Pazifik. Problemlagen werden in ihrer Gemeinsamkeit und gegenseitigen Verflechtung betrachtet: „Nukleare Belastung und Klimawandel sind dasselbe Tier – verschiedene Schreibweise, aber dasselbe Tier” (MISA 2019, min. 15:10).

Aufgabe von Wissenschaft und politischer Arbeit sollte es nun sein, hier keine Trennungen zu installieren, sondern die Wirklichkeit derer, die nukleare Ungerechtigkeit und koloniale Gewalt erleben, als Grundlage des Denkens und Handelns zu etablieren.

Anmerkungen

1) In Maclellan (2017, S. XI-XV) findet sich eine Aufstellung aller Atomtests im Pazifik, die folgenden Daten sind dieser Darstellung entnommen.

2) Hier lokale Schreibweise. Da »ti« wie im Deutschen »s« ausgesprochen wird, ergibt sich beim Aussprechen der Name »Christmas«.

3) Auch in W&F wurde dieser Widerstand dokumentiert (vgl. Pohlmeier und Scheffran 1997).

4) Es gibt zahlreiche Überlebendenberichte hierzu, z.B. in Dé Ishtar 1994.

5) Ausführlich ist das sogenannte »Project 4.1« u.a. in dem Dokumentarfilm »Nuclear Savage« (Horowitz 2011) dargestellt.

6) Eine recht umfassende Beschreibung der Geschichte(n) von Bikini, und ihrer menschenunwürdigen Umsiedlungen, überwiegend in den Worten von Menschen aus Bikini (meist männlichen Verantwortungsträgern) findet sich in Niedenthal 2013.

7) Kalama ist der Name, unter dem das später von den USA einverleibte Königreich Hawaii erfolglos probiert hat, das ihm räumlich näher gelegene Atoll zu beanspruchen. Die geschichtliche Zusammenfassung basiert auf Kuper et al. 2024.

8) Auch auf den Marshallinseln gab es in den 1980er und 1990er Jahren, so berichtet Johnson (2013, S. 254f.), immer wieder Pläne, teils gefährlichen Müll zu importieren und für Landerweiterung zu nutzen.

9) Einen Überblick über gesundheitliche Folgen der Atomwaffentests bietet Ruff (2015).

10) Zu der Frage in welchem Umfang durch Radioaktivität auch die Keimbahnen verändert werden, d.h. Schäden in weiter folgenden Generationen auftreten, ist die Studienlage nicht eindeutig.

11) Für die Marshallinseln ist die Gesundheitskrise und der Kampf hiergegen sehr nahbar beschrieben in Johnson 2013.

12) Die Zusammenfassung der Widerstandsgeschichte ist Maclellan (2024) entnommen.

13) Indigene pazifische Identitäten sind sehr divers. Gleichzeitig sind sie aufgrund der Bedeutung des Ozeans und des Landes sowie übergenerationaler Erfahrungen von Kolonisation und Widerstand auf eine Weise vereint. In emanzipatorischen Strängen der Pazifikstudien werden diese Verbindungen hervorgehoben und akademisch diskutiert (vgl. Hau‘ofa 1994; Teaiwa 2021).

Literatur

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Mury, F. (2026, im Erscheinen): «Tsunami» ou «bon bain de pied»: divergence de représentations du risque de submersion marine à Tureia en cas d’effondrement de la couronne récifale de Moruroa. In: Dictionnaire historique du CEP. URL: dictionnaire-cep.upf.pf.

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Niedenthal, J. (2013): For the good of mankind. A history of the people of Bikini and their islands. Majuro: Bravo Publishers.

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Teaiwa, T. K. (1994): Bikinis and other s/pacific n/oceans. The Contemporary Pacific 6(1), S. 87-109.

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Dr. Janina Dannenberg ist promovierte Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und leitet das Forschungsprojekt »Nuclear Justice and Gender in the Sea of Islands«, finanziert durch das Auswärtige Amt, an der Universität Hamburg.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/1 Ozeanien, Seite 17–20