W&F 2025/3

Digitale Konfliktbearbeitung

Empathieförderung in polarisierten Beziehungen

von Avelina Lovis-Schmidt, Gunter Busch und Heiner Rindermann

Die Covid-19-Pandemie hat Konflikte ausgelöst, die diverse soziale Beziehungen belasteten. Politische Maßnahmen wurden zum Streitpunkt innerhalb von Liebesbeziehungen, Familien, Freundschaften und Kollegien. Im Forschungsprojekt »Fühlerei« an der TU Chemnitz wurde dafür eine einstündige Videoanleitung entwickelt und in einer experimentellen Einzelfallstudie erprobt. Erfasst wurden Empathie, Konfliktbewältigung, Emotionsausdruck und Achtsamkeit – mit vielversprechenden Ansätzen, die auch in anderen Gruppenkonflikten wirksam sein könnten.

Die gesellschaftliche Polarisierung während der Covid-19-Pandemie hat Konflikte entstehen lassen, die viele Beziehungen dauerhaft belasteten. Politische Entscheidungen und ihre Deutungen führten dazu, dass Konflikte nicht nur zwischen Gruppen, sondern auch innerhalb von Familien, Freundeskreisen und Kollegien eskalierten (bspw. Hahlweg et al. 2021; Luetke et al. 2020). Diese Auseinandersetzungen erzeugten eine Polarisierung, die vertraute Bindungen quer durchbrach. Bestimmte Formen der Berichterstattung in öffentlich-rechtlichen Medien trugen eher zu Angst, Schuld, Scham und Ärger bei und verstärkten die Polarisierung, statt sie zu lindern. So entstand für viele Menschen ein schleichender Kontaktverlust und eine wechselseitige Entfremdung, die bestehende soziale Beziehungen und auch die psychische Gesundheit stark beeinträchtigten. Oft fehlte es nicht nur an Gelegenheiten, sondern vor allem an Wissen und geeigneten Werkzeugen, um solche Spannungen konstruktiv zu bearbeiten (Hahlweg et al. 2021). Unterstützungsmöglichkeiten zur Konfliktbewältigung fehlten während der Hochphase der Pandemie-Maßnahmen in den Jahren 2020 bis 2022 weitestgehend. Eine Aufarbeitung dieser Krise hat bis heute nicht umfänglich stattgefunden.

Nach Carl Rogers, dem Begründer der klientenzentrierten Gesprächsführung, geht konstruktive Konfliktbewältigung von drei Grundhaltungen aus: Empathie, Wertschätzung und Kongruenz. Diese schaffen eine Gesprächsatmosphäre, in der Menschen sich verstanden, anerkannt und authentisch erleben können (Rogers 1952). Gordon Allport zeigte mit seiner Intergruppen-Kontakttheorie, dass Begegnung nur unter günstigen Bedingungen Empathie fördern und Vorurteile abbauen kann (Allport 1954). Gerade in hoch polarisierenden Konflikten ist ein solcher Kontakt schwer herzustellen. Umso wichtiger sind daher niedrigschwellige, klar angeleitete Formate, die einen sicheren Rahmen bieten. Metaanalytische Forschung zeigt im Einklang dazu, dass strukturierte Begegnungen im Durchschnitt wirksamer sind als unstrukturierte (Pettigrew und Tropp 2006). Eine weitere Metaanalyse zeigt, dass Empathie und Angstreduktion die zentralen Wirkmechanismen solcher Kontaktinterventionen sind (Pettigrew et al. 2011). Aufgegriffen wurde eine breite Definition von Empathie, welche kognitive, emotionale und interaktive Anteile umfasst und darüber hinaus auch die Ich-Andere-Differenzierung einbezieht, laut der es den Konfliktpartner*innen gelingt, eigene von fremden Empfindungen bewusst abzugrenzen. Sie erwerben somit die Kompetenz, Differenzen auszuhalten, ohne sie auflösen zu müssen oder zu bewerten (Eklund und Meranius 2021). Interventionen zur Förderung von Empathie erzielen in verschiedenen Populationen durchschnittlich hohe Effekte (g = 0.91), unabhängig von Dauer und Format. Selbsteinschätzungen zeigen tendenziell geringere Effekte als Fremdeinschätzungen, was auf soziale Erwünschtheit und Beobachtereffekte zurückgeführt wird (Butters 2010).

Konfliktbewältigung durch Empathie im digitalen Raum?

Um Konflikte aus Meinungsverschiedenheiten konstruktiv zu bearbeiten, braucht es niedrigschwellige, verlässliche Werkzeuge, die sich auf das Wesentliche konzentrieren (Hahlweg et al. 2021; Luetke et al. 2020). Dafür erweisen sich digitale Angebote als günstig, da sie ungebunden sind von Ort (und unter Umständen auch Geld und Zeit) und Wartezeiten minimieren (Cicila et al. 2014). Darüber hinaus bieten sie in Zeiten wie denen eines Lockdowns, in denen kein physischer Kontakt möglich war, weitere Chancen, der Isolation entgegenzuwirken (Hahlweg et al. 2021; Rodriguez et al. 2021). Ohne Kontaktnotwendigkeit zu einer moderierenden Fachperson, wie es beispielsweise Videoformate ermöglichen, könnten sie zudem auch die nötige Anonymität und Neutralität bieten, die in stark polarisierenden und oft mit negativen Emotionen einhergehenden Konflikten wünschenswert sind. Zentrales Element solcher Interventionen ist ein »sicherer Rahmen«, geprägt von gegenseitigem Respekt und klaren Regeln, um Eskalation vorzubeugen.

Studien zeigen, dass auch kurze digitale Interventionen wirken. Bereits wenige Minuten angeleiteter Austausch im digitalen Raum kann Beziehungen stärken und Konflikte mindern (u.a. Rodriguez et al. 2021). Begleitendes Schreiben wurde hier als Wirkmechanismus für Transfer­effekte und Nachhaltigkeit der Erfolge diskutiert. Metaanalysen ergänzen diesen Wirkmechanismus um strukturierte Elemente wie klare Instruktionen und Psychoedukation, alltagsnahe Aufgaben und Feedback (bspw. durch Übungspartner*in oder durch Trainer*in, wenn möglich), die darüber entscheiden, ob digitale Angebote vergleichbare Effekte wie Präsenzformate erzielen (Blanch-Hartigan et al. 2012; Lovis-Schmidt et al. 2024). 

Die Übung: Konfliktbearbeitung in Zeiten der Pandemie

Im Forschungsprojekt »Fühlerei« wurde während des zweiten Lockdowns (November 2021) ein einstündiges Anleitungsvideo entwickelt. Dieses kam ohne direkten Kontakt zu einer beratenden Fachperson aus. Zweierpaare, die angaben, in einem Konflikt infolge von Covid-19 und den resultierenden politischen Maßnahmen zu stehen, nahmen gratis teil und wurden Schritt für Schritt angeleitet. Die Teilnahme setzte voraus, dass beide inhaltlich, emotional und zeitlich bereit waren, sich auf den Konflikt einzulassen.

Die Übung begann mit der Einführung von Verhaltensregeln (z.B. wertschätzende Sprache, Ich-Botschaften, Zuhören, Blickkontakt), gefolgt von einer kurzen Psychoedukation (Helland et al. 2022) zur Bedeutung von Empathie, Bedürfnissen und Emotionen. Eine im Video sichtbare Tabelle (für einen Ausschnitt siehe Tab. 1) mit Emotions- und Bedürfnisvokabular unterstützte die Teilnehmenden dabei, Gefühle und Wünsche präzise auszudrücken. Aktives Zuhören und Paraphrasieren wurden als Aufgaben vorgeschlagen, um gegenseitiges Verstehen zu fördern (Weger et al. 2014). Damit wurden Aufgaben umgesetzt, die helfen sollen, sich auf das Wesentliche zu fokussieren und darüber hinaus auch Gemeinsamkeiten zu eruieren. Die Aufgaben lenkten den Blick weg von gegenseitigen Schuldzuweisungen und hin zu Akzeptanz und empathischem Verstehen, ohne eine Einigung erzwingen zu wollen.

Unangenehme Gefühle

Damit assoziierte (unerfüllte) Bedürfnisse

Angst

Schutz, Sicherheit

Druck

Entlastung

Enge

Raum, Freiheit

Schuld

Zugehörigkeit

Wut

Gerechtigkeit, Selbstberechtigung

Leere

Verbindung zu sich selbst und anderen

Scham

Anerkennung

...

...

Tabelle 1: Emotions- und Bedürfnisvokabular aus der Übung

Zentrale Reflexionsfragen sollten anregen, den eigenen Standpunkt zu klären („Was fühlst du in Bezug auf die Corona-Situation?“, „Welche Bedürfnisse stehen dahinter?“), aber auch den Perspektivwechsel vorzunehmen („Wie fühlt sich dein Gegenüber und warum?“). Konkrete Aufgaben betrafen dann die Kommunikation darüber („Erkläre in eigenen Worten, was dein Gegenüber dir gerade über sich selbst offenbart hat“) und das schriftliche Festhalten von Gedanken und Erkenntnissen, um diese zu ordnen und zu sichern sowie den Alltagstransfer zu erleichtern. Als Hilfestellung wurden Beispiele für mögliche Formulierungen angeboten, um Richtungen aufzuzeigen.

Im Video enthaltene Pausen von zwei bis fünf Minuten sollen nicht nur die Aufgabenbewältigung ermöglichen, sondern auch Zeit geben, um Emotionen wahrzunehmen und abzuschwächen und somit impulsives Reagieren zu verringern. Zum Abschluss enthielt die Übung eine kurze, angeleitete Meditation, was nach Forschungsstand dabei helfen soll, noch expliziter intensive Gefühle zu beruhigen (r = .28; Sedlmeier et al. 2012). Die Teilnehmenden sollten dann konkrete Pläne zur Umsetzung ihrer (gemeinsamen) Ziele aus der Übung erstellen, um wieder ein »Wir-Gefühl« herzustellen und die Umsetzungswahrscheinlichkeit der Ziele zu erhöhen (»implementation intention«; Gollwitzer und Sheeran 2006).

Ziele, Forschungshypothesen und Design

Da die Debatten rund um Covid-19 und die politischen Maßnahmen konflikt­reich waren, rechneten wir mit wenigen Versuchspersonen, und wählten deshalb ein experimentelles Einzelfalldesign1 mit kurzem Fragebogen. Die Bearbeitung der Übung sollte die Empathie steigern, Konfliktbelastung reduzieren und darüber hinaus Achtsamkeit und Emotionsausdruck stärken.

Neben Alter, Geschlecht und Bildungsgrad wurde untersucht, inwieweit Beziehungsintensität und Kontakthäufigkeit, Empathie zum ersten Messzeitpunkt und die Qualität der Übungsdurchführung die Erfolge der Übung beeinflussten.

Durchführung der Studie und Rekrutierung der Versuchspersonen

Um die Wirkung der Übung zu prüfen, wurden zentrale Variablen mithilfe eines kurzen Fragebogens erhoben. Dieser orientierte sich an bewährten Skalen aus der Empathie- und Konfliktforschung. Für Perspektivenübernahme, Mitgefühl, Emotionsausdruck und Achtsamkeit kamen etablierte Subskalen zum Einsatz (z. B. Saarbrücker Persönlichkeitsfragebogen, Paulus 2009; EI4, Satow 2012; EKF, Rindermann 2009; Self-Compassion-Scale, Hupfeld und Ruffieux 2011); bei Bedarf wurden eigene Items ergänzt. Zusätzlich erfasste der Fragebogen soziodemografische Angaben und Beziehungsinformationen. Um sicherzustellen, dass die Übung konzentriert durchgeführt wurde, enthielt der Bogen Kontrollfragen. Bei falschen Antworten wurden die Daten nicht in die Analyse aufgenommen.

Die Rekrutierung der Teilnehmenden erfolgte über E-Mail-Verteiler der Universität, soziale Vereine und Beratungsstellen sowie Facebook-Gruppen. Positive Rückmeldungen kamen vorerst aus all diesen Kanälen. Von 113 Personen, die den ersten Fragebogen ausfüllten, schlossen allerdings nur 9 Personen die Umfrage vollständig ab. Ein Selektionsbias war dabei nicht erkennbar.

Die »Baseline«, die Veränderung innerhalb der Paare ohne Intervention, wurde mithilfe zweier Befragungen im Abstand von 10 Tagen gemessen. Im Anschluss wurde die Übung gemeinsam durchgeführt, zwischen Mai und Juni 2022 mit einem geschätzten Zeitaufwand von ein bis zwei Stunden, der sich pro Paar über sechs bis acht Wochen erstreckte. Einen Monat nach der Intervention erfolgte eine Follow-up-Messung. Drei der neun Personen beantworteten die Kontrollfragen falsch, was darauf schließen ließ, dass sie nur vorgegeben hatten, das Video gesichtet zu haben, wodurch sich die finale Stichprobe auf sechs Personen reduzierte. Diese waren erwachsen, befanden sich nicht nur in einem auf Covid-19 bezogenen Konflikt, sondern waren auch bereit, diesen aufzuarbeiten. Fünf der sechs Teilnehmenden waren Psychologie-Studentinnen zwischen 19 und 23 Jahren mit Abitur, wovon eine nicht an der Follow-up-Erhebung teilnahm, so dass diese Daten nicht in die Analyse einflossen. Die sechste Person war ein 59-jähriger Mann mit akademischer Qualifikation.

War die Übung wirksam?

Es wurden Veränderungen hinsichtlich Empathie, Konfliktbewältigung, Emotionsausdruck und Achtsamkeit untersucht. Hohe Werte entsprechen einer hohen durchschnittlichen Kompetenz. Die visuelle Datenanalyse ist ein wichtiger Bestandteil von Einzelfallstudien (Kazdin 2019) und ergänzt die statistische Auswertung, bei der Effektstärken ermittelt werden. Die Hypothesen gelten als bestätigt, wenn beide Verfahren übereinstimmende Ergebnissen zeigen.

Bei fünf von sechs Personen verschlechterte sich die Baseline, was bei verhärteten Konflikten ohne Intervention nicht verwunderlich ist. Der Verlauf nach der Intervention war weniger konsistent. Vor allem ein Paar profitierte sehr von der Übung, bei diesem aber fehlen die Follow-up-Daten. In der visuellen Analyse zeigten sich Erfolge und die Tendenz zum Erfolg bei Konfliktbewältigung (50 %), Achtsamkeit (50 %) und Empathie (33 %), während sich der Emotionsausdruck nicht veränderte. Ein Teilnehmenden-Feedback deutet darauf hin, dass die Förderung des Emotionsausdrucks mehr als nur die Schulung von Emotionsvokabular und die Anregung zum offenen Austausch erfordert, insbesondere bei bestehenden Defiziten. Misserfolge blieben unter der Grenze von 5 %, die Übung trug also nicht zu einer Intensivierung des Konflikts oder zu einer Verschlechterung der jeweiligen individuellen Kompetenz bei.

Die statistische Überprüfung mittels Wilcoxon-Test unter Berücksichtigung der vier Variablen zeigte keine signifikante Veränderung zwischen den Baseline-Messungen (durchschnittliche Differenz = –0.04, p = .634) – konsistent zu der visuellen Analyse. Nach der Intervention waren im Durchschnitt 0.43 Punkte (zwischen 1 und 5) dazugekommen, was einem signifikanten Zuwachs entspricht (p = .008). Diese Ergebnisse stimmen mit früheren Studien überein, die zeigen, dass digitale Interventionen Empathie und Konfliktbewältigung verbessern können (Butters 2010; Rodriguez et al. 2021). Die Werte nach der Intervention waren bei den meisten Teilnehmenden höher als zuvor, jedoch verblassten die Erfolge bei der Follow-up-Messung, was auf einen sogenannten »Fade-out«-Effekt hindeutet. Dies war aufgrund der Kürze der Intervention zu erwarten. Wir gehen im Einklang mit der Breite der Bildungswissenschaften und der Einstellungsforschung davon aus, dass wir mit Interventionen höherer Intensität länger andauernde Erfolge erzielen können.

Was beeinflusste den Erfolg?

Der oben berichtete Mittelwertanstieg scheint jedoch durch eine breite Streuung weniger repräsentativ zu sein: Bei manchen Paaren zeigte sich deutlich mehr Erfolg als bei anderen. Wir ziehen deshalb soziodemographische Informationen hinzu, um diese Unterschiede zu erklären, und zwar das Ausgangsniveau der Kompetenzen und Beziehungsmerkmale. Alle Versuchspersonen gaben vor der Intervention einen hohen Wert für »Empathie« an. Dennoch zeigte sich ein größeres Erfolgspotential bei Personen mit niedrigeren Empathie-Ausgangswerten (Mittelwert < 3.6 zwischen 1 und 5) gegenüber jenen mit höheren (Mittelwert > 4). Die Effektstärke lässt auf einen großen Unterschied zwischen den Gruppen schließen (dkorr = 2.04), kurzum: zu Beginn der Untersuchung weniger empathische Personen waren für sich genommen erfolgreicher.

Ein ähnliches Bild ergab die Untersuchung der Kontakthäufigkeit: Paare, die sich häufiger im Alltag begegnen (wöchentlich bis täglich) zeigten größere Erfolge als diejenigen, mit weniger Kontakt (dkorr = 1.24). Möglicherweise ist das Gelernte gerade für diese Paare – zwei Liebespaare und eine enge Freundschaft – von höherer Relevanz und sie haben mehr Gelegenheit, das Gelernte im Alltag anzuwenden. Zudem war eine hohe Qualität der Übungsdurchführung (Gewissenhaftigkeit und Verständnis) mit höherem Erfolg verbunden (dkorr = 1.77).

Wie aussagekräftig ist die Studie?

Die Untersuchung weist erhebliche Einschränkungen aufgrund der geringen und spezifischen Stichprobe auf. Die hohe akademische Vorbildung schränkt die Robustheit der Ergebnisse und deren Generalisierbarkeit ein. Obwohl die Übung für eine akademisch gebildete Personenschaft vermutlich wirksam ist, bleibt unklar, ob sie auch für weniger erfahrene Menschen oder Personen mit anderem Bildungsgrad geeignet ist. Gründe für die kleine und homogene Stichprobe könnte vielerlei Natur sein, beispielsweise die Selbstwirksamkeit betreffend oder die Hürde, sich zur Konfliktklärung zu verabreden. Darüber hinaus wurden zum Untersuchungsstart im Mai 2022 die Schutzmaßnahmen vermehrt gelockert und es bestanden deutlich weniger inhaltliche Reibungspunkte (entfallener Konfliktanlass führt zu geringerem Handlungsdruck durch geringere Eskalation). Zukünftige Studien sollten sich auf eine größere und heterogenere Stichprobe konzentrieren.

Ein Problem webbasierter Interventionen ist die fehlende Kontrollierbarkeit. Die Analyse der inhaltlichen Kontrollfragen legte offen, dass drei von neun Personen nur vorgetäuscht hatten, die Übung bearbeitet zu haben. Dies verdeutlicht den Bedarf für zukünftige Studien, die mangelnde Kontrollierbarkeit bei webbasierten Interventionen berücksichtigen.

Das Studiendesign mit vier Messzeitpunkten ist als Pilotstudie zu verstehen. Zukünftige Einzelfallstudien könnten den Ansatz um zusätzliche Messzeitpunkte erweitern, um Interventionseffekte klarer von Baseline-Schwankungen zu unterscheiden und die Nachhaltigkeit der Wirksamkeit zu prüfen (Kazdin 2019). Zudem wären Kontrollgruppen-Studien sinnvoll.

Methodisch sollten subjektive Fragebögen und objektive Verfahren, wie Beobachtungen oder Leistungstests, unterschieden werden. Bisher existieren keine objektiven Verfahren zur Messung von Empathie oder Konfliktbewältigung. Neben Selbsteinschätzungen sollten auch Fremdeinschätzungen herangezogen werden, insbesondere, wenn die Wahrnehmungen innerhalb der Dyade auseinandergehen können.2

Zukünftiger Einsatz der Übung im Kontext von Polarisierung

Die im »Fühlerei«-Projekt erstellte einstündige Übung zeigt kurzfristige Effekte in Empathie, Konfliktbewältigung und Achtsamkeit, wobei eine mögliche mittelfristige Wirkung noch weiterer Forschung bedarf. Sie ist die erste uns bekannte Übung dieser Art. Ihr Nutzen liegt in ihrer flexiblen Online-Durchführung, sie erfordert jedoch Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein. Besonders geeignet ist sie für Menschen, die bedürftig und gebildet sind sowie wertschätzend und respektvoll interagieren. Da die Übung allgemeine Konfliktbewältigungsstrategien vermittelt, ist sie (nach geringer Anpassung) nicht nur für pandemiebedingte Konflikte, sondern auch für andere gesellschaftliche Themen anwendbar, wie bspw. Rassismus oder Klimapolitik, und bietet eine zugängliche Unterstützungsmöglichkeit für Hilfesuchende. Hierin liegt ihr größter Gewinn für verhärtete Konflikte mit Gruppenbildung.

Anmerkungen

1) In experimentellen Einzelfalldesigns werden die Veränderungen innerhalb einer Person mit und ohne Intervention verglichen. Auch wenn dabei nicht zwei verschiedene Gruppen mit und ohne Intervention verglichen werden, steht sie durch systematische variierte Zeitverläufe zwischen den Interventionen dem herkömmlichen Studiendesign in nichts nach.

2) In den Analysen von Rindermann (2009) zeigen sich relativ hohe Interrater-Reliabilitäten, bei Butters (2010) jedoch geringere Empathiewerte in der Selbsteinschätzung als in der Fremdeinschätzung. Der Emotionale-Kompetenz-Fragebogen (EKF, Rindermann, 2009) wird empfohlen, da er Selbst- und Fremdeinschätzungen integriert.

Literatur

Allport, G. W.; Clark, K.; Pettigrew, T. (1954): The nature of prejudice. Cambridge, MA: Perseus Books.

Blanch-Hartigan, D.; Andrzejewski, S. A.; Hill, K. M. (2012): The effectiveness of training to improve person perception accuracy: A meta-analysis. Basic and Applied Social Psychology 34(6), S. 483-498.

Butters, R. P. (2010): A meta-analysis of empathy training programs for client populations. Dissertation. Salt Lake City: University of Utah.

Cicila, L. N.; Georgia, E. J.; Doss, B. D. (2014): Incorporating internet‐based interventions into couple therapy: Available resources and recommended uses. Australian and New Zealand Journal of Family Therapy 35(4), S. 414-430.

Eklund, J. H.; Meranius, M. S. (2021): Toward a consensus on the nature of empathy: A review of reviews. Patient Education and Counseling 104(2), S. 300-307.

Gollwitzer, P. M.; Sheeran, P. (2006): Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology 38(6), S. 69-119.

Hahlweg, K. et al. (2021): COVID-19: Psychologische Folgen für Familie, Kinder und Partnerschaft. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 49, S. 157-171.

Helland, S.S.; Mellblom, A.V.; Kjøbli, J. (2022): Elements in mental health interventions associated with effects on emotion regulation in adolescents: A meta-analysis. Administration and Policy in Mental Health and Mental Health Services Research 49(6), S. 1004-1018.

Hupfeld, J.; Ruffieux, N. (2011): Validierung einer deutschen Version der Self-Compassion Scale (SCS-D). Zeitschrift für klinische Psychologie und Psychotherapie 40, S. 115-123.

Kazdin, A. E. (2019): Single-case experimental designs. Evaluating interventions in research and clinical practice. Behaviour Research and Therapy 117, S. 3-17.

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Pettigrew, T. F. et al. (2011): Recent advances in intergroup contact theory. International Journal of Intercultural Relations 35(3), S. 271-280.

Rindermann, H. (2009): Emotionale-Kompetenz-Fragebogen. Göttingen: Hogrefe.

Rodriguez, L. M.; Stewart, S. H.; Neighbors, C. (2021): Effects of a brief web-based interpersonal conflict cognitive reappraisal expressive-writing intervention on changes in romantic conflict during COVID-19 quarantine. Couple and Family Psychology: Research and Practice 10(3), S. 212-222.

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Sedlmeier, P., et al. (2012): The psychological effects of meditation: A meta-analysis. Psychological Bulletin 138(6), S. 1139-1171.

Weger Jr, H. et al. (2014): The relative effectiveness of active listening in initial interactions. International Journal of Listening 28(1), S. 13-31.

Avelina Lovis-Schmidt ist Psychologin, Gründerin der »Fühlerei« und tätig als wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) am Lehrstuhl für Pädagogische und Entwicklungspsychologie der TU Chemnitz. Sie forscht zu Emotionen und emotionaler Kompetenz, Gesundheit und Beziehungen.
Gunter Busch studierte an der Technischen Universität Chemnitz Psychologie und absolvierte seine Abschlussarbeit in diesem Projekt.
Heiner Rindermann, Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische und Entwicklungspsychologie der TU Chemnitz, befasst sich mit Humankapitalforschung in den Bereichen Kognitive Kompetenz, Begabung, Bildungspolitik, individuelle und nationale Produktivität, Politik und Kultur.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2025/3 Ära der Aufrüstung, Seite 48–51