W&F 2025/1

Übermäßig sichtbar und doch vergessen

Andauernde Sichtbarkeit und anhaltendes Vergessen des syrischen Bürgerkriegs

von Sabina Kulueva

Der Bürgerkrieg in Syrien kann angesichts der umfangreichen Medienberichterstattung – nicht erst nach dem erfolgreichen Sturz von al-Assad – ohne weiteres als »übermäßig sichtbarer Konflikt« bezeichnet werden. Der Mangel an Einigkeit unter den Hauptakteuren des Konflikts führt jedoch zu einer paradoxen Unsichtbarkeit selbst eines solch extrem sichtbaren Konflikts. Dieser Artikel befasst sich mit der Dynamik der Unsichtbarmachung und damit, was es für Konfliktakteure bedeuten könnte, wenn Sichtbarkeit nur dann einen sinnvollen Zweck erfüllt, wenn die Interessen der »Vetospieler« miteinander in Einklang stehen.

Während Konflikte für diejenigen Wissenschaftler*innen, die sich auf eine bestimmte Region oder einen bestimmten Staat konzentrieren, durchweg sichtbar sind, stellt sich dies für die Weltöffentlichkeit anders dar. Anhand der Fallstudie des Bürgerkriegs in Syrien können wir eine Reihe von Faktoren feststellen, die sich unterschiedlich auf die Sichtbarkeit dieses speziellen Konflikts ausgewirkt haben.

Das Phänomen des »Arabischen Frühlings« hat zweifelsohne die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft auf sich gezogen. In den »erfolgreichen« Fällen Tunesiens und Ägyptens führten die gegen die Regierung gerichteten Proteste zum Sturz der autoritären Regime – und verschwanden daher schnell von der Medienagenda. Der davon abweichende Verlauf des Konflikts in Syrien, der durch die Herausbildung von Hardlinern und gemäßigten Kräften innerhalb der politischen Elite und den anschließenden Sieg der ersteren gekennzeichnet war, führte letztlich zur Bildung einer widerstandsfähigen militärischen und politischen Opposition – was für die anhaltende Sichtbarkeit des Konflikts sorgte.

Zu Beginn des gewaltsamen Konflikts war die syrische Regierung in ihrer Reaktion auf den Volksaufstand intern gespalten. Als sich im Sommer 2011 herausstellte, dass die Polizei nicht in der Lage war, die Proteste zu beenden, entschied sich die syrische Regierung für den Einsatz der Armee (Rabinovich und Valensi 2021, S. 45). Aus Protest gegen die grausame Haltung der Regierung traten viele prominente politische Persönlichkeiten, die gemäßigte Ansichten vertraten, wie Farook al-Sharaa, Ali Habib und Manaf Tlas, von ihren Ämtern zurück (Gani und Hinnebusch 2022, S. 3f.). Außerdem veranlasste der brutale Umgang mit unbewaffneten Zivilist*innen zahlreiche Angehörige der Streitkräfte dazu, überzulaufen und die »Freie Syrische Armee« zu gründen, die anschließend Gebiete von den syrischen Streitkräften zurückzuerobern versuchte.

Gleichzeitig war und ist der Konflikt in Syrien Gegenstand anhaltenden internationalen Interesses, insbesondere der großen Weltmächte. So verurteilte der damalige US-Präsident Barack Obama im August 2011 nicht nur die Angriffe auf Zivilist*innen in den Städten Hama und Deir al-Zour oder die Verhaftungen von Oppositionellen, sondern verhängte auch strenge Sanktionen gegen das syrische Regime (The White House 2011). Eine ähnliche Haltung vertraten später auch die Europäische Union, die ebenfalls Sanktionen verhängte (Council of the EU 2024), und die Arabische Liga, die Bashar al-Assad zum Rücktritt aufforderte, ihm „sicheres Geleit“ zusicherte und die militärische Opposition ermutigte, „eine Übergangsregierung der nationalen Einheit zu bilden“ (Goldman 2012).

Dieser abweichende Verlauf des Syrienkonflikts, der durch die brutale Art der Konfrontation zwischen Gesellschaft und Regierung gekennzeichnet ist, untermauert die Ergebnisse aus der Literatur, die die Sichtbarkeit eines Konflikts mit ereignis- und kontextorientierten Nachrichtenfaktoren verknüpft: Die Verhängung von Sanktionen gegen das syrische Regime und die Brutalität seiner Streitkräfte, die zu einer beträchtlichen Zahl an Todesopfern unter der Zivilbevölkerung führten, lenkten in der Anfangsphase verstärkt die Aufmerksamkeit auf die Unruhen. Mit der Zeit, insbesondere durch die Militarisierung der Opposition und die anschließende offizielle Erklärung des Konflikts zu einem Bürgerkrieg durch die UN im Juli 2012 (Rabinovich und Valensi 2021, S. 52), ließ der »Schockfaktor« des Konflikts jedoch nach. Da die Forschung einen positiven Zusammenhang zwischen der geografischen Nähe eines Konfliktgebiets zum Land der Berichterstattung nachgewiesen hat (Zerback und Holzleitner 2018, S. 376ff.), lässt sich daraus schließen, dass die Sichtbarkeit des Konflikts erwartbarer Weise in weiter von Syrien entfernten Regionen mit zunehmender »Routinisierung« abnahm.

Aufmerksamkeit für Konfliktereignisse

Trotz der Transformation der Unruhen in einen ausgewachsenen Krieg und der erwarteten Unsichtbarmachung des Konflikts aufgrund seiner Routinisierung sorgten verschiedene Ereignisse in Syrien für dessen fortgesetzte Sichtbarkeit. Die Medien berichteten durchgängig über den Konflikt, was auf das Vorhandensein von nachrichtenwerten Faktoren wie „Elite/Prominenz, Schaden/Kontroverse, Unerwartetheit, Kontinuität und Relevanz/Reichweite“ zurückzuführen ist (Eilders 2006, S. 10). Der Einsatz von Chemiewaffen durch die syrische Regierung, das Auftauchen von ISIS, die militärische Beteiligung Russlands und der schnelle Sturz des Assad-Regimes weisen diese Merkmale auf.

  • Erstens war der Einsatz von Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung durch die Assad-Regierung höchst unkonventionell – und erregte daher weltweite Aufmerksamkeit. Dies machte den Krieg in Syrien sehr sichtbar, insbesondere weil die meisten Staaten das Chemiewaffenübereinkommen unterzeichnet haben und die internationale Gemeinschaft zuvor die Regierung von Saddam Hussein für den Einsatz von Chemiewaffen gegen die Kurden in Halabja im Jahr 1988 scharf verurteilt hatte. Die Situation verlangte, nicht mit zweierlei Maß zu messen.
  • Zweitens ist das Auftauchen des »Islamischen Staats in Irak und Syrien« (ISIS) ein weiteres wichtiges Ereignis, das die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zog. Die raschen Gebietsgewinne der Gruppe, die brutale Herrschaft und die bestürzenden Propagandavideos rückten den Konflikt ins weltweite Rampenlicht. Cottee (2015) zufolge versuchte ISIS gezielt, den »globalen Schockwert« des Bildmaterials zu erhöhen, indem sie ein schockierendes Video nach dem anderen produzierten (z. B. Videos, die „Massenenthauptungen von etwa 20 Syrern“, ein Kind als Haupthenker bei der Abschlachtung von zwei Männern“ und „die ritualisierte Verbrennung eines gefangenen jordanischen Piloten“ zeigten), um sich die »globale Sichtbarkeit« zu erhalten.
  • Drittens kam auch die militärische Beteiligung Russlands an dem Krieg unerwartet. Obwohl der syrische Präsident offiziell um Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus bat (Chappell 2015), verfolgte der Kreml in Wirklichkeit seine eigenen geostrategischen Interessen. Während die russische Luftabwehr das Kräfteverhältnis am Boden zugunsten des Assad-Regimes verschob, baute Moskau seinen eigenen Marinestützpunkt in Tartus aus und errichtete den Luftwaffenstützpunkt Khmeimim, um seine militärische Präsenz im Schwarzen Meer und im östlichen Mittelmeer zu verstärken und die strategische Nähe zur Südgrenze der NATO aufrechtzuerhalten (Borshchevskaya 2022).
  • Der rasche Zusammenbruch des Assad-Regimes am 8. Dezember 2024 verschaffte dem Konflikt schließlich erneut weltweite – und einigermaßen anhaltende – Aufmerksamkeit. Dies ist vor allem auf den krassen Gegensatz zwischen dem fast vierzehn Jahre dauernden brutalen Krieg eines Regimes, das seit über fünf Jahrzehnten an der Macht war und aufgrund seiner militärischen und diplomatischen Unterstützung unbesiegbar schien, und der nur zwölftägigen Offensive der Rebellenkoalition zurückzuführen, die in einem fast unblutigen Sieg dieser Kräfte gipfelte.

Trotz des routinisierten Charakters des Bürgerkriegs trugen die Bereitstellung bzw. der Rückzug von Unterstützung für die Konfliktparteien durch die Großmächte sowie der unerwartete und manchmal schockierende Charakter der damit verbundenen Vorfälle insgesamt zu einer regelmäßigen Berichterstattung in den Medien bei.

Die Dynamik vor Ort prägt die Sichtbarkeit

Während die vorgenannten Ereigniskategorien zu einer episodischen Berichterstattung über den Konflikt beitrugen, führte die Routinisierung des gewaltsamen Konflikts zu einer Verringerung der weltweiten Aufmerksamkeit.

Das »Verhandlungsmodell des Krieges« bietet wertvolle Erklärungen für diesen speziellen Prozess. Es geht davon aus, dass ein Krieg aufgrund von drei möglichen Versagen in der Aushandlung (»bargaining failures«) andauert: der »Unteilbarkeit der Konfliktgegenstände«, dem »Informationsproblem« und dem »Problem der Verpflichtung« (Fearon 1995, S. 380ff.). Im Fall des Syrienkonflikts ist die Betrachtung des Informationsproblems besonders aufschlussreich, da angenommen wird, dass die Kriegsparteien Signale senden und interpretieren, die Informationen über ihre jeweiligen militärischen Fähigkeiten und ihre Bereitschaft zum Kampf vermitteln. Signale werden durch offizielle Erklärungen, die Mobilisierung von Kräften, einschließlich der „Verlegung von Truppen und militärischem Gerät“ (Sterbenz und Trager 2019, S. 7), und durch tatsächliche Kämpfe gesendet. Folglich wurde in den Medien häufig über diese Signalgebungen der Konfliktparteien berichtet.

Die Auflösung des Informationsproblems, d.h. wenn die Konfliktparteien eine klare Perspektive hinsichtlich der militärischen Fähigkeiten und der Kampfbereitschaft der Gegenseite erlangen, ist einer der Faktoren, die auf die abnehmende Sichtbarkeit des Konflikts hinweisen. Diese Sichtweise kann durch das von Gani und Hinnebusch (2022) vorgeschlagene Drei-Phasen-Modell des Syrien-Krieges bekräftigt werden, das davon ausgeht, dass sich jede Phase von der vorangegangenen unterscheidet. Während die erste Phase im Jahr 2011 durch große (sichtbare) Demonstrationen für den Frieden gekennzeichnet ist, umfasst die zweite Phase zwischen 2012 und 2018 verschiedene gewalttätige Episoden, von denen auch die meisten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen. Die dritte Phase begann 2018 und kann auch als Phase des »eingefrorenen Konflikts« bezeichnet werden, in der die Kriegsparteien keine nennenswerten Fortschritte mehr erzielen konnten. Dass sich das Kräfteverhältnis zwischen 2018 und dem Sturz des Regimes Ende 2024 nicht wesentlich verschob, hat auch das Syria Conflict Mapping Team des Carter Center (2025) festgestellt.

Unter Berücksichtigung dieser Entwicklungen ist der in der Literatur postulierte Zusammenhang zwischen einer Routinisierung eines Konflikts und dem anschließenden Rückgang der Medienberichterstattung tatsächlich eine valide Beobachtung.

Trotz der regelmäßigen Kampfhandlungen haben einige aufgrund ihrer symbolischen Bedeutung große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zu den herausgehobenen Beispielen gehören die Einnahme von Homs im Jahr 2016, das oft als „Hauptstadt der Revolution“ bezeichnet wird (Hamdan 2015, S. 31), und die Rückeroberung von Aleppo durch das Regime ein Jahr später, was einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung des Bürgerkriegs markierte.

Gleichzeitig stellt die Langwierigkeit des Konflikts an sich den anderen Faktor dar, der die Sichtbarkeit des Konflikts verringert. Tester (2011, S. 74) stellt fest, dass die in ein Konfliktgebiet entsandten Reporter*innen im Allgemeinen „wenig oder kein tiefes Hintergrundwissen“ besitzen und daher dazu neigen, „konventionelle Erzähl- oder Darstellungsmethoden“ zu wählen. Der Autor argumentiert, dass die in der Berichterstattung verschleierte Komplexität des Konflikts zur Herausbildung einer spezifischen medialen Kategorie führt. In Bezug auf die Situation in Syrien lässt sich ableiten, dass konfliktbezogene Nachrichten im Laufe der Zeit zu einem unverzichtbaren Bestandteil der medialen Kategorie »Naher Osten« wurden, die als „eine der konfliktreichsten Regionen der Welt“ (Deitch und Valensi 2020, S. 20), „eine Region mit vielen instabilen Punkten und einem wachsenden Grad an Komplexität in den Krisen und Konflikten gilt (Fernández 2015) oder als der „der unbeständigste Teil der Welt seit Mitte des 20. Jahrhunderts, mit einer Vielzahl an Konflikten zwischen unterschiedlichen Rivalen“ (Wright 2024).

Die lange Dauer des Bürgerkriegs – und die sich häufenden Beweise – haben dazu geführt, dass er über die allgemeine Medienkategorie »Naher Osten« hinaus zu seiner eigenen Unterkategorie, dem »Syrienkrieg«, wurde. Darin ist ein breites Spektrum an Themen gebündelt, wie die Brutalität des Assad-Regimes, schwere Menschenrechtsverletzungen, die Flüchtlingskrise, der Aufstieg von ISIS, die Beteiligung von Großmächten und andere Themen. Die Zuweisung eines spezifischen Etiketts für die Situation führt mit dazu, dass die Komplexität weiter durch vereinfachte, sich wiederholende Narrative überschattet wird, was wiederum die Unsichtbarmachung des Konflikts befeuert.

Externe Faktoren beeinflussen die Sichtbarkeit

Im Zusammenhang mit dem Syrienkrieg wird die Dynamik der Sichtbarkeit des Konflikts auch durch eine Reihe externer Faktoren beeinflusst. Zu diesen Bedingungen gehören die militärische Beteiligung regionaler und globaler Akteure, die Einrichtung eines parallelen Verhandlungsrahmens (»Astana Peace Track«), ein schweres grenzüberschreitendes Erdbeben und die anschließende Normalisierung der politischen Beziehungen des Regimes zu den Staaten der Region.

Das Konzept der »Vetospieler« hilft, die Interessen der globalen und regionalen Mächte an einem bestimmten Ausgang des Bürgerkriegs in Syrien zu erklären. Cunningham (2006) definiert einen »Vetospieler« als eine Partei, deren Interessen von denen der anderen Kriegsparteien abweichen und die in der Lage ist, den Krieg eigenständig aufrechtzuerhalten, selbst wenn andere »Vetospieler« eine Einigung erzielen. Angesichts des politischen und militärischen Einflusses trifft diese Definition auf Russland, Iran, die Türkei und die Vereinigten Staaten zu. Während Russland eine strategische Präsenz in der östlichen Mittelmeerregion anstrebte, versuchte der Iran, Damaskus in seinem Einflussbereich zu halten. Die Türkei versuchte ihrerseits, die Errichtung einer autonomen kurdischen Region in Syrien zu verhindern. Und die Vereinigten Staaten rechtfertigten ihre fortgesetzte Militärpräsenz mit der Notwendigkeit, ISIS zu bekämpfen, dessen Wiederaufleben zu verhindern und der Expansionspolitik des Iran entgegenzuwirken, insbesondere der Nutzung syrischen Territoriums zur Versorgung der Hisbollah mit Waffen für ihren Konflikt mit Israel (Baldor 2023). In der Konsequenz haben die verschiedenen Formen der Unterstützung (militärisch, finanziell, logistisch, diplomatisch usw.), die den syrischen Konfliktparteien von Groß- und Regionalmächten – die jeweils ihre eigene Interessen verfolgten – im Laufe des Konflikts gewährt wurden, den Krieg ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Im Laufe der Zeit jedoch, je mehr der Krieg sich in eine »eingefrorene« Form zugunsten des Assad-Regimes entwickelte, nahm die Medienberichterstattung allmählich ab.

Aufgrund der Veränderung der Lage vor Ort wurde Ende 2016 in Astana eine parallele Verhandlungsplattform unter Beteiligung Russlands, der Türkei und Irans eingerichtet – als Gastgeber fungierte Kasachstan. Als Ergebnis wurde im Mai 2017 ein Memorandum (»Memorandum on the creation of de-escalation areas in the Syrian Arab Republic«) unterzeichnet. Trotz der Vereinbarung eines Waffenstillstands in vier ausgewiesenen Zonen, hatte das Assad-Regime bereits 2018 schrittweise die Kontrolle über drei von ihnen zurückerobert. Die Unfähigkeit des »Astana-Trios«, entsprechenden Druck auf die syrische Regierung auszuüben, damit diese ihre Aktivitäten einstellt, führte zu einer Pattsituation, von der beide Kriegsparteien profitierten. Während das Assad-Regime diese Pause nutzte, um die militärische Stärke wiederherzustellen und verlorene Gebiete zurückzuerobern, erlangte auch die Opposition die Regierungsverantwortung in einigen Gebieten, was im Falle einer längeren Pattsituation zu einer „nicht anerkannten Teilung des Landes“ führen könnte (Michiels und Kizilkaya 2022, S. 123). In Anbetracht der Tatsache, dass sowohl ausländische als auch inländische Medien überwiegend Gewaltereignisse hervorheben und nur selten über Frieden berichten (Baden und Tenenboim-Weinblatt 2018, S. 7-10, 17), führte der stetige Rückgang der (sichtbaren) Gewalt zu einer Unsichtbarmachung des syrischen Konflikts.

Aus der Normalisierung der politischen Beziehungen des syrischen Regimes zu seinen Nachbarländern spricht das, was Hodes mit »Gleichgültigkeit als Form der Macht« bezeichnete (2013, S. 80ff.) und was ebenso mit zur Unsichtbarmachung von Gewalt führt. Diese Entwicklung vertiefte sich nach dem katastrophalen Erdbeben, das Syrien und die Türkei im Februar 2023 heimsuchte. Allein in Syrien verursachte das Erdbeben Schäden und Verluste in Höhe von rund 5,2 Mrd. US$ und vertrieb 600.000 Menschen. Es betraf die nordöstlichen Regionen des Landes, die einen erheblichen Teil der Bevölkerung und der Wirtschaftstätigkeit des Landes ausmachen, und umfasste eine Reihe von Gebieten, die von den Kriegsparteien umkämpft sind (World Bank 2023). Das Erdbeben beschleunigte die Normalisierung der politischen Beziehungen zwischen Syrien und seinen Nachbarn im Nahen Osten – ein Prozess, der 2018 von den Vereinigten Arabischen Emiraten eingeleitet wurde (Robinson 2023). Dieser Prozess gipfelte in der Wiederaufnahme Syriens in die Arabische Liga im Mai 2023. Die Arabische Liga forderte Damaskus zwar auf, eine politische Lösung für den andauernden Krieg anzustreben, das Flüchtlingsproblem anzugehen und die Captagon-Frage zu lösen (Al Alawi 2024) – von Gerechtigkeit war jedoch keine Rede, es herrschte Gleichgültigkeit. Auch die Einladung Syriens zur Klimakonferenz der Vereinten Nationen im Jahr 2023 zeigte einmal mehr die Gleichgültigkeit der Weltgemeinschaft. Human Rights Watch und Amnesty International verurteilten dies, indem sie die Welt an die schweren Menschenrechtsverletzungen erinnerten, die das Assad-Regime begangen hatte (Hodgson 2023).

Während die Einmischung der Großmächte in den Medien ein beachtliches Echo hervorrief, machte ihre Gleichgültigkeit den Konflikt auf vielen Ebenen in der Öffentlichkeit unsichtbar – was sich in der allmählich wieder anwachsenden Akzeptanz des Assad-Regimes durch die Nachbarstaaten (ohne nennenswerten Aufschrei) und im Scheitern zweier internationaler Friedensverhandlungsformate (ebenfalls ohne öffentliche Empörung) zeigte. Dies verhinderte letztlich jegliche Bemühung um Gerechtigkeit.

Schlussfolgerungen

Was sollte daraus folgen? Es ist klar, dass die internationale Gemeinschaft während der gesamten Dauer des Konflikts auf die Tragödie aufmerksam gemacht wurde, so dass Syrien ein »übermäßig sichtbarer Konflikt« blieb. Während das Hauptziel des Versuchs, die weltweite Aufmerksamkeit auf die humanitäre Krise zu lenken, eigentlich darin bestand, das Leid der Menschen zu lindern, zeigt das Fehlen einer einheitlichen Haltung der beteiligten Parteien hinsichtlich der Lösung des Konflikts, wie leicht selbst öffentlichkeitswirksame Konflikte wie der in Syrien in Vergessenheit geraten können.

Ziad Majed spricht von der Tragödie einer »verwaisten Revolution« (Sills 2015), die durch die Unzulänglichkeit der internationalen Gemeinschaft bei der Erfüllung ihrer Verpflichtungen auf politischer, militärischer, diplomatischer und juristischer Ebene erkennbar wird. Letztlich zeigt der syrische Bürgerkrieg, dass die Sichtbarkeit von bewaffneten Konflikten nur dann einem sinnvollen Zweck dient, wenn sie mit den Interessen der »Vetospieler« übereinstimmt. Ist dies nicht der Fall, geraten auch übermäßig sichtbare Kriege in Vergessenheit.

Literatur

Al Alawi, H. (2024). Syria conflict still matters to Arab League, despite focus on Gaza war. The National, 16.5.2024.

Baden, C.; Tenenboim-Weinblatt, K. (2018): The search for common ground in conflict news research: Comparing the coverage of six current conflicts in domestic and international media over time. Media, War & Conflict 11(1), S. 1-24.

Baldor, L. C. (2023): A look at the US military mission in Syria and its dangers. Military Times, 26.3.2023.

Borshchevskaya, A. (2022): Russia’s strategic success in Syria and the future of Moscow’s Middle East policy. The Washington Institute for Near East Policy, 23.1.2022

Chappell, B. (2015): Russia begins airstrikes in Syria after Assad’s request. NPR, 30.9.2015.

Cottee, S. (2015): ISIS and the logic of shock. The Atlantic, 6.2.2015.

Council of the EU (2024): Syria: Council renews restrictive measures and extends humanitarian exemption for another year. Pressemitteilung, 28.5.2024.

Cunningham, D. E. (2006): Veto players and civil war duration. American Journal of Political Science 50(4), S. 875-892.

Deitch, M.; Valensi, C. (2020): Violent conflicts in the Middle East: A quantitative perspective. Research Forum. The Institute for National Security Studies (INSS), S. 20-39.

Eilders, C. (2006): News factors and news decisions. Theoretical and methodological advances in Germany. Communications 31(1), S. 5-24.

Fearon, J. D. (1995): Rationalist explanations for war. International Organization 49(3), S. 379-414.

Fernández, H.A. (2015): The multiple crises in the Middle East. Quaderns De La Mediterrània 22, S. 91-99.

Gani, J. K.; Hinnebusch, R. (Hrsg.) (2022): Actors and dynamics in the Syrian conflict’s middle phase: Between contentious politics, militarization and regime resilience. London: Routledge.

Goldman, Y. (2012): Arab League calls on Assad to step down. The Times of Israel, 23.7.2012.

Hamdan, A. N. (2015): On failing to „get it together“: Syria’s opposition between idealism and realism. Middle East Report 277, S. 28-34.

Hodes, M. (2013): The power of indifference: Violence, visibility, and invisibility in the New York City race riot of 1900. In: Martschukat J.; Niedermeier S. (Hrsg.): Violence and visibility in modern history. New York: Palgrave Macmillan, S. 73-90.

Hodgson, C. (2023): Amnesty brands COP28 invitation to Bashar al-Assad as ‘sick joke.’ Financial Times, 22.5.2023.

Michiels, M.; Kizilkaya, Z. (2022): Mediation in Syria. A comparative analysis of the Astana and the Geneva processes. Syria Studies 14(1), S. 90-142.

Rabinovich, I.; Valensi, C. (2021): Syrian Requiem: The Civil War and its Aftermath. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Sills, J. (übers.) (2015): ‚The Assads’ Syria‘ nevermore: Ziad Majed speaks on his ‚The Orphaned Revolution‘. Al Jadid Magazine 18(67), 2015.

Sterbenz, C.; Trager, R. (2019): Autonomous weapons and coercive threats. AI PULSE Papers, 6.2.2019.

Tester, K. (2011): Hidden conflict, visible world. In: Karatzogianni A. (Hrsg.): Violence and war in culture and the media. London: Routledge, S. 65-77.

The Carter Center (2025): Syria map. Exploring historical control in Syria. Homepage.

The White House (2011): Statement by President Obama on the Situation in Syria. 18.08.2011.

World Bank (2023): Syria economic monitor, Summer 2023: The economic aftershocks of large earthquakes (English). Washington, D.C.: World Bank Group.

Wright, R. (2024): Explainer: The roots and realities of 10 conflicts in the Middle East. Wilson Center, 5.2.2024.

Zerback, T.; Holzleitner, J. (2018): Under-cover: The influence of event- and context-traits on the visibility of armed conflicts in German newspaper coverage (1992-2013). Journalism 19(3), S. 366-383.

Sabina Kulueva (M.A. Internationale Beziehungen) forscht in der Arbeitsgruppe »Sicherheit und Verteidigung« des »European Student Think Tank« zu bewaffneten Konflikten, internationalen Sicherheitsfragen und dem Umgang mit neuen Technologien im Kontext von Krieg und Frieden.

Aus dem Englischen übersetzt von David Scheuing.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2025/1 Wider das Vergessen, Seite 24–27