W&F 2026/1

Susanne Götze, Annika Joeres (2025): Die Sicherheitslüge. Wie Europa sich mit Waffen schützen will – aber mit Öl und Gas erpressbar macht. Eine Streitschrift. München: oekom. ISBN 978-3-9872-6197-8, 112 S., 12 €.

Abb. von Buch

Zwei renommierte Journalistinnen, Susanne Götze und Annika Joeres – beide bekannt durch ihre kritischen Veröffentlichungen zur »Verschmutzungs-Lobby« der fossilen Energiekonzerne – schalten sich mit ihrer Streitschrift »Die Sicherheitslüge« in die aktuelle Debatte um die Sicherheitspolitik ein.

In der schmalen, gut hundertseitigen Veröffentlichung kritisieren die Autorinnen alle politisch Handelnden, die „unaufhörlich von Sicherheit“ (S. 22) redeten, allerdings nichts unternähmen gegen die wachsende Abhängigkeit von fossilen Energien wie Öl und Gas. Susanne Götze und Annika Joeres betonen: „Energie-Abhängigkeiten loszuwerden, ist zu einer Überlebensfrage für demokratische Länder geworden“ (S. 26). Dringend geboten sei es, so viel Energie wie möglich selbst zu erzeugen – und zwar mit überall verfügbarer Solar- und Windkraft (S. 16). Jedoch verzögerten Politiker*innen in Deutschland und Europa wie Kanzler Friedrich Merz und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diese Energiewende sowie den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien und hielten weiterhin an Öl und Gas fest (S. 21).

Susanne Götze und Annika Joeres argumentieren in ihrer Streitschrift an vielen Stellen wie Hermann Scheer (1944-2010), dem pragmatischen Visionär und politischen Impulsgeber für die grundlegende Transformation hin zu den erneuerbaren Energien: Letztere demokratisierten die Energiepolitik durch dezentrale und bürgernahe Energieversorgung und hälfen somit, sich von der Abhängigkeit von Energiemonopolen, ob in Gestalt von Staaten oder von Energiekonzernen, zu befreien. Die Autorinnen warnen davor, davon auszugehen, dass die Transformation von den fossilen zu den erneuerbaren Energien sich quasi im Selbstlauf vollziehe. Diese „fatale Fehleinschätzung“ (S. 24) unterschätze komplett die Macht der Profiteure des Exports von Öl und Gas sowie der Energiekonzerne, die hierzulande mit fossilen Energiequellen Geschäfte und Gewinne machen.

Die veränderte geopolitische Lage (wie der Ukrainekrieg, die mangelhafte Energie- und Rohstoffsicherheit, die Politik des US-Präsidenten) liefere Deutschland und Europa einer gefährlichen Erpressbarkeit aus und führte zu einem brisanten sicherheitspolitischen Problem (S. 25). Die folgenden Lösungsvorschläge der beiden Autorinnen irritieren indes.

Flösse ein Teil der beschlossenen hohen Ausgaben für Militär und Aufrüstung in nachhaltige Projekte, ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: energieautarke Standorte würden dem Militär ebenso nutzen wie der Gesellschaft (S. 84); auch wenn Panzer und Flugzeuge weiter auf Öl angewiesen blieben, sollte die Bundeswehr versuchen, so weit es geht, autark zu funktionieren“ (S. 85); auch Waffen könnten umgestellt werden, ein Beispiel seien sogenannte Solar-Drohnen (S. 86); mit den Milliarden der Militärforschung könnte der deutschen Industrie ein Schub gegeben werden (S. 87); dies wäre ein wichtiger Schritt Richtung Unabhängigkeit“ (S. 88).

Solcherlei Ratschläge führen an die Seite von einseitig an Aufrüstung und Militarisierung orientierten (Ex-)Politiker*innen (Anton Hofreiter, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Michael Roth und Roderich Kiesewetter) sowie deren medialen Trommler*innen (wie Florence Gaub, Claudia Major, Carlo Masala oder Sönke Neitzel). Angesichts der weiterhin bestehenden Gefahren für den Frieden in Europa befeuern solche Maßnahmen das Wettrüsten, tragen nicht zum Abbau von Spannungen und zur Deeskalation bei. Susanne Götze und Annika Joeres wollen auch gar nicht diskutieren, wie sinnvoll es nach ihrer Einschätzung ist, den Militärhaushalt auf bis zu 45 % des Bundeshaushalts von 2024 aufzustocken. Ihre trockene Zusammenfassung: „Die Ausgaben werden aller Voraussicht nach kommen, egal, wie man dazu steht“ (S. 83).

Die verdutzten Lesenden nehmen wahr: Inmitten ihrer ausholenden Kritik an „einer tief verwurzelten Petromaskulinität, also einer toxischen Verbindung von Männlichkeit, Macht, Kontrolle und Öl“ (S. 47) knicken die beiden Autorinnen ein. Sie verlieren aus den Augen, dass durch die vollständige Energietransformation – von den fossilen zu den erneuerbaren Energien – die zunehmend militärischen Interessenkonflikte um die knapper werdenden fossilen Rohstoffe durch erneuerbare Energien befriedet werden könnten.

»Die Sicherheitslüge« von Susanne Götze und Annika Joeres ist also nicht das „Manifest der Stunde“, wie sich Claudia Kemfert auf der Buchrückseite zitieren lässt. Die beiden Klimajournalistinnen verirren sich in der aktuellen Debatte um die Sicherheitspolitik. Garniert mit wortreicher und ernstgemeinter Unterstützung der Energiewende erschweren sie damit leider die Suche der Lesenden nach Auswegen und Lösungen aus den komplexen und konfusen Bedingungen unserer Zeit.

Gert Samuel

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/1 Ozeanien, Seite 54–55