Wider die atomare Bedrohung
70 Jahre Russell-Einstein-Manifest
von Karlheinz Lipp
Vor siebzig Jahren verfasste eine Gruppe um den Philosophen und Politiker Bertrand Russell ein Manifest gegen die nukleare Aufrüstung der Welt, das sofort große Bekanntheit erlangte – unter anderem wegen seines Zweitunterzeichners Albert Einstein. Die bewusst überparteiliche und an die Menschheit gerichtete Botschaft des Manifestes sowie seine Wissenschaftlichkeit begründen seine anhaltende Bedeutung. Zum Jubiläum wirft der Autor einen Blick auf Ursprung und Wirkungsgeschichte des Manifests.
Auch nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki durch die USA wurde die Erforschung und die Produktion von Massenvernichtungswaffen fortgesetzt und verbreitert (vgl. Bald 1999).1 Schnell vergrößerte sich der Kreis der Staaten mit Atomwaffen. Bereits in seiner Rede vor dem britischen Oberhaus am 28. November 1945, also nur wenige Monate nach dem Abwurf der Atombomben auf die beiden japanischen Städte, warnte der britische Philosoph und Politiker Bertrand Russell vor den Atom- und Wasserstoffbomben (vgl. Clark 1984). Auch andere Wissenschaftler*innen, nicht zuletzt Albert Einstein, kritisierten schon 1945 die neuen Massenvernichtungsmittel (vgl. Neffe 2005, Einstein und Freud 2005).
Am 1. März 1954 zündeten die USA dann die Wasserstoffbombe »BRAVO« auf dem Bikini-Atoll der Marshallinseln – der Beginn einer jahrzehntelangen Testung atomarer Waffen. Die neue Waffe war mindestens tausend Mal so zerstörerisch wie die Atombombe, die Hiroshima verwüstet hatte. Für die Menschen auf den Marshallinseln hatten diese atomaren Tests, die bis in die 1960er Jahre andauerten, drastische Folgen: die langfristige Zerstörung ihrer Heimat, aber auch die gesundheitliche Katastrophe durch erhöhte Fälle von Leukämie, Schilddrüsenkrebs und Fehlgeburten.
Dies bildet den Hintergrund für eine Reihe von Gesprächen zwischen Bertrand Russell und anderen renommierten Wissenschaftlern, darunter Albert Einstein. Beide waren schon Gegner des kriegstüchtigen Militarismus und des Ersten Weltkrieges (vgl. von Borries 2006, Einstein 1975, S. 19-45). Sie erörterten die Frage, wie eine weltweite Öffentlichkeit auf die atomaren Gefahren aufmerksam gemacht werden könne. Einen ersten großen Erfolg konnte Russell verzeichnen. Die BBC sendete seinen Vortrag »Man’s Peril« (Die Gefährdung der Menschheit) eher zufällig – aber äußerst medienwirksam – ausgerechnet am 23. Dezember 1954. In seiner Autobiographie bemerkt Russell zu dieser Rede:
„Die Sendung hatte sowohl persönliche als auch allgemeine Folgen. Ich hatte das Gefühl, dem Gegenstand adäquate Worte gefunden zu haben und meine Angst war für einige Zeit beschwichtigt. Weit wichtiger war allerdings das Echo der Öffentlichkeit. Ich erhielt zahllose Briefe und weit mehr Aufforderungen zu Reden und Artikeln, als ich nachzukommen imstande war.“ (Russell 1971, S. 93)
Jozéf Rotblat, später Mitunterzeichner des Manifestes und Physiker, der das sogenannte »Manhattan Project« vorzeitig aus moralischen Gründen verlassen hatte, bemerkte zur Entstehung des darauffolgenden wegweisenden Dokuments:
„Als 1954 die Bedrohung durch Kernwaffen so groß wurde, wie er vorausgesagt hatte, entschied Russell, daß die Zeit zu handeln gekommen war. […] Nach [seiner][…] Rundfunkansprache, die erheblichen Einfluß auf die öffentliche Meinung hatte, entwarf er den Text eines Manifestes, das von Naturwissenschaftlern aus verschiedenen Ländern unterschrieben werden sollte. Er war darum bemüht, daß diese Wissenschaftler unterschiedliche politische Meinungen repräsentierten, damit das Manifest nicht in den Verdacht geriet, für eine Seite Partei zu ergreifen. Einer der ersten Naturwissenschaftler, an die er sich wandte, war Albert Einstein, der es zwei Tage vor seinem Tode unterzeichnete. Aus diesem Grund wurde der Appell allgemein unter dem Namen Russell-Einstein-Manifest bekannt. Die Unterzeichner waren überwiegend Nobelpreisträger“ (zit. nach Quitzow 1986, S. 246). Die Überparteilichkeit ist bis heute eine der zentralen Bedingungen für die langanhaltende Wirkung des Manifestes.
Das Manifest im Wortlaut
So nimmt das Manifest seinen Ausgangspunkt auch genau bei dieser Überparteilichkeit (im Folgenden zitiert nach Quitzow 1986, S. 246-250):
„Wir sprechen hier nicht als Angehörige dieser oder jener Nation, dieses oder jenes Erdteils oder dieses oder jenes Glaubensbekenntnisses, sondern als menschliche Wesen, als Angehörige der Spezies Mensch, deren weitere Existenz zweifelhaft geworden ist. Die Welt ist voller Streitigkeiten und der titanische Kampf zwischen Kommunismus und Antikommunismus überschattet alle kleineren Konflikte. Fast jedermann mit politischem Bewußtsein hegt feste Ansichten über eine oder mehrere dieser Streitfragen. Aber wir bitten inständig darum, derartige Meinungen zurückzustellen und sich lediglich als Mitglied einer biologischen Art zu betrachten, die eine beachtliche Geschichte hinter sich hat und deren Untergang keiner von uns wünschen kann.“
Aus dieser auf der Logik des Überlebens einer gemeinsamen Menschheit aufbauenden Grundüberzeugung folgte für Russell und seine Mitunterzeichner dann als Konsequenz:
„Wir müssen lernen, auf neue Art zu denken. Wir sollten nicht mehr danach fragen, welche Mittel und Wege dem militärischen Siege der von uns bevorzugten Partei offen stehen. Solche Möglichkeiten gibt es nämlich gar nicht mehr. Vielmehr stehen wir vor der Frage, auf welche Weise eine militärische Auseinandersetzung, deren Folgen für alle Beteiligten unheilvoll sind, verhindert werden kann.“ (ibid.)
Klug und mit großer Detailkenntnis informiert das Manifest seine Leser*innen sodann über die langfristigen Gefahren der Testung atomarer Waffen für die größten Teile der Menschheit. Speziell zu den Wasserstoffbomben und dem radioaktiven Fall-out bemerkt das Manifest:
„Zweifellos würden in einem H-Bombenkrieg die großen Städte verschwinden. […] Aber heute wissen wir, vor allem seit dem Bikini-Versuch, daß Kernbomben Verderben über ein viel größeres Gebiet allmählich ausbreiten können, als bisher vermutet. […] Solch eine Bombe jagt radioaktive Teilchen in die obere Atmosphäre[…]. Diese Teilchen sinken allmählich wieder herab und erreichen die Erdoberfläche in Gestalt tödlichen Staubes oder Regens. […] Kein Mensch weiß, wie weit solche tödlichen radioaktiven Teilchen ausgestreut werden können, aber die hervorragendsten Fachleute erklären einmütig, daß es sehr gut möglich wäre, daß ein Krieg mit H-Bomben der menschlichen Rasse ein Ende setzt. Es ist zu befürchten, daß beim Einsatz vieler H-Bomben ein allgemeines Sterben anhebt – plötzlich und schnell nur für die Minderheit, für die Majorität hingegen als qualvolle Krankheit und langsames Dahinwelken.“
Problematisiert wird auch der Krieg an sich und naive Hoffnungen auf die Unterlassung dieses Irrsinns im nuklearen Zeitalter und im Kalten Krieg.
„Die Menschen stellen sich kaum vor, daß die Gefahr ihnen selbst[…] droht. Sie können es kaum begreifen, daß sie, jeder einzelne und all jene, die sie lieben, in der ungeheuren Gefahr schweben, auf qualvolle Weise umzukommen. Und so wiegen sie sich in der Hoffnung, daß es vielleicht doch zulässig sei, mit Kriegen fortzufahren, wenn die modernen Waffen verboten werden würden. Diese Hoffnung aber ist eine Illusion. Was für Abmachungen über die Ausschaltung der H-Bombe auch in Friedenszeiten getroffen worden sind, sie würden in Kriegszeiten doch nicht als bindend angesehen werden. Auf beiden Seiten würde die Herstellung der H-Bombe wieder aufgenommen werden, sobald der Krieg ausgebrochen ist. […]“
Die Unterzeichner des Manifestes sind sich bewusst, dass jedes Rüstungskontrollabkommen nur ein erster Schritt sein kann, müsse das Oberziel doch einer umfassenden Demilitarisierung und Friedensorientierung gleichkommen. Dazu schreiben sie:
„Obgleich also ein Abkommen über den Verzicht auf Atomwaffen als Teil einer allgemeinen Abrüstung keine endgültige Lösung darstellen würde, so würde es dennoch gewissen wichtigen Zwecken dienlich sein. Erstens hat jedes Übereinkommen zwischen Ost und West insoweit etwas Gutes an sich, als es zur Entspannung beiträgt. Zweitens würde die Abschaffung der thermonuklearen Waffen, sofern jeder von der ehrlichen Durchführung auf der anderen Seite überzeugt sein kann, die Furcht vor einem plötzlichen Angriff im Stile von Pearl Habour, welche gegenwärtig beide Seiten in einem Zustand nervöser Sorge hält, verringern. Wir würden daher ein solches Übereinkommen begrüßen, wenn auch nur als ersten Schritt. […]“
Das Manifest schließt dann konsequent mit einer mittlerweile fast sprichwörtlichen Wendung, die seinen universalistischen Geist noch einmal betont: „Wir wenden uns als Menschen an unsere Mitmenschen: Erinnert Euch Eures Menschseins und vergeßt alles andere! Wenn Ihr das vermögt, dann öffnet sich der Weg zu einem neuen Paradies. Könnt Ihr es nicht, dann droht Euch allen der Tod.“ Als Fazit mündet das Manifest dann auch in einer Resolution, die gemäß dieser Überzeugung fordert:
„Angesichts der Tatsache, daß in einem künftigen Weltkrieg Kernwaffen bestimmt benutzt werden würden und daß derartige Waffen das Fortbestehen der Menschheit bedrohen, fordern wir die Regierungen der ganzen Welt auf, einzusehen und öffentlich einzugestehen, daß ein Weltkrieg ihren Zielen nicht förderlich sein kann. Weiterhin fordern wir sie auf, friedliche Mittel aufzufinden, um alle Streitsachen zwischen sich zu schlichten.“
Veröffentlichung des Manifestes
Einstein, der nicht gesund war, bat Russell, das Manifest alleine zu verfassen, was dieser auch tat. Einstein jedoch starb im Frühjahr 1955:
„Als wir von Rom nach Paris flogen […] teilte uns der Pilot die Nachricht von Einsteins Tod mit. Ich war erschüttert, nicht nur aus Gründen, die selbstverständlich sind, sondern weil ich die Durchführung meines Planes ohne seine Unterstützung für gescheitert hielt. Nach der Ankunft in meinem Pariser Hotel fand ich dort einen Brief von Einstein vor, worin er mir seine Zustimmung zur Unterzeichnung mitteilte. Es war eine seiner letzten die Öffentlichkeit betreffenden Taten.“ (Russell 1971, S: 96)
Am 9. Juli 1955 stellte Russell, der zu diesem Zeitpunkt 83 Jahre alt war, das Manifest im Rahmen einer Pressekonferenz vor, die er von Jozéf Rotblat organisieren und moderieren ließ. Neben Russell und Einstein hatten ferner die folgenden Wissenschaftler (keine Wissenschaftlerinnen) das Manifest unterzeichnet: Max Born, Percy Williams Bridgman, Leopold Infeld, Frédéric Joliot-Curie, Hermann Josef Muller, Linus Pauling, Cecil Powell, Józef Rotblat und Hideki Yukawa.
Zur Pressekonferenz bemerkte Russell in seiner Autobiographie (1971, S. 101f.):
„Der Saal war gesteckt voll, und zwar nicht bloß mit Menschen, sondern auch mit den Aufnahmegeräten für Rundfunk und Fernsehen. Ich verlas Manifest und Namensliste der Signatare und gab Erklärungen über Art und Gründe seines Entstehens. Anschließend beantwortete ich mit der Unterstützung Professor Rotblats die Fragen aus dem Auditorium. Die dramatischen Umstände, unter welchen die Unterschrift Einsteins eingetroffen war, sprachen natürlich die Denkweise der Journalisten an. […] Zu Beginn der Pressekonferenz zeigten sich die geladenen Journalisten eher skeptisch und indifferent, manche nahmen sogar eine ausgesprochene feindselige Haltung ein. Im Verlauf der Versammlung schienen sie dann immer mehr Interesse und sogar Billigung an den Tag zu legen […].“
Wirkung und Bedeutung des Manifests
Das Manifest kann als Auftakterklärung einer Reihe – für das nukleare Zeitalter wesentlicher – Stellungnahmen und politisch-wissenschaftlicher Maßnahmen gelten, die darauf gerichtet waren, die Gefahr der Vernichtung der Menschheit einzudämmen und letztlich zu verhindern. Nur sehr kurze Zeit später, nämlich am 15. Juli, wurde die sogenannte »Mainauer Erklärung« veröffentlicht, federführend konzipiert von Max Born und Otto Hahn im Kontext der alljährlichen Treffen von Nobelpreisträger*innen mit jungen Nachwuchswissenschaftler*innen am Bodensee in Lindau (vgl. Lipp 2025). Auch diese Stellungnahme – erneut nur von Männern unterzeichnet – richtete sich gegen den Einsatz nuklearer Waffen und gegen die atomare Verseuchung.
Eine wichtige Folge des Russell-Einstein-Manifests war die Gründung der sogenannten »Pugwash-Konferenz«. In dem kanadischen Fischerort2 trafen sich ab 1957 bekannte Persönlichkeiten aus der Wissenschaft aus Ost und West, um jenseits der Denkblockaden des Kalten Krieges über die gefährliche atomare Bedrohung zu diskutieren und zu beraten, wie wissenschaftliche und politische Maßnahmen gestaltet werden könnten, die diese Bedrohung verringern oder abschaffen könnten. Rotblat zählte zu den maßgeblichen Mitbegründern der Pugwash-Konferenz (die als stehendes Format selbst den Friedensnobelpreis 1995 erhalten würde, vgl. Neuneck und Schaaf 2007, Gottstein et al. 2007).
Siebzig Jahre nach seiner Entstehung muss rückblickend attestiert werden, dass das Russell-Einstein-Manifest für die Problematisierung von Atomwaffen nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Mit Russell und Einstein traten zwei international renommierte Wissenschaftler und starke Persönlichkeiten an die Öffentlichkeit, um für die Gefahren atomarer Waffen zu sensibilisieren. Zusammen mit der Mainauer Erklärung von 1955 gelang es dem Russell-Einstein-Manifest, eine wissenschaftliche Dimension für den Frieden zu entwickeln. Schon am 25. September 1955 stellte sich der Verband Deutscher Physikalischer Gesellschaften auf der Jahrestagung in Wiesbaden eindeutig hinter die beiden Warnungen vom Juli. Nur zwei Jahre später, 1957, erschien mit der »Göttinger Erklärung« die nächste große publizistische Stellungnahme aus naturwissenschaftlicher Sicht gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Die Erklärungen von 1955 und 1957 verknüpften ausgesprochen wirksam Wissenschaft und Frieden.
Anmerkungen
1) Zur friedenspolitischen Kritik an der gefährlichen Entwicklung vgl. Wittner (1997) und Lipp (2021).
2) Der reiche Industrielle Cyrus Eaton finanzierte als Mäzen das Projekt, weshalb als Tagungsort sein Geburtsort ausgewählt wurde – Pugwash.
Literatur
Bald, D. (1999): Hiroshima, 6. August 1945. Die atomare Bedrohung. München: dtv.
Clark, R.W. (1984): Bertrand Russell. Philosoph, Pazifist, Politiker. München: Wilhelm Heyne Verlag.
Einstein, A. (1975): Über den Frieden. Weltordnung oder Weltuntergang? Hrsg. von Otto Nathan und Heinz Norden. Bern: Herbert Lang.
Einstein, A.; Freud, S. (2005[1932]): Warum Krieg? Ein Briefwechsel. Zürich: Diogenes.
Gottstein, K. et al. (2007): Wissenschaftler für den Frieden. 50 Jahre Göttinger Erklärung – 50 Jahre Pugwash-Konferenzen. Dossier 55, Beilage zu W&F 1/2007.
Lipp, K. (2021): Chronologie der Friedensinitiativen in den beiden deutschen Staaten von 1945 bis 1955. Norderstedt: BoD.
Lipp, K. (2025): Frühe Warnungen vor der Atombombe. Die Mainauer Erklärung (1955) gegen nukleare Waffen. Friedensforum 4/2025, S. 52-53.
Neffe, J. (2005): Einstein. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Neuneck, G.; Schaaf, M. (Hrsg.) (2007): Zur Geschichte der Pugwash-Bewegung in Deutschland. Berlin: Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.
Quitzow, W. (1986): Naturwissenschaftler zwischen Krieg und Frieden. Düsseldorf: Schwann.
Russell, B. (1971): Autobiographie 1944-1967. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
von Borries, A. (2006): Rebell wider den Krieg. Bertrand Russell 1914-1918. Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution.
Wittner, L.S. (1997): The struggle against the Bomb. Volume two. Resisting the Bomb. A History of the World Nuclear Disarmament 1954-1970. Stanford: Stanford University Press.
Dr. Karlheinz Lipp ist Historiker und Mitglied im Arbeitskreis Historische Friedens-und Konfliktforschung.

