W&F 2026/1

Sudan:

Nach 1.000 Tagen eines verheerenden Konflikts

von Rafat Abbas und Ali Mai Shatta

Nach 1.000 Tagen des Kriegs, der am 15. April 2023 ausgebrochen ist, steht Sudan vor einer der schlimmsten humanitären Krisen weltweit: rund 15 Millionen Binnenvertriebene; 3 Millionen Geflüchtete in Nachbarstaaten; etwa 25 Millionen Menschen sind auf Nahrungsmittel angewiesen; etwa 5 Millionen von Hunger bedroht. Die brutalen Kämpfe haben Städte zerstört und die Versorgung stark beeinträchtigt. Darüber hinaus hat der Konflikt zu einer tiefen Spaltung der Zivilgesellschaft geführt. Die Kriegsparteien nutzen Hass­rede, um vor allem junge Menschen zu mobilisieren. Die UN berichtet von großer Vertreibung, Menschenrechtsverletzungen, einer hohen Zahl traumatisierter Überlebender und dem sich zuspitzenden Leid der Zivilbevölkerung. Der Krieg zeigt keine Anzeichen einer Entspannung.

Der Krieg und die humanitäre Krise in Sudan wurden von der internationalen Gemeinschaft so sehr übersehen, dass er weithin als »der vergessene Krieg« bekannt ist. Die Ignoranz und das Schweigen der Staatenwelt könnten darauf zurückzuführen sein, dass Sudan keine strategische geopolitische oder wirtschaftliche Bedeutung hat. Internationale Institutionen scheinen keine Dringlichkeit zu verspüren, angemessen zu reagieren, was zu einem Mangel an konsequenter Advocacy-Arbeit für humanitäre Interventionen oder Lösungen seitens der internationalen Gemeinschaft führt.

Darüber hinaus gibt es auf nationaler Ebene in Sudan einen besorgniserregenden Mangel an öffentlicher Empörung. Dieses Schweigen lässt sich durch eine Reihe von Faktoren erklären. Das Ausmaß und die Brutalität der Gewalt haben zu einer tiefen Verzweiflung geführt, die viele Menschen passiv und schweigend hinterlässt. Eine weitere Erklärung könnte sein, dass die Kriegsparteien Menschen ohne Grund angeklagt haben und man sein Leben vor dem Vorwurf des Verrats schützen will. Der Zusammenbruch der lokalen Verwaltungen, der Infrastrukturen, der Wirtschaften und der Dienstleistungen hat die Menschen darauf fokussiert, sich mehr um ihr Überleben als um politisches Engagement zu kümmern.

Angesichts der anhaltenden Gewalt ist es natürlich wichtig, den Stimmen der Zivilgesellschaft mehr Gehör zu verschaffen. Allerdings gibt es nur eine begrenzte Anzahl sudanesischer zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich für internationale Advocacy-Aktivitäten engagieren, und die stark militarisierte Öffentlichkeit hindert nationale Organisationen daran, sich für Frieden und Demokratie einzusetzen. Zwar gibt es Advocacy-Kampagnen in den sozialen Medien, doch können diese nur begrenzte Wirkung entfalten, da die überwiegende Mehrheit der Sudanes*innen in Sudan keinen Zugang zu solchen Plattformen hat.

Als Reaktion auf die akute humanitäre Krise, die durch den aktuellen Krieg verursacht wurde, haben sowohl die Sudanes*innen im Land als auch die Diaspora verschiedene Wege gefunden, um mit der Krise umzugehen:

  • Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft: Lokale Netzwerke haben unermüdlich daran gearbeitet, denjenigen Hilfe zu leisten, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Initiativen zur Versorgung mit Lebensmitteln, medizinischer Hilfe und Unterkünften zeigen die Widerstandsfähigkeit und Solidarität der sudanesischen Bevölkerung. Obwohl es auch andere Basisinitiativen gibt, ist allgemein bekannt, dass die Notfallzentren (»Emergency Response Rooms«, ERRs) eine wichtige Rolle spielen.
  • Psychosoziale Unterstützung und Traumabehandlung: Angesichts der starken psychologischen Auswirkungen des Konflikts gewinnen Initiativen zur psychosozialen Unterstützung und Traumabehandlung zunehmend an Bedeutung.
  • Engagement im politischen Dialog und Mobilisierung der Jugend: Aktivist*innen und führende Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft – hauptsächlich junge Menschen aus der Diaspora – setzen sich dafür ein, die Stimmen für Frieden und demokratische Reformen zu vereinen. Die Jugend macht über 60 % der Bevölkerung des Sudan aus. Sie arbeiten mit Gleichaltrigen unterschiedlicher Herkunft zusammen, auch wenn einige von ihnen wegen »Untergrabung des Regimes« inhaftiert sind.
  • Advocacy und Sensibilisierung: Einige zivilgesellschaftliche Organisationen und Mitglieder der sudanesischen Diaspora nutzen soziale Medien, um auf die Situation aufmerksam zu machen und für internationale Interventionen und Unterstützung zu werben.

Die Lage in Sudan ist nach wie vor dramatisch, die Gewalt und die humanitäre Katastrophe eskalieren weiter. Da die Welt schweigt, ist es für die Sudanes*innen von entscheidender Bedeutung, diese zivilgesellschaftlichen Engagements und konstruktiven Initiativen so gut wie möglich zu unterstützen, aufrechtzuerhalten und zu maximieren. Derzeit gibt es keine echte Alternative für einen Weg zum Frieden – solange die Welt weiter schweigt.

Rafat Abbas ist Journalist und Geschäftsführer der »Sudanese Initiative for Nonviolence and Development« (STAND).
Mai Ali Shatta ist Expertin für Menschenrechte und Friedensförderung und arbeitet für die sudanesische »Bana Group for Peace and Development«.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/1 Ozeanien, Seite 5