Demokratie ist Beziehung und braucht Orte für Begegnung
Jahrestagung AK Curriculum und Didaktik der AFK, Hochschule Rhein-Waal, Kleve, 7.-9. November 2024.
Einen Tag nach den Ergebnissen der US-Wahl und dem Bruch der Koalition in Deutschland liegen viele große Demokratiefragen ganz obenauf als im vergangenen November die Tagung »Demokratie lehren und lernen« beginnt. Eine Runde von Demokratie- und Didaktik-Interessierten aus dem Feld der Friedens- und Konfliktforschung im deutschsprachigen Raum kommt im Senatssaal der Hochschule Rhein-Waal zusammen. Sie wollen sich mit den Herausforderungen beschäftigen, die sich aus den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen für die (Hochschul-)Bildung ergeben.
Schon am Donnerstagnachmittag in der Einstiegsrunde werden – unter der Weltkarte aus Moos – viele persönliche Verbindungen zum Tagungsthema deutlich. »Überforderung = Normalzustand« fassen Teilnehmende auf einer Karte passend zusammen, wie es vielen angesichts zunehmender Polarisierung (insbesondere mit Bezug auf den Nahostkonflikt), Backlash im Kontext von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (z.B. Gesetzgebungen zum Verbot von gendergerechter Sprache) und anderen Auswirkungen von autoritären und rechten Entwicklungen geht.
Viele teilen, was das Weltgeschehen bei ihnen auslöst und es entsteht ein Raum, in dem all das Platz hat und da sein darf. Und das hat enorme Auswirkungen! Das Zusammenkommen, das Aussprechen dessen, was ist, und der gemeinsam kreierte Lernraum sind wohltuend und sorgen für einen sicheren Rahmen, der Aufatmen ermöglicht. Hier zeigt sich, wie wirkmächtig »ORTE« und »BEZIEHUNGEN« sind. Im Laufe der gemeinsamen Lernzeit auf der Tagung wird die zentrale Bedeutung, die diese beiden Faktoren für Demokratie und demokratische Prozesse haben, für uns immer deutlicher und spürbarer. Bereits im Call haben wir mit folgenden Worten zur Beteiligung an der Tagung eingeladen:
„Wir begreifen Demokratie nicht nur als Herrschafts- bzw. Staatsform, sondern vielmehr auch als Gesellschafts- und Lebensform, welche sich bereits in kleinsten Formen des Miteinanders bzw. in der Praxis sozialer und politischer Kooperation ausdrückt. Demokratie beginnt für uns in der Art und Weise, mit der wir aufeinander zugehen sowie mit- und übereinander reden; sie spiegelt sich in den Formen der Mitbestimmung, die Gruppen wählen, um Entscheidungen zu treffen, ebenso wie in der Haltung, mit der auf diverse Lebensformen reagiert wird. Letztendlich geht es um die praktische Umsetzung und damit um ein fortlaufendes Projekt. Aus einem solchen substanziellen Demokratieverständnis heraus vervielfachen sich auch die Orte, an denen Demokratie Relevanz hat.“
Dieses Verständnis ist auch leitend für die Planung und Gestaltung unserer Tagung und des Rahmens dafür: Als wir ankommen, räumen wir zunächst einen Großteil der Tische zur Seite und ermöglichen so, dass alle Teilnehmenden sich sehen und wir im Kreis miteinander ins Gespräch gehen können – eine gute Grundlage für demokratisches Lernen. In einer Pause zeigt Christine Buchwald uns den Campus und dabei auch den »KLEX«, den Kreativraum der Studierenden der Kindheitspädagogik, in dem viele Materialien zum Ausprobieren, Erfahren, Erleben und Verkörpern zur Verfügung stehen. Allein der Raum und seine Gestaltung laden zu anderem Tun und anderen Interaktionen ein als es ein »normaler« Seminarraum tut.
Während der Tagung kommen wir immer wieder darüber in den Austausch, wie sich diese Qualität des Lernraums auf andere Orte übertragen lässt: Was trägt dazu bei, dass Lernorte möglichst einladend, ermutigend, inklusiv und solidarisch werden? Welche Bedeutungen haben die Vermittlung von Wissen oder auch die (Ver-)Bindung zwischen Menschen für die Stärkung von Demokratie? Schon die Keynote von Dorothée de Nève von der Uni Gießen über »Antidemokratische Haltungen und die Herausforderungen für (Hochschul)Bildung« lädt zu diesem Nachdenken ein. Sie benennt u.a. Bindungslosigkeit und Entsolidarisierung als zentrale Herausforderungen für demokratische Strukturen und fragt auch nach Begegnungsorten, an denen Menschen miteinander in Kontakt kommen können – auch mit Menschen mit anderen Haltungen und Einstellungen.
Beim Workshop zu »KrisenFest«, einem Lernspiel zur innergesellschaftlichen Konfliktbearbeitung, das Anna Noriega vom »Fränkisches Bildungswerk für Friedensarbeit« uns am nächsten Morgen vorstellt, erkunden wir unsere fiktive Stadt nach und nach mit Hilfe von Ortskarten, die wir auf das Spielfeld legen. Wir teilen Geschichten, die wir mit diesen Orten verbinden, lernen uns mit diesen Geschichten authentisch kennen und machen unsere fiktive Stadt zugleich lebendig.
Dabei wird deutlich, welch große Wirkmacht Orte haben: auf Bildungsprozesse genauso wie auf jegliche Form des sozialen und demokratischen Miteinanders, letztlich darauf, wie wir überhaupt miteinander in Beziehung treten können. Gleichzeitig zeigt uns dieses Lernspiel einen Ansatz zur Demokratiebildung, der nicht auf reine Wissensvermittlung abzielt, sondern auch unsere Werte, Emotionen und Körperlichkeit als wichtige Erfahrung mit einbezieht. Insbesondere in formalen (Hochschul-)Bildungssettings ist das häufig noch keine gängige Praxis.
In ihrem Beitrag zu »Aktionsforschung in der Hochschullehre – Lernen über, für und durch Demokratie?!« spricht Annalena Groppe von der Friedensakademie Rheinland-Pfalz über Erfahrungen aus einem Seminar, das sie in ihre Forschung über polarisierende Konflikte um Demokratie eingebettet hat. Es geht einerseits um einen erinnerungsgeschichtlich umkämpften Ort, das Hambacher Schloss, und die damit verbundenen Prozesse. Andererseits geht es um den speziell geschaffenen, friedenspädagogischen Lernraum im Seminar und um die Rollenreflexion im Kontext von Aktionsforschung, denn die Beziehungen zwischen (Co-)Forschenden und allen Beteiligten sind sowohl für die Lern- als auch die Forschungsprozesse entscheidend.
Und auch das Barcamp-Format, das Inka Engel von der Universität Koblenz am Beispiel von »ResilienceNet« vorstellt, ist letztlich ein (temporärer) Ort, der lebendige Interaktionen und Beziehungen möglich macht. Über die Möglichkeit, ein AFK-Kolloquium als Barcamp oder Unkonferenz zu gestalten, tauschen wir uns im Anschluss aus, auch angeregt durch den Beitrag von Christoph Weller zur »Demokratischen Doppelqualifikation«, in dem er basierend auf der »Augsburger Erklärung« des AK Curriculum und Lehre (von 2017) Aspekte eines innergesellschaftlichen Friedens mit dem Lehren in und über Demokratie zusammendenkt. Auch Lisa Hartkes Beitrag »Sozialpsychologische Perspektiven zum Umgang mit affektiver Polarisierung (in politischen Debatten)« bereichert unseren Austausch, indem sie das Konzept der »intellektuellen Demut« als soziale Kompetenz zur Förderung der Kompromiss- und Kooperationsfähigkeit einführt. Alle Beiträge inspirieren unseren Austausch über Studiengänge als Orte des Demokratie-Lernens, in denen die Art und Weise, wie wir lernen, miteinander in Kontakt treten, Entscheidungen treffen und Konflikte austragen, mindestens so entscheidend sind, wie die Studieninhalte selbst. Am Ende beschäftigen uns vor allem Fragen des Transfers (vgl. Abb.): Wie tragen wir all das zurück in unsere Seminarräume und Handlungskontexte? Das gemeinsame Reflektieren macht nicht nur Mut, sondern legt zugleich die Grundlage für unseren Transfer-Workshop, den wir auf dem kommenden AFK-Kolloquium im März 2025 in Landau einbringen werden, um mit weiteren Menschen aus der Friedens- und Konfliktforschung didaktische Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu finden. Eine herzliche Einladung an alle Interessierten zur AFK nach Landau oder zur nächsten AK-Tagung zu kommen!
Christine Buchwald, Daniela Pastoors, Lisa Hartke und Miriam Tekath haben die Tagung als Sprecher*innen des Arbeitskreises Curriculum und Didaktik der AFK organisiert und bedanken sich bei allen Mitwirkenden und Teilnehmenden sowie bei der Deutschen Stiftung Friedensforschung für die Förderung.