Komplizierte Verflechtungen
Drei Fälle von Kolonialismus und Mikronationalismus aus Ozeanien und Ostindonesien
von Stewart Firth
Drei nationalistische Bewegungen fordern die Regierungen der Pazifikinseln und Ostindonesiens heraus. Alle sind klein und haben ihren Ursprung in der Kolonialgeschichte: Frankreichs Besetzung Neukaledoniens seit 1853, Papua-Neuguineas Übernahme der Insel Bougainville von Australien bei der Unabhängigkeit 1975 und Indonesiens Kontrolle über West-Papua seit 1963. In allen Fällen ist es unwahrscheinlich, dass die herrschenden Mächte die Unabhängigkeit gewähren, so dass diese Bewegungen darum ringen, internationale Unterstützung zu gewinnen.
Keines der pazifischen Inselgebiete war 1960 unabhängig, dem Jahr in dem die UN-Generalversammlung in ihrer Resolution 1514 erklärte, dass „die Unterwerfung von Völkern unter fremde Herrschaft, Beherrschung und Ausbeutung eine Verweigerung grundlegender Menschenrechte darstellt“ (UN 1960).
Im Pazifik vollzogen sich in den darauffolgenden 34 Jahren eine Reihe von Dekolonisierungen: Westsamoa, Cookinseln, Nauru, Fidschi, Tonga, Niue, Papua-Neuguinea, Salomonen, Tuvalu, Kiribati und Vanuatu. Nördlich des Äquators wurden die unter einer strategischen Treuhandschaft der UN von den USA verwalteten mikronesischen Gebiete dekolonisiert: die Marshallinseln, die Föderierten Staaten von Mikronesien und in 1994 Palau. In den meisten Fällen handelte es sich um vollständige Dekolonisierungen, bei denen alle Befugnisse auf den neuen Staat übertragen wurden. Fünf Länder etablierten eine fortdauernde strategische und migrationspolitische Verbindung, die als »freie Assoziierung« mit der ehemaligen Kolonialmacht bezeichnet wird: die Marshallinseln, die Föderierten Staaten von Mikronesien und Palau mit den Vereinigten Staaten; die Cookinseln und Niue mit Neuseeland.
Die Ausnahmen in der Dekolonisierung waren:
- erstens die von Frankreich verwalteten Kolonialgebiete: Neukaledonien, Französisch-Polynesien sowie Wallis und Futuna, die alle bis heute rechtlich Teil der Französischen Republik sind;
- zweitens Fälle, die als »Subkolonisationen« bezeichnet werden können, d. h. Kolonisierungen durch eine Macht, die selbst bereits kolonisiert war und ihre Unabhängigkeit erlangt hat. Diese beiden Fälle sind: West-Papua, die westliche Hälfte der Insel Neuguinea, die bis 1962 unter niederländischer Kolonialherrschaft stand und dann durch ein von den USA inszeniertes diplomatisches Manöver an Indonesien fiel; und Bougainville, eine Insel, die Teil des australischen Kolonialgebiets Papua und Neuguinea war und 1975 vom unabhängigen Staat Papua-Neuguinea annektiert wurde.
Bedingungen für pazifische Unabhängigkeitsbewegungen
Ein Großteil der Pazifikinseln wurde dekolonisiert, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert wurde. Im Gegenteil, die Eliten einiger Inselstaaten, wie beispielsweise Fidschi, das von Großbritannien regiert wurde, bedauerten den Abzug der Kolonialherren geradezu (Lal 1992, S. 188f.). Diese Eliten in den Kleinststaaten (alle Pazifikstaaten mit Ausnahme von Papua-Neuguinea hatten weniger als eine Million Einwohner*innen) wussten, dass ihre Ressourcen knapp und ihre Zukunft ungewiss waren, und sie waren sich ihrer Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Hilfe der ehemaligen Kolonialmächte bewusst, die weiterhin Entwicklungshilfe leisteten. Aus diesem Grund, so meine These, gab es auf den Pazifikinseln keine so starken und organisierten Unabhängigkeitsbewegungen wie in Asien und Afrika.
An drei Orten jedoch war die Situation eine andere: in den französischen Kolonien, in West-Papua und in Bougainville. Hier entstanden mikronationalistische Bewegungen als Reaktion auf die als unvollständig und ungerecht empfundene Dekolonisierung:
- Seit ihrem Entstehen in den 1960er Jahren ist die Unabhängigkeitsbewegung West-Papuas sowohl von bewaffneter Gewalt als auch von friedlichem Widerstand geprägt;
- Die Bewohner*innen Bougainvilles führten in den 1990er Jahren einen Krieg um die Abspaltung von Papua-Neuguinea;
- und die tiefen Ressentiments der indigenen Kanak-Bevölkerung in Französisch-Neukaledonien brachen 2024 erneut mit voller Wucht hervor, als weit verbreitete Unruhen und Zerstörungen das normale Leben zum Erliegen brachten. In einer Reprise französischer Kolonialherrschaft früherer Jahrhunderte wurden die sieben mutmaßlichen Rädelsführer*innen zur Verbüßung ihrer Haftstrafen nach Frankreich deportiert (Cursino 2024).
Fortgesetzter Siedlerkolonialismus: Der Fall Neukaledonien
Zwei Siedlerkolonien prägen die Region: West-Papua und Neukaledonien. Neukaledonien wurde 1853 von Frankreich annektiert und wurde zu einem Ort, an den Rebellen und Gefangene geschickt werden konnten, darunter mehr als eintausend aus der politischen Unterdrückung, die auf die kurzlebige Pariser Kommune von 1870 folgte. Die anhaltende französische Einwanderung über Jahrzehnte hinweg hat dazu geführt, dass französische Einwohner*innen heute eine beträchtliche Minderheit der Gesamtbevölkerung ausmachen – etwa ein Viertel von 265.000 Menschen im Jahr 2025 –, während andere nicht-indigene Gruppen ein weiteres Fünftel ausmachen und die Kanak*innen (indigene Bevölkerung) auf 41-45 % Bevölkerungsanteil geschätzt werden.1
In den 1980er Jahren entstand während der Unruhen, die als »les événements« bekannt sind, eine militante Unabhängigkeitsbewegung: die neue »Front de Libération Nationale Kanak et Socialiste« (FLNKS) boykottierte Wahlen, errichtete Straßensperren und bildete unter Jean-Marie Tjibaou eine provisorische Regierung. Ihr Ziel war die Gründung eines unabhängigen Staates namens »Kanaky«. Die französische Regierung reagierte darauf nicht nur mit einer Reihe von Plänen für die Zukunft des Gebietes, sondern auch mit der Entsendung von 6.000 Soldaten, die im Rahmen einer Politik der »Nomadisierung« (wie in Algerien) in der Nähe von Kanak-Dörfern stationiert wurden. Die Spannungen erreichten 1988 ihren Höhepunkt, als Kanak*innen kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen 27 Geiseln in eine Höhle auf der Insel Ouvéa verschleppten: Französische Truppen stürmten die Höhle, dabei wurden 19 Kanaken und zwei französische Soldaten getötet. François Mitterrand gewann die Wahl und setzte das »Matignon-Abkommen« auf, das die Abstimmung über die Unabhängigkeit um zehn Jahre verzögern sollte und darauf abzielte, die Lebensbedingungen und Bildungschancen der Kanak*innen zu verbessern (Fisher 2013).
Als das Ende der Zehn-Jahres-Frist näher rückte, wurde ein weiteres Abkommen geschlossen, das »Nouméa-Abkommen« (1998), in dem sich Frankreich für die Ungerechtigkeiten der Kolonialherrschaft entschuldigte und lokale Befugnisse an die Territorialregierung übertrug, während jedoch wichtige Befugnisse in den Bereichen Außenpolitik und Verteidigung beim französischen Staat verblieben. Letztendlich wurde beschlossen, dass der künftige politische Status Neukaledoniens vom Ergebnis dreier Referenden in den Jahren 2018, 2020 und 2021 abhängen sollte. Keines davon wurde von den Befürworter*innen der Unabhängigkeit gewonnen, obwohl das letzte von den Kanak*innen boykottiert wurde. Die französische Regierung erklärte sich zum Sieger, ihre Gegner*innen in Neukaledonien sprachen von Ungerechtigkeit, und das bekannte Muster aus französischen Vorschlägen und dem Widerstand der Kanak*innen setzte sich fort.
Die Situation eskalierte im Mai 2024 mit einem großen Aufstand. Straßen wurden mit Blockaden unpassierbar gemacht, Geschäfte in Brand gesetzt, Tourist*innen saßen in ihren Hotels fest, es gab Ladenplünderungen und der Hauptflughafen wurde von der Hauptstadt abgeschnitten. Es war der größte Ausbruch von Unruhen, den das Gebiet je erlebt hatte, und zeigte das Scheitern der aufeinanderfolgenden Friedenspläne seit den 1980er Jahren. Als die Wirtschaft schwächelte, verließen Tausende von Menschen das Gebiet, die meisten von ihnen reisten ins vergleichsweise sichere Frankreich. Aus europäischer Sicht könnte man dies als eine relativ unbedeutende Angelegenheit betrachten: Die französische Volkszählung von 2025 in Neukaledonien ergab eine Bevölkerung von 264.596 Einwohner*innen. Doch das Thema weckt sowohl bei der politischen Rechten als auch bei der Linken in Frankreich tiefste Emotionen.
Präsident Macron ist gefangen zwischen den Forderungen der »indépendentistes« und denen von Marine Le Pen, die 2027 gegen ihn um die Präsidentschaft kandidieren wird. Le Pen hat gefordert, jede Abstimmung über die Unabhängigkeit um vierzig Jahre zu verschieben. Macron sucht unterdessen einen Mittelweg, indem er den Kanak*innen genügend Zugeständnisse macht, ohne das Gebiet vollständig zu verlieren. Ganz in diesem Sinne verhandelte der damalige französische Minister für Überseegebiete, Manuel Valls, dann im Jahr 2025 in Gesprächen mit den Führern der Unabhängigkeitsbewegung einen neuen Plan, das sogenannte »Bougival-Abkommen«, das eine paradoxe Formulierung enthält, die Neukaledonien zu einem neuen »Staat« machen würde, während es gleichzeitig Teil der Französischen Republik bliebe. Die Unterstützung für diese Idee innerhalb des lokalen Kongresses in Nouméa erwies sich als schwach, die FLNKS lehnte sie ganz ab, und im Dezember 2025 beschloss auch die neue Lecornu-Regierung in Paris, ein für 2026 geplantes Referendum über diesen Plan abzusagen, da sie mangelnde Unterstützung in der Nationalversammlung befürchtete (Tromeur 2025).
Gefangen zwischen dem Begehren zu vieler Kanak*innen, die nach Unabhängigkeit rufen, als dass sie ignoriert werden könnten, und zu vielen französischen Siedler*innen, die das Gegenteil fordern, ist die Frage Neukaledoniens und seiner Zukunft nunmehr in die Innenpolitik Frankreichs verstrickt. Daher scheint eine Lösung in naher Zukunft unwahrscheinlich.
Ein Unfall der Geschichte? Die Situation in Bougainville
Im Gegensatz zu Neukaledonien ist Bougainville (mit einer geschätzten Bevölkerung von 350.000 Einwohner*innen) Teil des bereits dekolonisierten Staates Papua-Neuguinea (mit einer Bevölkerung von 10.669.942 Einwohner*innen), der 1975 seine Unabhängigkeit erlangte. In den Jahren vor der Unabhängigkeit hatte ein Bergbauunternehmen namens »Bougainville Copper Ltd« (eine Tochtergesellschaft des multinationalen Konzerns »Rio Tinto«) große Kupfervorkommen in Panguna im Zentrum der Insel entdeckt und so viel Kupfer abgebaut, dass sein Reichtum Bougainville ein potenziell prosperierendes Dasein als eigenständiger Staat versprach, ähnlich wie Katanga im Kongo in den 1960er Jahren. Allerdings sah auch der entstehende neue Staat Papua-Neuguinea die Lösung seiner wirtschaftlichen Probleme darin, finanziell von der Mine in Bougainville zu profitieren.
Damit war die Bühne bereitet für einen Konflikt zwischen Papua-Neuguinea und Bougainville sowie zwischen den Landbesitzer*innen im Bergbaugebiet, die mit ansehen mussten, wie ihre Dörfer verschwanden und durch eines der größten jemals von Menschenhand geschaffenen Löcher der Welt ersetzt wurden. Unterdessen wuchs die separatistische Stimmung in Bougainville. Geographisch gesehen gehörten die Inseln Bougainville und Buka schließlich zur Inselkette der Salomonen und blieben nur aufgrund eines britisch-deutschen diplomatischen Abkommens von 1899, das sie dem Protektorat Deutsch-Neuguinea unterstellte, Teil von Papua-Neuguinea. Ein Unfall der Geschichte, so argumentierten die Separatist*innen, sei der einzige Grund dafür, dass Bougainville zu Papua-Neuguinea (Teil des Nachfolgestaates von Deutsch-Neuguinea) gehöre. Darüber hinaus, so argumentierten einige, seien die Bougainvilleaner*innen ein anderes Volk als die Papua-Neuguineer, da sie meist eine dunklere Hautfarbe hätten, und somit eine andere Nation mit einem Recht auf eigene Unabhängigkeit.
Die Verteilung der Einnahmen aus dem Bergbau sprach für sich: Bis 1989 hatte die nationale Regierung 63 % erhalten, die Provinzregierung 4,8 % und die lokalen Landbesitzer*innen, die ihr Land verloren hatten und unter der schleichenden Gewalt (»slow violence«) der Umweltverschmutzung litten, lediglich 0,2 %, während der Rest an die Aktionäre ging.
Die ungerechte Verteilung der Gelder bot den Anlass für einen Sezessionskrieg, der 1989 ausbrach und erst 1997 mit einem Waffenstillstand endete. Niemand weiß, wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, aber alle Schätzungen gehen von Tausenden aus. Auf der einen Seite stand die »Bougainville Revolutionary Army«, auf der anderen die »Papua New Guinea Defence Force«, aber die Gewalt vor Ort wurde durch das Aufkommen einiger pro-papua-neuguineischer Gruppen von Bougainvilleaner*innen mit eigenen Zielen noch verkompliziert. Als die Kämpfe aufhörten, überwachte eine 5.000 Soldaten und Zivilist*innen starke Friedenssicherungsmission, mit Personal aus Australien, Neuseeland, Vanuatu und Fidschi, die Lage, bis ein Friedensvertrag geschlossen werden konnte.
Das Friedensabkommen von 2001 sah eine umfassende Entwaffnung, einen besonderen »autonomen« Status für Bougainville innerhalb Papua-Neuguineas und ein Referendum über die Unabhängigkeit durch die Bevölkerung Bougainvilles vor. Als die Bewohner*innen 2019 abstimmten, sprachen sie sich mit 97,7 % der gültigen Stimmen für die Unabhängigkeit aus, was einer überwältigenden Zustimmung aus der Bevölkerung gleichkommt. Das Friedensabkommen sah jedoch auch vor, dass die Bougainvilleaner*innen für die Erlangung der Unabhängigkeit eine positive Zustimmung des Parlaments von Papua-Neuguinea benötigen würden, das damit der teilweisen Auflösung seines eigenen Landes zustimmen müsste (Regan 2025, S. 500-503).
Seit 2019 führen beide Seiten intensive Verhandlungen über den Zeitpunkt, zu dem die Ergebnisse des Referendums von 2019 dem Parlament von Papua-Neuguinea zur endgültigen Entscheidung vorgelegt werden sollen (ABG 2025). Die jüngste Zusicherung von Premierminister James Marape lautet, dass diese Ergebnisse 2026 dem Parlament vorgelegt werden. Sollte Papua-Neuguinea die Unabhängigkeit Bougainvilles ablehnen, scheint eine Rückkehr zur Gewalt durchaus möglich, so tief ist das »subnationale« patriotische Gefühl der Bougainvilleaner*innen.
Brutaler postkolonialer Kolonialismus: der Fall West-Papua
West-Papua ähnelt Bougainville insofern, als es Teil des Nachfolgestaates Indonesien ist, der von der Kolonialmacht nach ihrem Abzug zurückgelassen wurde (Koordinationsstelle 2025). Die Abfolge der Dekolonisierungsereignisse ist jedoch anders und sie fanden auf einer viel größeren Maßstabsebene statt. Die Bevölkerung auf der indonesischen Seite der Insel Neuguinea wurde 2020 auf 4,3 Millionen Menschen geschätzt, wobei die indigene melanesische Bevölkerung, die einst eine klare Mehrheit bildete, einigen Angaben zufolge auf den Status einer Minderheit geschrumpft ist. Der genaue Anteil der verschiedenen ethnischen Gruppen in West-Papua ist unbekannt, aber der massive Zuzug von Menschen aus anderen Teilen Indonesiens, der über Jahre hinweg von der indonesischen Regierung gefördert wurde, ist entscheidend für alle Handlungen.
Die westliche Hälfte der Insel Neuguinea wurde 1828 von den Niederlanden beansprucht und wurde Teil von Niederländisch-Indien, aber indonesische Nationalisten führten während des Zweiten Weltkriegs einen Unabhängigkeitskrieg gegen die Niederländer, der 1949 mit der Anerkennung der Unabhängigkeit Indonesiens endete. Niederländisch-Neuguinea war jedoch nicht eingeschlossen und blieb bis Anfang der 1960er Jahre unter niederländischer Verwaltung. An diesem Punkt wurde die Politik des Kalten Krieges entscheidend: Die USA, die befürchteten, Indonesien könnte sich nach links wenden und wie Vietnam in Südostasien zu einer »Sicherheitsbedrohung« werden, sorgten dafür, dass Indonesien West-Neuguinea besetzen konnte. Die Niederländer wurden vertrieben, bis unter Aufsicht der UNO ein »Act of Free Choic« (»Akt der freien Wahl«) durchgeführt wurde. Der sogenannte »Act of Free Choice«, der von indonesischen Beamten durchgeführt wurde, war jedoch weder frei noch eine Wahl. Eine Gruppe von 1.025 Stammesführern wurde zusammengerufen und angewiesen, »merdeka« (»Freiheit«) zu rufen, was von Indonesien als Zustimmung zu seiner Anwesenheit auf der Insel gewertet wurde. Indonesiens Rechtsanspruch auf das heutige West-Papua beruht auf dieser Grundlage eines Betrugs.
Seit den 1960er Jahren ist das politische Leben in West-Papua hauptsächlich durch den Widerstand einer kleinen Unabhängigkeitsbewegung geprägt – der OPM oder »Organisasi Papua Merdeka« –, die von Melanesier*innen angeführt wird, die ethnisch und sprachlich den Melanesier*innen von Papua-Neuguinea, dem Staat auf der östlichen Hälfte der Insel, oder aus anderen ozeanischen Ländern wie den Salomonen und Vanuatu ähneln. Alle diese melanesischen Staaten genießen Unabhängigkeit. In West-Papua hingegen unterdrückt das Militär die Bevölkerung kontinuierlich, wodurch seit den 1960er Jahren Hunderttausende Melanesier*innen ihr Leben verloren haben.
Seit dem Sturz von Präsident Suharto im Jahr 1998 schwanken die indonesischen Regierungen in ihrer Haltung gegenüber West-Papua zwischen Zugeständnissen und Repressionen, und die indonesischen Streitkräfte üben weiterhin Unterdrückung aus. Spaltungen schwächten die Unabhängigkeitsbewegung viele Jahre lang, aber seit der Gründung der »United Liberation Movement for West Papua« (»Vereinigte Befreiungsbewegung für West-Papua«) im Jahr 2014 und der Einführung einer konsequenten Politik der Gewaltlosigkeit hat sie sich als wirksamer erwiesen, auch um internationale Unterstützung zu gewinnen und Proteste der Bevölkerung zu organisieren. So kam es beispielsweise im Jahr 2016 zu einer Reihe von Volksdemonstrationen in West-Papua, die ihren Höhepunkt in einer Demonstration von 6.000-8.000 Menschen in Wamena zum Tag der Menschenrechte fanden.
Friedliche Demonstrationen für die Unabhängigkeit von Indonesien erreichten 2016 ihren vorläufigen Höhepunkt, als Tausende in Städten wie Jayapura, Yakuhimo, Manokwari, Merauke und Sorong auf die Straße gingen. Eine noch größere Serie von Protesten, die größten und umfassendsten seit Jahren, dauerte 2019 gar einen ganzen Monat lang. Die Behörden reagierten mit harter Repression, Tötungen und Blockaden des Internets, um die Verbreitung von Nachrichten zu verhindern.
Seit der Wahl des Generals Prabowo Subianto zum Präsidenten Indonesiens im März 2024 hat sich die Lage für die Bevölkerung West-Papuas nicht verbessert. Im Gegenteil, sie hat sich verschlechtert. In einer Rede im Jahr 2025 behauptete Benny Wenda, Vorsitzender der »Vereinigten Befreiungsbewegung für West-Papua«, dass Sicherheitskräfte in einer Reihe von städtischen Zentren, darunter Intan Jaya und Puncak, Massaker verübt hätten (ULMWP 2025).
Die Herausforderungen für Mikronationalismen
Mächtige Kräfte widersetzen sich dem Ziel aller drei mikronationalistischen Bewegungen, einen neuen Staat zu gründen.
Die Überseegebiete sind ein wichtiger Bestandteil der 2025 aktualisierten Indo-Pazifik-Strategie Frankreichs (Gouvernement 2025). Das erklärte Ziel Frankreichs ist es, diese Gebiete zu stärken, darunter Neukaledonien, als Teil seiner Rolle als „puissance mondiale moyenne“. Das Militärbudget für alle französischen Gebiete für den Zeitraum 2024-2030 beläuft sich derzeit auf 13 Mrd. €. Diese Mittel dienen der permanenten Präsenz von 2.800 französischen Soldat*innen im Pazifik, die nicht nur jederzeit für die Zusammenarbeit mit strategischen Partnern wie Australien zur Verfügung stehen, sondern auch zur Abschreckung eines zunehmend aktiven Chinas in der Region. Französische Streitkräfte wurden in der Vergangenheit zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und auch während der Unruhen von 2024 in Neukaledonien eingesetzt. Auch aus strategischen Gründen lehnt Frankreich die Unabhängigkeit Neukaledoniens entschieden ab, da es darin eine Schwächung Frankreichs selbst sieht.
Was Papua-Neuguinea betrifft, so rechnet der Präsident von Bougainville, Ishmael Toroama, zuversichtlich mit einer positiven Abstimmung im nationalen Parlament im Jahr 2026. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass das Parlament überhaupt bereit sein wird, eine so wertvolle Region zu verlieren, nicht zuletzt, weil Bougainville die Wiedereröffnung der Kupfermine anstrebt, die seit Beginn der Feindseligkeiten im Jahr 1989 geschlossen ist.
Die indonesische Regierung reagiert ihrerseits noch sensibler auf Sezessionsbestrebungen innerhalb ihrer Grenzen, zumal Indonesien im Jahr 2000 nach einer von Australien angeführten ausländischen Intervention Timor-Leste »verloren« hat. Das damalige Argument für eine Unabhängigkeit Timor-Lestes berief sich auf die Tatsache, dass es sich nach internationalem Recht um einen unvollendeten Fall der Dekolonisierung von Portugal handelte; für West-Papua wird jedoch kein solches Argument ins Feld geführt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der beste Weg für diese mikronationalistischen Bewegungen in der Anwendung friedlicher Strategien besteht, die ihre internationale Sichtbarkeit erhöhen und somit mehr internationale Unterstützung anziehen, wie dies seit 2014 für die »Vereinigte Befreiungsbewegung für West-Papua« der Fall ist.
Anmerkung
1) Anmerkung zur Übersetzung: Die Volksgruppenbezeichnung »Kanak« ist die autochtone Bezeichnung der indigenen Bevölkerung von »Kanaky«. Der Begriff »Kanaken« hat im Alltagsgebrauch in der Bundesrepublik somit eine dreifache Bedeutungsebene, da sowohl die rassistisch abwertende Bezeichnung für Menschen u.a. aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika als auch die umgekehrte Selbstaneignung des Begriffs durch die so bezeichneten Menschen (bspw. »Kanak Attak«) dazukommen.
Literatur
Autonomous Bougainville Government (2025): ABG welcomes PM’s assurance of referendum result going to parliament by mid-2026. URL: abg.gov.pg, 6.12.2025.
Cursino, M. (2024): Protests flare up in New Caledonia as France detains activists. BBC News, 24.6.2024.
Fisher, D. (2013): France in the south pacific. Power and politics. Canberra: ANU Press.
Gouvernement de France (2025): France’s Indo-Pacific Strategy. Ministry for Europe and Foreign Affairs, Paris (Updated 2025).
Koordinationsstelle des Westpapua-Netzwerk (2025): Westpapua. Am Rande Indonesiens, abseits der Nachrichten. W&F 1/2025, S. 6-9.
Lal, B.V. (1992): Broken waves. A history of the Fiji Islands in the twentieth century. Honolulu: University of Hawai'i Press.
Regan, A. (2025): The Bougainville-Papua New Guinea relationship 1975-2025. The Round Table: The Commonwealth Journal of International Affairs and Policy Studies 114(4), pp. 500-503.
Tromeur, F.; Aubry, L.; Wahmereungo-Palmieri, L.; Whaap, B. (2025): Le gouvernement Lecornu renonce à la consultation anticipée des Calédoniens sur Bougival, selon le quotidien „Le Monde“’. Franceinfo/Nouvelle Calédonie1, 15.12.2025.
ULMWP (2025): President Wenda: West Papua Independence Day Speech, December 1st 2025. URL: ulmwp.org/7218-2, 2.12.2025.
United Nations (UN) (1960): United Nations Declaration on the Granting of Independence to Colonial Countries and Peoples, GA Res. 11514 (XV), 14.12.1960.
Stewart Firth ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pazifikstudien der Australian National University (Canberra).
Aus dem Englischen übersetzt von David Scheuing.

