W&F 2026/1

Ozean am Rande der Welt?

Westliche Kartographien zeigen die Weite Ozeaniens: schier unendliche Nu­ancen des Blau, akzentuiert mit kleinen, teils unsichtbaren Punkten, die Inseln, Inselgruppen und Eilande indizieren. Diese Perspektive als weiter, abgelegener Raum am Rande der Welt prägt das Handeln globaler Großmächte seit jeher. Doch was geschieht, wenn Ozeanien nicht mehr als verstreute Inseln in einem Meer am Ende der Welt, sondern als »Meer der Inseln« begriffen, als ein größeres Ganzes, als ein Kontinent im Wasser erkannt wird?

Für die indigenen Gesellschaften Ozeaniens ist der Ozean kein Zwischenraum – er ist der Raum selbst. In vielen pazifischen Kulturen beginnt Orientierung in der Weite des Raumes mit der Fähigkeit zu lesen, was sich bewegt: Wellenmuster, Sternenbahnen, Windrichtungen. Navigation geht weit über den Status einer überlebenswichtigen Technik hinaus – sie konstituiert einen integralen Bestandteil der ozeanischen Identitäten. Sie fungiert als greifbare Beziehungspraxis, die Gemeinschaften, Inseln, Staaten, die Welt verbindet.

Kosmologisch für seine Bewohner*innen ist Ozeanien kein Rand der Welt, vielmehr ein Kontinent aus vielschichtigen Beziehungen, in dem Zusammenleben, Frieden und Sicherheit immer regional gedacht und ausgehandelt werden. Aus der Perspektive geostrategischer Ambitionen und Interessen hingegen ist Ozeanien sehr wohl ein Rand der Welt, der von Linien externer Militarisierung, Ausbeutung und Zerstörung durchzogen wird.

Dieses permanente Spannungsverhältnis führt zu herausfordernden Situationen: So befinden sich indigene Konzepte von Ordnung, Verwaltung und Verantwortung häufig in fundamentalem Gegensatz zu westlichen Sicherheits- und Entwicklungsparadigmen. Demgegenüber steht die Adaptionsfähigkeit an solche Standards, von denen wiederum viele der Mittel abhängig gemacht werden, die der Region helfen könnten, mit der Gewalt und ihren Spätfolgen adäquaten Umgang zu finden. Auch hier kommt eine gewisse westliche Idealisierung Ozeaniens zum Tragen: Wenngleich sich die pazifischen Gesellschaften durch individuelle Mittel der (gewaltfreien) Konfliktbeilegung auszeichnen, so sind und waren sie keineswegs gefeit vor gewaltsamen Konflikten, deren Nachwehen auch heute noch in Form von Gewalt, Stigmatisierung und Instabilität zu spüren sind.

Ähnliches betrifft auch die Aushandlung von »Frieden«: Die Aufrechterhaltung und Pflege intakter Beziehungen zu (Um-)Welt, Meer und Menschen einerseits, die Passung in Vorstellungen eines liberalen »peacebuilding« andererseits führen von Missverständnissen und partiellen Zerwürfnissen hin bis zur Konfliktpersistenz.

Neben inter- und intrastaatlichen Konflikten haben Kolonialismus, Militarisierung und atomare Tests die fragilen Beziehungsgeflechte Ozeaniens massiv verletzt. Die Spuren dieser Gewalt liegen nicht nur in nationalen Archiven oder intergenerationellen Traumata – sie liegen im Wasser selbst: In kontaminierten (Meeres-)Böden, unterbrochenen Schifffahrtsrouten oder zerstörten Ökosystemen. In gefährlicher Parallelität dazu schreitet der Klimawandel voran, der durch den Meeresspiegelanstieg, Extremwetterereignisse und viele weitere Gefahren eine existenzielle Bedrohung für die Inselstaaten darstellt. Jedoch lässt sich Ozeanien hier, wie auch im Kontext seiner anderen, zahlreichen Herausforderungen, nicht auf die medial vermittelte passive Opferrolle reduzieren.

Im Gegenteil: Trotz postkolonialer Konfliktkontinuitäten zeigen die pazifischen Bevölkerungen beides, emanzipatorische Potenziale und konkrete Handlungsmacht. Es existiert eine Vielzahl an Konzepten, alternativen Lebensformen und indigenen Nachhaltigkeitsansätzen, die westlichen Modellen standhalten. Traditionelle Wissenssysteme adressieren den Klimawandel nicht nur als Umweltproblem, sondern explizit als Frage von Souveränität, Mobilität, kulturellem Fortbestand und Identität. Diese schier unerschöpfliche Resilienz und Wissensbreite zeigt sich in nahezu allen Lebensbereichen – von der Wirtschaft bis zur Konfliktbeilegung.

Mit dieser Ausgabe versuchen wir, den Blick auf das Ungesehene zu lenken, vertraute Karten beiseitezulegen und uns auf eine Neuorientierung einzulassen. Wenngleich die begrenzte Zahl der Beiträge der Vielschichtigkeit an Konfliktgeschehen und Bewältigungsstrategien nicht gerecht werden kann, so versuchen wir dennoch, den Blick von alltäglichen Vorannahmen auf eine nuanciertere Sichtweise zu lenken. Wir zeichnen die Umrisse eines Bildes eines Kontinents im Wasser – wohlwissend um unsere Lehrstellen und potenziellen Verzerrungen, die trotz einer reflektierten Herangehensweise weiter bestehen.

Dieses Heft beansprucht nicht, Ozeanien zu erklären – es versteht sich vielmehr als Versuch zuzuhören, epistemische Hierarchien zu irritieren und Gedanken über alternative Konzepte anzustoßen. Navigation bedeutet in diesem Sinne auch, sich der eigenen – zwangsläufig westlich geprägten – Perspektive bewusst zu werden und sie mit ihren Lücken anzuerkennen.

Amelie Sieber

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/1 Ozeanien, Seite 2