Debatte „Chance für Frieden“ (Februar 2026)

Zivile Konfliktbearbeitung: Eine denkbare Alternative in Zeiten der Hochrüstung?

von Ute Finckh-Krämer

Die Welt ist in unfriedlicher Unordnung: Eine Vielzahl der Kriege und Krisen sind auf hohem Niveau gewaltsam eskaliert, das Kriegsvölkerrecht wird allenthalben mit den Füßen getreten, viele Staaten der Welt rüsten massiv auf. Europa und Deutschland sind mitten dabei. Doch gibt es gar keine »Chance für Frieden«? Welche Effekte hat die grundlegende Militarisierung? Welche Rolle kommt der Friedens- und Konfliktforschung in dieser Zeit zu?

Diesen Fragen ging eine Debatte auf der jährlichen Klausur von W&F am 20. Februar 2026 in Berlin nach, die Mitglieder des neu berufenen Fachbeirats von W&F in Diskussion brachte. Die Beiträge der Beirät*innen dokumentieren wir hier.

20. Februar 2026, aktualisiert: 9. Juni 2026

Mein Thema heute ist der Beitrag der »Zivilen Konfliktbearbeitung« (ZKB) zum Frieden und die Verteidigung der dahinter stehenden Idee gegen den allgegenwärtigen Zustand der Militarisierung. »Zivil« ist im Verständnis der ZKB auch in dem doppelten Sinne gemeint, den das Deutsche mit sich bringt: als »nicht militärisch« und als »zivilgesellschaftlich« zugleich. Klassische Diplomatie durch Diplomat*innen, die staatliche Beamte sind, gehört also in diesem Verständnis nicht dazu. Wohl aber das internationale Friedensengagement von Kirchen, Stiftungen, Vereinen und Netzwerken.

Strukturaufbau unter den Rädern?

Unter dem Ansatz der Zivilen Konfliktbearbeitung sind in den letzten 30 Jahren in Deutschland durch viel Kraftanstrengung viele Strukturen entstanden, die derzeit in großer Gefahr stehen, »überrollt« zu werden.

Dazu zählen:

  • Der »Zivile Friedensdienst« (ZFD), der als Fachdienst der Entwicklungszusammenarbeit staatlich finanziert, aber überwiegend von zivilgesellschaftlichen Organisationen durchgeführt wird.
  • Das Förderprogramm »zivik« (wie Zivile Konfliktbearbeitung), das aus dem Etat des Auswärtigen Amtes finanziert und vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) verwaltet wird.
  • Die Arbeitsgemeinschaft »Frieden und Entwicklung« (FriEnt), in der staatliche und kirchliche Organisationen, zivilgesellschaftliche Netzwerke und politische Stiftungen zusammenarbeiten – wie der ZFD ein positives Beispiel von »Public Private Partnership«. Die »Plattform ZKB« (PZKB) ist gemeinsam mit der Berghof Foundation, die praktisches Friedenshandeln, Friedensbildung und Friedensforschung miteinander verbindet, eine der Mitgliedsorganisationen von FriEnt.

Die Möglichkeiten des Einsatzes der Mittel und Institutionen der Zivilen Konfliktbearbeitung scheinen jedoch in Zeiten der »Zeitenwende« deutlich beschränkt: Es droht eine Verwässerung der Leitlinien Krisenprävention, eine Kürzung der staatlichen Finanzierung, eine politische Abwertung in der offiziellen Außen- und Friedenspolitik. Die Erfolgsgeschichte ZKB erlebt derzeit eine traurige politische Kehrtwende.

Erfolge nach Innen

Die Erfolgsgeschichte der ZKB ist zum Glück nicht auf den Aufbau von Institutionen nach Außen beschränkt. Vielmehr gab es in den 1990er und 2000er Jahren auch einen wesentlichen Kulturwandel nach Innen zu beobachten:

  • Studiengänge und Forschungsinstitute wurden fest verankert: Während im Kalten Krieg die wenigen Friedens- und Konfliktforscher*innen, die es damals an deutschen Universitäten gab, vor allem über Rüstung und Militär forschten, gibt es inzwischen nicht nur deutlich mehr Universitäten, an denen Friedens- und Konfliktforschung studiert werden kann und damit mehr Absolvent*innen dieses Faches, sondern auch mehr Forschung dazu, wie Frieden gefördert, erhalten, wiederhergestellt werden kann. Dabei wird Frieden nun vielfach nicht in Abgrenzung zum Krieg als »Zustand« analysiert, sondern als Prozess, der Gewalt, Not und Ungerechtigkeit reduziert und kulturelle Vielfalt im weiten Sinne erhöht – ein solches Verständnis liegt auch der praktischen Friedensarbeit der ZKB zugrunde. Ähnlich wie die global geltenden »Sustainable Development Goals«, zu denen mit Ziel 16 ja auch ein explizites Friedensziel gehört (»Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen«), setzt sich ein solches Friedensverständnis dafür ein, Friedensprozesse als weltweit nötig und möglich zu betrachten.
  • Konsolidierung eines Verständnisses der innergesellschaftlichen ZKB für Deutschland: Eine Vielzahl an Mediations-, Konfliktbearbeitungs-, Demokratieförderungs- und weiteren Organisationen zur kreativen Konfliktlösung haben in den letzten Jahrzehnten die Mittel und Methoden ziviler Konfliktbearbeitung etabliert. Nach vielen Jahren mühsamer Arbeit wurde mit Beteiligung der Plattform ZKB im vorvergangenen Jahr dann endlich das »Bundesnetzwerk Konfliktbearbeitung« gegründet (vgl. Rieken 2026, S. 50f.).
  • Parallel zu diesen Entwicklungen wurde Gewalt im persönlichen Umgang in jeder Form (psychisch, physisch, kulturell, strukturell) immer mehr geächtet. Inzwischen lernen Kinder schon in Kindergarten und Grundschule, Konflikte gewaltfrei auszutragen, »Züchtigungsstrafen« sind verboten, ein relativ weites Gewaltverständnis macht mittlerweile auch möglich, sexualisierte Gewalt als solche zu benennen, die noch in den 1990er Jahren gesetzlich bagatellisiert wurde. Dies sind wesentliche Fortschritte. Ein Ausdruck für eine solche kulturelle Wandlung ist auch, dass mittlerweile an der Evangelischen Hochschule in Freiburg am dortigen Friedensinstitut ein eigenständiger Studiengang für Friedenspädagogik entstanden ist.
    Diesen Kulturwandel gilt es zu bewahren in Zeiten, in denen gerade die gewaltfreien Mittel und Methoden in Zweifel gezogen werden und als utopische Träumereien im Angesicht der Kriegstüchtigkeit verworfen werden.

Ursprünge einer denkbaren Idee

Dass es in Deutschland eine vergleichsweise intensive Beschäftigung mit Friedensprozessen und konstruktiver Konfliktbearbeitung gibt, liegt meines Erachtens auch daran, dass es seit Ende der 1960er Jahre eine steigende Zahl von Kriegsdienstverweigerern nach Artikel 4 (3) Grundgesetz gab. Diese mussten damals ihre Gewissensentscheidung in mündlichen Verhandlungen glaubhaft darlegen, die mein Vater Ulrich Finckh als „Inquisition des Gewissens“ bezeichnet hat. Zur Illustration für diese »Inquisition«: In den Verhandlungen wurden die jungen Männer oft gefragt, was sie denn tun würden, wenn wahlweise ihre Freundin, Mutter, Schwester oder ihr Land mit Waffengewalt angegriffen würde. Die moralische Analogie zwischen der Verteidigung ihnen nahestehender Menschen und der Verteidigung des »Heimatbodens« sollte die jungen Menschen zu genau einer Schlussfolgerung bringen: dass den Kriegsdienst zu verweigern verwerflich wäre.

Daher haben die Organisationen, die Kriegsdienstverweigerer beraten haben, sich damals – mitten im Kalten Krieg – nicht nur mit Kritik am Wettrüsten zwischen NATO-Staaten und den Staaten des Warschauer Paktes, sondern auch mit Alternativen zu militärischer Verteidigung und mit Gewaltfreiheit auseinandergesetzt. Beispiele gewaltfreien Widerstands gegen Besatzung, gegen Putschisten und gegen autoritäre Regierungen wurden gesammelt und ausgewertet. 1988 gab es in Minden, Westfalen, einen großen Kongress mit dem Titel „»Ohne Waffen, aber nicht wehrlos« – die Gründungsstunde des »Bund für Soziale Verteidigung« (BSV), aus dem auch später viele wichtige Impulse für die Verankerung des ZFD folgten. Vieles von dem, was damals gelesen und rezipiert wurde, stammte aus den USA, wo es ja eine breite gewaltfreie Bürgerrechtsbewegung, gewaltfreie Proteste gegen Atomwaffen und die Analysen von Gene Sharp zu Strategie und Taktik gewaltfreier Bewegungen gab. Wir sehen aktuell in Minneapolis, dass dieses Wissen in den USA nicht verloren gegangen ist.

Wider die Alternativlosigkeit

In einer Zeit, in der militärische Aufrüstung mal wieder als alternativlos dargestellt wird, ist es hilfreich, hier anzuknüpfen. Wenn es wirklich zu einer Wiedereinführung der Wehrpflicht kommt, wird es spannend sein, wie die Begründungen der Kriegsdienstverweigerer aussehen werden. Ich vermute, dass viele darauf verweisen werden, dass sie schon im Kindergarten gelernt haben, dass Gewalt kein Mittel der Konfliktaustragung sein darf. Es ist ein erster wertvoller Schritt zur Verteidigung einer denkbaren Alternative zur Hochrüstung – eine, die uns viele Mittel wert sein sollte. Es gilt den Beitrag der ZKB zum Frieden hoch- und auch in diesen Zeiten präsent zu halten.

Literatur

Rieken, M. (2026): Andocken, Kurs nehmen, Zukunft sichten. Tagung und Netzwerktreffen, »Bundesnetzwerk Konfliktbearbeitung«, Evangelische Akademie Loccum, 12.-14. November 2025. W&F 1/2026, S. 50-51.

Zur Autorin:

Ute Finckh-Krämer ist Co-Vorsitzende des Sprecher*innenrates der »Plattform Zivile Konfliktbearbeitung« und ehemalige Bundestagsabgeordnete (2013-2017).