W&F 2008/1

Die Renaissance der Nuklearenergie

Rettung in der Not oder Tod der Nichtverbreitung?

von Wolfgang Liebert

Mit den Atomwaffenprogrammen der 1940er Jahre nahm die Entwicklung nuklearer Technologien ihren ersten Aufschwung. Verfahren, die zunächst für die Produktion von Spaltstoff für die Waffe entwickelt wurden, insbesondere auch Urananreicherung und Plutoniumabtrennung, fanden später Anwendungen in kommerziellen Nuklearprogrammen.

Durch die weltweite Öffnung der Techniknutzung und -entwicklung (Genfer Konferenzen) und die Gründung der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) im Jahr 1957 entstand ein Geflecht von zivilen internationalen Kooperationsaktivitäten und nationalen Nuklearprogrammen, die in einer ganzen Reihe von Staaten auch zu eigenständigen Entwicklungen führten. Letztere blieben keineswegs immer rein zivil und allein auf kommerzielle Ziele ausgerichtet. In den 1970er Jahren waren militärisch avancierte Programme in den damals bereits fünf Kernwaffenstaaten zu verzeichnen - und auch noch heute werden die Waffenarsenale der inzwischen acht Kernwaffenstaaten (ohne Nordkorea) stetig modernisiert und verbessert. Gleichzeitig wurde damals die Kommerzialisierung nuklearer Energietechnologien betrieben und es entstanden entsprechende internationale Märkte. Damit erhöhte sich auch - aufgrund der zivil-militärischen Ambivalenz wesentlicher Technologien und Materialien - die Proliferationsgefahr.

In vielen Ländern entstanden Protestbewegungen, die Gefahren der Nukleartechnologienutzung thematisierten und große öffentliche Aufmerksamkeit erreichten. Spätestens in den 1990er Jahren wurde klar, dass keine ausreichende öffentliche Akzeptanz für die Kernenergie gegeben war. Dies korrespondierte mit einem schnellen Ende des Reaktorbooms, der allerdings im Wesentlichen der ökonomischen Unattraktivität des Neubaus von Reaktoren zuzurechnen ist. Die Kapitalkosten für ein Kernkraftwerk sind enorm, während die Brennstoffkosten heute weniger ins Gewicht fallen.1 Dementsprechend kalkulieren die Stromunternehmen lieber mit betriebswirtschaftlich attraktiveren Technologien - leider zumeist immer noch auf der Basis fossiler Energieträger.

Heute wird von einer Wiederbelebung der Kernenergienutzung gesprochen, ja sogar eine »Renaissance« der Kernenergie prognostiziert. Gleichzeitig werden die Gefahren der nuklearen Proliferation weit deutlicher thematisiert als in Phasen der Vergangenheit. Es ist zu fragen, ob Kernenergie angesichts des Klimawandels wirklich als Retter in der Not wirksam werden kann, wie manche behaupten, oder ob die Gefahren überwiegen - insbesondere die horizontale Proliferationsgefahr, also die Gefahr der Weiterverbreitung von Kernwaffen in weitere Staaten.

Stand der Kernenergie

Der internationale Stand der Nuklearprogramme kann knapp mit einigen Zahlen umrissen werden. Etwa 60 Länder betreiben Forschungsreaktoren. In 31 Ländern werden Leistungsreaktoren (insgesamt fast 450) für die Stromproduktion mit einer Kapazität etwas unterhalb von 400 Gigawatt betrieben. Der Nuklearstromanteil liegt damit weltweit bei knapp 17%; dies entspricht aber nur einem nuklearen Primärenergieanteil von 6%. Die sechs größten Nuklearstromproduzenten sind USA, Frankreich, Japan, Deutschland, Russland und Südkorea. Fünf Länder haben einen Nuklearstromanteil von mehr als 45% (Belgien, Frankreich, Litauen, Schweden, Ukraine). Trotz der Stagnation des weltweiten Ausbaus der Kernenergie seit Ende der 1980er Jahre ist die Stromerzeugungsmenge aus Kernreaktoren aufgrund der besseren Verfügbarkeit der Anlagen (heute fast 90%) noch bis Anfang des Jahrhunderts angestiegen (auf nunmehr etwa 2,7 Petawattstunden = 2.700 Milliarden kWh). Voraussichtlich wird die Bedeutung des Nuklearstroms in absehbarer Zukunft aber in absoluten und relativen Zahlen fallen, da kaum neue Reaktoren gebaut werden und die alten, die im Mittel bereits über 20 Jahre am Netz sind, nach und nach abgeschaltet werden. Daran werden auch die - bislang insbesondere in den USA - massiv betriebenen Laufzeitverlängerungen auf 40 und mehr Jahre, die die alten, abgeschriebenen Reaktoren zu »Gelddruckmaschinen« machen würden, nichts Wesentliches ändern können. Es sei denn, ein neuer Bauboom bräche aus. Dieser ist aber nicht in Sicht. Daher steht eher zu erwarten, dass die Reaktorkapazität bis 2025 auf weniger als die Hälfte schrumpfen und dann also unter 200 Gigawatt liegen wird.

Der Ausbau der Kernenergie wird von interessierter Seite mit dem Argument propagiert, so könnten wesentliche Beiträge zur Bekämpfung des drohenden Klimawandels geliefert werden. Heute ist der nukleare Weltprimärenergieanteil dazu zu klein - ebenso wie der Beitrag solarer Technologien. In der Tat ist die Kernenergienutzung im Betrieb weitgehend CO2-frei. Allerdings müssen der Reaktorbau und -rückbau berücksichtigt werden, weiterhin die Energieaufwendungen bei der Rohstoffgewinnung für den Brennstoff, die Urananreicherung und die Brennelementfabrikation und andere Dienste während des Betriebs und während der Nachsorge. Aber auch dann steht die Kernenergie in der CO2-Bilanz unter heutigen Gegebenheiten besser da als die fossilen Technologien, auch wenn man intelligente Formen der Kraft-Wärme-Kopplung betrachtet. Nachteilig wirkt sich aber aus, dass nukleare Leistungsreaktoren bislang nur Strom produzieren können und auf dem Wärmemarkt und im Bereich des Verkehrs, die beide ganz erhebliche Anteile am Energieaufkommen haben, keine Rolle spielen können. Dies begrenzt deutlich die Rolle der Kernenergie als »Retter in der Not«.

Zu den Schattenseiten der weltweiten Kernenergienutzung gehört die damit verbundene Verbreitung von sensitiven Nukleartechnologien. Urananreicherung ist für fast alle betriebenen Reaktoren notwendig, um schwach angereicherten Brennstoff zu produzieren. Prinzipiell könnte damit aber auch - je nach verwendeter Technologie - sehr leicht Hochanreicherung bis zu waffenverwendbarem, hochangereichertem Uran durchgeführt werden.2 In den Reaktoren, die Uranbrennstoff nutzen, fallen etwa 250 Kilogramm Plutonium pro Jahr (bei einem Gigawatt Leistung) an. Die Wiederaufarbeitungstechnologie erlaubt es, an diesen Spaltstoff zu gelangen, der prinzipiell für den Einsatz in Brennelementen, aber auch in Waffen geeignet ist. Eine Halde von mindestens 250 Tonnen abgetrennten Plutoniums wurde inzwischen im zivilen Bereich aufgetürmt - neben den ebenfalls etwa 250 Tonnen Plutonium in den Waffenprogrammen (ausreichend jeweils für rund 50.000 Sprengköpfe). Knapp 20 Länder beherrschen inzwischen prinzipiell mindestens eine oder beide dieser sensitivsten Nukleartechnologien. So muss nicht verwundern, dass die Zahl »virtueller Kernwaffenstaaten«3, die Voraussetzungen für Waffenprogramme durch zivile Aktivitäten erreichen, weiter anwächst.

Zu der zivil-militärischen Doppelverwendbarkeit treten weitere ambivalente Aspekte der Kernenergienutzung hinzu. Aus probabilistischen Sicherheitsuntersuchungen kann - bei aller Vorsicht, die bei der Generierung solcher Zahlen geboten ist - abgeleitet werden, dass eine 65 %-ige Wahrscheinlichkeit für einen Supergau innerhalb von 50 Jahren für die gegenwärtig weltweit betriebenen Reaktoren errechnet werden könnte. Pro betriebenen Reaktor (1 GW) fallen einige 10.000 Kubikmeter radioaktiver Abfall an. Zurzeit vermehren weltweit jährlich 10.000 Tonnen abgebrannter Brennstoff die schon vorhandene Menge an Atommüll, die sicher endzulagern wäre.

Ausbauszenarien

Wenn die Kernenergienutzung einen wirklich spürbaren Beitrag zur Minderung der Klimaproblematik durch fossile Brennstoffe haben soll, müsste die Kernenergie massiv ausgebaut werden. Zurzeit wäre die realistischste Option ein Ausbau zur langsam aber stetig wachsenden Deckung des Weltstrombedarfs. Im Folgenden betrachte ich als Szenario I den linearen Ausbau der Kernenergie bis 2040 auf etwa 33% des Weltstrombedarfs und damit auf etwa 1.500 Gigawatt, bei Annahme eines jährlichen Wachstums des Stromverbrauchs um 2%. Das entspräche immerhin einer Vervierfachung der Nuklearkapazität und damit einer Verdopplung des Anteils der Nuklearenergie in drei Jahrzehnten bei einem nuklearen Primärenergieanteil von auch dann kaum mehr als 10%. In Szenario II wird ein weit massiverer Ausbau der Kernenergie bis 2060 auf 50% des Weltstrombedarfs bei Annahme eines Wachstums des Stromverbrauchs von 2,5% betrachtet. Hier wüchse die nukleare Kapazität auf heute kaum vorstellbare fast 4.400 Gigawatt an (das wäre mehr als das Zehnfache der heutigen Kapazität, was immerhin nahe an 20% des Primärenergiebedarfs reichen würde).

Auch bei diesen beiden erheblichen Ausbauszenarien würde das Klimaproblem mithilfe nuklearer Technologien keineswegs gelöst, aber die Beiträge hätten immerhin mehr Relevanz als heute. Natürlich würde auch der Anfall an nuklearem Abfall massiv ansteigen. Ebenso sind Überlegungen zur Reaktorsicherheit wichtig. Setzt man voraus, dass es sich bei den »neuen« Reaktoren im Wesentlichen um heute realisierbare Druckwasserreaktoren handelt, deren Wahrscheinlichkeit für einen Supergau (Kernschmelze mit in der Regel folgender massiver Radioaktivitätsfreisetzung) so angenommen wird, wie in der Deutschen Reaktorsicherheitsstudie kalkuliert, so läge bei Szenario I die Wahrscheinlichkeit für einen Supergau weltweit innerhalb von 50 Jahren bei 30% und bei Szenario II bei etwa 80%. Ein Ausbau auf Basis dieser Technologie wäre also politisch kaum durchsetzbar. Daher müsste die Auslegung der Reaktoren zunächst sicherlich soweit verbessert werden, dass Unfallabläufe mit massiver Radioaktivitätsfreisetzung ausgeschlossen werden können (»Katastrophenfreiheit«) oder zumindest die Wahrscheinlichkeit für erhebliche Unfälle drastisch sinken kann.

Uranressourcen

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Brennstofffrage. Wenn die Reaktoren auch in Zukunft im Wesentlichen Uranbrennstoff nutzen sollten, müsste sicher gestellt sein, dass genügend Uranressourcen für den vorgestellten Ausbau der Kernenergie zur Verfügung stehen. Ein großes Gigawatt-Kraftwerk benötigt etwas mehr als 25 Tonnen schwach angereicherten Uranbrennstoff pro Jahr. Dazu müssen etwa 200 Tonnen Natururan pro Jahr zur Verfügung stehen. Dies wiederum erfordert das Schürfen von rund 200.000 Tonnen uranhaltigem Erz (bei angenommenem mittleren Urangehalt von 0,1%) mitsamt den damit verbundenen gesundheitlichen und ökologischen Folgeproblemen. Heute werden also bereits rund 10.000 Tonnen Uranbrennstoff pro Jahr benötigt, was etwa 70-80.000 Tonnen Bedarf an Natururan entspricht. Die ökonomisch abbaubaren Uranressourcen sind nicht gleich verteilt auf der Welt, das heißt es bestehen für die Nuklearenergienutzer Abhängigkeiten von einigen wenigen Lieferländern, ähnlich wie beim Öl. Die wichtigsten Lieferländer sind zur Zeit Kanada, Australien, Kasachstan, Russland, Niger, Usbekistan und Namibia.

Wenn man in die regelmäßig von der IAEO und der Nuclear Energy Agency (NEA) vorgelegten Statistiken über die weltweiten Uranressourcen und -reserven schaut, findet man eine Angabe von etwas weniger als 15 Millionen Tonnen Uran. Davon sind Zweidrittel eher spekulativ, d.h. beruhen nicht auf gesicherten Kenntnissen über vorhandene Lagerstätten. Etwas weniger als ein drittel gelten als gesicherte Ressourcen und sind vermutlich für einen Preis bis zu 130 Dollar pro Kilogramm abbaubar. Bei Fortschreibung des gegenwärtigen (geringen) Standes der Kernenergie würden die »gesicherten« Ressourcen noch ein halbes Jahrhundert reichen, die »spekulativen« sogar zwei weitere Jahrhunderte.

Nun wären aber die oben diskutierten linearen Ausbauszenarien zu betrachten. Bei Szenario I wären die »gesicherten« Ressourcen bereits in drei Jahrzehnten erschöpft und bei Annahme eines konstanten Bedarf von etwa 300.000 Tonnen Uran pro Jahr ab 2040 wären auch die »spekulativen« Ressourcen bis etwa 2060 verbraucht. Bei Annahme des Szenarios II geht der Uranverbrauch naturgemäß schneller von statten. Die »gesicherten« Ressourcen wären in etwa 25 Jahren abgebaut und die »spekulativen« wären schon vor Erreichen des Ausbauziels im Jahr 2060 erschöpft.

Es zeigt sich also, dass ein massiver Ausbau der Kernenergie an den dann recht rasch schwindenden Uranressourcen scheitern könnte. Auch die IAEO geht davon aus, dass bei den von ihr betrachteten Ausbauszenarien ab Ende der 2030er Jahre eine zunehmende Abhängigkeit von »spekulativen« Ressourcen eintreten würde, was zumindest zu Unsicherheiten führen könnte.4

Plutoniumnutzung?

Wenn die Kernenergie längerfristig eine größere Rolle auf dem Energiemarkt der Zukunft spielen soll, wird man demnach zu neuen Brennstoff- und Reaktorkonzepten kommen müssen. Eine schon seit Jahrzehnten ins Auge gefasste Option ist die Nutzung von Plutonium als Spaltstoff. Die schon technisch reife Nutzung als Uran-Plutonium-Mischoxid-Brennstoff (MOX) in heute bereits laufenden Leichtwasserreaktoren kann allerdings nur zur Streckung der Uranressourcen um 10-30% führen und ist überdies ökonomisch völlig unattraktiv im Vergleich mit reinem Uranbrennstoff, da die Produktionskosten für MOX-Brennstoffe erheblich zu Buche schlagen.

Seit Jahrzehnten wird auch an der Brütertechnologie geforscht, mit der letztlich eine Netto-Spaltstoff-Produktion in diesem speziellen Reaktortyp durch »Erbrüten« von Plutonium angestrebt wird. Wenn genügend hohe Brutfaktoren erreichbar werden, könnte die Ressourcenfrage für viele Jahrhunderte gelöst werden. Allerdings steht die Wirtschaftlichkeit dieses Technikpfades in Frage.5 Die Plutoniumnutzung wird erst wirtschaftlich attraktiv, wenn die Uranpreise so extrem angestiegen sind, dass sie relevante Anteile der Stromgestehungskosten ausmachen würden.

Die Technikentwicklungslinie des Brüters war aber bislang nicht erfolgreich und hatte erhebliche Rückschläge durch Unfälle in Versuchsreaktoren zu verzeichnen. Auch müsste das Katastrophenpotenzial von Brütern weit höher eingeschätzt werden als bei den heute gängigen Leichtwasserreaktoren. Weiterhin setzt jede Plutoniumnutzung zwingend die Wiederaufarbeitung von abgebranntem Brennstoff sowie in der Regel den Transport und die Wiederverarbeitung zu plutoniumhaltigen Brennstoffen, die wiederum transportiert werden müssten, voraus. Hier würde regelmäßig der direkte Zugang zu Waffenstoff besonders hoher Qualität erzeugt und dies - in einer Welt voller Brüter - in weit größerem Umfang, als dies bereits heute der Fall ist. Safeguards (sog. Sicherungsmaßnahmen) der IAEO für entsprechende Anlagen sind höchst unscharf und könnten keineswegs sicher stellen, dass Abzweigungen für etwaige Waffenzwecke auch entdeckt werden könnten - und sei es auch nur im Nachhinein. Nach heutigem Technik- und Kenntnisstand würden die Proliferationsgefahren also in gewaltigem Umfang ansteigen, wenn der Brüter- und Plutoniumpfad beschritten würde.

Neuentwicklungen

Wenn die Kernenergie in der absehbaren Zukunft einen wesentlichen Beitrag zu Minderung der Klimaproblematik leisten soll, so sind mindestens hinsichtlich dreier Aspekte erhebliche Fortschritte in den technologischen Konzepten zu erreichen. Erstens müsste die zurzeit fehlende Wettbewerbsfähigkeit für neue Reaktoren überwunden werden. Zweitens müsste die Anlagensicherheit um mindestens eine Größenordnung verbessert werden. Drittens müsste die Abhängigkeit von Uranressourcen durch neue Brennstoffkonzepte fallen. Dies würde viertens die Proliferationsfrage in erheblichem Umfang verschärfen, insbesondere wenn der Plutoniumpfad verfolgt werden sollte. So wächst der Erfolgsdruck, was Weiterentwicklungen hinsichtlich verbesserter oder neuartiger Nukleartechnologie angeht.

Wohl auf russische Initiative und unter Ägide der IAEO besteht seit 2000/2001 eine Zusammenarbeit von 22 Ländern im »International Project on Innovative Nuclear Reactors and Fuel Cycles« (INPRO), die in mehreren Phasen organisiert wird. Erste Berichte sind erschienen, die grundlegende Prinzipien, Kriterien und Methodologien für Neu- oder Weiterentwicklungen und erste Fallstudien so genannter »Innovativer Nuklearer Energiesysteme« diskutieren. Dabei ist viel von „nachhaltiger Entwicklung“ und „ganzheitlicher Beurteilung“ die Rede.6

Auf US-amerikanische Initiative wurde 2001 eine Kollaboration in dem »Generation IV International Forum« (GIF) gestartet, an der inzwischen neben den USA auch Argentinien, Brasilien, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Schweiz, Südafrika, Südkorea und ebenfalls die EU teilnehmen. Anfang 2003 wurde eine »Technological Roadmap« vorgestellt, die sechs „besonders viel versprechende Konzepte“ für eine vierte Spaltreaktoren-Generation der Zukunft skizziert.7 2005 wurden erste bi- und multilaterale Rahmenabkommen abgeschlossen, um die Kooperation bei der Entwicklung neuer Reaktoren zur Strom- und Wasserstoffproduktion voranzutreiben. Das US-Budget war 2006 noch nicht sonderlich groß (55 Mio. $), aber gleichzeitig wurde eine weitere umfassendere Initiative gestartet, das Programm »Global Nuclear Energy Partnership« (GNEP). Hier soll es um fortgeschrittene Brüter- und Wiederaufarbeitungskonzepte gehen, die eigentlich im Widerspruch zur US-Politik der Nicht-Wiederaufarbeitung und des Verzichts auf Plutoniumnutzung stehen, sowie um internationale Brennstofflieferungen, wobei Nutzer- und Lieferländer voneinander getrennt behandelt werden sollen, und um eine fortgeschrittene Brennstoff-Initiative, die Alternativen zum bislang üblichen Uran-Brennstoff untersuchen soll und bereits seit 2005 besteht.

Im Bereich der fortgeschrittenen Spaltreaktorkonzepte hat die GIF-Kooperation weitere Prioritisierungen über die erste Vorauswahl von sechs Systemen hinaus vorgenommen. An erster Stelle scheint nun ein gasgekühltes Hochtemperaturreaktorprojekt (VHTR) mit besonders hoher Austrittstemperatur des Kühlmittels Helium von etwa 1.000 Grad zu stehen. Die Wasserstoffproduktion und eine Stromproduktion mit hohen Wirkungsgraden oberhalb von 50% sind angestrebt. Allerdings gibt es offene technische Fragen hinsichtlich der Heliumturbinen, hochtemperaturbeständigen Werkstoffen und der Radioaktivitätsrückhaltung der Brennelemente. Ein Teil der notwendigen Technologieentwicklung kann als Zwischenschritt zu gasgekühlten, »schnellen« Brutreaktoren (GFR) angesehen werden. Ein so genannter »geschlossener« Brennstoffkreislauf und das vorgesehene Management der anfallenden Aktiniden (Uran und Transurane wie Plutonium) gelten als Erfüllung von Nachhaltigkeitszielen. Eine Barriere gegen Proliferation wird durch neue Wiederaufarbeitungstechnologien versprochen. Zwei weitere Brüterkonzepte sollen längerfristig verfolgt werden, ein Blei-gekühlter (LFR) und das alte Problemkind der Reaktorentwicklung, ein Natrium-gekühlter schneller Reaktor (SFR). Eine Realisierung der vorgeschlagenen Systeme ist allerdings erst bis 2025/2030 angepeilt, bei den Brütern wohl erst zehn Jahre später.

Nationale und kommerzielle Forschungs- und Entwicklungsprogramme hatten bislang zwar einige Erfolge bei der stetigen Weiterentwicklung und Verbesserung der Sicherheitseigenschaften existierender Technologie, aber kaum Erfolge bei fortgeschritteneren Systemen, wie z.B. Hochtemperatur- oder Brutreaktoren. So bestehen viele offene Fragen: Was sind die Voraussetzungen und die Unsicherheitsmargen für die Versprechungen, die die Entwickler heute machen? Welche Verbesserungen der Sicherheitseigenschaften neuer Systeme erscheinen tatsächlich erreichbar? In wie weit sind angestrebte Verbesserungen hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit realistisch? Kann die Art der vorgesehenen Atommüll-Behandlung tatsächlich mit Nachhaltigkeitszielen in Verbindung gebracht werden? Wie überzeugend und glaubwürdig sind die technologischen Nichtverbreitungs-Strategien?

Dass hier ein großer Bedarf für ein unabhängiges und prospektives Technology Assessment besteht8, zeigt beispielhaft die behauptete Proliferationsresistenz neuer Wiederaufarbeitungstechnologien. Dem steht entgegen, dass bei dem UREX-Prozess, der das heute übliche PUREX ersetzen soll, anscheinend lediglich ein weiteres Transuranelement (Neptunium-237) dem Produktstrom zugefügt werden soll, was kaum die Waffenverwendbarkeit des zurückgewonnenen Spaltmaterials ausschließen könnte. Bei einem anderen heute propagierten Verfahren des Pyroprocessing würden zwar alle Aktiniden gemeinsam abgetrennt werden, aber deren kritische Masse insgesamt bliebe für Waffenanwendungen attraktiv und die vor Zugriff schützende Strahlenbarriere, die in dem waffentauglichen Elementgemisch entsteht, läge unterhalb der IAEO-Standards.

Aussichten

Ob sich die Kernenergie tatsächlich in einigen Jahrzehnten zum Klimaretter aufschwingen könnte, ist heute nicht mit Sicherheit zu beantworten. Zu viele relevante Aspekte der Entwicklung liegen im Bereich reiner Spekulation. Dennoch konnten hier Grundlinien der theoretischen Möglichkeiten und praktisch vorhandene Fallstricke deutlich gemacht werden. Sicher ist, dass die Kernenergie noch Jahrzehnte Entwicklungsarbeiten bräuchte, um dann möglicherweise akzeptabler für die Energieanbieter und die Öffentlichkeit zu werden. Dann könnten - allerdings erst recht spät - etwas relevantere Beiträge als heute zur Dämpfung des Klimaproblems geleistet werden, ohne allerdings das Klimaproblem zu lösen. Ob die dazu notwendigen Entwicklungsschritte erreichbar sind, darf heute als sehr fraglich bezeichnet werden.

Eines wäre sicher nötig: Die Länder mit großen Bevölkerungszahlen und wachsendem Energiehunger müssten massiv in die nukleare Option investieren. Zusätzlich zu den jetzigen bevölkerungsreichen Nuklearstaaten China, Pakistan und Indien müssten hinzukommen: Indonesien, Nigeria, Brasilien, Bangladesh, Äthiopien, Mexiko, Philippinen, Vietnam, Iran, Ägypten, etc. Auch sechs arabische Länder haben kürzlich - offenbar als Reaktion auf das iranische Programm - ein nukleares Engagement angekündigt. Weder ist klar, ob die genannten Länder wirklich auf die nukleare Karte werden setzen wollen und ob genügend Investitionskapital zusammengebracht werden könnte, noch ist heute absehbar, ob überhaupt der notwendige technische Stand in wenigen Jahren aufgeholt werden könnte. Würde dann tatsächlich in die Plutoniumtechnologie investiert? Würden Anreicherungsanlagen gebaut? Angesichts der Liste von Ländern mag man sich die Gefahren der nuklearen Proliferation nicht ausmalen. Das Safeguardssystem der IAEO wäre jedenfalls völlig überfordert und ungeeignet, um eine Sicherheit gegen Proliferation zu erreichen. So stellt sich die doppelte Frage, ob es eine »nukleare globale Klimapolitik« überhaupt geben und ob man sie wollen kann?

Anmerkungen

1) Der Bau des ersten, evolutiv aus bekannten Reaktorkonzepten ein wenig fortentwickelten EPR-Druckwasserreaktors im finnischen Olkiluoto (1,6 GW) ist nur erklärlich durch das Festpreisangebot von AREVA in Höhe von 3 Mrd. Euro, was voraussichtlich kaum die tatsächlichen Baukosten decken werden wird.

2) Vgl. dazu Ausführungen in den Beiträgen von W. Liebert und M. Kalinowski sowie von M. Englert und C. Pistner in diesem Heft.

3) Vgl. die entsprechenden Aussagen des IAEO Generaldirektors M. ElBaradei gemäß der Nachrichtenagentur Reuters, 16.10.2006.

4) IAEO - International Atomic Energy Agency: Analysis of Uranium Supply, Wien, 2001.

5) Vgl. z.B. Bunn, M.; Fetter, S., Holdren, J.; van der Zwaan, B.: The Economics of Reprocessing vs. Direct Disposal of Spent Nuclear Fuel. Project on Managing the Atom, Harvard University DE-FG26-99FT4028, 2003.

6) IAEO - International Atomic Energy Agency: Guidance for the evaluation of innovative nuclear reactors and fuel cycles. Report of Phase 1A of the International Project on Innovative Nuclear Reactors and Fuel Cycles (INPRO), IAEA-Tecdoc-1362, Wien 2003; IAEO - International Atomic Energy Agency: Methodology for the Assessment of Innovative Nuclear Reactors and Fuel Cycles. Report of Phase 1B (first part) of INPRO, IAEA-Tecdoc, Wien 2005.

7) U.S. Department of Energy: A Technology Roadmap for Generation IV Nuclear Energy Systems, Dec. 2002.

8) W. Liebert: Vergleich fortgeschrittener Nuklearsysteme zur Energieerzeugung - Aspekte prospektiver Technikgestaltung. In: E.Rebhan (Hrsg.): Energiehandbuch - Gewinnung, Wandlung und Nutzung von Energie, Springer-Verlag, Berlin, 2002, S.559-592.

Dr. Wolfgang Liebert ist wissenschaftlicher Koordinator der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) der TU Darmstadt und ist Vorsitzender des Forschungsverbundes Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS).

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2008/1 Rüstungsdynamik und Renuklearisierung, Seite