Positionen und Analyse
Soziale Medien für den Frieden
Mastodon und die gemeinwohlorientierten Dienste des Fediverse
von Mario Birkholz und Jürgen Scheffran
Zunehmend wird offenkundig, dass die profitorientierten und manipulativen Digitalplattformen von BigTech-Konzernen autokratische Strukturen stärken und Frieden, Klimaschutz, Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt weltweit untergraben. Um das Abhängigkeits-Dilemma aufzulösen, müssen die vermeintlichen Vorteile hinterfragt und die Nachteile bewusst gemacht werden. Die Friedensbewegung und Friedenswissenschaft sind aufgerufen, ihre Nutzung sozialer Medien im Sinne einer gemeinwohlorientierten Digitalisierung umzubauen.
24. August 2026
Fediverse – social media done well. Sticker in Hamburg, 2025. CC-0 via Wikimedia Commons/Formschub
Internettechnologien haben einen historischen Umbruch in der menschlichen Kommunikation bewirkt. Insbesondere die vor rund 20 Jahren eingeführten sogenannten »sozialen Medien« spielen eine nicht mehr wegzudenkende Rolle im täglichen Miteinander, aber auch bei inner- und zwischenstaatlichen Konflikten. Große Hoffnungen verbanden sich mit den neuen Technologien, als – so schien es – mit ihrer Hilfe der Arabische Frühling zur Absetzung autoritärer Diktatoren in Tunesien und anderen Ländern führte. Die Siege von Barack Obama bei den US-Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012 wurden maßgeblich durch die Kampagnen und Werbemaßnahmen der großen kommerziellen Plattformen »Facebook« und »Twitter« beeinflusst. Echte Demokratie, die Herrschaft des Volkes, schien mit den neuen Kommunikationstechniken in greifbare Nähe gerückt, die den direkten Kontakt von jedem mit jedem ermöglichte – ohne die selektive Kontrolle der Massenmedien durch profitorientierte Dritte.
Die Macht der »Big-Tech«-Plattformen
Doch mit dem Sieg von Donald Trump bei der US-Wahl 2016 dämmerte vielen, dass die Plattformen von »Big-Tech« auch als hochentwickelte Propagandaapparate für eine Gruppe autokratischer und extrem reicher Personen dienen können – und von diesen auch aktiv eingesetzt werden (vgl. FIfF 2025). Wie von einem an der Wahlkampagne Beteiligten enthüllt wurde, hatte das Trump-Team Zugriff auf die Facebook-Profile aller US-Amerikaner*innen und konnte ihnen passgenaue Werbung ausspielen (Wylie 2019). Dabei wurden gezielt bekannte psychologische Beeinflussungs-Techniken eingesetzt.
Zu dieser Instrumentalisierung durch politische Akteure veränderte sich zunehmend auch das Verhalten und die Praxis der Plattformen selbst, sowie deren direkte Verzahnung mit der Politik: Bei der US-Präsidentenwahl 2024 und der Bundestagswahl 2025 wurden auf der Plattform »X« (ehemals Twitter) Meldungen von den Parteien bevorzugt verstärkt, die der Hauptbesitzer der Plattform gewinnen sehen wollte.
Insbesondere der Übergang von Twitter zu X im Juli 2023 hat auf der Plattform zu einer Zunahme von Desinformation, Wissenschaftsfeindlichkeit, Hass und Hetze geführt. X hält sich dabei nicht an die in Deutschland geltenden Gesetze, nach denen Verunglimpfungen und Volksverhetzung als Straftaten zu werten sind, sondern versucht offensiv ein anderes Rechtsverständnis von »freier Rede« durchzusetzen, wie es in den USA gilt (vgl. Dabhoiwala 2025). Armin Wolf, Redakteur bei der österreichischen Zeitung »Der Standard«, kam bei der Analyse einer gegen ihn gerichteten Diffamierungskampagne zu dem Résumé: „X ist ein rechtsfreier Raum“ (Wolf 2025).
In welch tiefgreifende Abhängigkeiten von US-Autokraten und den von ihnen gesteuerten Diensten wir uns bereits begeben haben, wurde Ende 2025 deutlich. Kurz vor Weihnachten wurden die beiden Geschäftsführerinnen von »Hate Aid«, einer sich gegen Hass und Hetze im Netz einsetzenden NGO, unter US-Sanktionen gestellt und mit einem Einreiseverbot in die USA belegt. Zudem häufen sich die Berichte darüber, dass die US-Administration kritisierende Posts auf den Plattformen von BigTech immer weniger verbreitet werden.
Wir haben in den letzten Jahren immer wieder Diffamierungskampagnen gegen Personen des öffentlichen Lebens beobachten müssen, die bis hin zu Mordaufrufen reichten und sich häufig gegen Frauen richteten, wie die Vizechefredakteurin der SZ Alexandra Föderl-Schmid, die Jura-Professorin und Richterkandidatin für das Bundesverfassungsgericht Frauke Brosius-Gersdorf, die frühere Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, die ZDF-Moderatorin Dunja Halali, die Hamburger Verkehrswende-Aktivistin Katja Diehl und andere. Auch Männer waren immer wieder rechten Anfeindungen ausgesetzt, wie der Vizepräsident des Bundestags Bodo Ramelow oder der ehemalige Wirtschaftsminister Robert Habeck.
Doch nicht nur landesweit bekannte, sondern auch kommunal aktive Personen sehen sich schnell einem permanenten Trommelfeuer ausgesetzt, das auf »sozialen« Medien gegen sie entfacht wird. Die Wirkung ist so weitreichend, dass sie unsere Demokratie und den innergesellschaftlichen Frieden in Gefahr bringt. Denn zunehmend wird in den Kommunen von der mangelnden Bereitschaft berichtet, für kommunale Ämter zu kandidieren.
Von Seiten deutscher Behörden und Gerichte wird erstaunlich wenig dagegen unternommen – obwohl hier ein eklatanter Verstoß gegen den Grundsatz vorliegt, dass in der analogen Welt strafbare Handlungen auch im digitalen Raum strafbar sind. So wurden in einigen Fällen tausende Anzeigen pro Jahr gegen Verleumdung auf den großen Plattformen erstattet. Und die oben erwähnte NGO »HateAid« hat in einer Klage gegen X vor dem Berliner Landgericht festgestellt, dass X zur größten Rassismus und Antisemitismus verbreitenden Propagandamaschine geworden ist, die es je gegeben hat.
Die sogenannten »sozialen« Medien sind zu einer Gefahr für den Fortbestand der Demokratie und das friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft geworden (Lewandowsky 2026). Aktuell ist zu beobachten, dass sich diese Probleme durch die Einführung von Technologien der künstlichen Intelligenz, oder besser des maschinellen Lernens, weiter verschärfen (Mühlhoff 2025). Denn damit lassen sich ohne viel Aufwand Kampagnen für diese Medien maßschneidern, die bestimmte Meinungen verbreiten und gleichzeitig massenhafte Unterstützung dafür vortäuschen.
Kriegspropaganda oder Friedenstools? Zur Ambivalenz der Technologie
Wie viele andere Technologien sind soziale Medien ambivalent und je nach Kontext für zivile und militärische Zwecke, für Krieg und Frieden verwendbar. Mit dem Smartphone können auch Privatpersonen Informationen über militärische Aktivitäten gewinnen, durch soziale Medien in Echtzeit weltweit verbreiten und Konflikte beeinflussen. Ein Beispiel sind von der ukrainischen Bevölkerung aufgenommene Fotos und Videos russischer Einheiten, die von Regierung und Militär der Ukraine durch Apps unterstützt und genutzt werden. Über öffentliche Online-Plattformen kann so jede(r) am Informationskrieg teilhaben und zur Propaganda beitragen – wie auch zur Entlarvung genau dieser Vorhaben. Ford (2025) sieht in dieser „partizipativen Kriegsführung“ eine neue Form des „totalen Krieges“, in dem Zivilist*innen durch ihr Smartphone potenziell zu Kombattant*innen und somit zum Ziel gegnerischer Angriffe werden. Der Echtheitsgehalt von Informationen ist allerdings schwer zu überprüfen und ihre Verbreitung kann beschränkt und manipuliert werden, gerade auch durch Social-Media-Unternehmen, die die Kontrolle über die Datenflüsse haben – dies gilt in Friedenszeiten und im Krieg. Die zivil-militärischen Verflechtungen digitaler Medien lassen sich an vielen aktuellen Konflikten zeigen, in Somalia, Irak, Iran, Afghanistan, DR Kongo und in Gaza (Ford 2025).
Auf der anderen Seite werden diese Medien von zivilgesellschaftlichen Gruppen als wichtige Werkzeuge zur Mobilisierung gesellschaftlicher Proteste erfolgreich eingesetzt und genutzt, u.a. durch NGOs, die sich für den Klimaschutz engagieren. Doch auch hier ist die Nutzung dieser Plattformen zweischneidig: Die Big-Tech-Konzerne mit ihren Apps und Plattformen stehen für ein massiv klimaschädliches Geschäftsmodell. Sie übertragen konstant und massenhaft persönliche Daten an die Firmen-Server, erstellen mit viel Rechenaufwand Persönlichkeitsprofile und passen ihre Werbung maßgenau an. Wie in verschiedenen Studien gezeigt wurde, sind umfangreiche Datenübertragungen und -speicherungen mit hohem Energieverbrauch und klimaschädlichen Emissionen verbunden (Kögler u.a. 2024). Gerade Klimaschutzgruppen sollten deshalb auf die Nutzung dieser klimaschädlichen Apps verzichten.
Abhängigkeiten hinterfragen
Die weltweite Nutzung der größten Plattformen ist beachtlich. Mehr als 5 Mrd. Menschen sind aktuell auf mindestens einer der großen Plattformen aktiv (siehe Abb. 1) und offenbaren dort viele Details über ihr tägliches Leben. So wird den Big-Tech-Unternehmen eine soziale, psychologische und politische Machtfülle über eine nie zuvor gesehene Zahl von gleichzeitig »erreichbaren« Menschen übertragen, was ein enormes Potential zur Massenbeeinflussung schafft. Angesichts der möglichen Reichweite sozialer Medien, die viele Menschen mobilisieren, aber auch gefährden und die Gesellschaft polarisieren können, stellt sich für die Friedensbewegung und die weitere Zivilgesellschaft wie auch für die Wissenschaftskommunikation die Frage, wie sich die Potenziale vernünftig nutzen lassen. Gibt es überhaupt so etwas wie ein politisch korrektes Vorgehen?
Ein erster Schritt hin zur Auflösung des Dilemmas folgt aus einer kritischen Analyse davon, wie die Plattformen funktionieren. Denn entgegen der intuitiven Annahme, dass es um die Beiträge und die Pflege der eigenen Gemeinden an »Follower*innen« geht, sind Beiträge bzw. Posts lediglich das Zwischenprogramm zur Werbung, mit der die Plattformen das Geld verdienen, um riesige Rechenzentren und Datenübertragungen zu finanzieren.
Weil mensch ja nur ein kleines Smartphone in der Hosentasche mit sich herumträgt, machen wir uns den Charakter und die Größe der Digitalwirtschaft selten bewusst: die in hunderten von Rechenzentren weltweit gespeicherten und (mittlerweile mit KI ausgewerteten) gigantischen Datenmengen, der enorme Verbrauch an Strom, Wasser und anderen Ressourcen und die riesigen Profite der börsennotierten Internetkonzerne an den Handelsplätzen. So lagen die operativen Gewinne von Googles Mutterfirma »Alphabet« und Facebooks Mutterkonzern »Meta« in 2022 bei rund 60 Mrd. und 22 Mrd. US$, was jeweils dem Staatshaushalt mittelgroßer Länder wie Ungarn oder Litauen entspricht.
Im nächsten Schritt ist der Begriff der »Reichweite« zu hinterfragen, die von den großen Plattformen suggeriert wird. Tatsächlich sind die Angaben zur Anzahl der Follower*innen des eigenen Accounts nicht überprüfbar; dahinter verbergen sich oft genug Phantasie-Accounts wie auch solche ohne menschliche Steuerung, sogenannte »Bots«. Die auf den großen Plattformen genannten Zahlen lassen also keinen echten Rückschluss auf erreichbare Menschen zu (Simon 2025), oft liegt ihr Anteil nur in der Größenordnung von 15-20% (Zotzmann-Koch 2023). Wir müssen uns also klarmachen: Posts haben für die Unternehmen vorrangig die Funktion, die Nutzer*innen an das Display zu fesseln, damit sie durch profitmachende Werbung beeinflusst werden können. Je mehr Followerzahlen suggeriert werden, umso höher die Interaktionsrate, desto größer die Gewinne.
Die Hoffnungen auf die Mobilisierungsleistung von sozialen Medien sind entsprechend auch aus der Bewegungsforschung und der Forschung zu politischen Widerständen gedämpft worden. Zwar erleichtern sie die direkte, schnelle und effektive Kommunikation mit anderen Menschen und schaffen eine öffentliche Sphäre für Dialog und zivilen Widerstand, auch gegen Krieg und für friedliche Konfliktlösung. Doch diese Mittel können auch gegen Bewegungen gewendet werden, die verwundbar sind, wenn sie sich ausschließlich auf digitale Medien verlassen. Erica Chenoweth (2021) kritisierte gar, dass die Fokussierung auf digitalen Aktivismus eher den umgekehrten Effekt haben könne – bessere Überwachbarkeit der Aktivist*innen mit weniger expliziten Erfolgen, da andere Formen des Widerstands vernachlässigt werden.
Zusammenfassend kommen wir um die Feststellung nicht herum, dass uns die kommerziellen Social-Media-Plattformen nicht dabei helfen, die sozial-ökologische Transformation nachhaltig und friedlich zu gestalten, sondern diese bereits aktiv behindern. Es wird höchste Zeit, dass sich Europa von der Abhängigkeit von der US-Digitalindustrie löst und sich auf die eigene Innovationskraft besinnt. Es gilt deshalb die Nutzung sozialer Medien neu zu gestalten.
Paradigmenwechsel für Transformation: Das Fediverse
Wir müssen einen Paradigmenwechsel vollziehen, indem wir einen neuen Blick auf die »sozialen Medien« richten. Der Versuch einer konsequenten Umsetzung eines Alternativprogramms wurde Anfang 2024 vom »Aktionsbündnis neue soziale Medien« gestartet. In einer Petition appellierte das Bündnis an die Hochschulen und die Hochschulrektorenkonferenz, die Plattform X zu verlassen und stattdessen auf Mastodon aktiv zu werden (Aktionsbündnis neue soziale Medien 2024a). Mastodon ist ein Microblogging-Dienst, der ähnlich funktioniert wie vormals Twitter. Allerdings nutzt der Dienst nicht eine zentrale Instanz, sondern macht von einer Vielzahl von Servern bzw. Instanzen Gebrauch, die miteinander »föderieren«, sich also informationstechnisch zusammenschließen. Damit ist es möglich, dass auf verschiedenen Servern angemeldete Nutzer*innen über die Servergrenzen hinweg kommunizieren.
Mastodon basiert auf dem »ActivityPub«-Protokoll, das 2018 vom Worldwide-Web-Consortium herausgegeben wurde.1 Auf Basis des Protokolls operieren auch noch weitere Dienste wie »PeerTube« oder »Pixelfed«, die als Alternativen zu YouTube, Instagram und anderen kommerziellen Medien fungieren. Sie alle bilden ein föderiertes System von Instanzen, für das die Bezeichnung »Fediverse« geprägt wurde.
In dem Appell des Aktionsbündnis wurde zudem vorgeschlagen, dass die Hochschulen eigene Mastodon-Instanzen aufsetzen, um zukünftig die elektronische Kommunikation auf diesem Wege zu ermöglichen. Als Vorbild dient die Universität Innsbruck, die 2023 die Instanz social.uibk.ac.at tatsächlich als erste Hochschule weltweit in Betrieb genommen hat (Dobusch 2023). Sie erlaubt jeder Einrichtung an der Universität und inzwischen sogar jedem/r ihrer Wissenschaftler*innen unabhängig von den Algorithmen der Big-Tech-Konzerne, Meldungen ins Fediverse zu senden und sich auf diesem Wege auszutauschen. Im letzten Jahr wurden solche Instanzen auch an der EPF Lausanne (social.epfl.ch) und am KIT in Karlsruhe (social.kit.edu) aufgesetzt (Kröger u.a. 2025).
Die vom Aktionsbündnis gestartete Kampagne war zudem die erste, in der ausdrücklich von öffentlichen Institutionen die Rückbesinnung auf ihre Ziele und eine entsprechende Nutzung sozialer Medien gefordert wurde, was bisher recht erfolgreich war. So schlossen sich eine Reihe von Digitalorganisationen wie der »Chaos Computer Club«, »Digitalcourage«, die »Open Knowledge Foundation«, »Wikimedia« und weitere den Forderungen an die Hochschulen an. Zudem formierten sich weitere Initiativen mit ähnlichen Zielen wie »ByeByeElon«, »HelloQuittX«, »LeaveX« und »Save Social«. Eine große Unterstützung erhielt auch die an der Universität Düsseldorf initiierte »WissXit«-Kampagne, die Anfang 2025 zum Rückzug von der X-Plattform durch über 100 Hochschulen und Forschungsinstitute führte. Zunehmend machen sie von Mastodon Gebrauch, darunter auch wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die Gesellschaft für Informatik und die Deutsche Physikalische Gesellschaft.
Wie ein erfolgreicher Start ins Fediverse zu machen ist, wurde überzeugend auch vom Bundesdigitalminister demonstriert, dessen Ministerium im Herbst 2025 auf Mastodon startete. Dazu wurde ein Video erstellt, in dem sich der Minister engagiert für den neuen Kanal ausspricht. Mit diesem authentischen Statement wurden innerhalb weniger Tage mehr als 2.000 Follower*innen gewonnen. Eine ähnlich erfolgreiche Strategie wurde von der Universitätsbibliothek Groningen angewandt: Mit einem Vorlauf von einem Jahr wurde der Rückzug von X angekündigt und parallel der Mastodon-Account aufgebaut. Zu dem Ende 2024 durchgeführten »eXit« hatten sich dann viele Tausend Folgende bereits auf dem Mastodon-Kanal eingefunden (Kanuer 2024).
Tatsächlich hält die Ausstiegswelle weiter an, so dass sich X immer mehr zu einem Kuriositätenkabinett für rechte Hetze entwickelt, das bald keine Rolle mehr spielen wird für den politischen Diskurs in Deutschland. Die vorliegenden Nutzer*innenzahlen bestätigen bereits einen deutlichen Rückgang. Eine Reihe von hilfreichen Anleitungen für den Wechsel wurden bereits erstellt (u.a. Aktionsbündnis neue Soziale Medien 2024b).
Soziale Medien für den Frieden entwickeln
Wir halten diesen Weg auch für Friedensbewegung und Friedenswissenschaft vordringlich: sich für Frieden und Abrüstung engagierende Organisationen und Privatpersonen sollten den Rückzug von X und den anderen profitorientierten Digitalplattformen antreten und stattdessen auf selbst bestimmten sozialen Medien des Fediverse wie Mastodon, Pixelfed und PeerTube aktiv werden. Auch wenn sie nicht als primäre Friedensprojekte erscheinen, reichen sie breiter in die Zivilgesellschaft und ermöglichen eine höhere »Friedensfähigkeit« durch ihre dezentrale Struktur und die Ablehnung von Hass und Gewalt. Die Autoren dieses Artikels sind überzeugt, dass immer mehr Menschen von Krieg und Kriegsfolgen betroffen sein werden, wenn wir weiterhin unkritisch X, TikTok, Instagram und LinkedIn nutzen und diesen unsozialen Medien die Meinungsbildung in der Gesellschaft überlassen. So wichtig es auch weiterhin bleibt, sich in sozialen Medien aktiv gegen rechtsextreme und polarisierende Positionen zu wenden, werden sich die mit ihnen verbundenen Probleme nur durch grundlegende, strukturverändernde Ansätze lösen lassen.
Im Sinne einer »partizipativen Friedensbildung« geht es nicht nur darum, Menschen in zivilen und gewaltfreien Aktionen durch soziale Medien zu koordinieren sowie durch Koalitionen und Netzwerke von der kommunalen bis zur globalen Ebene der Nord-Süd-Zusammenarbeit eine »kritische Masse« zu verstärken, die Gewaltstrukturen entgegenwirkt und positive Kippmomente für nachhaltigen Frieden ermöglicht. Sie können auch einen aktiven Beitrag leisten für die gesellschaftliche Integration und die digitale Verbreitung von Konzepten und Synergien, um die Kriegslogik durch eine Friedenslogik zu ersetzen, durch Diplomatie und Verhandlungen, zivile Friedensdienste, friedliche Konflikttransformation und gemeinsame Sicherheit im Rahmen einer Europäischen Friedensordnung, die auch die kooperative Bewältigung von Umweltproblemen ermöglicht (Scheffran 2025).
In diesem Sinne verfolgt die UNESCO-Initiative »Social Media 4 Peace« in Partnerschaft mit der Europäischen Union das Ziel, den Frieden durch soziale Medien zu fördern, die Meinungsfreiheit zu achten, Menschenrechte zu schützen und die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften gegen schädliche Online-Inhalte wie Desinformation und Hassrede zu stärken, die soziale Spaltungen vertiefen und Gewalt auslösen. Seit 2021 wurden im Zusammenhang mit dem Programm lokal verankerte friedensfördernde Strategien in konfliktträchtigen und polarisierten Gesellschaften entwickelt, zunächst in den vier Pilotländern Bosnien und Herzegowina, Kolumbien, Indonesien und Kenia, deren Erfahrungen nun auf Kirgistan, Südafrika, Irak und weitere Länder ausgeweitet werden (vgl. UNESCO o.J.).
Nicht zuletzt ist für den Umbau der social-media-Architektur ein solidarisches Miteinander in der Friedensbewegung gefragt. Ralf Stockmann, Hauptinitiator der Mastodon-Instanz openbiblio.social hat es mit dem schönen Bild zusammengefasst, dass das »Umtopfen« einer Community gelingen kann. Dieses solidarische Miteinander könnte darin bestehen, dass sich die Friedens- und Abrüstungsgruppen im Fediverse gegenseitig folgen und auf Hashtags einigen, die sie in jede Meldung einbauen (wie #Frieden oder #Abrüstung). Dann könnte jede Gruppe die Meldung der anderen teilen und alle würden sich darin unterstützen, ihre Reichweite auszubauen. Solch ein solidarischer Rahmen ist gefragt, um den geforderten Umbau der Social-Media-Welt neu zu entwickeln, was wir im Gebrauch der (un-)sozialen Medien der großen Plattformen schon fast verlernt hatten.
Anmerkung
1 Das »Worldwide-Web-Consortium« oder auch »W3C« wurde 1994 nach Einführung des Internet u.a. von einem seiner wichtigsten Protagonisten, Tim Berners-Lee, gegründet, um eine konsistente Entwicklung des Internets zu gewährleisten.
Literatur
Aktionsbündnis neue soziale Medien (2024a): Appell an die Hochschulrektorenkonferenz zur Nutzung sozialer Medien – Online-Petition. openPetition, Januar 2024.
Aktionsbündnis neue Soziale Medien; Wikimedia Deutschland (2024b). So gelingt der Einstieg ins Fediverse. Tutorial, via Wikimedia Commons.
Chenoweth, E. (2021): Civil resistance: What everyone needs to know. Oxford u.a.: Oxford University Press.
Dabhoiwala, F. (2025): What is free speech? The history of a dangerous idea. London u.a.: Penguin Random House.
Dobusch, L. (2023): Hochschulen aller Länder ins Fediverse! netzpolitik.org, 29.1.2023.
Elad, B.; Jambhale, R. (2025): How many people use social media? ElectroiQ, 22.09.2025.
FIfF (2025): Schwerpunkt Big Tech und drumherum – Die Gier nach Macht und Geld. FIfF Kommunikation 4/2025, S. 14-46.
Ford, M. (2025): War in the smartphone age: Conflict, connectivity and the crises at our fingertips. London: Hurst.
Kanuer, B. (2024): One year after X: Embracing open science on Mastodon. Open Science Blog, 23.10.2024.
Kögler, M.; Paulick, K.; Scheffran, J.; Birkholz, M. (2024): Sustainable use of a smartphone and regulatory needs. Sustainable Development 32(6), S. 6182-6200.
Kröger, J.; Lohner, D.; Weiß, U. (2025): Auf dem Weg ins Fediverse. DFN Mitteilungen Nr. 108 (Dezember 2025), S. 26-29.
Lewandowsky, S. (2026): The architecture of the internet creates risks for democracy. Science 392(6802), eaei2409.
Mühlhoff, R. (2025): Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Ditzingen: Reclam.
Scheffran, J. (2025): Kritische Masse für den Frieden: Transformation durch positive Kipppunkte. W&F 2/2025, S. 11-14.
Simon, L. (2025): Die Reichweitenlüge. Blog digitalcourage.de, 9.11.2025.
UNESCO (o.J.): Social Media 4 Peace. Website, URL: unesco.org/en/social-media4peace.
Wolf, A. (2025): X ist ein rechtsfreier Raum. Blogeintrag, arminwolf.at, 28.6.2025.
Wylie, Ch. (2019): MINDF*CK – Inside Cambridge Analytica’s plot to break the world. London: Profile Books.
Zotzmann-Koch, K. (2023): Social-Media Grundsätze: Mythos Reichweite. Blog viennawriter.net, 14.11.2023.
Zu den Autoren:
Mario Birkholz ist Professor für Bioelektronik an der TU Berlin, vormaliges Mitglied des W&F-Beirats und einer der Erstunterzeichner der Petition des »Aktionsbündnis neue soziale Medien«.
Jürgen Scheffran ist Professor (em.) für Integrative Geographie, Gründer der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit (CLISEC) an der Universität Hamburg und Mitglied der W&F-Redaktion.


