Debatte „Chance für Frieden“ (Februar 2026)

Die »Totalförsvar« in Schweden: Eine Dimension der »Zeitenwende« an anderem Ort

von Dorothée Goetze

Die Welt ist in unfriedlicher Unordnung: Eine Vielzahl der Kriege und Krisen sind auf hohem Niveau gewaltsam eskaliert, das Kriegsvölkerrecht wird allenthalben mit den Füßen getreten, viele Staaten der Welt rüsten massiv auf. Europa und Deutschland sind mitten dabei. Doch gibt es gar keine »Chance für Frieden«? Welche Effekte hat die grundlegende Militarisierung? Welche Rolle kommt der Friedens- und Konfliktforschung in dieser Zeit zu?

Diesen Fragen ging eine Debatte auf der jährlichen Klausur von W&F am 20. Februar 2026 in Berlin nach, die Mitglieder des neu berufenen Fachbeirats von W&F in Diskussion brachte. Die Beiträge der Beirät*innen dokumentieren wir hier.

20. Februar 2026, aktualisiert: 9. Juni 2026

Seit einigen Jahren lebe und arbeite ich in Schweden. Teil dieser Erfahrung ist ein wachsendes Bewusstsein dafür, wie sehr gesellschaftliche Diskurse und deren Wahrnehmung vom jeweils eigenen sozialen, kulturellen, aber auch nationalen Hintergrund geprägt sind. Mir ist das besonders aufgefallen im Kontext der (öffentlichen) Diskussion um Krieg und Frieden in Schweden seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Das Land, in das ich gezogen bin, hat sich verändert. Die Debatte, die von der Politik und in den Medien geführt wird, ist geprägt von einem Krisen- und Bedrohungsnarrativ für die schwedische Bevölkerung, das auch im zivilen Alltag allgegenwärtig ist.

Am 12. Januar 2025 erklärte der schwedische Ministerpräsident Ulf Kristersson in einer Rede, dass sich Schweden nicht im Krieg befinde. Es herrsche allerdings auch kein Friede, so Kristersson weiter (Dagens Nyheter 2025). Schweden befindet sich demnach in einer Grauzone zwischen zwei vermeintlich eindeutigen und klar definierbaren Zuständen: Krieg oder Frieden.

Etwa ein Jahr später konnte man im Februar 2026 in Dagens Nyheter, einer der großen überregionalen Tageszeitungen Schwedens die Überschrift lesen: „So preppt man für Katzen: Lass kein Familienmitglied im Krieg zurück“ (Dagens Nyheter 2026). Aufhänger für den Text war das Schicksal ukrainischer Haustiere. Durch permanente Bezugnahmen auf die Situation in Schweden und konkrete Erläuterungen zu schwedischen Tierschutzgesetzen und Empfehlungen, wie sich Haustierbesitzer*innen auf den Ernstfall vorbereiten sollten, wurde jedoch deutlich, dass es in dem Artikel eigentlich darum ging, die eigene Bevölkerung vorzubereiten.

Falls Krieg und Krise kommen

Wie hängen der Artikel über das »Preppen« für oder mit Katzen und Ulf Kristerssons zitierte Einschätzung zusammen? Der Katzentext gibt einen Fingerzeig darauf, wie die schwedische Gesellschaft versucht, den Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden und die damit einhergehenden Unsicherheiten zu bewältigen: durch Rückgriff auf die »Zivilbereitschaft« (»civil beredskap«), oder anders ausgedrückt: die Vorbereitung auf den Ernstfall (»beredskap«).

Schwedens medialer und gesellschaftlicher Diskurs über »beredskap« hat sich in den vergangenen ca. zehn Jahren verändert. Seit 2014 hat das Thema eine unverändert starke Präsenz in der Tagespresse. Dabei wurde »beredskap« vor allem vorbereitend verstanden: Sie versetzt die Bevölkerung in die Lage, Krise und Krieg zu bewältigen. Das wiederum verleiht der Diskussion um »beredskap« immer auch eine militärische Dimension und impliziert die Frage nach »Verteidigungsfähigkeit«.

Aktualisiert und neu angeheizt wurde die Debatte um die schwedische Verteidigungsfähigkeit dann allerdings – wie an anderen Orten auch – durch den russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 und die damit einhergehende – als »unmittelbar« wahrgenommene – Bedrohung Schwedens, Finnlands und der baltischen Länder durch die geographische Nähe zu Russland. Indizien für die Intensivierung der Diskussion um »beredskap« sind u.a. eine erhöhte Trefferzahl für den Begriff in der Tagespresse und eine eigene Sendereihe des schwedischen Radios mit dem Titel »Beredskap«, in der zwischen April 2022 und März 2024 in 20–30-minütigen Abschnitten regelmäßig Fragen rund um das Thema aufgegriffen wurden (vgl. Sveriges Radio o.J.). Alles von der Notfallkiste fürs Überleben über Energiespartipps, Aufklärung über Propagandastrategien bis hin zur »totalförsvar«. Hinzu kamen Fernsehspots, die dystopische Bilder von Stromabbruch und Katastrophenzuständen zeigten, auf die die Bevölkerung vorbereitet sein sollte. Im November 2024 wurde zudem eine neue Broschüre an alle Haushalte verteilt, in der erklärt wird, wie man sich auf Krisen- und Kriegsfälle vorbereiten soll (vgl. SCDRA 2024).

Das System der Totalverteidigung

»Beredskap« bildet zusammen mit »totalförsvar« ein mehrstufiges System. Die wörtliche Übersetzung für »totalförsvar« lautet »totale Verteidigung«. Sie umfasst sowohl die militärische Verteidigung im Kriegsfall als auch die von Zivilist*innen geleistete Verteidigung, die darauf ausgerichtet ist, im Krisen- und Kriegsfall gesellschaftliche Kernaufgaben wie Gesundheitsversorgung und Transportsysteme aufrechtzuerhalten, und mitunter auch unter dem Begriff »civilt försvar« zusammengefasst wird. In Schweden sind alle Menschen zwischen 16 und 70 Jahren dazu verpflichtet, in der »totalförsvar« mitzuwirken. Jede Person soll ihren Platz in diesem System kennen (vgl. SCDRA 2026).

Auch die zunehmende Bedeutung der »totalförsvar« spiegelt sich in der medialen Berichterstattung wider. Aber nicht nur dort; im November 2025 beschloss die Regierung, dass die Behörde für Schutz der Zivilgesellschaft und Bereitschaft (»myndighet för samhällsskydd och beredskap« [MSB]) zum Jahreswechsel 2025/26 in Behörde für Zivile Verteidigung (»myndighet för civilt försvar«) umbenannt werden solle. Die Regierung setzt auf militärische und zivile Aufrüstung: Ausweitung der Wehrpflicht, Anschaffung neuer Waffensysteme, Instandsetzung von Schutzräumen, Bereitstellung von Mitteln für die Einrichtung von Bereitschaftskrankenhäusern, Garantie der Lebensmittelsicherheit durch landwirtschaftliche Produktion. Auch der universitäre Bereich wird durch einen virtuellen Campus in diese gesamtgesellschaftlichen Maßnahmen einbezogen (vgl. Campus Totalförsvar o.J.). Es ist in Schweden somit eine allmähliche Militarisierung der Gesellschaft zu beobachten, obwohl Schweden sich – Ulf Kristersson hatte recht, als er das sagte – doch gar nicht im Krieg befindet.

Bereitschaft für Frieden

Der von Kristersson diagnostizierte Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden eröffnet zahlreiche Handlungsmöglichkeiten, nicht nur eine. Die schwedische Regierung hat sich jedoch entschieden, die mit dieser Uneindeutigkeit einhergehende Unsicherheit aufzulösen, indem sie wie viele andere europäischen Länder auf erhöhte Bereitschaft sowie militärische und zivile Aufrüstung setzt und einen Fokus auf Krise und Krieg wählt. Auch der Beitritt zur NATO ist in diesem Kontext zu sehen und eine eindeutige Antwort auf die Verunsicherung im Schwebezustand.

Aus Perspektive der (Historischen) Friedens- und Konfliktforschung möchte ich an dieser Stelle einwenden, dass auch Frieden Bereitschaft und Vorbereitung bedarf. Weshalb wird »Bereitschaft« ausschließlich auf eine militarisierte Verteidigungshaltung gegenüber Krise und Krieg gemünzt? Wie können »wir« uns auf »Frieden« vorbereiten? Angesichts sich global verdichtender politischer Kriegsrhetorik und zunehmender eskalierender Konflikte ist es mein Wunsch an die Friedens- und Konfliktforschung, dass sie weiterhin kritische Perspektiven eröffnet, dass sie auch künftig friedvolle Alternativen sicht- und denkbar macht – auch und gerade in Systemen wie der schwedischen »totalförsvar«.

Literatur

Campus Totalförsvar (o.J.): Homepage »Campus Total Defence«. URL: campustotalforsvar.se/en/campus-total-defence.

Dagens Nyheter (2025): Ulf Kristersson: Sverige är inte i krig – men det råder inte heller fred. 12.1.2025.

Dagens Nyheter (2026): Så preppar du för katten: „Lämna inte en familjemedlem i krig“. 21.2.2026.

Sveriges Radio (o.J.): Beredskap. URL: sverigesradio.se/beredskap.

Swedish Civil Defence and Resilience Agency (2024): The brochure In case of crisis or war. Homepage, URL: mcf.se/en.

Swedish Civil Defence and Resilience Agency (2026): Total defence – your part of Sweden’s overall emergency preparedness. Homepage, zuletzt aktualisiert 11.3.2026.

Zur Autorin:

Dorothée Goetze ist Friedensforscherin und Frühneuzeithistorikerin. Sie lebt in Nordschweden, wo sie an der Universität in Sundsvall lehrt und forscht.