W&F 2025/3

Kriegsrasseln mit Künstlicher Intelligenz

Formiert sich der militärisch-industrielle Komplex neu?

von Hans-Jörg Kreowski

Ein wissenschaftlich-technisches Fachgebiet erreicht selten eine so ständig wachsende Aufmerksamkeit in der medialen Öffentlichkeit, Politik und Gesellschaft wie die Künstliche Intelligenz (KI) in diesem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts. Das ist mit hochgeschraubten Erwartungen einerseits und schlimmsten Befürchtungen andererseits verbunden. Die Frage, der hier nachzugehen ist, lautet: Inwieweit trägt dieser KI-Hype, der vor allem von den Big-Tech-Unternehmen vorangetrieben wird, dazu bei, auch den militärisch-industriellen Komplex umzugestalten, und welche Folgen könnte dies haben?

Die Künstliche Intelligenz (KI) ist ein wichtiges Teilgebiet der Informatik, das methodisch eng verwandt ist mit Theoretischer Informatik und Softwaretechnik. Als es 1956 von zwölf jungen US-amerikanischen Wissenschaftlern gegründet wurde, war es das erklärte Ziel, kognitive Fähigkeiten wie Hören, Sehen, Verstehen und Planen computergestützt zu simulieren. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert – wenn man vom mittlerweile erhobenen Anspruch der Künstlichen Allgemeinen Intelligenz absieht, also Maschinen bauen zu wollen, die intelligentes Verhalten nicht nur simulieren, sondern selbst besitzen. Die KI hatte in den letzten gut 20 Jahren einige spektakuläre Erfolge vorzuweisen, z.B. bei Spielen wie Schach und Go, vor allem aber jüngst bei der Sprach- und Bildverarbeitung. Große Sprachmodelle wie ChatGPT liefern häufig beeindruckend gute Ergebnisse, und auch bei Bild- und Videoerzeugung ist Bemerkenswertes möglich. Auch deshalb ist um KI ein großer Hype entstanden.

Vor allem aber sehen Politik und Wirtschaft in KI die Schlüsseltechnologie, die zukünftige Wertschöpfung garantieren soll. Deshalb haben viele Staaten der Welt und insbesondere auch die Big-Tech-Unternehmen Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft und Nvidia milliardenschwere KI-Entwicklungs- und Förderprogramme aufgelegt (einen guten Überblick für die Europäische Union findet sich bei Van Roy et al. 2021). Die Erwartungen der Politiker*innen reichen bis zu Aussagen der Art: „Wer bei KI führt, herrscht über die Welt!“ (Putin 2017 in einer Rede vor Studierenden, vgl. TASS 2017).

KI-Hype kritisch betrachtet

Mit der Entwicklung von KI sind viele Befürchtungen verbunden – die meisten beziehen sich auf gefälschte Texte und Bilder, mit denen Einfluss auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen genommen werden soll. Es besteht die Sorge, dass KI-Systeme Entscheidungen in allen möglichen Bereichen treffen, die nicht transparent sind und auf die Menschen nicht oder nicht ausreichend Einfluss nehmen können. Erhebliche Bedenken bestehen auch bei sozialen Bewertungssystemen und Systemen, die massiv in Persönlichkeitsrechte eingreifen. Die Warnung vor Risiken kulminierte im Mai 2023 in einem viel zitierten und extrem drastischen »1-Satz-State­ment«, das empfahl die „Minderung des Risikos, dass die Menschheit durch KI ausgerottet wird“ (CAIS 2023), zu einer Kernpriorität zu erheben. Zu den Unterzeichner*innen gehörten sehr bekannte KI-Wissenschaftler*innen aber auch die Chefs der großen IT- und KI-Unternehmen. Kurz vorher wurde bereits ausführlicher von noch mehr Unterzeichner*innen in einem offenen Brief des »Future of Life Institute« (2023) davor gewarnt, dass KI die Menschheit ausrotten könnte. Die Autor*innen beider Texte lassen vollkommen offen, wie KI-Systeme eine derartige Eigeninitiative und Planung entwickeln und sich die Verfügungsgewalt über die notwendigen Macht- und Vernichtungsmittel aneignen sollen. Mein Verdacht ist, dass mit derartigen Warnungen von den eigentlichen Problemen abgelenkt werden soll.

Da die Entwicklung von KI-basierten Systemen und Technologien weltweit mit hohem finanziellen und personellen Aufwand vorangetrieben wird, ist zu erwarten, dass der Einsatz von KI-Systemen in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu erheblichen Veränderungen führen wird. Es wird allerdings Zeit brauchen und sich meist nur in kleinen Schritten vollziehen, es wird viel mehr kosten, als jetzt gedacht wird, es wird vieles misslingen und in seiner Wirkung enttäuschen.1 Die KI-tisierung der Gesellschaft steht immer noch am Anfang.

Die militärische Seite der KI

Spätestens seit der 1983 von der DARPA (»Defense Advanced Research Projects Agency« des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten) begonnenen und auf zehn Jahre angelegten »Strategic Computing Initiative« (SCI) hat KI auch eine ausgeprägt militärische Dimension. SCI hatte ein für damalige Verhältnisse gigantisches Budget von 500 Mio. US$. Das Ziel war die Realisierung dreier KI-Anwendungen: ein Sprachassistent für Air-Force-Pilot*innen, ein Battle-Management-System für die Navy und autonom fahrende Vehikel für die Army. Die Laufzeit von zehn Jahren und die verfügbare Computerleistung waren damals völlig unzureichend, so dass SCI schon vor dem Ende der Laufzeit als gescheitert angesehen wurde.

Nach jetzt gut 40 Jahren sind allerdings in allen drei Anwendungsfeldern gut funktionierende Systeme verfügbar. Die Sprachverarbeitung ist mit Sprachverstehen, -generierung und Übersetzung beeindruckend weit vorangekommen dank großer Sprachmodelle wie ChatGPT. Managementsysteme zur Kriegsführung sind auf allen Ebenen der Planung und Leitung im Einsatz. Und unbemenschte und autonome Systeme haben einen Entwicklungsstand erreicht, der weit über das Experimentierstadium hinausgeht (siehe dazu beispielhaft die »Unmanned Systems Integrated Roadmap« des Department of Defense (2014) sowie Williams und Scharre (2015)). Die Entwicklung dieser Art Waffensysteme ist noch längst nicht zu Ende und bleibt ein Hauptbeitrag der KI im militärischen Kontext.

Die generative KI in Form großer Sprachmodelle wie ChatGPT, die in den letzten Jahren so viel Furore gemacht haben, war ursprünglich eher ein zivil-kommerzielles Projekt. Inzwischen stellen sich Militärs allerdings die Frage nach den Einsatzmöglichkeiten in der Kriegsführung (siehe dazu aktuelle strategische Überlegungen des US-Department of Defense (2023)). Diese neuen Technologien versprechen, dass sich auf den Schlachtfeldern und im Kriegsgeschehen durch ihre Unterstützung der Zeitraum zwischen Zielerfassung und Zielzerstörung signifikant verkürzen lässt, so dass eine deutliche Überlegenheit gegenüber einem Kriegsgegner entsteht, selbst wenn der gleich gut gerüstet ist. Neben den schon jetzt KI-basierten teilautonomen (und möglichen autonomen) Waffensystemen werden also zukünftig auch militärische Entscheidungsunterstützungssysteme, die neue Technologien der generativen KI nutzen, eine große Rolle bei Kriegsplanung und -führung spielen.

Wie grausam und pervertiert KI-gestützte Systeme im Kriegsalltag eingesetzt werden können, zeigt beispielhaft das von der israelischen Armee im Gaza-Streifen eingesetzte System »Lavender« zum gezielten Töten. Das System kam zum Einsatz, um weitgehend automatisch mehrere zehntausend Hamas-Verdächtige zu identifizieren und ihren Wohnort zu ermitteln. Diese Informationen wurden dann automatisiert in die Zielplanung und -erfassung eingespeist, wobei bis zu 100 weitere Tote als »Kollateralschaden« in Kauf genommen werden (Abraham 2024). Die entsprechenden Lizenzverträge einer ganzen Reihe von Armeen dieser Welt mit Softwarekonzernen zur Ausrüstung mit einer Reihe ähnlich gelagerter KI-Anwendungen lassen für die Zukunft nichts Gutes ahnen.

Verschiebungen im militärisch-industriellen Komplex

Dabei wird die Nutzung von KI-basierten Entscheidungsunterstützungssystemen auf allen Ebenen der Kriegsführung, aber auch die Weiterentwicklung KI-gestützter Waffensysteme, vor allem von der Führungsriege der Big-Tech-Konzerne und der finanzkräftigen IT- und KI-Unternehmen in ihrem Gefolge vorangetrieben.

Dazu gehören Unternehmen, die von Risikokapitalgebern finanziert werden und sich teils stark auf militärische Anwendungen spezialisiert haben, wie Anduril, Black Cape, Clarifai, CrowdAI und ScaleAI sowie etablierte Rüstungsunternehmen wie AWS, ECS Federal, IBM, Maxar, Microsoft, Palantir, Raytheon und die Sierra Nevada Corporation. Namentlich treten dabei Wirtschaftsmagnaten wie Elon Musk (Starlink), Palmer Luckey (Anduril), Eric Schmidt (White Stork), Peter Thiel (Palantir) und Alexandr Wang (Scale AI) hervor. Beinahe ausschließlich sind diese Firmen in den USA registriert und aktiv. Ihre Innovationen verändern daher zunächst einmal den dortigen militärisch-industriellen Komplex.

Da das Pentagon über gigantische Geldmittel verfügt, kann dort über die bestehenden Geschäftsmodelle im kommerziellen Sektor hinaus eine zusätzliche Einnahmequelle erschlossen werden. Ein weiterer Vorteil für die US-Unternehmen besteht im militärischen Kontext darin, dass sie keine lästige Konkurrenz aus China befürchten müssen. Darüber hinaus können sich diese Unternehmen damit brüsten, einen essenziellen Beitrag zur nationalen Sicherheit zu leisten. Ein forsches Beispiel liefert Palmer Luckey, der Gründer von Anduril, der verspricht, die westliche Zivilisation zu retten, und erwartet, damit jährlich Dutzende Milliarden Dollar zu verdienen.

Auf der Ebene von Militär- und Waffensystemen schlägt sich die Umformierung des militärisch-industriellen Komplexes durch die Einflussnahme der US-amerikanischen Tech- und KI-Konzerne auch sehr konkret nieder. Einige Beispiele seien genannt:

  • Das Pentagon setzt das von Palantir entwickelte KI-gestützte »Maven Smart System«, das Daten aus verschiedenen Quellen zu einem Gesamtbild für militärische Planung integriert, mittlerweile weltweit ein.
  • Der frühere Vorsitzende der »National Security Commission on AI« und Direktor des »Defense Innovation Board« Eric Schmidt hat mit seinem Start-up White Stork das Ziel, vollständig autonome Drohnen zu entwickeln.
  • In Kooperation mit Scale AI, Anduril und Microsoft hat das Pentagon Anfang 2025 »Thunderforge« gestartet – ein Projekt, um mithilfe von KI und insbesondere von großen Sprachmodellen Planungsprozesse auf der Kommandoebene massiv zu beschleunigen (Walk 2025).

Die sich unter Einflussnahme der Tech- und KI-Branche vollziehende Entwicklung einer KI-basierten Kriegsführung und die damit verbundenen Veränderungen des militärisch-industriellen Komplexes sind äußerst bedenklich. Ganz in der Logik des Militärs gedacht, mögen diese Unternehmen und ihre Führungsgarde zwar ungeheure Geschäftserfolge vorweisen, aber was militärische Strategie angeht, sind sie eher unerfahren und inkompetent.2

Eine vorläufige Einschätzung

Es gibt offenbar Verschiebungen und Neuformierungen innerhalb des militärisch-industriellen Komplexes aufgrund des Aufkommens der (generativen) KI und der damit verbundenen hohen Erwartungen. Ob dieser Prozess aber von Dauer ist und trägt, ist noch keineswegs ausgemacht. Denn es ist nicht klar, ob diese neuen Technologien überhaupt die Erwartungen an optimierte Kriegsführung erfüllen können. Es kann sein, dass sich der militärische Komplex auf KI-Systeme einlässt, die nicht annähernd das leisten, was sie versprechen – mit möglichen fatalen Folgen.

Und nicht zu vergessen: Die allgemeine Kriegsgefahr steigt, weil der Einsatz generativer KI eine Überlegenheit gegenüber der gegnerischen Seite in der Kriegsführung verspricht – sei sie tatsächlich gegeben oder nur vermeintlich. Auf jeden Fall wird sich die Rüstungsspirale weiterdrehen, denn China und Russland werden nachziehen.

Es ist also geboten, die Entwicklungen im Auge zu behalten. Das gilt sowohl für die Rolle der Big-Tech-Konzerne und der IT- und KI-Unternehmen in ihrem Gefolge, die diese im Rahmen des militärisch-industriellen Komplexes spielen, als auch für den tatsächlichen Einsatz militärischer KI.

Darüber hinaus wird auch interessant sein zu beobachten, was sich im Zusammenhang mit militärischer KI in China und Russland tut. Eine Umgestaltung des militärisch-industriellen Komplexes dort wird durch staatliche Lenkung und die ohnehin enge Verzahnung von Staat und Wirtschaft noch leichter fallen. Ohnehin haben die IT- und KI-Konzerne dort keinerlei Berührungsängste, wenn es um die Kooperation mit dem Militär geht. Zumindest die Volksrepublik China wird technologisch Schritt halten, auch ein Überholen ist nicht völlig ausgeschlossen. Die geopolitische Auseinandersetzung zwischen den USA und China auch im Bereich der Vorherrschaft im technologischen Sektor – und das ist momentan vor allem Künstliche Intelligenz mit Robotik – geht über die militärischen Aspekte hinaus (vgl. Schmid et al. 2025).

Nicht zuletzt dürfen auch die Ambitionen von Europa, Indien und Russland, bei dem KI-Wettlauf mitzumischen, nicht außer Acht gelassen werden. Der Rüstungswettlauf um militärische KI wird dabei ein Schlüsselfaktor sein. Wünschenswert wäre dagegen, dass das Potenzial der KI-Technologien genutzt würde, die globalen Probleme von Armut über Ressourcenverschwendung bis zum Klimawandel anzupacken.

Anmerkungen

1) In ihrem gerade erschienenen Buch setzen sich Bender und Hanna (2025) in beeindruckend kritischer Weise mit dem KI-Hype auseinander.

2) Einzelne Aspekte – teils vertiefend – werden auch in den Essays von Bergleiter (2024), Harrington (2025), Lushenko und Carter (2024) sowie von Schwaiger (2025) diskutiert.

Literatur

Abraham, Y. (2024): ‘Lavender’ – The AI machine directing Israel’s bombing spree in Gaza. +972 Magazine, 3.4.2024.

Bender, E.M.; Hanna, A. (2025): The AI Con: How to fight Big Tech‘s hype and create the future we want. London: Penguin Random House.

Bergleiter, B. (2024): Big-Tech und das US-Militär: Ein verlockendes Geschäft. netzpolitik.org, 18.12.2024.

Department of Defense (2014): Unmanned Systems Integrated Roadmap, FY 2013-2038. Washington.

Department of Defense (2023): Data, Analytics, and Artificial Intelligence Adoption Strategy – Accelerating Decision Advantage. Washington.

Future of Life Institute (2023): Pause giant AI experiments: An Open Letter. 22.3.2023.

Harrington, B. (2025): Die kommende Broligarchie. Wofür Musk und Co. ihre neue Macht nutzen wollen. Blätter für deutsche und internationale Politik 1/2025, S. 71-74.

Lushenko, P.; Carter, K. (2024): A new military-industrial complex. How tech bros are hyping AI’s role in war. Bulletin of the Atomic Scientists, 7.10.2024.

CAIS (2023): Statement on AI Risk. AI experts and public figures express their concern about AI risk. Offener Brief, online unter: safe.ai/work/statement-on-ai-risk.

Schmid, S. et al. (2025): Arms race or innovation race? Geopolitical AI development. Geopolitics 30(4), S. 1907-1936.

Schwaiger, T. (2025): Wie Tech-Ideologen die Revolution des Krieges herbeisehnen. Der Standard, 3.6.2025.

TASS (2017): Putin stresses whoever takes the lead in artificial intelligence will rule world. TASS, 1.9.2017.

Van Roy, V. et al. (2021): AI Watch – National strategies on artificial intelligence: A European perspective. JRC Technical Report. 2021 edition. Luxemburg: Publications Office of the European Union.

Walk, W. (2025): Der Aufstieg der KI im Militär. Wie das Pentagon mit ‚Thunderforge‘ die Kriegsplanung revolutioniert. TZG – Technologie Zeitgeist, 6.3.2025.

Williams, A.P.; Scharre, P.D. (Hrsg.) (2015): Autonomous systems. Issues for defence policymakers. Norfolk: North Atlantic Treaty Organization.

Hans-Jörg Kreowski ist Professor (i. R.) für Theoretische Informatik an der Universität Bremen. Er ist Mitglied im Vorstand des »Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung« (FIfF) und vertritt das FIfF im Vorstand der Zeitschrift »Wissenschaft und Frieden«. Er ist Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, wo er zusammen mit Wolfgang Hofkirchner (Wien) den Arbeitskreis »Emergente Systeme, Information und Gesellschaft« organisiert.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2025/3 Ära der Aufrüstung, Seite 17–19