Positionen und Analyse
Libanon und der lange Weg aus dem Krieg
Die Zukunft der Hisbollah, die Rolle zivilgesellschaftlicher Friedenskräfte und die Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag
von Christina Foerch Saab
Der jüngste Krieg zwischen Israel und der Hisbollah hat den Libanon in eine existenzielle Krise gestürzt. Hunderttausende Menschen verloren ihre Häuser und Lebensgrundlagen, weite Teile des Südens wurden zerstört und die gesellschaftlichen Spannungen nahmen weiter zu. Zugleich hat der Krieg Entwicklungen angestoßen, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schienen: Die Rolle der Hisbollah wird heute so offen wie nie zuvor kontrovers diskutiert, der libanesische Staat beansprucht seine Souveränität neu und erstmals zeichnen sich Möglichkeiten für einen politischen Dialog mit Israel ab.
Ob daraus ein nachhaltiger Frieden entstehen kann, hängt jedoch nicht allein von politischen Vereinbarungen ab. Ebenso entscheidend sind gesellschaftliche Versöhnung, die Reintegration ehemaliger Kombattanten und die Schaffung neuer Perspektiven für jene Bevölkerungsgruppen, die den höchsten Preis des Krieges bezahlt haben.
4. August 2026
Das libanesische Dorf Kila liegt in Ruinen. Nordisrael/Südlibanon – Grenzgebiet, aufgenommen 30.4.2025.
Der 8. April 2026 war sicherlich einer der schwärzesten Tage in der jüngeren Geschichte des Libanon. In nur 10 Minuten bombardierte die israelische Armee IDF den Libanon hundert Mal, auch im Zentrum der Hauptstadt Beirut. Der Angriff kam ohne Vorwarnung und es gab knapp 400 Tote und tausende Verletzte. Getroffen wurden von der Hisbollah unterhaltene Produktionsstätten von Drohnen, mitten in der libanesischen Hauptstadt, aber auch zahlreiche zivile Gebäude, unter anderem die Wohnung des Neffen und Sekretärs des Hisbollah-Abgeordneten Naim Qassem (Reuters 2026).
Der Konflikt zwischen der libanesischen Hisbollah – übersetzt »Partei Gottes« – und Israel währt mittlerweile schon vier Jahrzehnte: Von 1982 bis 2000 hielt Israel eine sogenannte »Sicherheitszone« im Südlibanon besetzt – nach militärischer Logik zunächst um die PLO zu vertreiben und dann im Weiteren, um die Hisbollah zu schwächen und von den Grenzen Israels fernzuhalten. Ende Mai 2000 zog sich die israelische Armee vollständig zurück. 2006 kam es zum einmonatigen »Juli-Krieg«: Die Hisbollah hatte zwei israelische Soldaten entführt und hoffte damit, die Freilassung der Gefangenen zu erpressen. Die israelische Armee bombardierte den Südlibanon und die südlichen Vororte Beiruts massiv. Mit Hilfe ausländischer Geberstaaten, allen voran Qatar, wurden die zerstörten Gebiete wieder aufgebaut und die Hisbollah vermarktete den Krieg als »göttlichen Sieg«, obwohl ungefähr 1.100 Menschen getötet worden waren (The Guardian 2006).
An bis dahin ungekannter Intensität gewann der Konflikt zwischen der Hisbollah und Israel einen Tag nach dem 7. Oktober 2023, dem Beginn des Gaza-Krieges, und weitete sich zu einem handfesten Konflikt im Libanon aus, einschließlich des Einmarsches israelischer Bodentruppen im Süden des Landes. In den vorangegangenen Monaten hatte es die libanesische Armee nicht geschafft, die Hisbollah entlang der Grenzgebiete vollständig zu entwaffnen.
Das Leid der Bevölkerung
Eine weitere Intensivierung erfuhr der Krieg ab dem 1. März 2026 im Zusammenhang mit dem israelisch-US-amerikanischen Krieg gegen Iran. Nach der Tötung des iranischen Regimeführers Ali Khamenei eskalierte auch die Gewalt zwischen Israel und der Hisbollah (die als schiitische Verbündete und von Iran mit unterstützte Miliz verstanden wird). Dies führte zu einer Massenflucht sowohl aus den südlichen Vororten Beiruts als auch des Südens des Landes. Innerhalb einer Woche waren circa 1,2 Millionen Menschen auf der Flucht, das entspricht einem Fünftel der Gesamtbevölkerung. Menschen schliefen in Autos und auf Straßen, bevor sie in Schulen und Zelten untergebracht werden konnten. Der libanesische Staat war mit der Mammutaufgabe, die Menschen angemessen zu versorgen, administrativ und finanziell am Limit. Der Krieg hatte massive menschliche Kosten: Nach Angaben von »Action of Armed Violence« gab es zwischen dem 8. Oktober 2023 und dem 7. Juni 2026 mehr als 8.000 Tote und 29.000 Verletzte auf libanesischer Seite und nur ein Bruchteil israelischer Opfer. Trotz eines am 27. November 2024 vereinbarten Waffenstillstands gingen die Kampfhandlungen vor allem von israelischer Seite aus weiter: Nach Angaben der UN-Mission für Libanon UNIFIL verletzte die israelische Armee das Abkommen 7.500 Mal in nur einem Jahr (Sawaya und Spagat 2026).
Für libanesische Schüler*innen bedeutete der andauernde Krieg auch, dass ihre Schulen geschlossen wurden (da dort Vertriebene untergebracht waren), sie ihren Unterricht, soweit dies überhaupt möglich war, online fortsetzen mussten und ihre Abschlussprüfungen nicht machen konnten. Die Mieten schossen rapide in die Höhe, weil tausende Menschen aus den südlichen Vororten und den südlichen Landesteilen Wohnungen suchten. Und obwohl die Libanes*innen in ausgesprochenen Krisensituationen solidarisch reagieren, war diesmal die Furcht groß, Zielscheibe israelischer Drohnenangriffe zu werden, weil sie gegebenenfalls unwissentlich Hisbollahkämpfer aufgenommen hatten. Viele Vermieter*innen weigerten sich deshalb, Wohnraum an Schiit*innen zu vermieten.
Die Preise für Obst und Gemüse schossen ebenfalls in die Höhe, mit einer Verteuerungsrate von zuweilen 50% – viele Anbaugebiete befinden sich im Süden und konnten wegen des Krieges nicht bewirtschaftet werden (vgl. IPC 2026). Außerdem nutzten libanesische Geschäftsleute die Krisenzeiten dazu, die Preise hochzutreiben – sehr zum Ärgernis der Bevölkerung. Auch hier kam der Staat an seine Grenzen: Preiskontrollen durch die Behörden gibt es im Libanon kaum.
Eine Gesellschaft zwischen Solidarität und Polarisierung
Auch die Stimmung im Land polarisierte sich zunehmend: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die die Hisbollah als die alleinige Kraft sehen, um das Land gegen Israel effektiv zu verteidigen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die die Hisbollah für den erneuten Krieg verantwortlich machen und deshalb auch für die kritische Sicherheitslage sowie für die massiven wirtschaftlichen und finanziellen Einbußen, ganz zu schweigen von der humanitären Katastrophe der Flucht abertausender Menschen. Diese Polarisierung zieht sich durch alle Gesellschaftsebenen, durch Vereine, Kollegien und Familien.
Besonders heikel für das innere Gefüge des Libanons wird eine solche Polarisierung dann, wenn sie in Zusammenhang mit der konfessionellen Zugehörigkeit verstanden und damit verbunden wird, denn dies ruft schreckliche Erinnerungen an den libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) hervor, in dem sich verschiedene politische und konfessionelle Milizen bekämpften. Die Hisbollah ist schiitisch und wird noch immer von großen Teilen der schiitischen Bevölkerung unterstützt. Andere Konfessionsgemeinschaften wie die Sunniten, Teile der Christen oder Drusen unterstützen die Hisbollah nicht – eine klare Spaltung der libanesischen Gesellschaft entlang konfessioneller Grenzen.
Die Hisbollah ist mitnichten die einzige Miliz, die in der Vergangenheit gegen Israel kämpfte. Während des libanesischen Bürgerkriegs waren es palästinensische Kombattanten und linke libanesische Milizen, die im Südlibanon gegen die israelische Armee aktiv waren – zum Teil mit erheblichem Erfolg. Für diese ehemalige Kombattanten ist der jetzige Krieg ein Déjà-Vu, denn sie bekommen den Eindruck, dass sich Geschichte trotz schmerzhafter Erfahrungen wiederholt und die damit einhergehenden Traumata ebenfalls. Die Hisbollah jedoch blendet es lieber aus, dass es vor ihrer Präsenz im Südlibanon andere Milizen gab und inszeniert sich durch gezielte Propaganda nach wie vor als alleinige Widerstandskraft gegen den „zionistischen Feind“.
Diese miteinander konkurrierenden Narrative des Widerstands spalten nicht nur die libanesische Bevölkerung, sondern ziehen sich mitunter auch durch Familien. Beispielsweise bei Kassem (Name geändert): Als junger Mann kämpfte er in den 1980er Jahren mit der Miliz der kommunistischen Partei im Südlibanon gegen Israel. Er wurde gefangen genommen und verbrachte 10 Jahre in einem israelischen Gefängnis. Nach seiner Befreiung wurde er zu einem ausgesprochenen Gegner der Hisbollah, weil er erkannt hatte, dass Krieg zu keinem friedlichen und sicheren Leben führte. Andere Familienangehörige jedoch kritisierten ihn dafür scharf und sind vehemente Unterstützer der schiitischen Miliz. Kassem versuchte – so erzählte er es – während eines Familientreffens einigen Neffen auszureden, weiter für die Hisbollah zu kämpfen – erfolglos. Einige Tage später waren die Neffen tot – gezielt getroffen von einer israelischen Drohne.
Der Preis des Krieges für die schiitische Bevölkerung
Nicht nur Kassem fragt sich, was es benötigt, damit die libanesischen Schiit*innen der Hisbollah abschwören. Denn tausende Anhänger*innen haben in den letzten drei Jahren alles verloren: allem voran ihre Söhne, die sich als Kämpfer bei der Hisbollah einbrachten, sowie andere Familienangehörige. Die schiitischen Friedhöfe sind überfüllt, meist sind mehrere Leichname in einem Grab beerdigt. Tausende verloren ihre Wohnungen und Lebensgrundlagen sowie ihre Ländereien. Im Grenzgebiet hat die israelische Armee auch die sogenannte »Gaza-Doktrin« (vgl. Gordon 2026) angewandt und 60 Dörfer und Städte komplett zerstört und teilweise auch Landwirtschaftsflächen gezielt durch den Abwurf von (verbotener) Phosphormunition und Glyphosat auf lange Zeit vergiftet (vgl. Christou 2026, Othman 2026). Mit der massiven Zerstörung geht auch ein Verlust der Erinnerungen an Orte, Stimmungen und Identität verloren.
Die Hisbollah, während der letzten drei Jahre militärisch, personell und infrastrukturell sehr geschwächt, bietet kaum eine Zukunftsperspektive, denn wer soll den Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer finanzieren? Wer kann die Lebensgrundlagen derjenigen wiederherstellen, die alles verloren haben? Der ohnehin bankrotte libanesische Staat kann dies nicht leisten und internationale Hilfe beim Wiederaufbau ist bislang auch nicht in Sicht. Wenn die Verlusterfahrungen und das Leid so unermesslich groß sind und es keine Perspektive gibt – wird die Hisbollah dann irgendwann wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, weil ihr die Gefolgschaft versagt wird? Oder stärkt das durch die massiven Bombardierung seitens der israelischen Armee und der daraus resultierenden Leids den Rückhalt der Hisbollah weiter, wenn es auch irrational sein mag? Für eine innergesellschaftliche Friedenshoffnung stellt sich daher wie Frage, wie man vor diesem Hintergrund zumindest Teile der schiitischen Bevölkerung in die größere libanesische »Familie« zurückholen und somit auf Dauer der Hisbollah entziehen könnte.
Fighters for Peace: Ehemalige Kämpfer als Friedensstifter
Am gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem friedlichen Zusammenleben arbeiten seit Ende des Bürgerkriegs 1990 eine zunehmend wachsende Anzahl von Nichtregierungsorganisationen. Eine davon ist »Fighters for Peace« (übersetzt »Kämpfer für den Frieden«). Der kontroverse Name der libanesischen Organisation ist bewusst gewählt: die Mitglieder sind vorwiegend ehemalige Kombattanten des libanesischen Bürgerkriegs, aus verschiedenen politischen und konfessionellen Richtungen. Diese ehemaligen Kombattanten eint die Überzeugung – schmerzvoll errungen durch die eigenen Kriegserfahrungen –, dass die Anwendung von Gewalt und kriegerischen Auseinandersetzungen nur zu großem Leid und Verlust beiträgt, aber niemals zu einem besseren Leben für die Menschen individuell oder zu einer positiven Zukunft für das Land. Die immer wiederkehrenden inneren Konflikte des Landes veranlassten sie dazu, ehemalige Feindesgrenzen zu überwinden und gemeinsam für Frieden und Versöhnung einzutreten.
Die Organisation wurde 2014 gegründet und hat inzwischen ungefähr 150 Mitglieder. Die Zeitzeug*innen des Bürgerkriegs gehen landesweit an Schulen, Jugendklubs und Universitäten, um den jungen Menschen von den Schrecken des Krieges zu erzählen, damit die junge Generation nicht die gleichen Fehler wiederholt. »Fighters for Peace« klärt sie darüber auf, wie radikale Gruppen agieren und welche Methoden sie anwenden, um neue Mitglieder einzufangen. Auch an Schulen des Südlibanons konnten die »Fighters for Peace« ihre Zeitzeugengespräche führen, zum Teil noch während der ersten Kriegsmonate im Jahr 2023.
Die ehemaligen Kombattanten beschäftigt aber neben dem präventiven Teil ihrer Arbeit auch zunehmend die Nachsorge der Versöhnung: In nicht wenigen Nachbarschaften, Orten, Städten des Libanon haben Versöhnungsprozesse seit dem Ende des Bürgerkriegs nicht stattgefunden. In bestimmten Orten des Libanongebirges beispielsweise zwischen Drus*innen und Christ*innen. Dort gab es in den 1980er Jahren schwere Kämpfe und teilweise auch Massaker. »Fighters for Peace« ermöglichte durch seine Arbeit dort, dass als sicher empfundene Dialogräume geschaffen wurden, in denen Angehörige der unterschiedlichen Konfessionen zum Gespräch zusammenfanden – unter der Moderation ehemaliger Kombattanten, die nachweislich den Ausstieg aus Krieg und Gewalt geschafft, sich mit ehemaligen Feind*innen versöhnt haben und nun als Friedensmittler tätig sind.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit von »Fighters for Peace« der letzten Jahre sind Runde Tische zum Thema eines neuen »Gesellschaftsvertrags« für den Libanon. In welchem Land wollen die Libanes*innen zukünftig leben? Ist das nach konfessionellen Zugehörigkeiten organisierte politische System des Libanon am Ende und durch was könnte es ersetzt werden? Wie sieht es aus mit der Schaffung funktionierender staatlicher Institutionen, einer wirklich durchsetzungsfähigen Justiz und der Aufarbeitung des Bürgerkriegs? Und wie sieht es aus mit der vollen staatlichen Souveränität, einschließlich der Frage nach der Entwaffnung aller Milizen, insbesondere der Hisbollah, und dem Gewaltmonopol?
Das waren nur einige der wichtigsten Fragen, die in solchen offenen Dialogformaten in den letzten Jahren besprochen wurden. Die Runden Tische sind konfessionell gemischt, finden in verschiedenen Regionen des Libanon statt – mehrere Male auch im Süden des Landes, unter Einbezug der schiitischen Bevölkerung. Das Format und Angebot von »Fighters for Peace« war der aktuellen innerlibanesischen Diskussion um die Souveränität des Staates einige Jahre voraus – auf der Idee lässt sich aufbauen und in Richtung eines großen Gesellschaftsdialogs denken.
Friedenshoffnung: Der aktuelle politische Wandel
Denn in den letzten Monaten hat sich der öffentliche Diskurs signifikant gewandelt: Offen wie schon lange nicht mehr wird über die zukünftige Rolle und auch eine Entwaffnung der Hisbollah und einen möglichen Frieden mit Israel debattiert. Auf höchster staatlicher Ebene ist inzwischen offen davon die Rede, dass die Hisbollah als »Staat im Staate« kein Existenzrecht mehr hat, die Waffen abgeben muss und sich friedlich in die libanesische Gesellschaft integrieren sollte. Dabei wird von den Politiker*innen ausdrücklich betont, dass die Schiiten Teil der großen libanesischen Familie sind und die Hisbollah politisch weiterhin eine Partei bleiben kann – allerdings ohne den militärischen Flügel.
Zeitgleich mit dem veränderten Diskurs über die Hisbollah ging der libanesische Staat unter der Vermittlung der USA einen Dialog mit Israel ein. Auch dies war vor wenigen Monaten noch undenkbar. Inzwischen haben libanesische und israelische Diplomat*innen ein Rahmenabkommen geschlossen, das auf lange Sicht ein friedliches Zusammenleben – oder eher Nebeneinanderher-Leben – garantieren soll (vgl. US Department of State 2026, kritisch: Amnesty International 2026). Wie dieser Prozess im Detail erreicht werden kann, muss nun noch weiter verhandelt werden. Die libanesische Seite will selbstverständlich den vollständigen Rückzug der israelischen Armee aus dem libanesischen Staatsgebiet sicherstellen, denn momentan hält Israel noch einen mehrere Kilometer breiten Streifen an der Grenze zu Israel besetzt. Israel will dem vollständigen Rückzug erst und nur dann zustimmen, wenn die Hisbollah vollständig entwaffnet ist.
Welche Voraussetzungen Frieden braucht
Wie also könnte Frieden gelingen, im Innern des Libanon genauso wie mit dem bislang unliebsamen Nachbarn Israel? Für Organisationen wie »Fighters for Peace« steht die Wahrung des inneren Friedens seit Jahren an erster Stelle. Die NGO ist mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren vernetzt, denn nur gemeinsam kann ein Bewusstsein zur Vermeidung neuer innerer gewaltsamer Auseinandersetzungen erreicht werden. Die Lehre der ehemaligen Kombattanten von »Fighters for Peace« ist, dass Dialog fortwährend sichergestellt werden sollte, und zwar auf verschiedenen Ebenen und mit einer Vielfalt an Akteur*innen, die auch die schiitische Bevölkerung mit einbeziehen, und in vielen verschiedenen Bereichen.
Im Jahr 2025 beispielsweise kontaktierten schiitische Bürgermeister der bis dahin als »Hisbollah-Hochburg« deklarierten Stadt Baalbek »Fighters for Peace« und baten um ein Gespräch. Ihre Fragen drehten sich um die Neuorientierung einer politischen Zukunft jenseits der Hisbollah – es war ein indirektes Eingeständnis, dass die Hisbollah die verlierende Partei in diesem Krieg ist. Solche Dialoge mit schiitischen Führungspersönlichkeiten, hier auf lokaler Ebene, müssen aufrechterhalten werden und an vielen anderen Stellen wiederum überhaupt erst noch ermöglicht werden.
Für die Menschen, deren Lebensgrundlagen in diesem Krieg zerstört wurden, ist in einer jeden Zukunfts- und Friedensordnung die Frage des Wiederaufbaus natürlich zentral. Ohne die Sicherung von Lebensgrundlagen gibt es wenig Handlungsspielräume für gelingende Friedensbildung – und die Gefahr groß, dass sich neue extremistische Bewegungen gründen.
Auch muss der Trauer und den Traumata der schiitischen Bevölkerung selbst genügend Raum gegeben werden, damit auch diese Menschen ihre Verlusterfahrungen irgendwie verarbeiten können. Denn vulnerable Gemeinschaften sind anfälliger für die Anziehungskräfte extremistischer Gruppen, da sie sich von diesen vermeintlich oder tatsächlich verstanden sehen. Diese Trauer-, Bewältigungs- und Verarbeitungsprozesse sollten möglichst auch von professionellen Trauma-Expert*innen begleitet werden und können in vielerlei Gestalt stattfinden, beispielsweise durch Theater und Kunsttherapie, wie es »Fighters for Peace« derzeit in begrenztem Rahmen schon ermöglicht. Außerdem geht die NGO aktiv auf schiitische Communities und deren Entscheidungsträger zu: Vor Kurzem gab es dann tatsächlich ein Treffen mit den Bürgermeistern und Gemeinderäten in Baalbek. Die ehemaligen Kämpfer wollten zuhören, Sorgen und Hoffnungen verstehen und gemeinsam überlegen, wie die Zukunft auf kommunaler Ebene gestaltet werden könnte, gerade auch in politischer Hinsicht – gegebenenfalls nach der Entwaffnung der Hisbollah. »Fighters for Peace« setzt auf Dialog statt auf Ausgrenzung oder Schuldzuweisungen. Denn nur durch einen gemeinsamen Dialog kann eine gemeinsame Zukunft gelingen und die vielen Herausforderungen bewältigt werden.
Die Entwaffnung der schiitischen Miliz ist eine – wenn nicht die – zentrale Frage und es ist komplett unklar, wie ein gesellschaftlich nachhaltig guter Umgang mit den tausenden noch lebenden Kämpfern zu finden wäre. Auch an dieser Stelle will sich »Fighters for Peace« als Organisation ehemaliger Kombattanten gezielt einbringen. Geprägt durch ihre eigenen Lebenserfahrungen mit den Prozessen des Ausstiegs und der Reintegration sind die ehemaligen Kämpfer authentische Ansprechpartner. Dabei wird es aber wichtig sein, echte Perspektiven bieten zu können: nicht nur Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, sondern auch Räume für Selbstreflexion und Perspektivfindung für das Leben nach der Hisbollah. Denn wenn Kombattant*innen ihre Waffen abgeben (müssen), verlieren sie zeitgleich Macht, Status und Identität. Hier Alternativen zu finden und als erreichbar und erstrebenswert zu erkennen, kann den Unterschied zwischen gesellschaftlicher Reintegration und erneuter Radikalisierung bedeuten.
Zwischen hochfliegender Hoffnung und fragiler Realität
Auf politischer Ebene hat sich zum jetzigen Zeitpunkt zumindest das Narrativ schon fundamental geändert: Der libanesische Präsident stellte vor einigen Wochen klar, dass Iran nicht weiter die Zukunft des Libanon bestimmen kann. Ebenfalls auf höchster politischer Ebene wird seit Monaten die Entwaffnung der Hisbollah und die Stärkung der libanesischen Armee gefordert inklusive deren Präsenz im Südlibanon. Die EU hat bereits Hilfe in Millionenhöhe für die Ausrüstung der libanesischen Armee zugesichert.
Die Verhandlungen mit Israel werden voraussichtlich weitergehen und – so lässt sich jetzt hoffen – von einem Rahmenabkommen in einen wie auch immer gearteten Friedensvertrag führen. Vielleicht gelingt zumindest ein negativer Frieden. Seit 1975 haben zahlreiche Milizen versucht, mit Gewalt gegen Israel vorzugehen – und sie sind immer gescheitert. Ein wie auch immer geartetes friedliches Zusammenleben ist die einzige sinnvolle Option – doch diese Option steckt voller Bedingungen und Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Kein leichter Weg auf dem langen Weg des Libanon aus dem Krieg.
Literatur
Amnesty International (2026): Lebanon/ Israel: Framework agreement betrays victims of war crimes in Lebanon. News, 3.7.2026.
Christou, W. (2026): Vision of destruction: Israel’s assault on southern Lebanon in video, maps and charts. The Guardian, 11.5.2026.
Gordon, N. (2026): The Gaza Doctrine. The New York Review, 22.3.2026.
Integrated Food Security Phase Classification (IPC) (2026): Lebanon. IPC acute food insecurity: Updated projection analysis, April-August 2026, 29.4.2026.
Othman, Z. (2026): Annihilating South Lebanon : What we know so far about Ecocide and urban devastation. Greenpeace Middle East and North Africa, 19.5.2026.
The Guardian (2006): Hizbullah celebrates ‚victory‘. Agenturmeldung, 22.9.2006.
Reuters (2026): Israeli military says it has killed nephew of Hezbollah chief Naim Qassem. Agenturmeldung, 9.4.2026.
Sawaya, N.; Spagat, M. (2026): Patterns of civilian harm, displacement, and institutional targeting by Israel of Lebanon, October 2023 to June 2026: a data-driven assessment of the war’s human impact. Action on Armed Violence, Report, 10.6.2026.
US Department of State (2026): Trilateral Framework Between the United States of America, the State of Israel, and the Republic of Lebanon. Bekanntmachung, 26.6.2026.
Zur Autorin:
Christina Foerch Saab lebt seit dem Jahr 2000 vorwiegend in Beirut, Libanon, und arbeitete dort lange als Journalistin und Filmemacherin. 2014 hat sie die Nichtregierungsorganisation »Fighters for Peace« mitbegründet. Sie ist zuständig für die Projekte der NGO und für die internationale Zusammenarbeit, unter anderem mit deutschen NGOs. Seit Jahren begleitet sie die ehemaligen Kämpfer*innen von »Fighters for Peace« durch Biografiearbeit in ihren Selbstreflexions- und Integrationsprozessen. Sie ist Mitglied des »EU Knowledge Hub for the Prevention of Radicalization« und Teil des »Women Peacebuilders Network Lebanon«. Sie spricht als Expertin auf internationalen Konferenzen zu Kombattanten, Reintegration, Extremismus und Friedensbildung und hat dazu mehrere Artikel und Buchkapitel veröffentlicht.



