W&F 1987/5

Friedliche Psychologie? (II)

von Paul Brieler

Dieser Beitrag ergänzt bzw. aktualisiert die Aufstellung über die zivil-militärische Zusammenarbeit im Bereich psychologischer Forschung 3. Vorher noch einige weiterführende Betrachtungen zur Liaison ziviler und militärischer Psychologie, beginnend mit der Frage, wie diese aneinander geraten.

Ein Tätigkeitsbereich der Bundeswehrpsychologen umfaßt die systematische Prüfung der neuesten Ergebnisse und Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung und Praxis auf ihre militärische Verwertbarkeit hin. Dies wird z.B. durch eine bevorzugte Bedienung durch die Datenbank der Zentralstelle für Psychologische Information und Dokumentation an der Universität Trier erleichtert. Eine weitere Möglichkeit bieten Fortbildungsveranstaltungen. Im Inland werden die Kongresse der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGfP)und des Berufsverbands Deutscher Psychologen (BDP) regelmäßig mit einer größeren Teilnehmerzahl aus dem psychologischen Dienst der Bundeswehr (PsychDstBw) beschickt. Eine begrenzte Teilnehmerzahl besucht zudem regelmäßig die

„- Tagungen experimentell arbeitender Psychologen

- Kongresse für Arbeitswissenschaft

- Kongresse für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

- BDP-Workshops „Politische Psychologie“

- Lindauer Therapiewochen

- Kongreß Verhaltenstherapie.“ 2, S. 93

Zusätzlich werden Teilnehmer zu weiteren themenspezifischen Tagungen im Inland und zu internationalen Kongressen ins Ausland entsandt (ebda.).

Als Teilnehmer am 30. Kongreß der DGfP 1976 z.B. sind mindestens 17 Bundeswehrpsychologen aufgeführt 1. Der Nutzen der Kongreßbeiträge für die praktische wehrpsychologische Tätigkeit wurde je nach Berichterstatter durchaus kritisch gesehen. Jedoch fielen Forschungsberichte zur computergestützten Psychodiagnostik positiv ins Auge: „Über den Fortgang ... wird sich AG Flugpsychologie ständig informieren. Wenn das Verfahren „steht“, wäre evtl. über einen an das dortige Institut zu vergebenden Forschungsauftrag zu verhandeln, der die Entwicklung eines maßgeschneiderten psychologisch-psychiatrischen WFVU-Verfahrens zum Inhalt haben müßte“ schreibt der Chef-Flugpsychologe der Bundeswehr, D. Gerbert.

Erfolgreich gestalteten sich die aus der XIV. Konferenz der Western European Association for Aviation Psychology (WeMP) im Jahre 1981 hervorgegangenen Fachkontakte zu Prof. Guttmann, Universität Wien, die u.a. zum Abschluß eines Forschungsauftrags führten (s.u. / 2, S. 91).

Wehrpsychologische Forschungsprojekte werden nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern ausgewählten, bekannten Forschern gezielt angeboten. Der PsychDstBw funktioniert dann als koordinierende Stelle 5. Eine andere Variante: bereits bewährte Forschungsnehmer kommen mit Forschungsvorhaben auf die PsychDstBw zurück. So wurde 1984 „durch Prof. Dr. L. Montada beauftragt, eine Untersuchung über die Zusammenhänge zwischen Feindseligkeit und Sicherheit vermittelnden Faktoren in der Bundeswehr zu unterstützen“ 2, S.45.

Welche Anforderungen werden an die Forschungspartner an den Universitäten gestellt? Sie müssen fachlich fit, d.h. in der scientific community anerkannt sein, und sollten von „politisch befriedeten“ Instituten kommen. Bestimmte Institutionen sind nach Aussagen von M. Rauch, dem Leiter des PsychDstBw, von vornherein wegen erwarteter Kontroversen innerhalb der Institute von Forschungsaufträgen ausgeschlossen 5.

Der Wehrpsychologe Steege räsoniert über „eine Gruppe Sozialwissenschaftler“ in der Bundeswehr, sie betrieben eine „permanente Konfrontation“ mit den Streitkräften „mit demagogisch anmutenden Mitteln und unter Benutzung von Feindbildern“ 6. „Vielmehr sollten die sozialwissenschaftlichen Forschungsvorhaben in der Bundeswehr unter der Zielvorstellung stehen, die überhaupt mögliche bzw. sinnvolle Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft zu fördern“6. Kritische, die bestehenden Verhältnisse in der Bundeswehr hinterfragende Forschung, ist demnach unerwünscht. Bei „den Psychologen, die in der Bundeswehr sind, muß ein Zusammenhang bestehen, daß der Auftrag, unter dem die Streitkräfte tätig sind, identisch ist mit der persönlichen Auffassung, die man selbst hat bezogen auf den Einsatz oder den Bedarf von Streitkräften“ formulierte es M. Rauch in einem Radiointerview 4. Ähnliche Kriterien dürften auch für die Auswahl universitärer bzw. privatwirtschaftlicher Forschungsnehmer leitend sein. So erstaunt die Berücksichtigung ehemaliger Kollegen aus dem PsychDstBw, die die Gewähr einer rechten Gesinnung bieten, bei der Vergabe von Forschungsaufträgen nicht.

Es fällt auf, daß sich ein kleiner, relativ stabiler Kreis von universitären Forschungsnehmern gebildet hat, auf den der PsychDstBw zählen kann. Diese rekrutieren sich aus mehr als 60 % der Psychologischen Institute der BRD, die mindestens ein Mal an militärpsychologischer Forschung beteiligt waren 5. Weiterhin fällt die Entwicklung von wehrpsychologischen „Forschungsnestern“ an diversen psychologischen Instituten auf (Universität Bielefeld, etc.), wobei sich der Eindruck einer Bildung wehrpsychologischer Seilschaften aufdrängt.

Wie wird der Kontakt zu den externen Forschungsnehmern aufrechterhalten? Einmal durch die Einbindung in wehrpsychologische Informations- und Kommunikationsstrukturen: laut Verteiler der Arbeitsberichte der PsychDstBw werden diese auch an Personen außerhalb der Bundeswehr abgegeben, v.a. an diejenigen Kollegen an den Hochschulen, die bereits für die Bundeswehrpsychologie gearbeitet haben. Dann werden die Kontakte auf diversen Kongressen und Tagungen (s.o.) gepflegt und wird zur Teilnahme an militärpsychologischen Fachkongressen geladen. Auf der 26ten Jahrestagung der Military Testing Association 1984 in München z.B., die das erste Mal außerhalb des nordamerikanischen Kontinents abgehalten wurde, trat gleich eine ganze Batterie universitärer Forschungsnehmer auf, die wissenschaftliche Reputation der Bundeswehrpsychologie mit inhaltlichen Beiträgen abzusichern.

Dies alles deutet auf einen Einstellungswandel gegenüber der angewandten Psychologie im Militär hin. In einem Interview antwortete M. Rauch auf die Frage „Wurden die Bundeswehrpsychologen in der akademischen Welt isoliert?“: „Der Begriff isoliert würde bedeuten, daß wir uns ausgegrenzt erleben. Und da würde ich sagen: Das gilt also mit Sicherheit für die sechziger Jahre, auch für die siebziger Jahre teilweise. Das hat sich inzwischen zu einer gewissen Sachlichkeit hin entwickelt.“ 4 Das militärfeindliche Klima an den Hochschulen hat sich geändert, und den Bundeswehrpsychologen scheint es gelungen zu sein, sich eine stabile Repräsentanz von Kooperationspartnern in der universitären Forschung der letzten 20 Jahre zu sichern.

Mit Mohr 5, S. 27 ff. bleibt zu resümieren: es ist deutlich, daß „zuverlässige“ Militärforscher an den Universitäten angesprochen werden, um „sichere“ Experten für bestimmte wehrpsychologisch interessante Forschungsgebiete zu gewinnen. Dies fördert zwar eine Cliquenbildung, sichert aber die Auswahl ideologisch gefestigter Forscher, und verhindert unbequeme Diskussionen in der Fachöffentlichkeit um die Inhalte und die Auswirkungen militärisch induzierter psychologischer Forschung.

Anmerkungen

1 Berichte aus dem PsychDstBw über den 30. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie vom 19.-23. September 1976 in Regensburg. Arbeitsbericht des PsychDstBw Nr A-2-77.Zurück

2 BMVg - P 114, Zusammenfassender Überblick über die Aktivitäten des PschDstBw in den Jahren 1983 1985. Wehrpsychologische Mitteilungen (20) 1986, H.1.Zurück

3 Brieler, R, Friedliche Psychologie. Informationsdienst Wissenschaft und Frieden (3) 1985, H. 4, 26/27 Zurück

4 Geuter, U., Psychologie beim Militär. Radiosendung SDR, Südfunk 2 am 11.7.1987 Zurück

5 Mohr, W., Militarization of Psychology? On present relation between Psychology and the Military in West-Germany. Paper submitted to the Conference an ,,Science, Technology, and the Military“, Cambridge/Mass., January 8-10, 1987 Zurück

6 Steege, EW., Die Bundeswehr und ihre Sozialwissenschafller - Wehrpsychologische Reflektionen über Wissenschaft und Ideologie. Arbeitsbericht des PsychDstBw Nr. SO-1-83. Zurück

Paul Brieler ist Psychologe in Berlin (West)

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 1987/5 Die Karte der nuklearen Welt, Seite