W&F 2025/2

Kritische Masse für den Frieden

Transformation durch positive Kipppunkte

von Jürgen Scheffran

Die Friedens- und Konfliktforschung untersucht Übergänge zwischen Krieg und Frieden. Umfangreiche Daten gibt es inzwischen über das Entstehen und die Beendigung von Gewaltkonflikten, das theoretische Verständnis über Zusammenhänge zwischen systemischen und akteursorientierten Faktoren ist nach wie vor begrenzt. Mögliche Ansatzpunkte bietet die Forschung über Kipppunkte, die strukturelle und sprunghafte Veränderungen zwischen qualitativ verschiedenen Zuständen untersucht. In diesem Kontext ist der Wechsel von einem kooperativ-friedlichen in ein konfliktiv-gewaltsames Verhältnis ein negativer Kipppunkt, die Beendigung einer gewaltsamen Interaktion durch eine nachhaltige Friedenslösung ein positiver Kipppunkt. Ein tieferes Verständnis solcher Prozesse kann helfen, plausible Wege von der Kriegs- zur Friedenslogik aufzuzeigen.

Kipppunkte sind Schwellenwerte, bei denen ein sich selbst verstärkender Systemwandel in Gang kommt. Dieser kann abrupt und irreversibel erfolgen, muss es aber nicht. In der Nähe der Schwelle kann ein Ereignis über diese hinausführen und eine Kette von Folgeereignissen (Kaskaden) nach sich ziehen wie beim Dominoeffekt. Dass kleine Ursachen große Wirkungen haben können, wird durch den »Schmetterlingseffekt« in der Chaostheorie visualisiert. Dämpfende Kontrollmechanismen können einen Gleichgewichts- oder Zielzu­stand trotz Störungen aufrechterhalten, ein Ausdruck von Resilienz. Wird die Grenze der Stabilität überschritten, kann das System kippen, getrieben durch exponentiell verstärkende Rückkopplungen (je mehr desto schneller).

Ein alltägliches Beispiel dazu: Individuell betrachtet ist es riskant, mit dem Stuhl zu kippen und sich den ungebremsten Gravitationskräften auszuliefern. Wird dabei das Tischtuch mitgerissen, einschließlich Geschirr und Essen Anderer, kann dies zu einer chaotischen Situation bis hin zum Konflikt führen.

Zur Verbindung von Kippdynamiken

Typisch für Kipppunkte in Natur und Gesellschaft ist die Verbindung von systemischen und akteursbezogenen Prozessen. Ein eindrückliches Beispiel ist die Corona-Pandemie, in der eine winzige Virusmutation eine pandemische Kettenreaktion auslöste, die die Menschheit erfasste und deren Reaktionen bis heute umstritten sind.

Kippdynamiken bestimmen auch die Diskussion über Klimawandel und Planetare Grenzen. Ein durch die University of Exeter koordinierter Bericht identifiziert 22 mögliche Kipppunkte im Erdsystem, von denen fünf vor dem Umkippen stehen (Lenton et al. 2023). Werden bestimmte Grenzwerte verletzt, stehen die lebenserhaltenden Systeme unseres Planeten ebenso auf dem Spiel wie die gesellschaftliche Stabilität. In einer vernetzten Welt können sich verschiedene Kippelemente verstärken, mit schwerwiegenden Folgen, die auch Krieg und Frieden beeinflussen (Bresselau von Bressendorf et al. 2024). Noch kann die Menschheit darauf Einfluss nehmen – eine Dominokette lässt sich unterbrechen, wenn man weiß wo und wann.

Sozialwissenschaftliche Forschung befasst sich mit dem Einfluss menschlicher Handlungen auf kippende Systeme (Franzke et al. 2022). So kann das Zusammenwirken individuellen Verhaltens kollektive Strukturen bilden (Gladwell 2000), sei es z.B. bei der ethnischen Segregation oder in der Nationenbildung (Schelling 1971). Soziale Kipppunkte können negativ konnotiert sein, wenn ein System durch ein Schockereignis zerbricht oder auch positiv, wenn innovative Strukturen geschaffen werden. Um negativen Kipppunkten zu begegnen, können positive genutzt werden, die wünschenswerte Veränderungen zum Selbstläufer machen (Eker et al. 2024). Mit ihrer Hebelwirkung können sie politische Interventionen verstärken, um Systemen über den Berg der Hemmnisse zu helfen. Frühwarnsysteme können unterstützen, um rechtzeitig Einfluss zu nehmen, Risiken zu minimieren und Chancen einer Transformation zu nutzen (Milkoreit et al. 2024).

Es gibt viele historische Beispiele für das Wechselspiel negativer und positiver Kipppunkte. Hierzu gehören Umbrüche zwischen alten und neuen Ordnungen, mit Kontrollverlusten und Konflikten in der Übergangsphase (Interregnum), in der die widerstreitenden Kräfte um die Macht kämpften. Die Disruption trennt das Vorher vom Nachher und markiert den historischen Epochenbruch (Bresselau von Bressendorf et al. 2024).

Ein Beispiel ist die Französische Revolution nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789, die den Absolutismus destabilisierte und die Erklärung der Menschenrechte ermöglichte, aber auch die napoleonischen Kriege auslöste und die Gegenkräfte der Restauration, die die Erhebungen von 1848 niederschlugen. Nationalismus und Imperialismus kulminierten im Ersten Weltkrieg, dessen Ende in Deutschland faschistischen Kräften und dem Zweiten Weltkrieg den Boden bereitete. Nach der Kette negativer Kippmomente bis zum Zusammenbruch des Faschismus eröffneten sich Chancen einer neuen Weltordnung mit Völkerrecht und Vereinten Nationen. Diese wurden aber durch die Konfrontation im Kalten Krieg überlagert, deren nukleares Wettrüsten mit Mittelstreckenraketen in der Kubakrise 1962 und der Nachrüstung 1983 glücklich vor dem Kippen in den Atomkrieg bewahrt wurde. Die Beispiele zeigen, dass bei disruptiven Ereignissen der Geschichte menschliches Handeln systemische Prozesse auslösen oder aufhalten konnte.

Das Ende des Kalten Krieges: Ein positiver Kipppunkt

Ein Kipppunkt, der weithin positiv gesehen wird, ist das Ende des Kalten Krieges in den 1980er Jahren, hier angereichert durch persönliche Erfahrungen dargestellt. Ein Auslöser waren massive Proteste der Friedensbewegung in Europa und den USA gegen den Hochrüstungskurs und die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa. Als Reaktion präsentierte US-Präsident Ronald Reagan in seiner »Star Wars«-Rede am 23. März 1983 seinen Aufruf an die Wissenschaft, durch ein Raketenabwehrsystem im Weltraum Atomwaffen „impotent und obsolet“ zu machen, was zur Strategic Defense Initiative (SDI) führte. Bei einer Veranstaltung im März 1985 hatte ich Gelegenheit, Reagans Sonderberater Paul Nitze zu fragen, ob nicht der umgekehrte Weg sinnvoller sei, Abwehr durch Abrüstung obsolet zu machen, was ihm politisch nicht realistisch erschien. Im gleichen Monat wurde Michail Gorbatschow sowjetischer Generalsekretär, der anknüpfend an die Aktivitäten der Friedensbewegung versuchte, das Wettrüsten zu beenden und das Verhältnis zu den USA zu entspannen. Im Januar 1986 schlug er die Abschaffung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2000 vor, und im Oktober 1986 traf er sich mit Reagan in Reykjavik. Dort wurde überraschend über die Beseitigung der Atomraketen gesprochen. Im folgenden Monat fand in Hamburg eine große Tagung mit tausenden Teilnehmenden über »Wege aus dem Wettrüsten« statt. In einer Arbeitsgruppe hatte ich dort den sowjetischen Physiker und Berater Gorbatschows Jewgeni Welichow eingeladen, um mit westlichen Kolleg*innen über die Zusammenhänge von nuklearer Abrüstung, Raketenabwehr und strategischer Stabilität zu sprechen, die ich seit diesem Jahr im Rahmen meiner Physik-Promotion untersuchte.

1987 kam es zum Verbot aller landgestützten Mittelstreckenraketen im INF-Vertrag, danach zu weitergehenden START-Abkommen zur Verringerung der strategischen Atomwaffen. Anfang Oktober 1989 konnte ich meine Dissertation einreichen, die mit einer Modellsimulation den Übergang von einem Worst Case getriebenen nuklearen Wettrüsten der Supermächte hin zu einem durch Vertrauensbildung beeinflussten Abrüstungsprozess analysierte, mit einem chaotischen Kipppunkt im Zwischenbereich. Zwischen der Abgabe der Doktorarbeit und der Abschlussprüfung Ende Dezember 1989 fiel nicht nur die Berliner Mauer am 9. November – praktisch alle politischen Regime in Osteuropa lösten sich wie in einer Kettenreaktion auf. 1990 kam es zur deutschen Wiedervereinigung. Dieser Systemwechsel folgte aus dem gescheiterten Versuch Gorbatschows, die Sowjetunion durch Glasnost und Perestroika zu reformieren, was Widerstände erzeugte und 1991 zum Kollaps der Sowjetunion führte.

Was die östlichen Machthaber als Katastrophe erlebten, erschien aus westlicher Sicht als positiver Kipppunkt. Während Teile der Bevölkerung Osteuropas Freiheit und Wohlstand begrüßten, feierten Friedenskräfte das gesunkene Atomkriegsrisiko, die beiderseitige Abrüstung und die Hoffnung auf eine Friedensdividende. In diesem Umfeld unterstützte Nitze 1992 den Vorschlag für die Beseitigung ballistischer Raketen, während Welichow etwa zur gleichen Zeit von einem Gegner der SDI-Pläne zum Unterstützer einer gemeinsamen Raketenabwehr mit den USA konvertierte. Zwei persönliche Kipppunkte in wenigen Jahren.

Um das Kippmoment zur Abrüstung zu forcieren, gründete 1993 die Darmstädter IANUS-Gruppe das International Network of Engineers and Scientists Against Proliferation (INESAP), das eine Studie von 50 Wissenschaftler*innen für die atomwaffenfreie Welt koordinierte und mit anderen NGOs im April 1995 in New York das Netzwerk Abolition 2000 auf den Weg brachte. 1997 wurde der Entwurf einer Nuklearwaffenkonvention für die Abschaffung der Atomwaffen in die Vereinten Nationen eingebracht, eine Grundlage für das 2007 gegründete ICAN-Netzwerk und den Atomwaffenverbotsvertrag 2017, die im gleichen Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. So führte der Impuls von 1990 durch eine politische Kettenreaktion zu einem nachhaltigen Ergebnis, gegen alle Widerstände.

Polykrise und neuer Kalter Krieg

Der Wendepunkt der Weltgeschichte war nicht von langer Dauer und wurde schon in den 1990er Jahren wieder aufs Spiel gesetzt (Diez 2025). Der Westen verpasste seine Chancen auf grundlegende Veränderungen durch neue Militärinterventionen (Irak, Jugoslawien, Afghanistan) und die Ausweitung der EU und der NATO nach Ost- und Südosteuropa ohne ein politisches Konzept unter Einbezug Russlands. Getrieben von der neoliberalen Freiheit globalisierter Märkte und im Widerspruch zum Grundgedanken freier Demokratien entwickelte sich eine Ära vernetzter Krisen und Kipppunkte in einer zunehmend komplexen und instabilen globalen »Risikogesellschaft« (Ulrich Beck).

Die Notwendigkeit planetaren Denkens zeigten, neben dem Klimawandel, die außer Kontrolle geratenen Kettenreaktionen von Tschernobyl und Fukushima, doch dominierte die simple Logik von Gewalt und Geopolitik. Den Terroranschlägen des 11. September 2001 und autoritären Reaktionen der Bush-Regierung folgte die Finanz- und Bankenkrise von 2008, die nur durch enorme staatliche Mittel so eingedämmt wurde, dass ein Umkippen des gesamten Systems verhindert werden konnte. Es folgten weitere Ereignisse, wie die Wirtschaftskrise in Südeuropa und die Arabellion 2011 – Neben Regimewechseln in Tunesien, Libyen und Ägypten kam es zu Bürgerkriegen in Syrien und Jemen. Repressionen erstickten die Chancen auf positive Kipppunkte für Demokratisierung und solare Energiezusammenarbeit. Die Kaskade von Unterdrückung und Gewalt, Fluchtbewegungen und Terrorismus beeinträchtigte die Stabilität des Mittelmeerraums bis nach Mitteleuropa und förderte hier rechte und nationalistische Strömungen. Die liberale Weltordnung ist an ihre Grenzen gestoßen (Scheffran 2023).

Auf den Ukraine-Krieg Russlands und das disruptive Vorgehen der neu gewählten Trump-Administration reagieren europäische Staaten mit einer beispiellosen Militarisierung: „Das Bewusstsein der politischen Eliten im Westen lässt sich mehr und mehr von der Logik des Krieges vereinnahmen.“ (Habermas 2024). Obwohl wir eine Polykrise des fossilen Kapitalismus und des Anthropozäns erleben, geraten alle Ansätze, diese zu bewältigen, ins Hintertreffen.

Wann kippen Konflikte?

Was folgt aus den Krisen und Kipppunkten für die Zukunft von Krieg und Frieden? Es geht nicht nur um systemische Entwicklungen, sondern auch um Interaktionen von Akteur*innen, getrieben durch ihre Motive und Ziele sowie ihre Mittel und Fähigkeiten, die konfliktiv eingesetzt werden können oder kooperativ. Das Verhältnis von Motiven und Mitteln beeinflusst, wann die Interaktion in die eine oder andere Richtung kippt: „Verfügbare Ressourcen bestimmen den Kippmoment von Kriegen, aber nicht unbedingt die Einsicht der Akteure.“ (Leonhard 2023, S. 87). Kriege enden durch militärischen Sieg vs. Niederlage jeweils einer Seite (wie im 2.Weltkrieg), durch ein Patt und Einfrieren des Konflikts (wie im Koreakrieg) oder durch einen Kompromiss mit Friedensschluss (wie beim Westfälischen Frieden) (Leonhard 2023). Das Verhältnis von Motiven und Mitteln bestimmt auch einen möglichen Wendepunkt im Ukrainekrieg: „Die Kriegsbeendigung hängt von den angenommenen Kosten einer Fortsetzung des Krieges, von der Einschätzung der Kräfteverhältnisse, der Glaubwürdigkeit von Zusicherungen und der Akzeptanz von Kompromissen durch die jeweiligen Gesellschaften ab.“ (Heinemann-Grüder 2023).

Neues Sicherheitsdenken und positiver Frieden

Statt auf das Kippen zum Frieden aus einem hocheskalierten Konflikt heraus zu hoffen, wäre es besser, von vornherein die Eskalation zu meiden oder ein strate­gisches Konzept für einen Systemwechsel zu entwickeln. Die Initiative »Sicherheit neu denken« schlägt einen globalen Paradigmenwechsel und ein Positiv-Szenario bis 2040 für eine zivile Sicherheitsordnung vor. Anstelle einer forcierten Aufrüstungsdynamik soll die friedensstiftende Rolle Europas durch zivile Konfliktlösungen gestärkt und die Kriegslogik durch eine Friedenslogik ersetzt werden (Becker et al. 2025). Neben Prinzipien des Gewaltverbots und gemeinsamer Sicherheit werden Menschenrechte, Sicherheitsgarantien und Partnerschaften mit Nachbarregionen und den BRICS-Staaten unter Beteiligung einer UN-Schutztruppe anvisiert. Die kooperative Bewältigung globaler Herausforderungen braucht eine nachhaltige Überwindung des Ukrainekrieges durch Friedensverhandlungen im Rahmen einer für alle Konfliktparteien tragfähigen Europäischen Konflikt- und Friedensordnung, einschließlich Russlands. Die zivile Geostrategie beruht auf fünf Säulen: Ökologische Sicherheit; gerechte Ressourcennutzung; gemeinsame Sicherheit und Frieden durch inklusive Sicherheitsstrukturen; Freiheit, Menschenrechte und Demokratie; kontrollierte militärische Abrüstung (Becker et al. 2025).

Während es beim negativen Frieden um die Existenzerhaltung gegenüber physischer Gewalt geht, setzt der positive Frieden auf die Entfaltung von Entwicklungschancen gegenüber struktureller Gewalt. Als transformatives Konzept definiert positiver Frieden Entwicklungsziele und schafft ein Umfeld für Entfaltungspotenziale, die sich unter Nutzung von Verstärkereffekten und Kipppunkten als Systemwandel vollziehen. Zu diesem Zweck hat das Institute for Economics and Peace (IEP) den Positive Peace Index (PPI) entwickelt. Er ist ein Maß basierend auf acht Säulen, die durch ihr Zusammenwirken friedliche Gesellschaften schaffen und erhalten können: funktionierende Regierung, solides wirtschaftliches Umfeld, gerechte Ressourcenverteilung, Akzeptanz der Rechte anderer, gute Beziehungen zu Nachbarn, freier Informationsfluss, hohes Humankapital und niedrige Korruption (PPR 2024). Gesellschaften mit mehr positivem Frieden sind weniger durch Gewalt und politische Instabilität belastet, widerstandsfähiger und wirksamer vor negativen Schocks geschützt, haben eine höhere Produktivität und Reaktionsfähigkeit. Einige Säulen des positiven Friedens haben sich seit 2013 verbessert, andere verschlechtert. Erhebliche Rückschritte brachte bspw. die Pandemie mit sich (PPR 2024).

Positiver Frieden kann Wege zeigen, wie Gesellschaften sich ändern müssen, um negative Kipppunkte zu vermeiden und positive durch einen Nexus von Synergien zu ermöglichen. Normen und Regeln beeinflussen das kollektive Verhalten und tragen dazu bei, das System in einem stabilen Zustand zu halten und Toleranzschwellen nicht zu überschreiten (PPR 2024). Hier können die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) einen konstruktiven Beitrag leisten. SDG 16 zielt darauf, Frieden, Gerechtigkeit und Institutionen zu stärken.

Frieden durch Transformation

Um positive Friedensziele zu erreichen, müssen geeignete Handlungen und Pfade gefunden und verfolgt werden. Wege zum Frieden können nachsorgend – durch Beendigung von Konflikten – und vorbeugend – durch Beseitigung von Konfliktursachen – bereitet werden. Kippen die ökonomischen, ökologischen, sozialen und politischen Bedingungen des Friedens, ist dieser erheblichen Umbrüchen ausgesetzt. So beseitigt die sozial-ökologische Transformation nicht nur Kriegsursachen und Folgen des fossil-nuklearen Zeitalters (einschließlich möglicher Klimakonflikte und -vertreibungen), sondern schafft auch Chancen für eine friedlichere Versorgung mit Energie, Nahrung und anderen Ressourcen. In verschiedenen Sektoren können technologische Innovationen, soziales Verhalten und politische Entscheidungen positive Kippmomente antreiben, etwa durch billige erneuerbare Energien oder Umbrüche der Ernährungs- und Lebensweise, die Synergien von Nachhaltigkeit und Frieden stärken (Eker et al. 2024; Scheffran 2025).

Um Transformationskonflikte im Zaum zu halten (etwa bei kritischen Rohstoffen für die Energiewende), sucht die Konflikttransformation einen Interessenausgleich und unterstützt die kooperative Bewältigung von Umweltproblemen durch Environmental Peacebuilding. Beispiele sind: EcoPeace Middle East für die gemeinsame Wassernutzung zwischen Israel, Palästina und Jordanien, die Förderung von Kleinwasserkraftwerken auf dem Balkan zur Konfliktprävention, oder die Wiederaufforstung in Westafrika für eine konfliktsensible Klimaanpassung, die Konflikte zwischen Land- und Viehwirtschaft verringert (Vinke et al. 2024). Im Norden Kenias organisieren indigene Gemeinschaften die »Camel Caravan«, um Zusammenhänge von Klimawandel, Ungleichheit, Konflikt und Frieden zu adressieren und die Resilienz zu stärken. Eindrücklich ist die ökologische Friedensförderung in Timor-Leste durch die Wiedereinführung der lokalen Praxis des »Tara Bandu« – öffentlicher Zeremonien, um Beziehungen zu regeln, Ressourcen zu nutzen, Konflikte zu vermeiden und Gewalt zu unterbinden. »Tara Bandu« gilt als erfolgreiches Instrument, das den Zusammenhalt der Gemeinschaft stärkt und Streitigkeiten über natürliche Ressourcen löst.

Lokale Bevölkerungen haben sich seit Generationen an die veränderte Umwelt angepasst und friedensfördernde Praktiken entwickelt. Dabei gehören Frieden mit der Natur und Frieden unter den Menschen zusammen, gehen positive Kipppunkte der sozial-ökologischen Transformation und der Konflikttransformation Hand in Hand (Pastoors et al. 2022; Froese et al. 2023). Angesichts geopolitischer Konflikte ist die Ausstrahlungskraft nicht zu unterschätzen, die u.a. von der Nord-Süd-Zusammenarbeit zwischen Regierungen, NGOs und Bevölkerung ausgeht. Koalitionen und Netzwerke können auf verschiedenen Ebenen eine »kritische Masse« bilden, um die Machtstrukturen des fossilen Zeitalters abzulösen und positive Kippmomente für nachhaltige, friedliche und gerechte Verhältnisse zu ermöglichen.

Literatur

Becker, R. et al. (2025): Europas Rolle für den Frieden in der Welt: Positiv-Szenario 2025-2040. Sicherheit neu denken.

Bresselau von Bressensdorf, A. et al. (Hrsg.) (2024): Kipppunkte. Momente des Wandels im 20. Jahrhundert. Göttingen: Wallstein.

Diez, G. (2025): Kipppunkte. Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart. Berlin: Aufbau-Verlag.

Eker, S. et al. (2024): Cross-system interactions for positive tipping cascades. Earth System Dynamics 15(3), S. 789-800.

Franzke, C. L. E. et al. (2022): Perspectives on tipping points in integrated models of the natural and human Earth system. Environmental Research Letters 17(1), 015004.

Froese, R. et al. (2023): Erhalten, Entfalten, Gestalten: Mittel der Konflikttransformation für Wege aus der Klimakrise einsetzen. W&F 2023(4), S. 43-46.

Gladwell, M. (2000): The tipping point: how little things can make a big difference. Boston: Little, Brown and Company.

Habermas, J. (2024): „Es musste etwas besser werden…“. Gespräche mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Heinemann-Grüder, A. (2023): Wie enden Kriege? Einsichten für den Ukrainekrieg. Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 16(3), S. 227-239.

Leonhard, J. (2023): Über Kriege und wie man sie beendet. München: C.H.Beck.

Lenton, T. M. (Hrsg.) et al (2023): The Global Tipping Points Report 2023, Univerity of Exeter.

Milkoreit, M. et al (2024): Governance for Earth system tipping points. Earth System Governance 21, 100216.

Pastoors, D. et al. (2022): „Frieden verbessert das Klima“ – Zivile Konfliktbearbeitung als Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation. Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 15(3), S. 283-305.

Institute for Economics and Peace (2024): Positive Peace Report 2024.

Scheffran, J. (2023): Limits to the Anthropocene: geopolitical conflict or cooperative governance? Frontiers of Political Science 5, 1190610.

Scheffran, J. (2025): Wege aus der Polykrise: Wie wir den negativen Kipppunkten positive entgegensetzen können. Blätter für deutsche und internationale Politik 70(3), S. 97-104.

Schelling, T. (1971): Dynamic models of segregation. Journal of Mathematical Sociology 1(2), S. 143-186.

Vinke, K. et al. (2024): Zivile Krisenprävention durch Environmental Peacebuilding, Berlin, 4.11.2024.

Dr. Jürgen Scheffran ist Professor (em.) für Integrative Geographie, Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit (CLISEC) an der Universität Hamburg und Mitglied der W&F-Redaktion.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2025/2 Nicht Verzagen! Weitermachen in Zeiten multipler Krisen, Seite 11–14