Debatte „Chance für Frieden“ (Februar 2026)
Krieg oder Freundschaft? Die politische Ökonomie der deutsch-französischen Beziehungen im Militärkeynesianismus
von Kai Koddenbrock
Debatte „Chance für Frieden“ (Februar 2026)
von Kai Koddenbrock
Keine Chance für Frieden? Texte von W&F-Beirät*innen (1 von 5)
Die Welt ist in unfriedlicher Unordnung: Eine Vielzahl der Kriege und Krisen sind auf hohem Niveau gewaltsam eskaliert, das Kriegsvölkerrecht wird allenthalben mit den Füßen getreten, viele Staaten der Welt rüsten massiv auf. Europa und Deutschland sind mitten dabei. Doch gibt es gar keine »Chance für Frieden«? Welche Effekte hat die grundlegende Militarisierung? Welche Rolle kommt der Friedens- und Konfliktforschung in dieser Zeit zu?
Diesen Fragen ging eine Debatte auf der jährlichen Klausur von W&F am 20. Februar 2026 in Berlin nach, die Mitglieder des neu berufenen Fachbeirats von W&F in Diskussion brachte. Die Beiträge der Beirät*innen dokumentieren wir hier.
20. Februar 2026, aktualisiert: 9. Juni 2026
Angesichts »neuer Warlords« in den deutschen Allianzen (Friedensgutachten 2026), die den imperialistischen Krieg weitgehend normalisiert haben, stellt sich für die deutsche Gesellschaft akut die Frage, wie sie die militärische Aufrüstung, ihre Beteiligung an aktiver Kriegsführung und die wichtigsten außenpolitischen Beziehungen in dieser voraussichtlich länger anhaltenden Krisensituation gestalten will. Dafür spielen jedoch nicht nur die Meinungen, Haltungen oder Positionen von Institutionen und Persönlichkeiten eine Rolle. Gerade die Akkumulations- und Reproduktionsmechanismen der deutschen Wirtschaft in ihren nationalen, europäischen und globalen Beziehungen sind dafür zentral – und sollten daher in den Fokus gerückt werden.
Die deutsch-französischen Beziehungen waren neben den Beziehungen zu den USA und der Unterstützung Israels nach dem zweiten Weltkrieg für Deutschland existenziell (Scherpenberg 2026). Mit Blick auf die alte erbitterte Gegnerschaft der beiden Staaten in den Jahrhunderten zuvor war ihre friedliche Ausgestaltung eher eine historische Ausnahme.
Interessanterweise wurde sich der ökonomischen Dimension dieser Beziehung allerdings sehr selten angenommen: Schon in den 1970er Jahren, zur Hochzeit marxistischer Politischer Ökonomie stellte Gilbert Ziebura fest, dass eine politische Ökonomie der deutsch-französischen Beziehungen bisher ausstehe (ebd. 1970, S. 8). Eine solche tiefergehende Analyse der Konkurrenz und Komplementarität beider Volkswirtschaften, der Reproduktionslogiken und auch ihrer unterschiedlichen Regierungs-Ideologien und deren Transmission in die Gesellschaft fehlt immer noch weitgehend (eine seltene Ausnahme ist Chasoglou 2019).
Im Kontext einer zunehmenden Militarisierung Europas und mit Blick auf die dominanten Wirtschaftsmächte im EU-Block kann dies allerdings nicht langfristig so bleiben: Zu häufig hat gerade die wirtschaftliche Konkurrenz der beiden Staaten in der Vergangenheit zu Krieg und Verderben geführt – und auch heute sind wir davor nicht gefeit.
In meiner aktuellen Forschung an der Universität Bielefeld versuche ich mich an dieser Analyse im Kontext einer »Politischen Ökonomie der BRD im Militärkeynesianismus«. Wie lassen sich die beiden politische Ökonomien und Gesellschaften in ihrem Zusammenwirken auf den Begriff bringen und repräsentieren? Welches wären die relevanten Dimensionen solcher Darstellung? Welche Gefahren bietet die aktuelle Dynamik?
Die regulationstheoretische Debatte, die vergleichende Kapitalismusforschung (Nölke 2022) und der »Growth-Models«-Ansatz (Baccaro und Pontusson 2016) haben zu Deutschland und Frankreich je unterschiedliche Feststellungen gemacht (Amable 2023), die sich gut für den Vergleich, aber nicht direkt für die gemeinsame Analyse einer politischen Ökonomie der deutsch-französischen Beziehungen nutzen lassen. Alle drei Perspektiven fokussieren tendenziell auf beide Gesellschaften separat voneinander anstatt in ihrem dezidierten Zusammenwirken.
In der regulationstheoretischen Debatte der letzten Jahre dominierte ein Fokus auf der Rolle der Eurokrise und die Verschiebungen zum finanzdominierten Akkumulationsregime. So argumentieren Sablowski, Syrowatka und Schneider 2022: „Die ungleiche Entwicklung der Produktionsstrukturen, insbesondere die starke Konzentration komplexer Industrieproduktion auf das deutsche Produktionssystem und die um dieses gruppierten Zulieferökonomien bei gleichzeitiger Deindustrialisierung großer Teile Südeuropas (…), blieb jedoch bestehen – schlimmer noch: sie verschärfte sich sogar.“
Auch Joseph Halevi hebt in seinen Arbeiten zur EU und ihrer Krise die zentrale Rolle Deutschlands hervor:
„Die gegenwärtige Lage ist düster, die Zukunft ist meiner Meinung nach äußerst trostlos, insbesondere wenn wir die Frage unter dem Gesichtspunkt der Rolle der Exporte im Prozess der kapitalistischen Akkumulation betrachten. Die Europäische Union ist institutionell einfach nicht darauf ausgelegt, keynesianische Politik für innenpolitische Zwecke zu betreiben. Seit den 1950er Jahren ist das charakteristische Merkmal des kontinentalen Europas der Nachkriegszeit durch positive Nettoexporte gekennzeichnet, wenn auch nicht für jedes Land. Deutschland wurde zum wichtigsten Exportland und zum Hauptakkumulator von Nettoexporten.“ (Halevi 2023, S. 219) Und weiter: „Deutschland konnte seine Nettoexportposition als vorrangiges wirtschaftliches Ziel aufrechterhalten, da es die Macht dazu hatte. Es verfügte über die größten oligopolistischen Industrien in Europa und produzierte die wichtigsten Investitionsgüter für den gesamten Kontinent. Hätten Frankreich und Italien über die gleichen industriellen Kapazitäten verfügt, hätten sie sich ähnlich verhalten. Der französische Staat hingegen, der gegenüber Afrika stets imperialistisch auftrat, war nie daran interessiert, seine nationale Industrie auf das Niveau Deutschlands zu heben“ (ebd., S. 220).
Das ist der Punkt, an dem die aktuelle Forschung ansetzt, die ich in unterschiedlichen Konstellationen mit Benjamin Bürbaumer (Sciences Po Bordeaux), Felix Jaitner (Universität Bielefeld) und Mariem Abdennadher (Bard College Berlin) durchführe, und die die vorherigen Arbeiten zu Deutschlands Außenwirtschafts- und Sicherheitspolitik vertieft (Koddenbrock und Voss 2025; Koddenbrock und Mertens 2022). Die Fragen, denen wir nachgehen, sind: Wie genau verhalten sich die Wirtschaftsstrukturen, -sektoren und oligopolistischen Industrien Deutschlands und Frankreichs aktuell zueinander und welche Konflikte oder Kooperationsmöglichkeiten lässt das erwarten?
Ob Frankreich und Deutschland in den nächsten Jahren und Jahrzehnten des Rechtsrucks ökonomisch und damit auch politisch eher wieder in eine Frontstellung geraten oder ihre Gesellschaften stärker integrieren werden, wird auch davon abhängen, welche wirtschaftspolitischen Ideologien verfolgt werden und wie stark dabei auf Wachstum und Profite durch Exporte gesetzt werden wird und ob der Versuch unternommen wird, eine kooperativere, demokratisch-sozialistische Wirtschaftspolitik anzugehen. Für die französische Innenpolitik übersetzt würde das bedeuten: Eine Wahl Jean-Luc Melenchons (La France Insoumise) könnte dafür Türen öffnen, eine Wahl Jordan Bardellas (Rassemblement National, ehemals Front National) eher nicht. Doch auch in vielen weiteren Bereichen gäbe es hier Aufgaben: Nicht zuletzt die Gewerkschaften müssten ihren strategischen Austausch intensivieren.
Die aktuelle Militarisierung beider Gesellschaften lässt grundsätzlich zunächst eine weitere Verstärkung des Exportismus erwarten, wie ihn Halevi kritisch herausarbeitete, der vor allem auch durch Ab-Nutzung (heißt: Testung, Einsatz, künstlichen Verschleiß u.a.) der neuen Waffensysteme und deren wiederholten Absatz stabilisiert werden würde.
Gerade im Bereich der Marktkonkurrenz ist dies erwartbar problematisch: Wenn die wachsende deutsche Waffenindustrie sich überdies nicht nur am wachsenden europäischen Markt labt, sondern in Bereiche drängt, in denen die französische Waffenindustrie lange erfolgreich war, wird das zu weiteren Konflikten führen. Das kann nicht im Interesse des Friedens auf dem europäischen Kontinent und der neu zu belebenden Friedensbewegung in Deutschland sein.
Die Analyse der politischen Ökonomie der deutsch-französischen Beziehungen kann für diese Bewegung einen Beitrag leisten, zu erkennen, worin erwartbare und vermeidbare Probleme einer Frontstellung der größten Wirtschaftsmächte Europas liegen.
Der Text wurde im Juni 2026 leicht aktualisiert.
Amable, B. (2023): Nothing new under the sun: The so-called growth-model perspective. European Journal of Economics and Economic Policies 20(3), S. 444-460.
Baccaro, L.; Pontusson, J. (2016): Rethinking comparative political economy: The growth model perspective. Politics & Society 44(2), S. 175-207.
BICC, PRIF, IFSH, INEF (2026): Die neuen Warlords. Gewaltdynamiken einhegen. Friedensgutachten 2026. Bielefeld: transcript.
Chasoglou, I. (2019): Krisenpolitik und Kapitalfraktionen : Deutschland, Frankreich und die Unternehmerverbände in der Krise der EU. Dissertation. Universität Tübingen.
Halevi, J. (2023): Germany, Europe and the crisis. PSL Quarterly Review 76(306), S. 215-223.
Koddenbrock, K.; Mertens, D. (2022): Geoeconomics and national production regimes: On German exportism and the integration of economic and security policy. In: Babić, M.; Dixon, A.D.; Liu, I.T. (Hrsg.): The political economy of geoeconomics: Europe in a changing world. Cham: Springer, S. 137-159.
Koddenbrock, K.; Voß, C. F. N. (2026): Walking a fine line: Germany and the question of imperialism. New Political Economy 31(3), S. 437-456.
Nölke, A. (2022): Exportismus. Die deutsche Droge. Neu Isenburg: Westend.
Sablowski, T.; Syrowatka, F.; Schneider, E. (2022): Krise und Regulation des Kapitalismus in der Europäischen Union. PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft 52(207), S. 231-252.
Scherpenberg, J. Van (2026): Großmachtsucht: Deutschland rüstet für die Führung Europas. Neu Isenburg: Westend.
Serfati, C. (2015): Imperialism in context: The case of France. Historical Materialism 23(2), S. 52-93.
Ziebura, G. (1970): Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen und Realitäten. Pfullingen: Neske.
Kai Koddenbrock ist Professor für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie an der Universität Bielefeld.