Grenzen definieren Sichtbarkeit
Fallstudie der Grenzregion zwischen Bangladesch, Indien und Myanmar
von Dominik Juling und Felix Burckhardt
Grenzen strukturieren die Welt wie wir sie heute kennen, doch im Hinblick auf das Vergessen von bestimmten Konflikten werden sie nur selten mit in die Analyse aufgenommen. Welche Spannungen und Mechanismen spielen sich an diesen Orten zwischen staatlicher Souveränität, globaler Verantwortung und regionaler Dynamik ab? Tragen Grenzen zum Vergessen grenzübergreifender Konflikte bei, verringern also die internationale Sichtbarkeit jener Konflikte? Und welche Auswirkungen hat dies für die Berichterstattung, Politik, Wissenschaft und allgemeine Wahrnehmung hierzulande? Eine konzeptionelle Erkundung am Beispiel der Grenzregion zwischen Bangladesch, Indien und Myanmar.
Die 2024 veröffentlichten Konflikt-Trends des Peace Research Institute Oslo (PRIO) zeigen, dass im Jahr 2023 in so vielen Ländern Konflikte gewütet haben wie seit 1946 nicht mehr (Rustad 2024). Doch warum variiert die Sichtbarkeit, aus einer deutschen Perspektive blickend, von Konflikten so stark? Wir meinen, dass die weit verbreitete Herangehensweise, Konflikte als nur einem Land zugehörig zu beschreiben und zu analysieren, hier eine maßgebliche Rolle spielt. Zwar stellen nationalstaatliche Grenzen häufig den Grund für Konflikte dar, aber ihre Funktion bei der Wahrnehmung und Unsichtbarmachung von Konflikten ist unzureichend beforscht. Für die Aufdeckung der zugrundeliegenden Prozesse eignet sich das »Konfliktdreieck« in der Grenzregion zwischen Bangladesch, Indien und Myanmar gut, da die Sichtbarkeit dieses Konfliktes in Deutschland minimal ist.
Und dennoch waren Anfang 2024 in dieser Region mindestens 15 verschiedene bewaffnete nichtstaatliche Gruppen aktiv und seit dem Jahr 2000 hat es dort über 30.000 Tote und fast eine Million Vertriebene gegeben, wobei die meisten davon ab dem Jahr 2016 zu verzeichnen sind. In den drei Staaten gab es seit 2000 kombiniert fünf Regierungsumstürze, meist unter aktiver Beteiligung des Militärs, sowie massive genozidale Gewalt und in Myanmar einen immer noch andauernden Bürgerkrieg. Aber die konfliktreiche Region hat in Deutschland in der gesellschaftlichen, politischen, medialen und akademischen Öffentlichkeit nur eine geringe Sichtbarkeit.
Das »Konfliktdreieck«
Die hier fokussierte Weltgegend stand bis Mitte des 20. Jahrhunderts unter britischer Kolonialherrschaft. Als diese endete, wurden 1948 die neuen Grenzen zwischen den entstandenen Nationalstaaten festgelegt. Die Grenze zwischen der damaligen indischen Provinz Assam und dem damaligen Burma orientierte sich an den vormalig von den Briten definierten Regionsgrenzen. Im Falle von Ost-Pakistan wurde die britisch-kontrollierte Provinz Bengal zwischen Indien und Pakistan entlang der »Radcliffe-Linie« aufgeteilt. Diese nun verfestigten zwischenstaatlichen Grenzen trennten zum Beispiel das nun Ost-pakistanische Chittagong vom Rest Indiens ab und teilten die Nagalim-Region im äußersten Nordosten Indiens durch die Indisch-Burmesische Grenze entzwei.1
Die neuen Nationalstaaten waren jedoch keine Friedensgaranten, vielmehr sind sie allesamt durch eine Vielzahl an gewaltsamen Konfliktepisoden seit der Unabhängigkeit gekennzeichnet (vgl. Karte 1). In Myanmar flammten diese Konflikte gleich bei Staatsgründung 1948 entlang ideologischer und ethnischer Linien auf. Konfliktanlass war hier zumeist der Bruch von Verträgen über die Autonomie ethnischer Gruppen im neuen Zentralstaat. Viele der Forderungen drehten sich folglich um eben diese ethnische Autonomie und eine Begrenzung des Einflusses der, zumeist autoritären, nationalen Zentralregierung. Gewaltsame Höhepunkte der Konflikte gab es in den 1960er, 1980er und 2010er Jahren. Seit 2016 kommt es – bis heute – zu Gewaltaktionen gegen die muslimische Rohingya-Minderheit, die den Tatbestand eines Völkermordes erfüllen. Seit dem Militärputsch von 2021 gibt es zusätzlich einen zunehmend blutigen Bürgerkrieg, der das ganze Land erfasst hat und sich mit den Kämpfen um subnationale Autonomien der vergangenen Jahrzehnte verschmolzen hat (siehe u.a. Vrieze 2024).
In Nordost-Indien kam es mit der Gründung der separatistischen Gruppe »United National Liberation Front« (UNLF) im Jahr 1964 ebenfalls zu einer Reihe an bewaffneten Konfrontationen, die bis heute andauern. Das Zugeständnis von mehr Autonomie – umgesetzt durch die Gründung von sieben indischen Bundesstaaten entlang ethnischer Grenzen in den 1960er und 1970er Jahren – konnte das Entstehen von dutzenden bewaffneten Gruppen in der Folgezeit jedoch nicht unterbinden. Anders als in Myanmar nimmt die Aktivität der bewaffneten Gruppen allerdings seit etwa 10 Jahren ab, bis hin zur offiziellen Auflösung von Gruppen in mehreren Bundesstaaten (Bijen Meetei 2018).
In Bangladesch kam es seit 1977, vor allem im »Chittagong Hill Tract«, zu gewalttätigen Aktionen von Befürworter*innen einer größeren Autonomie für eine lokale ethnische Minderheit. Nach der Unterzeichnung eines Friedensvertrages 1997 endete die Gewalt, allerdings gibt es seit 2022 erneut Auseinandersetzungen in der Region (Islam 2018).
Bei Betrachtung der bewaffneten Gruppen in der Region fällt auf, dass es politisch-ideologisch, ethnisch, religiös, und territorial-sezessionistisch geprägte Akteure gibt. Bekämpft werden entweder der Staat, andere Gruppen oder beide zugleich. Oft spiegeln die Namen der auf Karte 1 (S. 30) verzeichneten bewaffneten Gruppierungen ihre Ausrichtung wider. Die Überschneidungen sind hier allerdings fließend. So gibt es in Manipur (Indien) zum Beispiel eine kommunistische bewaffnete Gruppe, die sezessionistische Ziele verfolgt und ihre Kämpfer*innen aus nur einer Ethnie rekrutiert, die wiederum alle einer bestimmten Religion angehören.
Insgesamt scheint es seit etwa der Jahrtausendwende zu mehr ethnisch-religiös motivierten Konfliktepisoden, anstatt politisch-ideologischen zu kommen. Dieser Fokus weg von den politischen Systemkonflikten des Kalten Krieges hin zu einem Fokus auf Identität ist im Einklang mit dem von Mary Kaldor geprägten Konzept der »Neuen Kriege« (Kaldor 2013).
Im hier beschriebenen Konfliktdreieck sind viele dieser Konflikte grenzübergreifend verbunden. Auf Karte 1 lässt sich beispielsweise erkennen, dass mindestens vier bewaffnete Gruppen im Jahr 2024 grenzübergreifend operierten. Oft sind die Regionen auf der anderen Seite der Nationalstaatsgrenze von denselben ethnischen Gruppen bewohnt und eine Reihe von grenzübergreifenden Ethno-Staaten werden als Ziel der bewaffneten Kampagnen propagiert, beispielsweise in Nagaland (Indien/Myanmar).
Karte 1: Die Karte zeigt die ungefähren Operationsbereiche relevanter bewaffneter Gruppen im „Konfliktdreieck“ im Sommer 2024
Von Grenzen und Sichtbarkeiten
Konflikte müssen es über eine gewisse »Schwelle der Aufmerksamkeit« schaffen, um Sichtbarkeit zu erhalten. Laut Simon haben Menschen – und kollektiv auch Gesellschaften – eine beschränkte Aufmerksamkeitsspanne. Mit seinem Konzept der Aufmerksamkeitsökonomie lässt sich erklären, warum es also nur gewisse Konflikte über die kritische Schwelle der begrenzten Aufmerksamkeit schaffen (Simon 1971). Hat es ein bestimmter Konflikt über die Schwelle geschafft, multipliziert sich die Aufmerksamkeit, da nun politische, akademische, mediale und gesellschaftliche Stimmen unter Druck stehen, sich zu positionieren und Kommentare abzugeben.
Zu den Unsichtbarmachungen des hier analysierten Konfliktdreiecks zählen die lange Dauer und Komplexität (teilweise seit einem halben Jahrhundert andauernde und miteinander verwobene Sub-Konflikte), die vergleichsweise geringen Opferzahlen und das Ausbleiben eines »Schock-Events« (hier hatte lediglich der Genozid an den Rohingya die Aufmerksamkeit durchbrochen), die große geographische Entfernung, die fehlende eigene historische oder koloniale Verbindung und auch das Fehlen einer bedeutenden Diaspora aus diesen Staaten in Deutschland. Nicht nur aus deutscher Perspektive sind zudem die vielen lokalen Dialekte und Sprachen eine weitere Herausforderung für journalistische Arbeit und Hilfsorganisationen, die Aufmerksamkeit schaffen könnten. Die Handlungen der entsprechenden Nationalstaaten, auf deren Gebiet die Konflikte ausgetragen werden, tun ihr Übriges: Oft haben die Regierungen kein Interesse an interner und internationaler Aufmerksamkeit und erlassen daher Informationssperren, verfolgen Journalist*innen strafrechtlich und verwahren sich auf diplomatischer Bühne gegen »Einmischung in interne Angelegenheiten«. Hier kann also auf nationaler Ebene ein Verschweigen des Konfliktes und auf internationaler Ebene eine gezielte Nationalisierung des Konfliktes beobachtet werden. Auch die Interessen alliierter Staaten dürfen bei der Unsichtbarmachung nicht vergessen werden. So haben zum Beispiel Russland und China im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ihr Veto zu weiteren Maßnahmen gegen die Militärjunta in Myanmar und deren massive Verletzungen der Menschenrechte ausgespielt. All diese Faktoren sind nicht unerwartet.
Viele der genannten Gründe für Unsichtbarkeit haben, so unsere These, allerdings mit einem bestimmten Blick auf diese Konflikte zu tun: der internationalen Bedeutung von Grenzen und der damit verbundenen »Nationalisierung« von Konflikten und damit auch deren »Isolierung« auf einem Territorium. Bei grenzübergreifenden Konflikten kann diese nationalstaatliche Sichtweise beispielsweise zu einer falschen Analyse der Hintergründe und zu einer Missinterpretation der Opferzahlen und des wirklichen Ausmaßes des Konfliktes führen.
Die Wechselwirkung zwischen Konfliktdynamiken und Grenzregimen besteht dabei an jeder Form von Grenzstrukturen: nationalstaatlichen Außengrenzen, Grenzen innerhalb von Staaten (z.B. zwischen Bundesstaaten und Provinzen) und anderen staatlichen Gemarkungen. Neben diesen stehen intergruppal relevante Grenzen (bspw. Grenzverläufe zwischen ethnischen Siedlungsgebieten) und politisch relevante, alternative Grenzvorstellungen oder Kenntnisse von historischen Verläufen (bspw. relevant für sezessionistische Gruppen). Vielfach werden in Konflikten auch »natürliche« Grenzen benannt (z.B. Flussverläufe, Bergkämme oder Strömungstäler). Nicht alle diese Grenzen müssen oder können klar territorial markiert werden, ihre Uneindeutigkeit kann sowohl Konflikttreiber als auch lebensweltlich relevante Navigationshilfe sein (bspw. wenn es um Jagdgebiete geht, die allerdings eher informellen Charakter haben). Allerdings können sie alle für Konflikte mobilisiert werden.
Gerade die unterschiedliche Behandlung von Grenzen durch die Akteure auf den jeweils gegenüberliegenden Seiten schafft häufig Konfliktanlässe. Im Falle der Grenze zwischen Indien und Myanmar wurde beispielsweise nach der Unabhängigkeit von Großbritannien ein Abkommen geschlossen, das es ethnischen Gruppen erleichtert, die Grenze temporär zu übertreten. Aufgrund der grenzübergreifenden Aktivitäten bewaffneter Gruppen wurden diese Freiheiten in den darauffolgenden Jahrzehnten von indischer Seite allerdings einseitig eingeschränkt. Indien versucht bereits seit längerem einen Grenzzaun zu bauen und hat im Februar 2024 aufgrund erneuter ethnischer Konflikte in der Region angekündigt, die erleichterten Grenzübertritte abzuschaffen, was wiederum zu Protesten der ansässigen ethnischen Minderheiten geführt hat. Wenn die politische Mobilisierung von Grenzen und die bauliche Beschaffenheit von Grenzanlagen von den Akteuren auf beiden Seiten je deutlich unterschiedlich gestaltet werden, kann dies die Konfliktdynamik anheizen. In der Humangeographie wurde dazuhingehend beobachtet, dass »fließende« gegenüber »festen« Grenzen häufig weniger konfliktverschärfend sind (vgl. Paasi 1998; Newman 2017).
Eine weitere Wechselwirkung ist die zwischen Grenzen und der Peripherie-Zentrums-Dynamik. Zum einen erzeugen Grenzen, als äußerste Bereiche eines Staates, überhaupt erst die Wahrnehmung einer Peripherie, liegen aber häufig auch in bereits bestehenden, topographisch randständigen und ökonomisch weniger produktiven Gebieten (Rumley und Minghi 1991; Diener und Hagen 2010). Damit sind sie weit vom Zentrum entrückt – alltäglich, politisch, diskursiv. Gleichzeitig können Grenzen auch in das Zentrum von staatlicher Aufmerksamkeit wandern und somit für Konflikte sorgen. Vasquez beschreibt die Tendenz von Nationalstaaten, Grenzen als Macht- und Herrschaftssymbole zu verteidigen und Ressourcen an Grenzen erschließen und sichern zu wollen (Vasquez 1993).
Je nach Umgang folgen daraus auch unterschiedliche Strategien für die Regierungen der Nationalstaaten. Im Falle des analysierten Konfliktdreiecks lässt sich das am Grenzverlauf zwischen Indien und Myanmar illustrieren. Oft auch als Bedingung für Friedensabkommen, investiert die Regierung in Delhi verhältnismäßig viel in die nordöstlichen Bundesstaaten – und zentriert damit das Gebiet auf dieser Seite der Grenze. Auf der Seite von Myanmar allerdings werden diese Gebiete nicht nur von der Junta vergessen, sondern aktiv »peripheralisiert«. Mittlerweile hat die Junta in Myanmar fast gänzlich die Kontrolle über die Grenzregionen verloren. Die Grenzen mögen zwar »künstlich« von kolonialen Beamten gezogen worden sein, der heute existierende Umgang mit ihnen hat allerdings auch reale Auswirkungen auf zum Beispiel stark unterschiedliche Lebensstandards oder das Erleben von Frieden und Stabilität auf den jeweiligen Seiten. Gerade durch zunehmend divergente Lebensrealitäten infolge von Grenzverfestigungen in einem vormals nicht getrennten Gebiet ergeben sich so langfristig wieder neue Konfliktpotenziale, wie Sassen (2013) beschreibt. Häufig ziehen diese Unterschiede der Zentrierung und Peripheralisierung von Grenzregionen auch sehr ungleich verlässliche Datenlagen auf verschiedenen Seiten der Grenze nach sich, was weiter zur Unsichtbarmachung transnationaler Konflikte beitragen kann.
Grenzen helfen dem Vergessen
Manche der beschriebenen Beobachtungen, wie zum Beispiel die ungleiche sozioökonomische Entwicklung beiderseits der Grenzen, spricht für eine nationalisierende Wirkung von Grenzen. Sofern also die Grenzen durch einen zusammenhängenden Konfliktherd hindurch verlaufen, hat dies den Effekt, dass einzelne Teile des Konfliktes isoliert werden und fortan nur noch mit dem jeweiligen Nationalstaat in Verbindung gebracht werden, auf dessen Territorium der Teil des Konfliktes ausgetragen wird. Sobald diese nationalisierte Lesart des Konflikts vom Interpretationsraster der deutschen Öffentlichkeit aufgefasst wird, repliziert sich die nationalisierte Lesart immer weiter, bis hin zu Konfliktdatenbanken und dem akademischen Diskurs. In Form des sogenannten »methodologischen Nationalismus« wurde diese Kritik an Nationalstaaten als unverrückbarer Grundlage und Einheit für Analysen bereits vielfach überzeugend beschrieben (siehe v.a. Wimmer und Glick Schiller 2002; Weiß 2010). Eine ähnliche Kritik bringt das Konzept des »whole nation bias« vor, in etwa übersetzbar mit »nationaler Voreingenommenheit«, das beschreibt, wie oftmals die komplexe Vielfalt innerhalb eines Landes vereinfacht und dadurch verzerrt wird, dass Nationalstaaten als homogen dargestellt oder analysiert werden (Böttcher 2018).
Setzt man sich also nun mit diesem konzeptionellen Unterbau die Brille der deutschen Öffentlichkeit auf, so werden aus dem eigentlich eng verknüpften Konfliktdreieck drei separate Konflikte. Dies geschieht sowohl durch die theoretisch beschriebene und sich durch alle Teile der deutschen Öffentlichkeit ziehende passive »gesamtstaatliche Voreingenommenheit«, aber auch durch aktive nationale und internationale Interessen der »Nationalisierung«. Hier entsteht fast schon ein Paradoxon, indem Grenzen wie beschrieben zu mehr grenzübergreifenden Konflikten führen können, aber gleichzeitig zu einem Vergessen derselben beitragen können.
Und nun?
Diese Erkenntnis hat eine Reihe von Implikationen. In der Praxis zum Beispiel macht diese Nationalisierung die Sichtbarkeit von möglicherweise legitimen transnationalen Anliegen auf der Weltbühne, bei den Vereinten Nationen oder in der Forschung schwieriger. Blickt man auf koloniale Grenzziehungen in Afrika während der Berliner Kongokonferenz 1885, im Nahen Osten nach dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916 oder eben auch auf das hier analysierte Dreieck, so diente die Aufteilung ethnischer Gruppen oft ganz bewusst ihrer Marginalisierung. Damals wie heute versucht die Staatsmacht also in manchen Fällen Grenzen gezielt zu nutzen, um Gruppen und deren Anliegen, sowie Sichtbarkeit, zu kontrollieren.
Da die Nationalisierung von grenzübergreifenden Konflikten zu ineffektiven Lösungsstrategien führen kann, steigt auch die Gefahr von negativen »Überraschungen« – nicht zuletzt für dritte Kontexte, bspw. also für Deutschland. Viele eigentlich relevante Informationen schaffen es im Vorlauf von Katastrophen nicht über die Schwelle der Berichterstattung oder auf die relevanten Schreibtische der Ministerien in Berlin. Das Fehlen des Themas in den Medien geht dann auch meist mit mangelnder zivilgesellschaftlicher Organisation zum Thema einher. Meist ist es dann bei der Überschreitung dieser Schwelle, wie im Falle des Genozids an den Rohingya, bereits zu spät. Würde mehr Augenmerk auf grenzübergreifende Hintergründe und Dynamiken gelegt werden, könnte die Vorausschau in vielen Szenarien verbessert werden.
Insbesondere die akademische Gemeinschaft ist daher aufgerufen, entlang der Kritik des »methodologischen Nationalismus« und des »whole nation bias« zu verändern, wie Fallstudien ausgewählt und Konfliktdatenbanken erstellt werden, insbesondere bei grenzübergreifenden Konflikten. Angefangen bei kleinen Anpassungen, wie der Erweiterung von Konfliktkarten über nationale Grenzen hinaus, bis hin zu größeren Forschungsprojekten zu dem Themenkomplex aus Konflikten, Grenzen und Sichtbarkeit, gibt es diverse Möglichkeiten zum Umgang mit den beschriebenen Problemen. Sie alle könnten helfen, die Schwellen der Sichtbarkeit zu verschieben. Kaldors »Neue Kriege« haben die »alten« abgelöst. Jeder Versuch, hier mehr Klarheit zu schaffen und analytische Schärfe zurückzugewinnen, hat auch Auswirkungen außerhalb der akademischen Sphäre – und weniger grenzübergreifende Konflikte werden »vergessen«.
Anmerkung
1) Für den weiteren Verlauf des Artikels werden der Einfachheit wegen die im Jahr 2024 gebräuchlichen Namen der drei Länder verwendet. Seit 1971 heißt Ost-Pakistan, nach seiner Unabhängigkeit von Pakistan, Bangladesch, 1989 hat die burmesische Regierung begonnen, offiziell den Namen Myanmar zu nutzen, auch wenn dieser Name nicht frei von Kontroversen ist, und der damalige indische Bundesstaat Assam wurde mittlerweile in mehrere kleinere Bundesstaaten aufgeteilt.
Literatur
Bijen Meetei, N. (2018): State’s response to intra-state conflicts: The case of North-East India. History and Sociology of South Asia 12(2), S. 137-148.
Böttcher, F. (2018): Der Whole-Nation Bias in der empirischen Forschung. Theorie und Empirie am Beispiel der Demokratiemessung in 18 föderalen Staaten. Wiesbaden: Springer VS.
Diener, A.C.; Hagen, J. (Hrsg.) (2010): Borderlines and borderlands: Political oddities at the edge of the nation-state. Lanham: Rowman & Littlefield.
Islam, R. (2018): Field research in the conflict zone: An empirical study of the Chittagong Hill Tracts (CHT) in Bangladesh. Unveröff. Paper, Flinders University, Australien.
Kaldor, M. (2013): In defence of New Wars. Stability: International Journal of Security and Development 2(1), 4 (S. 1-16).
Newman, D. (2017): Borders, boundaries, and borderlands. In: Richardson, D. et al. (Hrsg): International encyclopedia of geography. Hoboken: Wiley, S. 1-13.
Paasi, A. (1998): Boundaries as social processes: Territoriality in the world of flows. Geopolitics 3(1), S. 69-88.
Rumley, D.; Minghi, J.V. (Hrsg.) (1991): The geography of border landscapes. London: Routledge.
Rustad, S.A. (2024): Conflict trends: A global overview, 1946-2023. PRIO Paper. Oslo: PRIO.
Sassen, S. (2013): The global city: New York, London, Tokyo. Princeton: Princeton University Press.
Simon, H. (1971): Designing organizations for an information-rich world. Computers, communications, and the public interest. Baltimore: Johns Hopkins Press.
Vasquez, J.A. (1993): The war puzzle. Cambridge; N.Y.: Cambridge University Press.
Vrieze, P. (2024): Movement escalation and mobilization for resistance: From anti-coup protest to ‘people’s war’ in Myanmar. Political Geography 114, 103165.
Weiß, A. (2010): Vergleiche jenseits des Nationalstaats. Soziale Welt 61(3-4), S. 295-311.
Wimmer, A.; Glick Schiller, N. (2002): Methodological nationalism and beyond: Nationstate building, migration and the social sciences. Global Networks 2(4), S. 301-334.
Dominik Juling verfügt über einen Masterabschluss in Conflict Studies und forscht aktuell im Rahmen eines weiteren Masterstudiums in Environmental Sciences an der Yale University zu Klimawandel und Konflikten.
Felix Burckhardt war als Teil seines Studiums im Fach Politics and Technology im Jahre 2019 als Praktikant an der deutschen Botschaft in Myanmar tätig. Seitdem beschäftigt er sich auf eigene Initiative hin mit dem dort andauernden Bürgerkrieg.

