Interdisziplinäre Perspektiven auf schleichende Gewalt
4. Jahrestagung, TraCe Netzwerk, Philipps-Universität Marburg, 19.-21. November 2025
Gewalt wird häufig als plötzliches, sichtbares Ereignis wahrgenommen. Viele Formen manifestieren sich jedoch allmählich, über lange Zeiträume und jenseits medialer Aufmerksamkeit. Unter dem von Rob Nixon (2011) geprägten Begriff der »slow violence« werden genau jene Arten von Schädigung verstanden, die sich schleichend entfalten und daher leicht übersehen werden. Ursprünglich für die (un-)sichtbaren Folgen von Umweltzerstörung geprägt, wird »slow violence« als Konzept mittlerweile auch in Forschungen zu Krieg, Migration, Rassismus, strukturellen Ungleichheiten oder postkolonialen Machtverhältnissen angewandt. Vor diesem Hintergrund widmeten sich über 130 Teilnehmende auf der vierten Jahreskonferenz »Beyond the Spectacle: Interdisciplinary Approaches to Slow Violence and Political Harm« des Forschungsnetzwerks »Transformations of Political Violence« (TraCe) der theoretischen und empirischen Untersuchung schleichender Gewaltformen und ihrer Einbettung in verschiedene soziale und politische Kontexte.
Eröffnet wurde die Konferenz mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion im Historischen Rathaus unter dem Titel »Gewalt in Zeitlupe: Fehlende Aufmerksamkeit für schleichende Zerstörung«. Unter der Moderation von Verena Mischitz diskutierten Anika Oettler, Jakob Simmank, Theresa Deichert und Carla Hinrichs stellvertretend für die Perspektiven von Wissenschaft, Journalismus, Kunst und Klimaaktivismus die Rolle von Medien und Forschung bei der Sichtbarmachung vermeintlich »unsichtbarer« Gewalt, die Bedeutung künstlerischer Formate für die öffentliche Sensibilisierung zu solcher Gewalt sowie die Reproduktion schleichender Gewalt durch staatliche Institutionen. Debattiert wurde zudem, ob für eine Bearbeitung eine »Spektakularisierung« notwendig ist oder ob Bearbeitung eher am politischen und gesellschaftlichen Willen zur Veränderung scheitert, als notwendigerweise an der Sichtbarkeit. Die in der Diskussion aufgeworfenen Fragen zu analytischer Erfassung, gesellschaftlicher Sichtbarkeit und politischer Verantwortung blieben auch während der beiden anschließenden Konferenztage zentral.
Über acht Panels und zwei Keynotes hinweg präsentierten mehr als vierzig Wissenschaftler*innen Fallstudien aus Ländern wie Äthiopien, Brasilien, Kenia, Kolumbien, Mexiko, Palästina, Rumänien, Schweden, der Türkei, den USA und Vietnam. Dabei standen verschiedenste betroffene Gruppen im Mittelpunkt: indigene Gemeinschaften, Migrant*innen, LGBTIQ+-Personen, Bewohner*innen städtischer Randgebiete, politisch stigmatisierte Gruppen sowie Menschen in extraktivistisch ausgebeuteten Landschaften, informellen Siedlungen oder dysfunktionalen Rechtssystemen. Die Beiträge machten deutlich, dass langsame Gewalt vielfältige Erscheinungsformen annimmt, tiefgreifende Auswirkungen auf Körper, Lebensweisen, Institutionen und Landschaften hat und relational wirksam wird. Dabei rückten Fragen nach und Herausforderungen der Sichtbarmachung und Adressierbarkeit schleichender Gewalt, ihre Gleichzeitigkeit und Verkopplung mit anderen Gewaltformen sowie Fragen von Verantwortung in den Mittelpunkt intensiver Diskussionen.
(Un-)Sichtbarkeit von Gewalt
Die Beiträge, die sich mit der (Un-)sichtbarkeit schleichender Gewalt auseinandersetzten, verdeutlichten unter anderem, dass unterschiedliche soziale Gruppen – etwa Frauen, Kinder, ältere Menschen oder Personen mit geringeren Ressourcen – auf jeweils spezifische Weise betroffen sind, wodurch sich auch die Formen der Unsichtbarkeit unterscheiden. Umstritten blieb in den Diskussionen, ob vor allem individuelles Leid unsichtbar bleibt oder ob vielmehr der politische Wille fehlt, es anzuerkennen und zu bearbeiten.
Anknüpfend daran richteten mehrere methodische Beiträge den Fokus auf die Sichtbarmachung und Dokumentation schleichender Gewalt. Vorgestellt wurden u.a. auf das verkörperlichte Erleben fokussierende Forschungsansätze, die beispielsweise Erfahrungen femininer Subjekte durch Praktiken wie das Weben zugänglich machen helfen, analytische Methoden zur Erfassung atmosphärischer Gewalt sowie visuelle und künstlerische Verfahren zur Darstellung individueller Erfahrungen und struktureller Veränderungen von Lebensweisen, Institutionen oder Landschaften über die Zeit. In seiner Keynote stellte Eyal Weizman (Forensic Architecture, UK) vor, wie sich durch die Kombination von Luft- und Satellitenbildern, Zeug*innenberichten und räumlichen Modellierungen langanhaltende Gewaltprozesse – etwa im Gazastreifen, wo eine Abfolge von Zerstörung und Wiederaufbau über Jahrzehnte die Landschaft prägte – rekonstruieren lassen.
Neben der methodischen Umsetzung der Sichtbarmachung rückten in der inhaltlichen Auseinandersetzung auch die Strategien der Betroffenen in den Fokus. Besonders aus feministischer Perspektive wurde betont, dass die Betroffenen Wege entwickeln, um ihre Erfahrungen zu artikulieren, sich zu organisieren und institutionelle Aufmerksamkeit einzufordern. Hierfür, so zeigte Natascha Mueller-Hirth in ihrer Keynote, eignen sich gemeinschaftsbasierte Initiativen – wie in ihrem Beispiel in den informellen Siedlungen Nairobis, wo sich Umweltzerstörung, Krankheiten, Pandemiefolgen, Lebenshaltungskrisen, und erzwungene Räumungen überlagern. Diese Initiativen schaffen Orte, an denen Wissen geteilt, Netzwerke aufgebaut, Schutzräume etabliert und kollektives politisches Handeln entwickelt wird. Entsprechend plädierte Mueller-Hirth dafür, den Blick auf solche innovativen Praktiken der alltäglichen Umgestaltung zu richten. Ferner wurde von Beitragenden die Rolle medialer Sichtbarkeit, ästhetischer Dokumentation und strafrechtlicher Verantwortungszuweisung hervorgehoben – als Mittel, um schleichende Gewalt erfahrbar zu machen sowie gesellschaftliche Resonanz zu erzeugen.
Verkopplung von Gewaltformen
Viele der Beiträge hoben die enge Verknüpfung unterschiedlicher Gewaltformen hervor, insbesondere das Zusammenspiel langsamer und schneller sowie sichtbarer und weniger sichtbarer Gewalt. Anhand von Beispielen wie ökologischer Zerstörung, Enteignung, Migration, geschlechtsspezifischer Gewalt und urbaner Unsicherheit wurde gezeigt, wie sich diese Gewaltformen gegenseitig verstärken und langfristige Schäden verursachen. Neben Krieg, Vertreibung oder Extraktivismus rückten damit auch weniger offensichtliche Gewaltformen in den Blick, etwa migrationspolitisch erzeugte Unsicherheit, eingeschränkte politische Teilhabe oder über Jahrzehnte hinweg verzögerte oder blockierte juristische Verfahren. Schleichende Gewalt wurde dabei als integraler Bestandteil komplexer Gewaltkonstellationen verstanden, in denen zusätzlich strukturelle Ungleichheiten sowie institutionelle und direkte Gewalt miteinander verflochten sind. Offen blieb jedoch, wie diese Formen analytisch trennscharf zu erfassen und ihre kumulative Dynamik angemessen zu analysieren sind.
Besonders betont wurde die Verbindung von schleichender Gewalt mit Machtverhältnissen, die aus kolonialen Herrschafts- und Wissensordnungen hervorgegangen sind und bis in die Gegenwart fortwirken. Konferenzbeiträge zu Umweltzerstörung und Rohstoffabbau im sogenannten Globalen Süden zeigten, dass staatlich legitimierte Eingriffe nicht allein kapitalistischen Ausbeutungslogiken folgen, sondern an koloniale Praktiken der Aneignung, Externalisierung von Kosten sowie der Hierarchisierung von Räumen und Bevölkerungen anschließen und dadurch langfristige soziale und ökologische Schäden vor allem für marginalisierte Gruppen produzieren. Auch im Bereich von Geschlecht und Sexualität wurden diese Kontinuitäten sichtbar, insofern kolonial geprägte rechtliche und moralische Ordnungen fortbestehen, die nicht-heteronormative Identitäten regulieren und ausschließen, was über eine rein sexistische Deutung hinausweist. Insgesamt verdeutlichten die Beiträge, dass sich Verletzungen über lange Zeiträume hinweg akkumulieren, Mensch und Umwelt gleichermaßen betreffen und als Ausdruck historisch gewachsener Machtasymmetrien verstanden werden müssen, woraus sich die Notwendigkeit ergibt, diese überlagernden Zeitlichkeiten von Gewalt systematisch in Analysen einzubeziehen und Fragen politischer, rechtlicher und moralischer Verantwortung neu zu bestimmen.
Fragen der Verantwortung
Gerade wenn multiple Krisen und Gewaltformen sich überlagern und Schaden allmählich entfalten, werden Fragen von Zuständigkeit und Verantwortung besonders komplex. Gewalt, die sich über Jahrzehnte hinweg durch institutionelle Strukturen in kleinen, kumulativen Schritten manifestiert, lässt sich kaum einzelnen Akteur*innen zuordnen. Zuständigkeiten sind oft verschachtelt oder fragmentiert, Täter*innenschaft ist oft nicht personalisierbar, wodurch juristische und politische Aufarbeitung erschwert wird. Im Austausch der Konferenzteilnehmer*innen wurde deutlich, dass Gerichte und politische Institutionen häufig nur begrenzt geeignet sind und strukturelle oder schleichende Gewalt nur begrenzt adressieren können – einerseits weil ihre Verfahren auf punktuelle Ereignisse und individualisierte Verantwortlichkeit ausgerichtet sind, andererseits weil die Kontinuität institutioneller Praktiken, Routinen und personeller Besetzungen innerhalb staatlicher und justizieller Apparate Aufarbeitungsprozesse teilweise verhindert oder blockiert. So zeigten mehrere Beiträge, dass bürokratische und rechtliche Verfahren selbst gewaltförmig wirken können, wenn jahrzehntelange Verzögerungen, Vernachlässigungen oder formale Hürden Betroffenen systematisch Anerkennung, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung verwehren, bestehende Machtasymmetrien stabilisieren und dadurch fortdauernden Schaden produzieren.
Verantwortungsfragen wurden nicht nur rückblickend auf die Ermöglichung schleichender Gewalt bezogen, sondern auch auf die Verantwortung für deren Sichtbarmachung und Adressierung. In diesem Zusammenhang wurden alternative Formen der Verantwortungszuweisung hervorgehoben: öffentliche Dokumentation, Community-Prozesse oder künstlerische Interventionen machen politische und moralische Verantwortung sichtbar und verdeutlichen, dass Verantwortung für schleichende Gewalt die systemische Dimension von Institutionen und Machtverhältnissen berücksichtigen muss. Entsprechend sollte Verantwortung nicht nur individuelles Handeln adressieren, sondern auch die Strukturen, Routinen und Machtmechanismen einbeziehen, die Gewalt über längere Zeiträume reproduzieren. Zugleich wurde dafür plädiert, Verantwortung stärker zukunftsgerichtet zu denken. Anknüpfend an Debatten um Reparationen wurde betont, dass die Frage nach der Verantwortung weniger auf nachträgliche Sanktionierung als auf den Auftrag, für langfristige Gerechtigkeit, Prävention und strukturelle Transformation zu sorgen zielt, insbesondere dort, wo institutionelle Mechanismen versagen.
Zusammengenommen zeigen die Vielfalt der Beiträge, die intensiven Diskussionen und die große Resonanz der Konferenz, dass das Konzept der »slow violence« einen fruchtbaren Rahmen bietet, um Gewalt jenseits spektakulärer Ereignisse disziplinübergreifend zu analysieren. Es lenkt den Blick auf graduelle, sich über Jahre und Generationen entfaltende Schädigungen, die in Körpern, Institutionen, Landschaften und sozialen Ordnungen eingeschrieben sind. Dabei hinterfragt es etablierte Vorstellungen von Evidenz und Zeitlichkeit und regt dazu an, Macht und Gewalt in ihren langfristigen Verläufen zu erkennen, analytisch zu erfassen und Verantwortung neu zu denken. Auch wenn viele Fragen offen blieben, bildet »slow violence« offenkundig einen praxisrelevanten analytischen Ausgangspunkt, um politische Gewalt, ihre weniger beachteten Dynamiken und ihre langfristigen Folgen sichtbar und bearbeitbar zu machen.
Kristine Andra Avram, Simona Zanini

