W&F 2025/2

Postmigrantische Räume

Das TEKİEZ in Halle als Raum gesell­schaftlicher Begegnung und Resilienz

von Emma Luna Brahm, Kübra Gencal und Daniel Kubiak

Dieser Artikel stellt das TEKİEZ als Ort vor, der sich als Raum der Solidarität, der Erinnerung und der Resilienz in der ostdeutschen Großstadt Halle (Saale) herausgebildet hat. Die Umgestaltung war vor allem von der Frage geleitet, wie ein Raum konstituiert werden kann, wo Solidarität sichtbar und praktisch erfahrbar werden kann. Das Anliegen war es im TEKİEZ „über Rassismus, über Antisemitismus und darüber, wie es halt gehen kann, sich auch solidarisch zu zeigen und zusammen solidarische Gesellschaft zu üben und lernen zu können“, wie in einem Interview erzählt wurde. Solche Orte sind in postmigrantischen Gesellschaften wichtige Pole resilienter Praktiken, die wir in diesem Beitrag genauer ausführen wollen.

Der Begriff der »postmigrantischen Gesellschaft« wurde im Theaterkontext des Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg u.a. von der Intendantin Shermin Langhoff geprägt und durch die Migrationsforscherin Naika Foroutan (2020, 2021) in einen sozialwissenschaftlich-analytischen Kontext übertragen. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der Migration als konstitutives Element verstanden wird, und erkennt an, dass jegliche Bereiche sozio-politischen Lebens von Migration beeinflusst werden (Bade 1994). Vor allem mit Bezug auf die akademischen und gesellschaftlichen Diskurse der 2000er und frühen 2010er Jahre (Mecheril 2012; Langhoff 2019; Yildiz 2013), vertritt Foroutan die Annahme, es gehe in postmigrantischen Gesellschaften „nicht um Migration selbst […], sondern um gesellschaftspolitische Aushandlungen, die nach der Migration erfolgen, die hinter der Migrationsfrage verdeckt werden und die über die Migration hinausweisen“ (Foroutan 2021, S. 29).

Deutschlands Entwicklung zur postmigrantischen Gesellschaft

Historisch gesehen zeigt Deutschlands Umgang mit Migration eine Folge von konflikthaften Phasen der Ablehnung und Anerkennung, die durch unterschiedliche politische Entscheidungen und Anerkennungsprozesse geprägt sind (Söylemez 2024). Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 1950er und 1960er Jahren, wurden diverse Anwerbeabkommen geschlossen – in der BRD mit Ländern, wie Italien, Portugal und der Türkei über die sogenannten »Gastarbeiter*innen«, sowie in der DDR mit Ländern, wie Polen, Vietnam und Mosambik über sogenannte »Vertragsarbeiter*innen«. Die Debatten um Migration konzentrierten sich zu dieser Zeit maßgeblich um den ökonomischen Nutzen der Arbeiter*innen für die Volkswirtschaft, wobei weder vonseiten der Arbeitgeber*innen, noch von Gewerkschaften eine ökonomische Gleichstellung mit deutschen Arbeiter*innen unterstützt wurde. Der »wilde Streik« ausländischer Arbeiter*innen 1973 in den Kölner Ford-Werken warb für die gleiche Bezahlung von ausländischen und deutschen Arbeitnehmer*innen, wurde aber von der IG-Metall nicht unterstützt. In den 1980er Jahren verlagerten sich die Auseinandersetzungen in Richtung der Frage, inwieweit die Migrant*innen und ihre Familien in der Bundesrepublik bleiben und den deutschen Pass erhalten könnten – wodurch Deutschland faktisch zu einem Einwanderungsland werden würde – oder ob sie im Zuge der wachsenden Arbeitslosigkeit wieder in ihr Heimatland zurückkehren sollten.

Erste gesellschaftspolitische ­Öffnungen während der Wiedervereinigung gingen in den rassistischen Debatten dieser Zeit unter. Der Diskurs um Migration war geprägt von »Das Boot ist voll«-Narrativen, rassistischen Übergriffen sowie einer 1993 im Grundgesetz festgeschriebenen Verschärfung des Asylrechts. Im Kon­trast dazu standen die kontinuierlich ansteigende Flüchtlingshilfe, vor allem für Geflüchtete aus den Kriegsgebieten in Ex-Jugoslawien, sowie »Lichterketten« zur Solidaritätsbekundung. Die gesellschaftliche und politische Anerkennung Deutschlands als Einwanderungsland erfolgte erst in den frühen 2000er Jahren durch drei (symbolische) Akte: die Zuwanderungskommission unter Rita Süssmuth, das erste Zuwanderungsgesetz (2005) und die symbolische Anerkennung des Islam durch eine Rede des Bundespräsidenten Christian Wulff im Jahr 2010. Ein weiterer entscheidender Moment war die sogenannte »Flüchtlingskrise« 2015, als Deutschland eine große Zahl von Asylsuchenden aufnahm. In der Folgezeit wurden polarisierte gesellschaftliche und politische Debatten über Migration geführt, in der auch offen migrationsfeindliche Positionen Einzug in den Diskurs fanden und die Anerkennung von Deutschland als Einwanderungsland erneut in Frage gestellt wurde.

Während Migration also einerseits als gesellschaftsstrukturierendes Element anerkannt und eine Differenzierung zwischen »Migrant*innen« und »Nicht-Migrant*innen« zunehmend abgelehnt wird, lässt sich eine Evolution von »Migration« zu einem omnipräsenten Thema innerhalb soziopolitischer Diskurse verzeichnen (vgl. Foroutan 2021, S. 19). Die Dynamik der Migrationsfrage wird durch den Aufstieg, die Sichtbarkeit und den Einfluss verschiedener Gruppen intensiviert, die eine trennscharfe Unterscheidung zwischen »migrantischen« und »nicht-migrantischen« Menschen forcieren. Diese Polarisierung wird von Akteur*innen vorangetrieben, die Pluralität entweder unterstützen oder ablehnen und manifestiert sich in der Bildung von Allianzen und Antagonismen. Im Kontext eines solchen ideologischen Drift erzeugen Verhandlungen über Rechte, Privilegien und Zugehörigkeiten gesellschaftliche Spannungen zwischen Akzeptanz und Ablehnung und führen nicht selten „zum Anstieg rassifizierender Denkmuster […] auf Kosten der demokratischen Norm” (Foroutan 2021, S. 60).

Insofern befasst sich dieser Artikel mit den Auswirkungen rassistisch motivierter Gewalt auf spezifische Orte und der Entstehung von resilienten und solidarischen Begegnungsräumen.

Entstehung neuer Begegnungs­räume: das TEKİEZ

Am 09. Oktober 2019 (»Jom Kippur 5780«) wurde in Halle an der Saale ein rassistischer und antisemitischer Anschlag verübt, bei dem ein rechtsextremer, antifeministischer, antisemitischer und mit Feuerwaffen und Sprengstoff bewaffneter Attentäter versuchte, in eine Synagoge einzudringen, um die dort versammelten Menschen zu töten. Nachdem dieser Versuch gescheitert war, steuerte der Täter den Imbiss »Kiezdöner« an und tötete auf dem Weg eine Passantin sowie einen Kunden im Dönerimbiss selbst. Mit der Synagoge und einem ethnisch markierten Lokal wurden durch den Täter explizit zwei als migrantisch gelesene Orte im Paulusviertel ausgesucht.

Im Anschluss an den Anschlag gerieten İsmet und Rıfat Tekin, die Besitzer des Dönerimbiss, die teilweise selbst während der Tat im Lokal anwesend waren und verletzt wurden, in finanzielle Not. Der Laden konnte nicht einfach weiterbetrieben werden, Kund*innen blieben aus, und die Corona-Pandemie entzog den Brüdern final die finanzielle Grundlage. Gleichzeitig setzten sich İsmet und Rıfat Tekin mit der Frage auseinander, wie vor Ort an die traumatischen Ereignisse erinnert werden könnte. Im Kontext des Strafprozesses gegen den Täter, 2020 in Magdeburg ausgetragen, entwickelten sich Kontakte zwischen den Brüdern Tekin, Betroffeneninitiativen und aktivistischen Organisationen aus diversen deutschen Städten. Angeregt durch diesen Austausch und bestärkt durch Herausforderungen hinsichtlich des wirtschaftlichen Erfolgs des »Kiezdöners«, entschieden sich die beiden gemeinsam mit einer lokalen Unterstützergruppe in Halle, den Imbiss umzuwandeln.

Mit dem TEKİEZ entstand ein neuer lokaler, halboffener Raum, der sich an alle Menschen richtet, die die Zukunftsvisionen teilen, sich im Austausch mit der kollektiven Aufarbeitung des Attentats auseinandersetzen und rassistische, antisemitische und rechte Gesellschaftsstrukturen hinterfragen und ändern wollen. So ist das TEKİEZ zu einem zentralen Ort für die jährliche Erinnerung an den Anschlag selbst geworden, bleibt aber – den genannten Themen gewidmet – das ganze Jahr über offen. Durch die gemeinsame Übereinstimmung hinsichtlich transformativer Zukunftspläne soll versichert werden, dass sich alle Personen vor Ort sicher fühlen und in eine ungezwungene Interaktion miteinander treten können.

Förderung gesellschaftlicher Resilienz durch solidarische Begegnungsräume?

In (postmigrantischen) Gesellschaften ist die Schaffung inklusiver und solidarischer Räume von zentraler Bedeutung. Solche Räume bieten Menschen die Möglichkeit, sich ohne Angst oder das Gefühl der Fremdheit ausdrücken zu können und ermöglichen einen Austausch von Erfahrungen in einem Umfeld, in dem sie »sie selbst« sein können. Insbesondere im Kontext von rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Gewalt, gerade wenn sie explizit auf migrantisch markierte Räume abzielt, ist die Schaffung ebensolcher solidarischer Räume besonders bedeutsam, da sie einen Beitrag zur kollektiven Bewältigung von Traumata leisten können und die Resilienz ihrer Nutzer*innen stärken. Wesentlich für die Resilienz einer Gemeinschaft ist der Zugang zu unterschiedlichen Ressourcen (Hecking; Schwenzer 2022, S. 126). Wie (un)eingeschränkt der Zugang ist, hängt mit der sozialen Positionierung einer Gemeinschaft und ihrer Mitglieder zusammen und ist stark in bestehende Machtdynamiken eingebunden.

Daher wird in Diskursen um Resilienz zunehmend gesellschaftliche Transformation in den Fokus gerückt: Resilienzfaktoren werden als Kapazitäten für langfristige Veränderungen betrachtet, die nicht nur darauf abzielen, auf gegenwärtige Krisen zu reagieren, sondern auch zukünftige Herausforderungen vorherzusehen und zu bewältigen (Bobar; Winder 2018, Chehata 2023). Denn wenn die Bedingungen, die zu einer Krise geführt haben, nicht thematisiert und verändert werden, kann keine nachhaltige Resilienz entstehen. Im Kontext rechter Gewalt sollte Resilienz in diesem Sinne nicht nur reaktiv, sondern auch präventiv wirken. Denn: Rassistisch und antisemitisch motivierte Anschläge stellen keine Einzelfälle dar, sondern sind als Auswirkungen weitreichender struktureller Bedingtheiten zu verstehen. Dementsprechend müssen sich Gesellschaften und Gemeinschaften zukünftig diesen Herausforderungen stellen und resilienter werden.

Zur Selbstermächtigung und Widerstandsfähigkeit einer Community zählt unter anderem auch die Stärkung von (institutionalisierten) Strukturen. Begegnungsräume wie das TEKİEZ sind Beispiele solcher Strukturen, indem sie einen physisch-materiellen Rahmen darstellen, innerhalb dessen die Akteur*innen aushandeln können, welche Ressourcen sie zur Widerstandsfähigkeit benötigen, was ihre politischen Forderungen sind und wie eine gesellschaftliche Transformation aussehen sollte. Die Arbeit des TEKİEZ beinhaltet ein breites Spektrum an Aktivitäten, wie beispielsweise die Ausrichtung von Community-Events für die Nachbarschaft oder bildungspolitischen Veranstaltungen zu Antisemitismus und Rassismus, in dessen Rahmen soziale Teilhabe und sozialer Zusammenhalt vor Ort im Vordergrund stehen. Gleichermaßen wirkt die Vernetzung mit anderen (trans-)lokalen Akteur*innen insofern Resilienz fördernd, als dass sie den Austausch von Ressourcen und Informationen ermöglicht. Durch den Dialog vor Ort soll einerseits (emotionaler) Rückhalt für von Diskriminierung und rechter Gewalt betroffene Personen geschaffen und andererseits ein politisch-diskursiver Prozess ermöglicht werden, auf dessen Grundlage politische Forderungen und gemeinsame Ziele formuliert werden können. Dadurch kann der soziale Zusammenhalt und die damit einhergehende Widerstandsfähigkeit sowohl auf einer persönlichen wie auch einer politischen Ebene adressiert und gestärkt werden.

Gleichzeitig macht die Geschichte des TEKİEZ die Notwendigkeit einer sicheren und planbaren Finanzierung solcher Projekte deutlich. Die materielle Ressource der Räumlichkeit ist auf finanzielle Mittel angewiesen. Erst durch die Antirassismus-Beauftragte der Bundesregierung wurde ein Förderprogramm aufgebaut, um Orte wie das TEKİEZ – zumindest temporär – finanziell abzusichern. Eine bundespolitische Förderung ist essenziell um das Potential lokaler Begegnungsräume auszuschöpfen, wenn die politischen Mehrheiten sich auf Kommunal- oder Landesebene verändern. Die zeitliche Beschränkung solcher spezifischer Förderprogramme stellt für resilienzfördernde Projekte wie das TEKİEZ jedoch keine langfristig finanziell gesicherte Perspektive dar.

Warum brauchen wir resiliente Räume?

Postmigrantische Gesellschaften zeichnen sich auch durch die ansteigende Polarisierung und den Anstieg rassifizierender Denkmuster aus, die im Kern häufig weniger mit Migration zusammenhängen, als mit Aushandlungen um soziale Anerkennung und Teilhabe. Insbesondere auf lokaler Ebene beeinflusst (die Erinnerung an) rassistisch motivierte Gewalt die Art, wie migrantisierte Menschen sich durch ihre Heimatstadt bewegen und lokale Räume nutzen.

Besonders sehen wir, dass solche Orte des kollektiven Erinnerns auf lokaler Ebene, wie das TEKİEZ offene Zentren der Begegnung schaffen, in denen sichere Räume für Angehörige und marginalisierte Personen entstehen, die für den interkulturellen Austausch oder gemeinsames Trauern genutzt werden können. Darüber hinaus finden dort die Aushandlung von Konflikten und solidarisches Alltagshandeln statt, was wiederum neue Netzwerke schafft. So stellen postmigrantische Begegnungsräume einen wichtigen institutionellen Rahmen dar, innerhalb dessen durch die Bereitstellung und Einforderung von Ressourcen und solidarischen Netzwerken die gesamtgesellschaftliche Resilienz gestärkt werden kann. Sie sind auch ein ermutigendes Beispiel dafür, wie postmigrantische Gesellschaften aktiv mit der Vergangenheit umgehen und dadurch eine Zukunft der Solidarität etablieren.

Literatur

Bade, K. J. (1994): Homo Migrans. Wanderungen aus und nach Deutschland. Erfahrungen und Fragen. Essen: Klartext Verlage.

Bobar, A.; Winder, G. (2018): Der Begriff der Resilienz in der Humangeographie. In: Karidi, M.; Schneider, M.; Gutwald, R. (Hrsg.): Resilienz. Wiesbaden: Springer, S. 83-101.

Chehata, Y.; Dib, J.; Wenzler, N.; Sinoplu, A.; Himmen, T.; Harrach-Lasfaghi, A. (2023): Empowerment, Resilienz und Powersharing in der Migrationsgesellschaft: Theorien – Praktiken – Akteur*innen. Weinheim: Beltz Juventa.

Hecking, B.; Schwenzer, V. (2022): Teilhabe, Zusammenhalt und Vernetzung als stadtteilorientierte Ansätze der Resilienzstärkung. In: Behn, S. (Hrsg.): Raum, Resilienz und religiös begründete Radikalisierung: Radikalisierungsprävention in städtischen Räumen. Bielefeld: transcipt, S. 123-142.

Foroutan, N. (2020). Rassismus in der postmigrantischen Gesellschaft. Aus Politik und Zeitgeschichte, 70(42-44), S. 12-18.

Foroutan, N. (2021): Die postmigrantische Gesellschaft – Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript.

Langhoff, S. (2019): Shermin Langhoff: „Jede Intendanz in einer deutschen Großstadt muss sich heute der Frage stellen, wie divers ihr Ensemble ist”. Interview geführt von Celia Parbey. Edition F.

Mecheril, P. (2012): Migrationsgesellschaft. In: Kriwak, A.; Pallaver, G. (Hrsg.): Medien und Minderheiten. Innsbruck: Innsbruck University Press, S. 15-35.

Söylemez, S. (2024): Brüche und Kontinuitäten im Migrationsdiskurs. Deutschland als postmigrantische Heimat? In: Gampe, A.; Söylemez, S. (Hrsg.): Weltoffenheit, Toleranz und Gemeinsinn. Bielefeld: transcript, S. 151-180.

Yildiz, E. (2013): Die weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht. Bielefeld: transcript.

Emma Luna Brahm (Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Osnabrück), Kübra Gencal (Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG), Universität Bielefeld) und Daniel Kubiak (Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), Humboldt-Universität zu Berlin) sind Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen in dem Forschungsprojekt »Gesellschaftliche Räume der Migration«, ein Forschungsverbundprojekt der DeZIM-Forschungsgemeinschaft. Die Grundlagen dieses Beitrags ergeben sich maßgeblich aus dem Projekt »Räume der Migrationsgesellschaft« (ebenfalls DeZIM-FG), in dem Brahm, Gencal und Kubiak als Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen zusammengearbeitet haben.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2025/2 Nicht Verzagen! Weitermachen in Zeiten multipler Krisen, Seite 15–17