W&F 2001/3

Drogenökonomie und Gewalt in Kolumbien

von Peter Seidel

„Möchtest du auch eine Boden-Luft-Rakete haben? Die kannst du brauchen, wenn der Ami-Hubschrauber mit dem Gift kommt!“ Welcher Koka-Bauer in der kolumbianischen Grenzregion zu Ekuador würde da Nein sagen, denn es geht schließlich nicht nur um die Gesundheit, sondern um die nächste Ernte und damit das Einkommen für seine Familie. „Macht kaputt, was euch kaputt macht – Runter mit den Giftspritzern“ ist das Motto der Guerilla, die in letzter Zeit verstärkt solche Hubschrauberabwehrraketen in den Koka-Anbauregionen an ausgewählte Bauern verteilt und natürlich entsprechende Kurse zur Handhabung anbietet. Bezahlt werden die Raketenwerfer aus den Abgaben des Drogenhandels. Drogen und Krieg sind in Kolumbien zwei Seiten der selben Medaille. Die Offenheit, mit der diese von Bürgerkrieg geprägte Drogenökonomie funktioniert, klingt für mitteleuropäische Ohren so anekdotenhaft übertrieben, skurril und phantastisch wie die Geschichten von García Márquez. Doch auch der ist weniger fabulierender Literat denn Chronist einer grotesken Realität.
Nach Llorente, eines der Dörfer, in dem die Guerilla Ende letzen Jahres Abwehrraketen verteilte, kamen im April diese Jahres die Schergen der Paramilitärs, luden 30 der Bauern in einen Bus und ließen sie verschwinden. Die knapp 60 Kilometer entfernt stationierten Militärs sahen keinen Grund, bei diesem seit langem öffentlich vorbereiteten Massaker einzugreifen. Ziel dieser »Säuberungen« ist nicht die Bekämpfung des Drogenhandels. Ziel ist die Machtübernahme der Paramilitärs in den Drogenanbauregionen und der Wechsel der Kontrolle über den Transport illegaler Waren und die entsprechenden Gewinne.

Kolumbien ist nicht nur weltweit führend in der Drogenproduktion und dem -export, auch was Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeht, liegt Kolumbien an der Weltspitze. Guerilleros, die mit den Köpfen ihrer enthaupteten Gegner Fußball spielten, Paramilitärs, die nach dem Motorsägen-Massaker an der Bevölkerung eines Dorfes die Köpfe der Männer auf Pfähle aufspießten und dann mit Champagner auf ihren Sieg anstießen. Ohne Drogen ist dieses Verhalten schwer zu erklären, denn fanatisch sind diese Kämpfer schon lange nicht mehr, sofern sie es denn je gewesen sind. Je nachdem wie hoch der Sold ist, werden da auch schon mal die Fronten zwischen ganz weit links und ganz weit rechts mit einem kurzen Sprint gewechselt. Die Paramilitärs zahlen einem ihrer gemeinen Söldner ca. 700 DM monatlich. Die Guerilla zahlt 100 DM weniger, allerdings sind im Dschungel Kost und Logis in der Hängematte frei. Doch auch diese 600 Mark sind noch mehr als das doppelte eines kolumbianischen Mindestlohns, von dem wiederum mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung Kolumbiens nur träumen kann. Es ist daher finanziell durchaus verlockend, bei einer dieser Truppen mitzumachen.

Ohne Drogengelder läuft im Bürgerkrieg nichts

Die Finanzierung dieser Armeen verschlingt erhebliche Summen. Allein an Sold sind das für die geschätzten 15.000 Mitglieder der FARC-Guerilla jährlich mehr als 100 Millionen DM. Medizinische Versorgung, Verwaltung und vor allem Bewaffnung der Truppe kosten noch einmal mindestens die gleiche Summe. Die Fixkosten der Paramilitärs dürften bei den offiziell angegebenen 12.000 Mann Truppenstärke eher noch höher liegen. Durch Schutz- und Lösegelder von Großgrundbesitzern oder Spenden von nationalen und internationalen Unternehmen allein sind diese Summen nicht aufzubringen. Ohne die Zusatzeinnahmen von den Drogenhändlern liefe daher im Krieg der rechten Todesschwadrone gegen die Guerilla nur wenig. Der offizielle Oberbefehlshaber der Paramilitärs, Carlos Castaño, gibt die Finanzierung seiner Truppe durch Drogengelder sogar in Zeitungs- und Fernsehinterviews öffentlich zu: Der »patriotische« Zweck heiligt die Mittel.

Die Korrumpierbarkeit rechter Söldner durch Mafiagelder liegt in der Natur der Truppe: Söldner sind käuflich. Der Niedergang einer einst von Revolutionsidealen beeinflussten Guerilla zu zwielichtigen Geschäftspartnern der Drogenmafia ist da eher erstaunlich. So fällt es der Guerilla auch etwas schwerer, zu ihrer offenkundigen Zusammenarbeit mit den Drogenhändlern eine international überzeugende ideologische Erklärung zu finden.1 Die Guerilla sieht sich gern als Verteidigerin der legitimen ökonomischen Interessen des ausgebeuteten kolumbianischen Bauernstandes, als »alternativer« bewaffneter Bauernverband sozusagen. Seit der neoliberalen Öffnung Kolumbiens und der Globalisierung der Märkte für landwirtschaftliche Produkte importiert dieses Stammland der Maisbauern und Viehzüchter nun nordamerikanisches Hormonfleisch und Gen-Mais zu Dumpingpreisen. Viele Bauern, die weder ihr Handwerk aufgeben wollen, um in die Bürgerkriegsarmeen einzutreten, noch vollständig verarmen möchten, steigen daher auf die einzigen noch lukrativen und international konkurrenzfähigen landwirtschaftlichen Produkte um: Koka und Mohn. Welcher Apostel des Neoliberalismus wollte ihnen dieses rationale Marktverhalten verübeln? Zumal auch mit Kaffee und Kakao, die Kolumbien bis Mitte des letzten Jahrhunderts einen bescheidenen Wohlstand verschafft hatten, kein lohnendes Geschäft mehr zu machen ist. Die Guerilla schützt diese ökonomischen Interessen ihrer landwirtschaftlichen Klientel und erschließt sich durch taktisch motivierte Zusammenarbeit mit den Zwischenhändlern des Drogengeschäfts gleichzeitig eine sichere Finanzierungsquelle. So wird sie auch von den Launen politisch motivierter Spender unabhängig. Während der mehr als 40-jährigen Geschichte der kolumbianischen Guerilla hat der Glaube an Ideologien oder einen schnellen Sieg der Revolution sehr gelitten. Im Gegensatz zu Kuba oder Nikaragua ist Guerillero in Kolumbien kaum mehr eine Form des politischen Widerstands, sondern vielmehr ein Beruf bzw. eine Lebensform. Da die meisten bisherigen Reintegrationsprogramme für Ex-Guerilleros genauso wie die politischen Friedensprozesse gescheitert sind, gibt es auch kaum individuelle Auswege aus der Guerilla. Die kolumbianische Guerilla aber einfach als eigenes Drogenkartell zu bezeichnen, wie dies in den USA immer wieder getan wird, ist daher nicht nur ein viel zu simpler Erklärungsansatz, sondern schlichtweg falsch.

Militärische Institutionen sind korrumpierbar

Die Stärke von militärischen Organisationen liegt nicht in der Fähigkeit, Handel zu betreiben oder internationale Vertriebskanäle zu erschließen. Die Stärke von Armeen ist das Dienstleistungsangebot militärischer Repression. Darin besteht ja genau die Arbeitsteilung zwischen Drogenhändlern und den verschiedenen linken oder rechten, kolumbianischen oder nordamerikanischen Militärverbänden. Der Schutz der Drogenhändler durch die Guerilleros oder Todesschwadrone ist genauso käuflich wie ihre Tolerierung durch kolumbianisches und US-amerikanisches Militär. Entsprechend traurig sind die offiziellen Resultate von Jahrzehnten Drogenkrieg.

Die Größe der mit Koka und Mohn bepflanzten Fläche hat trotz massiver Aufbringung von Glyphosat und anderen Chemikalien zur Kokainbekämpfung zugenommen. Es liegt der Verdacht nahe, dass es beim Drogenkrieg letztlich auch nicht einfach um die Verringerung der Produktionsmenge an sich geht, sondern um die Kontrolle darüber, wer den Handel abwickelt und wie viel er daran verdient.

Die Rolle von kolumbianischem Militär und Polizei

Die kolumbianische Polizei wurde unter der letzten Regierung und der Leitung des Generals Rosso Serrano einer massiven Säuberung unterzogen. Transparenz und Bürgernähe waren dabei die Schlagworte. Erfolge in der Bekämpfung des Calikartells schienen der Strategie Recht zu geben. Weil die kolumbianische Polizei Mitte der 90er Jahre die Capos des Calikartells hinter Gitter brachte, muss sie nun permanent mit Terroranschlägen rechnen. Während dessen sitzen die Drogenbosse gemütlich im Gefängnis von Itagui ihre lächerlichen Haftstrafen ab, kümmern sich in Ruhe um ihre Geschäfte und genießen das gute Essen, das von örtlichen Luxushotels geliefert wird. Viele Polizisten grübeln daher über den Sinn ihrer Arbeit: Das schlimmste ist nicht einmal der schlechte Lohn, sondern die Einsicht, den Kopf für einen korrupten Staat hin zu halten.Genauso wie die allermeisten Politiker und Richter vermeiden die Militärs eine direkte Auseinandersetzung mit der Mafia, so gut das eben geht, ohne sich vor der Weltöffentlichkeit vollständig lächerlich zu machen.

Auch aus dem Krieg gegen die Guerilla haben sich die Militärs immer mehr zurückgezogen. Diese schmutzige Arbeit machen seit langem die Paramilitärs. So vermeiden die Generäle die lästigen juristischen Verwicklungen in Menschenrechtsverletzungen. Ihr Verbrechen reduziert sich dann auf die offene Tolerierung und heimliche Unterstützung der Todesschwadrone. Lohnerhöhungen und großzügige Waffenlieferungen allein reichen sicher nicht, um diese demotivierte und korrupte Armee dazu zu bringen, gleichzeitig gegen Drogenmafia, organisierte Kriminalität, Guerilla und Todesschwadrone zu kämpfen.

Drogenhandel, Waffenschmuggel, Geldwäsche – verschiedene Formen des Freihandels

Kolumbien ist aber keineswegs bloß eine abgelegene Bananenrepublik mit undurchdringlichen Kokaindschungeln, sondern ein beispielhafter Teil des neoliberal deregulierten Weltmarkts, in dem der freie, politisch unkontrollierte Warenaustausch auf die Spitze getrieben wird: Ein attraktiver rechtsfreier Raum ohne ökologische und soziale Kontrollen. Idealer Tummelplatz also für nordamerikanische Erdölmultis genauso wie für europäische Chemiekonzerne – und für Waffenhändler aus den Industrieländern sowieso.

Wo es Drogenhandel gibt, blüht als Folge die Geldwäsche im Süden – beim Waffenhandel ebenfalls, aber im Norden. Wenn eine Hand die andere wäscht, lässt sich Seife sparen und so ist es am besten, gleich illegale Güter gegen einander auszutauschen. Drogenimport und Waffenexport gehören daher für Schwarzhändler in USA und Deutschland genauso zusammen wie Drogenexport und Waffenimport in Kolumbien. Eine der geographischen Hauptschienen des Austauschs der beiden beliebtesten, weil gewinnträchtigsten illegalen Güter von und nach Kolumbien ist die Grenzregion zu Panama. So kann die Maultierkarawane der Drogenhändler auf dem Rückweg aus dem Hinterhof der nordamerikanischen Freihandelszone gleich den Nachschub für die Waffenträger mitbringen. Es wundert nicht, dass jeder Quadratmeter dieser Grenzregion und die dortigen Trampelpfade des Schwarzhandels heiß umkämpft sind.

Deutscher Superagent im Drogendschungel

Der Fall Mauss zeigt exemplarisch auf, dass im Bereich des Schwarzhandels komplexe Kreisläufe und vielfältige Kombinationsmöglichkeiten von Wa-ren-, Geld- und Dienstleistungstransfers jeder Art existieren. Kolumbianisches Kokain gegen deutsche G3 oder Boden-Luft-Raketen ist dabei nur eine entsprechend simple Variante. Der Einstieg von Mauss in die kolumbianische Welt des freien schwarzen Marktes begann in den 80er Jahren mit der Lieferung von Waffen an die ELN-Guerilla als variierte Schutzgeldzahlung, um die komplikationslose, d.h. sprengungsfreie Fertigstellung einer von Mannesmann gebauten Erdölpipeline zu ermöglichen. Die Aktion förderte freien Export gleich in zweifacher Art: Das Öl konnte durch diese vom kolumbianischen Staat subventionierte Pipeline billig nach USA geschafft werden und der Abtransport des Kokains in die USA war durch die neuen Waffen der Guerilla besser gesichert. Das letzte Mal als Mauss in Kolumbien für Aufsehen sorgte, war er zusammen mit seiner Frau in die Freilassung einer von der Guerilla entführten deutschen Chemiemanager-Gattin verwickelt. Es ist nicht bekannt, ob das Lösegeld in bar, als Waffen oder in Form von chemischen Vorprodukten für die Kokainproduktion geliefert wurde. Die Staatsanwaltschaft in Medellin beschuldigte das Duo Mauss nicht nur diese illegale Lösegeldzahlung organisiert zu haben, sondern auch der Guerilla den Vorschlag zur Entführung gemacht zu haben. Die Wahrheit wird wahrscheinlich im Nebel des kolumbianischen Regenwaldes bleiben.

Der Nord-Süd-Konflikt der Kartelle

Im Gegensatz zum Öl, dessen Handel und Gewinne ein Kartell von wenigen, vor allem nordamerikanischen Multis unter sich aufteilt, traten im Falle des Kokains Kartelle aus Medellin und Cali auf den Plan. Anders als ihre bolivianischen und peruanischen Kollegen beschränkten sich diese Banden nicht nur auf die Organisation des Anbaus und der Produktion des Kokains, sondern organisierten den kompletten Produktions- und Verkaufsweg: vom Bauern im kolumbianischen Urwald bis zum Junkie im Großstadtdschungel von New York.

Grund genug für internationalen Konfliktstoff.

In den 70er Jahren gab es den ersten Drogenkrieg in Kolumbien. Damals richtete er sich gegen die Marihuanakartelle an der kolumbianischen Karibikküste. Durch massive Besprühungen der Anbauregionen in der Sierra Nevada von Santa Marta mit chemischen Entlaubungsmitteln vom Stile des Agent Orange wurden weite Regionen verseucht, was bis heute zu massiven Erbschäden und Fehlbildungen bei der dortigen Indianerbevölkerung führt. Dieser Krieg hörte auf, als in Kalifornien genug Marihuana produziert werden konnte, um die nordamerikanische Mafia von Importen unabhängig zu machen. Das Glück der Enkel Al Capones dauerte jedoch nicht lange. Mit dem Boom der Schickeria- und Managerdroge Kokain traten wieder unliebsame kolumbianische Wettbewerber auf den Markt. Da im Falle des Kokains für die US-amerikanische Mafia anders als bei Marihuana kein Ausweichen auf nationale kalifornische Anbauregionen gibt und die Herstellung im Labor immer noch nicht zufrieden stellend funktioniert, bleibt gegen die südamerikanische Konkurrenz nur der frontale Kampf: die Neuauflage des Drogenkriegs als Plan Colombia – Lösung des Kokainproblems durch militärische Angebotskontrolle in Kolumbien. Dazu gehören Flächenbombardierungen von Dörfern, in denen Kommandozentralen der Guerilla vermutet werden genauso wie der Einsatz chemischer und biologischer Waffen zur Bekämpfung der Kokasträucher. Der letzte Schrei auf diesem Experimentierfeld sind genetisch manipulierte Pilzsporen, die angeblich gezielt die Kokapflanzen befallen und schädigen sollen. Die Auswirkungen auf Menschen und das komplexe Ökosystem des Amazonasurwaldes sind dabei völlig unerforscht. Weit reichende Schädigungen werden billigend in Kauf genommen.

Die Verschärfung des Krieges in Kolumbien ist für die nordamerikanischen Drogendealer und Waffenschieber ein gutes Geschäft. Die ersten lachen über höhere Preise auf den Schwarzmärkten durch das geringere Kokainangebot, weshalb viele Experten die Sicherung der Preisstabilität auf dem internationalen Drogenmarkt neben dem Schutz US-amerikanischer (Mafia-) Interessen für die wichtigste Aufgabe der nordamerikanischen Drogenpolizei DEA halten. Die Waffenhändler ihrerseits freuen sich über die staatlichen Waffenaufträge, die in Washington angenehmer abzuwickeln sind als mit der zwielichtigen Klientel in Panama. Wobei es zur nachhaltigen Absatzsicherung natürlich am besten ist, beide Seiten zu beliefern.

Nur durch Illegalität sind die schnellen Schwarzmarktgewinne möglich. Die Illegalität des Drogenhandels verhindert daher die Existenz von Mafiastrukturen nicht, sondern ist ihre Grundvoraussetzung. Umgekehrt wird durch Entkriminalisierung des Drogenkonsums gerade nicht die Mafia gefördert, sondern es wird ihr die Lebensgrundlage entzogen. Es war genau diese Erkenntnis, die in den USA in den 20er Jahren zur Aufhebung der Prohibition führte. Die Tatsache, dass die nordamerikanische Regierung sich weigert, aus dieser im eigenen Land gemachten Erfahrung im Falle Kolumbiens Konsequenzen zu ziehen, legt die Vermutung nahe, dass es eben nicht um Bekämpfung von Drogenabhängigkeit und Mafiagewalt geht, sondern um Absicherung der Gewinne der nordamerikanischen Drogenhändler und Waffenschieber.

Drogengewinne, Drogenkonsum und Gewaltbereitschaft

Vom Produzenten zum Konsumenten von Drogen zu verkommen ist ein weit verbreitetes Schicksal in Kolumbien. Früher war der Konsum selbst bei den direkt in der Produktion Arbeitenden verpönt, heute ist er ein gesellschaftlicher Trend geworden. Beschaffungskriminalität bisher ungeahnten Ausmaßes macht die Innenstädte Kolumbiens zu Tummelplätzen für Straßenräuber. In Folge des Auf und Ab des Drogenhandels nimmt auch die nicht politisch motivierte Kriminalität zu.

Trotz des gewalttätigen Bürgerkriegs gehen 80% der 30.000 Menschen, die in Kolumbien jährlich auf gewaltsame Weise das Leben lassen, auf das Konto der nicht politischen Kriminalität. Mehr als die Hälfte der weltweiten Entführungen finden in Kolumbien statt. Für Guerilla und unpolitische kriminelle Banden ist die Erpressung von Lösegeldern nach den Schutzgeldern der Drogenmafia zum zweiten finanziellen Standbein geworden.

Überschwemmt von billigen, vor allem nordamerikanischen Waffen, die im Gegenzug zum Kokainexport ins Land gekommen sind, versinken die Städte Kolumbiens seit den 90er Jahren in Chaos und Gewalt. Die Ausweitung des Betätigungsfelds der Killerbanden ist ein Nachfolgeproblem der Verfolgung der Mafia. Das Ausbleiben des schnellen Geldes schafft für die vom Lebensstil der Mafiosi infizierten Jugendlichen Entzugsprobleme. Die Antwort auf gewalttätige Jugendbanden, die im Schatten der Mafia gezüchtet wurden, ist Gegengewalt. Die Stadtguerilla organisierte Anti-Killerbanden, die sich bald jedoch in ihren Methoden von ihren Feinden nicht mehr viel unterschieden. Genauso wie ihre Mutterorganisationen im Dschungel schwanken auch diese Volksmilizen zwischen Bekämpfung der und taktischer Kooperation mit den Drogenbanden hin und her.

Doch der Drogenhandel heizt nicht nur die Gewalt auf allen Ebenen an. Er korrumpiert auch weite Teile der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Kein Wahlkampf ohne Drogengelder, kein Gefängnis ohne einen von der Mafia kontrollierten Luxustrakt. Kaum ein Fußballclub ohne militärisch bewaffnete Fanclubs, Geldwäscheprobleme beim Spielerkauf und Mafiosi im Vorstand. Selbst bei der Einweihung der Kathedrale von Pereira stand neben dem heutigen Kardinal Castrillon der bereits erwähnte Mafia-Boss Carlos Lehder auf dem Podium und ließ sich für seine großzügigen Spenden loben. Mit Entlaubungsmitteln ist solch moralischem Verfall nicht beizukommen.

Auch die Auswirkungen des Drogenhandels auf die legale Wirtschaft sind fatal. Schätzungen gehen davon aus, dass in den Hochzeiten des Drogenhandels bis zu 40% des kolumbianischen Bruttosozialprodukts direkt oder indirekt aus dem Drogenhandel stammten. Jedes internationale Geschäft läuft in einem vom Drogenhandel verzerrten wirtschaftlichen Umfeld Gefahr, zum Mittel der Wäsche von Drogengeldern zu werden. Durch massive Billigimporte von Textilien zur Geldwäsche wurde die nationale Textilindustrie weitgehend zerstört. Durch die entsprechende Zunahme der Arbeitslosigkeit nahm der ökonomische Druck auf die Bevölkerung zu, in die direkt oder indirekt vom Drogenhandel beeinflussten Wirtschaftsbereiche umzusteigen oder sich einer der gewalttätigen Gruppen anzuschließen.

Auswege

Das Beispiel Kolumbien zeigt, dass es leicht ist, eine Generation zu korrumpieren; aber ein Land aus dem Chaos von Freihandel und Freibeuterei zurück in die Zivilisation einer funktionierenden Zivilgesellschaft mit demokratischer Kontrolle über ökonomische und militärische Macht zu führen, ist eine Herkules-Aufgabe für viele Generationen.

Einzig langfristig Erfolg versprechende aber natürlich kostspielige Auswege aus dem Bürgerkrieg sind die Schaffung von mehr sozialer Gerechtigkeit durch ökonomische Umverteilung und massive Programme zur Förderung von Ausbildung und Arbeitsplätzen. Daneben sind die internationale Kontrolle im Menschenrechtsbereich und entsprechender ökonomischer und politischer Druck auf die korrupte und Menschen verachtende Regierung Kolumbiens unerlässlich.

Zur Bekämpfung des Drogenkonsums ist nicht die militärische Bekämpfung der Drogenbauern erforderlich, sondern die therapeutische Nachfragebekämpfung bei den Konsumenten in den Slums von New York oder den Chefetagen Chikagos. Es ist nicht das Drogenangebot, das sich seine Nachfrage schafft, sondern umgekehrt. Konsumenten, die bereit sind jeden Preis für ihre gewünschten Drogen zu bezahlen, sind typisch für diesen von der Nachfrage dominierten Markt.

Der Plan Colombia als einseitig militärische Strategie ist keine Lösung des Drogenproblems, sondern wird die Gewalt in Kolumbien nur verschlimmern. Die Bombardierung von Weinbergen zur Verhinderung des Alkoholmissbrauchs wäre eine ebenso absurde Strategie. Diese wird selbst von moslemischen Fanatikern nicht vorgeschlagen.

Anmerkungen

1) Explizit kapitalismuskritische Stimmen zur Rechtfertigung des Drogenhandels sind selten. Der deutsch-stämmige Lehder, ein Polit-Clown unter den Mafiabossen, tat sich mit Ideen hervor wie „Drogenexport sei ein Mittel des Antiimperialismus, da dadurch die Gesellschaft der amerikanischen Unterdrücker geschwächt würde.“ Später wurde er durch Drogenkonsum selbst derart geschwächt, dass er für seine Kollegen des Medellinkartells zum Sicherheitsrisiko wurde und sie ihn in den 80er Jahren dem US-amerikanischen »Klassenfeind« auslieferten.

Peter Seidel ist Volkswirt und Theologe und war 1993-2000 als Dozent und Entwicklungshelfer in Kolumbien tätig.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2001/3 Ökonomie der Bürgerkriege, Seite