Debatte „Chance für Frieden“ (Februar 2026)

Nicht schon wieder: Akademische Komplizenschaft mit Krieg und Militarismus

von Claudia Brunner

Die Welt ist in unfriedlicher Unordnung: Eine Vielzahl der Kriege und Krisen sind auf hohem Niveau gewaltsam eskaliert, das Kriegsvölkerrecht wird allenthalben mit den Füßen getreten, viele Staaten der Welt rüsten massiv auf. Europa und Deutschland sind mitten dabei. Doch gibt es gar keine »Chance für Frieden«? Welche Effekte hat die grundlegende Militarisierung? Welche Rolle kommt der Friedens- und Konfliktforschung in dieser Zeit zu?

Diesen Fragen ging eine Debatte auf der jährlichen Klausur von W&F am 20. Februar 2026 in Berlin nach, die Mitglieder des neu berufenen Fachbeirats von W&F in Diskussion brachte. Die Beiträge der Beirät*innen dokumentieren wir hier.

20. Februar 2026, aktualisiert: 9. Juni 2026

„Wir Lehrer an Deutschlands Universitäten und Hochschulen dienen der Wissenschaft und treiben ein Werk des Friedens.“

Ungefähr so, wenn auch ein wenig moderner formuliert, lesen sich auch viele der in den letzten Jahren veröffentlichten Stellungnahmen von Wissenschaftler*innen in Deutschland und Österreich, wenn es um die mit Vehemenz diskutierten aktuellen Kriege in der Ukraine oder in Palästina geht. Viele Kolleg*innen sehen aufgrund dieses Wissenschaftsverständnisses heute nur wenig Widerspruch darin, bedingungslose Solidarität auch mit Israels genozidaler Kriegspolitik zu artikulieren und von anderen einzufordern, für Waffenlieferungen nach Israel, in die Ukraine oder anderswohin zu plädieren, die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu befürworten, die Abschaffung von Zivilklauseln als Gebot der Stunde hinzunehmen, die Verschiebung von Forschungsgeldern in Richtung Rüstungs- und Kriegswirtschaft als notwendige Entwicklung hin zu einer geopolitisch gerahmten „Forschungssicherheit“ (BMBF 2024) zu begrüßen – und vieles andere mehr.1

Auch die in diesem Zusammenhang rasant zunehmenden Praktiken von Zensur (Brunner 2024) und Selbstzensur (Grimm et al. 2025) in akademischen Debatten werden – sei es aus Überzeugung, Fahrlässigkeit oder Sorge um die eigene Karriere – von erschreckend vielen Wissenschaftler*innen mitgetragen und auch mit betrieben (Saliba 2025), sogar auf dem Feld der Friedens- und Konfliktforschung (AK Herrschaftskritische Friedensforschung 2025). Mag sein, dass auch diese Entwicklung ein Element der Professionalisierung der einst als überwiegend gegenhegemoniales Projekt initiierten „Dissenswissenschaft“ (Jaberg 2011, S. 61) darstellt.

„Aber es erfüllt uns mit Entrüstung, daß die Feinde Deutschlands […] angeblich zu unsern Gunsten einen Gegensatz machen wollen zwischen dem Geiste der deutschen Wissenschaft und dem, was sie den preußischen Militarismus nennen.“

Bei der Vorbereitung eines Vortrags auf Einladung der Universität Tübingen zur Verstrickung von Wissenschaft und Gewalt bin ich im Herbst 2025 auf das – hier und im Folgenden Stück für Stück zitierte – Dokument gestoßen.2 Ich verwende es bewusst illustrativ-plakativ, um die vermeintliche Subtilität so manch aktueller Normalisierungsdiskurse von Krieg und Aufrüstung als nur dürftige Camouflage einer potenziell immer auch dem Krieg dienenden Zunft, der Wissenschaft, sichtbar zu machen.

Der heute zugleich historisch und zeitgenössisch wirkende Text erinnert uns auf unmissverständliche Weise an die Verstrickung von unterschiedlichen „ideologischen Staatsapparaten“ (Althusser 1970) in den Krieg, zu denen auch in der liberalen Demokratie die Universitäten und Akademien und im weiteren Sinne auch die Wissenschaften selbst zählen. Wissenschaft war und ist also immer auch potenzieller „Herrschaftsdienst“ (Pappé 2011), Akademien, Universitäten und Hochschulen sind seit jeher zentrale Institutionen, und ihre Angehörigen und Wissenschaftler*innen sind oft auch wesentliche Akteur*innen der Normalisierung von Krieg und der dafür erforderlichen „diskursiven, kognitiven und affektiven Militarisierung“ (Brunner 2023) – nicht nur an der Front, sondern auch im sogenannten Hinterland.

Dass Wissenschaftsinstitutionen heute erneut und immer unverblümter auch in den Dienst zunehmend militarisierter Außen- und autoritärer Innenpolitik gestellt werden und sich durch prominente Akteur*innen sogar selbst aktiv in diese Position begeben, stellt eine äußerst beunruhigende Entwicklung dar.

Auch wenn viele in Friedensforschung und Friedensarbeit tätige Menschen diese Entwicklung zum ersten Mal bewusst erleben: Neu ist sie nicht, und daher eigentlich auch keine Überraschung. Das hier zur Veranschaulichung zitierte historische Dokument wurde im Januar 1914 veröffentlicht,3 also vor gut drei Generationen; oder vor über 100 Millionen Kriegstoten, wenn wir nur jene aus dem sogenannten Ersten und Zweiten Weltkrieg zählen.4 3.100 renommierte Wissenschaftler5 haben die hier zitierte »Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches« unterzeichnet – 100 Jahre vor Online-Petitionen und Google-Docs.

„In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, denn beide sind eins, und wir gehören auch dazu. Unser Heer pflegt auch die Wissenschaft und dankt ihr nicht zum wenigsten seine Leistungen.“

Die in der historischen Quelle bewusst eng geführte Verbindung zwischen ziviler Sphäre und dem Militär umfasst nicht nur die unmittelbar politikberatende oder militärisch involvierte Wissenschaft und Forschung. Auch auf dem Terrain der universitären wie auch schulischen Bildung zeigt die einst wie heute betriebene immaterielle Militarisierung ihre Wirkung, wird sie doch von den handelnden Akteur*innen mit bemerkenswerten ideologischen, institutionellen und auch materiellen Ressourcen vorangetrieben. Exemplarisch benannt werden kann hierfür das im Nicht-NATO-Mitgliedsstaat Österreich so benannte Konzept der »Geistigen Landesverteidigung« (Thanner 2026). In dessen Rahmen besuchen – in einem militärisch zur Neutralität verpflichteten Land mit 10% der Bevölkerung von Deutschland – aktuell 600 Informationsoffizier*innen österreichische Schulen, um dort Demokratiebildung aus militärischer Perspektive zu betreiben (ungefähr das Sechsfache der in Deutschland eingesetzten Offizier*innen). Aktuell wird auch eine Fortbildungsstruktur für Lehrer*innen etabliert, in deren Curriculum Politische Bildung auf Sicherheitsbildung reduziert wird, um geeignete Multiplikator*innen für die dringend nötige Steigerung des künftigen »Wehrwillens« der nächsten Generation auszubilden. Das sind nur punktuelle Beispiele für eine viel breitere und systematisch organisierte Militarisierung von Bildung, die auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern in bemerkenswertem Tempo und Ausmaß stattfindet und mit überkommen geglaubten alten Tugenden ganz gezielt junge Menschen adressiert. Das Terrain der Wissenschaft stellt hierfür ein unverzichtbares Bindeglied dar.

„Der Dienst im Heere macht unsere Jugend tüchtig auch für alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. Denn er erzieht sie zu selbstentsagender Pflichttreue und verleiht ihr das Selbstbewusstsein und das Ehrgefühl des wahrhaft freien Mannes, der sich willig dem Ganzen unterordnet.“

Der historisch deutlich zutage tretenden Maskulinismus militärischer Organisations- und Denkweisen wird auch durch die heute diversitätspolitisch aktualisierte Erweiterung der Zielgruppe auf Frauen und offensive PR-Aktivitäten für LGBTQ-Personen nicht substanziell erschüttert. Unterordnung wird von allen Geschlechtern erwartet, für queeren Feminismus und vergleichbare herrschaftskritische Paradigmen als grundlegende Herausforderung für die enge Verschränkung von Militarismus, Imperialismus, Nationalismus, Kapitalismus und Patriarchat ist kein Platz auf dem Gefechtsfeld – weder auf dem materiellen noch auf dem diskursiven.

„Dieser Geist lebt nicht nur in Preußen, sondern ist derselbe in allen Landen des Deutschen Reiches. Er ist der gleiche in Krieg und Frieden. Jetzt steht unser Heer im Kampfe für Deutschlands Freiheit und damit für alle Güter des Friedens und der Gesittung nicht nur in Deutschland.“

Die auch heute wieder eingeforderte und auch aktiv praktizierte akademische Beteiligung an der Mobilisierung für den Krieg ist vor allem deshalb dringend vonnöten, weil es darum geht, Konsens für die Erhöhung von Rüstungsbudgets herzustellen, Zustimmung zur daraus resultierenden Kürzung bei Bildung, Gesundheit, Sozialem, Klimagerechtigkeit und Demokratieförderung zu mobilisieren, kurzum: breite Plausibilität der Normalisierung von Krieg als Mittel der Politik jenseits von Kommando und Gehorsam zu generieren. Das Narrativ verheißt dabei heute wie einst einen zivilisatorischen Mehrwert durch »Kriegstüchtigkeit«, dem es jegliche persönlichen Zweifel hintanzustellen gilt.

„Unser Glaube ist, daß für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege hängt, den der deutsche ‚Militarismus‘ erkämpfen wird, die Manneszucht, die Treue, der Opfermut des einträchtigen freien deutschen Volkes.“

Was danach kam, wissen wir gut genug, gerade in der Friedens- und Konfliktforschung. In diesem Umfeld beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit Verschränkungen von Wissens- und Gewaltverhältnissen. Das Privileg, dies überwiegend auf theoretischer Ebene zu tun, ist mit dem Überfall der Russischen Föderation auf die Ukraine 2022 und dem seither tobenden und auch von der EU mit am Laufen gehaltenen Krieg ins Wanken geraten. Spätestens mit dem Angriff der Hamas und anderer bewaffneter palästinensischer Gruppen auf Israel 2023 ist dieses Privileg an sein Ende gelangt. Deutlich rigider als wir es gewohnt sind, sollen Wissenschaftler*innen, Intellektuelle, Künstler*innen und andere öffentlich sprechende Personen heute (die »richtige«) Position beziehen, wenn sie gelesen, gedruckt oder auch gehört werden wollen. Und sie sollen es gewissermaßen in Echtzeit tun, denn für Nachdenken, Abwägen oder gar Kontextualisieren bleibt angeblich keine Zeit in der Dringlichkeit der einander überschlagenden Ereignisse. Differenzierte Betrachtungen und theoriegeleitete Kritik, die das Wesen einer wissenschaftlichen Beschäftigung auch mit sozialen Phänomenen kennzeichnen, werden schon allein deshalb faktisch verunmöglicht und geraten immer öfter unter Generalverdacht – auch innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft selbst.

Noch komplizierter wird es, wenn man – sei es methodisch noch so sauber und theoretisch noch so fundiert – die Komplizenschaft der wissenschaftlichen Diskurse, Akteur*innen und Institutionen (Brunner 2025) selbst zum Ausgangspunkt einer Kritik an Krieg und Militarisierung macht (AK Herrschaftskritische Friedensforschung 2025). Die immer schamloser und geschichtsvergessener werdende Wiederbelebung des historischen Erbes der akademischen Komplizenschaft mit Krieg und Militarismus erschwert die dringend notwendige Auseinandersetzung um die komplexen Gewordenheiten der immer zahlreicher und entgrenzter werdenden bewaffneten Konflikte der Gegenwart, um die Interessen ihrer Profiteur*innen, und vor allem um Möglichkeiten zu deren Beendigung.

Friedens- und Konfliktforschung soll und kann auch weiterhin ein Terrain sein, auf dem diese Auseinandersetzung geführt wird. Je stärker sich ihre akademisch institutionalisierten Räume und Akteur*innen an der sogenannten »Zeitenwende« und der Normalisierung von Krieg orientieren, um so dringender bedarf sie tatsächlich resilienter »brave spaces«, in denen dieser Entwicklung klar und deutlich widersprochen werden kann. Die Zeitschrift »Wissenschaft und Frieden« (W&F) ist ein solcher dieser immer weniger und daher umso wertvoller werdenden Räume, in denen das möglich ist. Sie ist es gerade auch aufgrund ihrer Nähe zu Zivilgesellschaft und Friedensbewegung, also zu zu Akteur*innen außerhalb unserer Universitäten und Akademien, den ideologischen Staatsapparaten des alten wie des neuen Militarismus und Imperialismus.

Anmerkungen

1 Zum Zeitpunkt der Podiumsdiskussion im Februar 2026 in Berlin, die den Anlass für diesen Beitrag bildet, war die Eskalation in der Golfregion nach den Angriffen der USA und Israels auf Iran noch nicht im Gange und kann hier leider nicht berücksichtigt werden.

2 Den Anlass für diese Auseinandersetzung bot die Beschäftigung der Tübinger Medizingeschichte mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Institution. Bis in die Gegenwart und aktuelle Kooperationen etwa zwischen Universitäten und dem Militär und/oder Rüstungsforschung problematisierend reicht die institutionelle Auseinandersetzung selten – und wenn, dann erwartbar konfliktreich. Auch das jenseits der nationalsozialistischen Vergangenheit stehende akademische Gewalterbe (u.a. europäischer Kolonialpolitiken) wird erst seit wenigen Jahren von den jeweils involvierten Universitäten erforscht und diskutiert.

3 Eine Kopie der Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches von 1914 ist online zugänglich, unter anderem über das Deutsche Museum und den Bibliotheksverbund Bayern.

4 Post- und dekoloniale Stimmen kritisieren diese dominante Bezeichnung zu Recht, denn auch vor 1914 wurden Millionen Leben in global verwobenen Kriegen vernichtet, verletzt und verloren (Barkawi 2016).

5 Das generische Maskulinum ist in diesem Fall absolut korrekt, gab es doch noch lange danach erst vereinzelte Frauen auf Professuren und Lehrstühlen.

Literatur

AK Herrschaftskritische Friedensforschung (2025): Wissenschaftsfreiheit als Prämisse von Friedens- und Konfliktforschung. Stellungnahme, April 2025.

Althusser, L. (2010 [franz. Orig. 1970]): Ideologie und ideologische Staatsapparate. Hamburg: VSA.

Barkawi, T. (2016): Decolonizing War. European Journal of International Security 1(2), S. 199-214.

BMBF (2024): Positionspapier des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Forschungssicherheit im Lichte der Zeitenwende. Berlin, 15.3.2024.

Brunner, C. (2020): Epistemische Gewalt. Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne. Bielefeld: transcript.

Brunner, C. (2023): Stell dir vor, es ist Krieg… Diskursive, kognitive und affektive Militarisierung. W&F 2/2023, S. 47-49.

Brunner, C. (2024): Einfach nur: Zensur. Grenzen der Wissenschaftsfreiheit in Zeiten des Krieges. W&F 2/2024, S. 39-41.

Brunner, C. (2025): Politikwissenschaft im Krieg: Kollaboration, Komplizenschaft und Kritik. Portal für Politikwissenschaft, 27.10.2025.

Grimm, J. et al. (2025): German academia after October 7: Self-censorship and restrictions of academic freedom among MENA scholars. Peace and Conflict Research Working Papers, Freie Universität Berlin, September 2025.

Jaberg, S. (2011): Friedensforschung. In: Gießmann, H.J.; Rinke, B. (Hrsg.): Handbuch Frieden. Wiesbaden: Springer VS, S. 53-69.

Pappé, I. (2011): Wissenschaft als Herrschaftsdienst. Der Kampf um die akademische Freiheit in Israel. Hamburg: Laika.

Saliba, I. (2025): Wissenschaftsfreiheit unter Druck. Erosion einer Säule der offenen Gesellschaft. W&F 4/2025, S. 43-45.

Thanner, W. (2026): Geistige Landesverteidigung. Truppen:Dienst, 4.3.2026.

Zur Autorin:

Claudia Brunner, habilitierte Politikwissenschaftlerin und feministische Friedensforscherin, ist als Professorin am Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung der Universität Klagenfurt tätig.