W&F 2026/1

Friedensforschung, die die Welt verändert

30. Jahrestagung, International Peace Research Association, New Plymouth, 5.-8. November 2025

Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Gründung der »International Peace Research Association« (IPRA) fand im November 2025 die 30. Konferenz in New Plymouth, Aotearoa (Neuseeland), unterhalb des großen, weißköpfigen Vulkans Taranaki Maunga statt. Schon die Wahl des Ortes und des Zeitpunkts waren kein Zufall, sondern Ausdruck dessen, was IPRA sich für diesen historischen Moment vorgenommen hatte: zentrale Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung direkt und bewusst in der eigenen Praxis umzusetzen: »to practice what we preach«.

Es war das erste Mal, dass eine IPRA-Konferenz in Aotearoa stattfand, und das erste Mal, dass indigene Perspektiven das Tagungsthema und die Konferenzorganisation maßgeblich geformt hatten. Schon der Titel »Peace, Resistance, Reconciliation Te Rongo i Tau, Te Riri i Tū, Te Ringa i Kotuia« (Frieden, Widerstand, Versöhnung) brachte zum Ausdruck, dass unterschiedliche Sprachen auch verschiedene Zugänge zu Welt ermöglichen. So bedeutet der »Te Reo Māori«-Ausdruck für »Versöhnung« so viel wie »sich unterhaken« und gibt damit schon einen Hinweis auf die Relevanz und Vielfalt von indigenen Ansätzen der Konfliktbearbeitung und Friedensförderung.

Māori-Wissenschaftler*innen sorgten dafür, dass nicht nur Māori-Perspektiven von Anfang bis Ende der Konferenz eine zentrale Rolle spielten, sondern dass auch vielfältige – und insbesondere auch marginalisierte – Friedensstimmen aus Forschung, Bildung, Kunst, Aktivismus und Praxis aus aller Welt eingeladen, geteilt und gehört wurden.

Die Einladung rief ca. 200 Menschen zur Konferenz nach Taranaki, in eine Region, die eine wichtige Rolle in der Geschichte des Landes spielt: 1860 begannen hier die neuseeländischen Landkriege zwischen Europäer(*inne)n und Māori und so birgt das „Land sowohl Erinnerungen an Liebe, an Schmerz und Vergebung“, wie der Call zur Tagung verlauten ließ. Denn um 1866 wurde in dieser Region das Dorf Parihaka gegründet – als zentraler Ort des gewaltfreien Widerstandes und der Zuflucht, an dem sich verschiedene Māori-Gruppen aus dem ganzen Land im gewaltfreien Kampf gegen koloniale Eroberung zusammenschlossen. Auch wenn 1881 die Invasion des Militärs der gewaltfreien Gemeinschaft formal ein Ende setzte, ist das Vermächtnis Parihakas auch nach nun 144 Jahren immer noch wunderbar lebendig (vgl. Devere 2025). Der Widerstand von Parihaka ist einer der ersten schriftlich dokumentierten Fälle, in denen eine koloniale Besatzung mit gewaltfreien Mitteln immens herausgefordert wurde. Heute ist Parihaka ein Ort der Geschichte und der Gegenwart, ein Ort der Gewalt und des Friedens, der zeigt, dass vermeintlich kleine Akte mutigen Friedenshandelns einen Generationen überspannenden Einfluss haben und dazu beitragen können, Traumata zu verarbeiten und in transformative Resilienz zu verwandeln.

Die IPRA-Konferenz ermöglichte eine physische, transnationale Begegnung an diesem besonderen Ort – und zwar genau zum Parahaki-Gedenktag am 5.11., der für viele Menschen in Aotearoa (und speziell für Māori, die ca. 15 % der Bevölkerung ausmachen) immer stärker an Bedeutung gewinnt und dazu beiträgt, ein indigenes, dekoloniales und gewaltfreies Selbstverständnis zu stärken.

Die Eröffnungszeremonie der Konferenz fand aus diesem Grund in der traditionellen Versammlungsstätte (»Ōwae Marae«) des »Te Atiawa iwi« statt, einer der in Taranaki beheimateten Māori-Gruppen, die eine enge Verbindung mit Parihaka hat. Allein die Anwesenheit an diesem bedeutsamen Ort, das Einfügen in die rituellen Abläufe, die Begrüßung mit dem Stirn-Nasen-Gruß des »Hongi«, das Lauschen und Mitsingen der Gesänge auf »Te Reo Māori«, machten die Konferenz für die Teilnehmenden schon zu Beginn zu einem ganzheitlichen Erlebnis – und erinnerte daran, dass Frieden keineswegs nur kognitiv erreicht werden kann. Auf diese Weise wurde das Zusammenkommen direkt zu einem gemeinsamen Begegnungs- und Erfahrungsraum, der die persönlichen und kollektiven Lernprozesse enorm anregte. Sich mit der Erde, dem Land und den Menschen leiblich zu verbinden ist eine enorm kraftvolle und lebendige Erfahrung! Die Hosts der IPRA-Konferenz haben daher mit der Wahl und Einbeziehung des Ortes in vielfacher Weise einen Meilenstein gesetzt und dafür gesorgt, fundierte Erkenntnisse zur Wirksamkeit von »place-based learning« aus Didaktik und Lernforschung auch im akademischen Tagungskontext umzusetzen.

Inhaltlich war die Konferenz von einer immensen Vielfalt an unterschiedlichen Beiträgen und Formaten zu dem sehr weit gefassten Themenkomplex der Tagung gefüllt. In vier parallelen Slots wurden nicht nur klassische Paper-basierte Vorträge gehalten, sondern auch verschiedene interaktive Workshops angeboten. Zudem waren eine Filmvorführung und eine Tanz-Performance Teil des inhaltlichen Programms und jedes morgendliche Plenar-Panel startete mit einem Impuls aus einer anderen spirituellen Tradition. Hervorzuheben ist, dass die IPRA-Konferenz es schaffte, viele verschiedene Wissens- und Erkenntniszugänge zum Tagungsthema zu versammeln: Neben den vielen Indigenen, Schwarzen und People of Colour Stimmen und der Anwesenheit von Ältesten, waren zahlreiche queere, feministische, dekoloniale und weitere emanzipatorische Stimmen vertreten, die nicht nur marginalisierte Gruppen repräsentierten, sondern die gleichermaßen auch die herrschaftskritischen Perspektiven als das Herz der Friedensarbeit herausstellten.

Erfreulicherweise drückte sich das auch inhaltlich und methodisch in der Art der (Forschungs-)praktiken und (didaktischen) Formate aus, die eingebracht wurden. So gab es kraftvolle Beiträge mit kunstbasierten Zugängen in denen z.B. die heilsame Kraft des Storytelling spürbar wurde, professionelle Trommlerinnen ihren Widerstand gegen patriarchale Strukturen erläuterten oder die befreiende und empowernde Wirkung von Poesie im gemeinsamen Gedichteschreiben und Performen erfahrbar wurde. Verkörperte, psychosoziale und explizit traumasensible Ansätze waren meines Erachtens noch am wenigsten präsent, gleichzeitig gab es z.B. von der Tanzgruppe »Re:born Dance Interactive« großes Interesse daran, die Potentiale weiter zu erkunden, die darin liegen, Friedensarbeit (und speziell Friedenspädagogik) und performative, verkörperte Praktiken stärker miteinander zu verweben.

Ein weiteres Highlight der Konferenz war für mich zu sehen, wie selbstverständlich Wissenschaft als ein Beitrag zum Erhalt des Lebens und zum notwendigen Wandel praktiziert werden kann. Schon der Gründungsimpuls für IPRA versteht Friedensforschung als ein solches Instrument der Transformation – als Mittel zum Abbau der Strukturen, die Gewalt aufrechterhalten, und zum Aufbau von Beziehungen, die Leben ermöglichen. Die Fülle an aktions- und praxisorientierten Forschungsprojekten und die explizite Verbindung mit Aktivismus und anderen Formen des Einsatzes für eine lebensfähige Welt haben mir unglaublich Mut gemacht. Und nicht nur mir, sondern eigentlich allen, mit denen ich in der Zeit sprechen durfte. Eine Gruppe von Studierenden, Promovierenden und Lehrenden des neuseeländischen »National Centre for Peace and Conflict Studies« (NCPACS) der University of Otago nutzte die Gelegenheit, um eine Exkursion zur IPRA-Konferenz und in die Region Taranaki zu machen. Die Reflexionsberichte der Studierenden zeigen, was für eine herausragende Erfahrung dies für sie war. Amer Hassan Salacop Sanggacala, NCPACS-Masterstudent von den Philippinen, beschreibt eindrücklich, was die Erlebnisse bei ihm hinterlassen haben:

„Diese Konferenz hat mich daran erinnert, warum ich tue, was ich tue. Als jemand, der aus einer Stadt stammt, die einst vom Krieg zerrissen war, weiß ich, wie schwer Worte wie »Wiederaufbau« und »Frieden« wiegen können. Aber in einem Raum voller Menschen zu stehen, die ihr Leben derselben Mission widmen, hat mir Hoffnung gegeben.“ ( Sanggacala 2025)

Um die zentralen Erkenntnisse aus der Konferenz für die Arbeit und Forschung zu Frieden und Konflikt zu verdeutlichen, sei hier abschließend der frühere, neuseeländische IPRA-Generalsekretär Kevin Clement zitiert, der es in seiner Eröffnungsrede schaffte, eine wunderbare Brücke zwischen Aotearoa und dem Māori-Weltverständnis, IPRA und der Friedensforschung sowie den Teilnehmenden und ihren Intentionen zu schlagen:

„Wir lernen aus dem Denken der Māori whanaungatanga – dem tiefen Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit. Es erinnert uns daran, dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg ist, sondern die Anwesenheit richtiger Beziehungen: zwischen den Menschen, mit dem Land und mit der Zukunft. Dazu gehört der Aufbau starker, respektvoller und wechselseitiger Beziehungen, die ein Gefühl der Zugehörigkeit, gegenseitiger Verpflichtung und kollektiver Verantwortung fördern. […] In Südafrika ist das Konzept von Ubuntu ähnlich und von entscheidender Bedeutung. Es bedeutet, dass unser Wohlergehen eng mit dem Wohlergehen aller verbunden ist. Es bedeutet Solidarität, Mitgefühl, Respekt, Würde und Überleben. Das ist die Essenz des Friedens: nicht Herrschaft, sondern Verbindung.“ (Clement 2025)

Bilder, Mitschnitte von einzelnen Vorträgen, sowie das umfassende Tagungsprogramm können über die Homepage von IPRA abgerufen werden: iprapeace.com/ipra2025

Quellen

Clement, K.P. (2025): “Reimagining Peace in a Fractured World”. Plenary address to IPRA 2025. Toda Peace Institute.

Devere, H. (2025): Parihaka the focus for global IPRA peace conference in Aotearoa. Asia Pacific News, 2.11.2025.

Sanggacala, A.H.S. (2025): Reflections on the International Peace Research Association (IPRA) Conference, 2025. Te Ao o Rongomaraeroa Blog, University of Otago, o. Datum.

Dr. Dani*el*a Pastoors

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/1 Ozeanien, Seite 49–50