W&F 2026/1

Gewalt neu denken?

Konferenz, Leibniz Zentrum Moderner Orient, Berlin, 29.-30. Oktober 2025

Die Konferenz »Rethinking the Past, Present and Future of Violence« am Leibniz Zentrum Moderner Orient brachte Ende Oktober 2025 die Arbeitsgruppen »Gewaltordnungen« und »Soziologie der internationalen Beziehungen« (IPS) der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) zusammen. Die Arbeitsgruppen näherten sich ähnlichen Themen aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven, was zu einem fruchtbaren Austausch über die aktuelle Dynamik der internationalen Beziehungen und Gewaltordnungen führte.

In seiner Keynote reflektierte Jef Huysmans über die Spannung zwischen der Komplexität aktueller politischer Ereignisse und dem Bedarf nach Orientierung durch die Forschung. Anhand der Frage, wie die Dynamik der Versicherheitlichung (»Securitization«) in Europa im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine zu verstehen und zu erforschen ist, argumentierte Huysmans, dass die IPS weiterhin davon Abstand nehmen sollte, Aussagen über »die neue globale Ordnung« treffen zu wollen. Anstatt bestimmte Strukturen oder Ereignisse übermäßig zu kodifizieren, sollte die IPS sich zu einem analytischen Ansatz der »Transversalität« verpflichten, der Orientierung bieten soll, indem er die Vielfalt anerkennt sowie Veränderungen und Kontinuitäten beobachtet, ohne sie zu einer einzigen Erzählung »zusammenzufassen«. Transversalität analysiert beispielsweise, wie der Krieg in der Ukraine ein Ereignis ist, das Vorstellungen von Sicherheit sowie bestehende Konfliktkonstellationen in Umlauf bringt und verändert. Hier sollen wichtige Erkenntnisse der Konferenz – in Anlehnung an Huysmans’ Idee der Transversalität – herausgearbeitet werden.

Das zentrale wiederkehrende Thema der Tagung war der Begriff der Unsicherheit. Der Vortrag von Sebastian Schindler über »Post-Wahrheit« als eine Form des Anarchismus löste eine Debatte darüber aus, wie das Zeitalter der »Post-Wahrheit« zu einem zunehmenden Gefühl der Unsicherheit beigetragen hat. Wie mit dieser Unsicherheit umgegangen werden kann, zeigten zwei sehr unterschiedliche Beiträge. Lena Runge stellte in ihrer Arbeit das Potential und die Tücken von Vorhersagen in der Konfliktanalyse vor, insbesondere mit Blick auf die Analyse von Cyberangriffen. Sari Shrayteh analysierte die alltägliche Rolle von magischer Vorhersage in der libanesischen Gesellschaft als eine Form des Umgangs mit Unsicherheit.

Die Konferenzteilnehmenden diskutierten kritisch, wie Orientierung in dieser komplexen Welt entsteht, indem sie über die Wissenspolitik zu Gewalt reflektierten. Thomas Müller trug zu dieser Diskussion bei, indem er auf verschiedene »Zyklen der Expertise« einging, um zu erklären, wie der US-Militär-Thinktank RAND Marketingstrategien und -trends nutzt, um die epistemische Bedeutung bestimmter Formen von Technologien und Wissen bei der militärischen Strategieentwicklung zu beeinflussen und so Vorstellungen von Expertise zu erzeugen und gleichzeitig die eigene Organisation an die Spitze der Expertise setzen zu können. Ergänzend zum Gedanken des selektiven Einsatzes von Wissen zeigte der Vortrag von Sifka Ekklar Frederiksen, wie durch politikgesteuertes Wissen in den Datenbanken über Gewalt in deutschen Flüchtlingsunterkünften Ignoranz und »strategisches Nichtwissen« gegenüber verschiedenen Formen von Gewalt reproduziert wird. Diese Beiträge zeigten eindrücklich, wie die Produktion von Expertise und Nichtwissen zu Konflikten und Gewalt auch in aktuellen Zeiten weiterhin von Machtstrukturen geprägt sind.

Neben der Frage nach Unsicherheit, verband die Arbeitsgruppen auch der Begriff der Zeitlichkeit. Während sie – wie der Titel anbot – „die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Gewalt neu überdachten“, erörterten die Diskussionsteilnehmenden, wie Gewalt aufgrund ihrer vielfältigen Auswirkungen nicht linear verläuft, sondern auf verschiedenen Ebenen, und in verschiedenen Formen zirkuliert, wiederkehrt oder nachhallt. Katja Freistein zeigte in ihrem Beitrag auf, wie die Körperpolitik der extremen Rechten (mit neuen Technologien, wie KI) binäre Vorstellungen von Körpern produziert und so epistemische, strukturelle und physische Gewalt gegen Frauen* befördert. Jannis Grimm machte sichtbar, wie sich Solidaritätsbekundungen zu Gewalt in ein lokales Konfliktterrain einbetten und so eigene Dynamiken entwickeln. Anhand einer Forschung zu aktuellen Wandmalereien in Nordirland, die Solidarität mit Israel/Palästina zum Ausdruck bringen, zeigte er, dass die Motive und Aussagen der Wandmalereien nicht nur den konfessionellen Linien des nordirischen Konflikts zwischen Republikanern und Loyalisten folgen, sondern dass Solidaritätsbekundungen mit Palästina oder Israel auch zu einem strategischen Terrain des lokalen Konflikts werden. Die Solidaritätsbekundungen halten nicht nur scheinbar »vergangene« Episoden der Gewalt im Bewusstsein sondern dienen auch als Terrain für die Konfliktparteien, um Spannungen auszutesten und aktuell zu halten.

Was Gewalt in politischen Diskursen angeht, so stellte sich heraus, dass nach Meinung der anwesenden Forscher*innen das Publikum eine interessante und zu wenig erforschte Rolle spielt. Jan Busse wies in seiner Forschung auf die Vielzahl konkurrierender Zielgruppen hin (transnationale wie lokale, Gegner*innen wie Unterstützer*innen der Gewalt, usw.), was zu gegensätzlichen Auswirkungen und Reaktionen bei verschiedenen Gruppen führe. In seinem Vortrag diskutierte Busse die Zurschaustellung der Särge von Geiseln durch die Hamas, die seiner Meinung nach für einige Zuschauer*innen ein Zeichen der Stärke war, während sie auf andere eine abschreckende Wirkung hatte. Eva Johais schlug in ihrem Beitrag zur Rolle von Memes auf Social Media am Beispiel von NAFO (»North Atlantic Fella Organization«) vor, das Publikum nicht als passive Rolle zu verstehen. Statt des Begriffs »Publikum« schlug sie vor, das Konzept der »Gemeinschaft« (»Community«) zu verwenden.

Neben Fragen zur Wissenspolitik und politischen Diskursen kam in den Vorträgen immer wieder das Verhältnis zwischen Legitimität und Gewalt zur Sprache. So erwähnte Katja Freistein in der Diskussion, dass Gewalt, die durch demokratische Staaten ausgeübt werde, nur unzureichend untersucht und oft künstlich in verschiedene Analysekategorien eingeordnet werde. Die Legitimitätshierarchien von Leid und Opferrollen betrachtete Roy Karadag in einem Beitrag im Zusammenhang mit der Medienberichterstattung über den Krieg im Gazastreifen. Wolfgang Minattis Beitrag analysierte Gewalt nicht nur als Hindernis für Legitimität, sondern zeigte auch auf, wie Gewalt als Quelle politischer Legitimität dienen kann. Mit Blick auf die anhaltenden »sozialen Säuberungs«-kampagnen in Kolumbien zeigte er, wie diese als Kommunikationsmittel und zur Sicherung sozialer Akzeptanz für bestimmte Praktiken eingesetzt werden und so einen gesellschaftlichen Wandel hin zu einer verstärkten Stigmatisierung queerer Menschen bewirken. Hier legten die Konferenzteilnehmenden in der Diskussion einen Schwerpunkt nicht nur darauf, wie Gewalt legitimiert wird, sondern auch, wie sie als Teil von Machtausübung funktioniert und ausgeübt wird.

Die Vorträge und Diskussionen zeigten in ihrer Gesamtschau auf, wie eng Gewalt in Machtstrukturen eingebettet ist, seien es in epistemische, strukturelle oder politische, was im Kontext des zunehmenden Autoritarismus besondere Aufmerksamkeit erfordert. Die Konferenz bot Raum für Reflexionen über die Rolle von Forschenden innerhalb dieser Machtstrukturen sowie über die Bedeutung der Wahl geeigneter Begriffe und der strategischen Nutzung unserer Positionen für die aktive Gestaltung oder Verlagerung der Debatte. Am Ende betonten die Anwesenden, dass die Brücke zwischen den beiden Arbeitsgruppen der DVPW zu spannen als ein Ausgangspunkt betrachtet werden sollte, um dann auch in der Gesellschaft auf die Komplexität und die Manifestationen – nicht nur autoritärer – Gewalt zu reagieren.

Johanna Grabert, Mare Soetermeer

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/1 Ozeanien, Seite 53–54