Analyse und Szenarien

Keine Waffen, sondern Massenvernichtungsmittel

Österliche Erinnerungen an Martin Niemöllers Nuklearpazifismus in der gegenwärtigen Debatte um Atomwaffen

von Ulrich Frey

Im Angesicht der Debatte um Atomwaffen in der aktuellen Abschreckungsstrategie, ihrer Erneuerung, neuen Formen (»Mini-Nukes«), möglicher deutscher Beteiligung an einer »Eurobombe« ist es dringlich notwendig an die prominenten Thesen des nuklearpazifistischen Pfarrers Martin Niemöller zu erinnern.

Friedensdemonstration 10.10.1981 in Bonn mit Gewerkschaftern der Gewerkschaft HBV Hamburg.

Quelle: CC für alle Zwecke – Wolf1949

Martin Niemöller kam wegen Widerspruchs gegen Hitler am 1. Juli 1937 in Haft und ab 2. März 1938 als »persönlicher Gefangener des Führers« bis 1945 in Konzentrationslager. Der Theologe ist seither nicht vergessen und sollte es auch nicht werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte er zu einem der prominentesten Atomwaffengegner und setzte sich für die vollständige Abrüstung dieser Waffen ein. Die Prüffrage, die von Niemöller überliefert ist und die er für die Bewertung und Beurteilung kritischer Ereignisse in den Mittelpunkt stellte, begründete seine theologische Ausrichtung: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Diese Orientierung an Wort und Tat Jesu Christi fungierte als Leitplanke für sein ethisch-politisches Handeln.

Atomwaffen als Abgrund der Menschheit

Niemöllers aktuelle Bedeutung entstand und speist sich noch heute aus seinem Kampf gegen die Rüstung mit Atomwaffen. Am 1. März 1954 zündeten die USA eine Wasserstoffbombe (Sprengkraft 1.000 Hiroshimabomben) auf dem Bikini-Atoll (vgl. Dannenberg in W&F 1/2026). Niemöller sprach darüber am 9. Juni 1954 im Nassauer Hof in Wiesbaden mit den Expert*innen für Kernspaltung und Nuklear-Technologie Otto Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und den Theologen Otto Dibelius und Helmut Gollwitzer. Niemöller stellte klar: Nukleare Waffen sind keine Waffen, sondern Massenvernichtungsmittel.

Das war ein wichtiger Impuls für die von Niemöller unterstützte Friedensbewegung gegen die »Nachrüstung« mit Pershing II-Raketen und Cruise-Missiles. Bei der ersten großen Kundgebung und Demonstration gegen die Atomwaffen am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten wurde dann auch aus Niemöllers Rede, die er krankheitsbedingt an diesem Tage nicht halten konnte, sein grundsätzliches Plädoyer verlesen. Er forderte zu erkennen, dass die Menschheit am Abgrund stehe und dringend die Logik gegenseitiger Vernichtung überwinden müsse:

„Es ist doch wohl unwiderleglich klar, dass wir, die gesamte Menschheit, nur noch miteinander überleben werden, weil uns einfach keine Alternative mehr bleibt. Nicht nur der Krieg, jeder Versuch durch Gewalt oder Zwang oder Druck das eigene Leben auf Kosten anderer zu sichern, bleibt eine Fehlspekulation, denn er muss im Endeffekt zur allgemeinen Katastrophe und damit zur Selbstvernichtung führen“ (Aktion Sühnezeichen, Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden 1981, S. 111).

Auch auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1983 in Hannover geriet Niemöllers Qualifizierung zum leitenden Motto. So war auf den violetten Tüchern beim Kirchentag zu lesen: »Die Zeit ist reif für ein Nein ohne jedes Ja zu den Massenvernichtungswaffen« (Wolf 1983, S. 236).

Wie aktuell Niemöllers Sorge bezüglich der Vernichtungswirkung der Atomwaffen ist, demonstriert die jüngste politische Entwicklung. Nach gegenwärtigem Stand gibt es keine Vereinbarungen der Atommächte gegen die atomare Stationierung mehr. Der letzte verbliebene New-START-Vertrag (New Strategic Arms Reduction Treaty) von 2010, der die strategischen einsatzbereiten Atomwaffen auf jeweils 1.550 Sprengköpfe und 700 Trägersysteme begrenzte, ist am 5. Februar 2026 ersatzlos ausgelaufen. Nach den Recherchen des Stockholmer Friedensforschungsinstitutes SIPRI besaßen Anfang 2025 neun Staaten – die Vereinigten Staaten, Russland, das Vereinigte Königreich, Frankreich, China, Indien, Pakistan, die Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea) und Israel – zusammen „etwa 12.241 Atomwaffen (…), von denen 9.614 (…) als potenziell operativ verfügbar galten (…).“ Schätzungsweise 3.912 dieser Sprengköpfe waren auf Flugkörpern und Flugzeugen montiert, davon etwa 2.100, die in einem Zustand hoher Operationswarnung auf ballistischen Raketen gehalten wurden (vgl. Kristensen und Korda 2025, S. 177). Nun wird ein neues atomares Wettrüsten unter Beteiligung anderer atomwaffenfähiger Staaten befürchtet. Hier gilt es, sich dem klaren »Nein« Niemöllers zuzuwenden und die Warnung und Mahnung zu erneuern.

Im Mai 2024 initiierte die Martin-Niemöller-Stiftung daher die sogenannte »Wiesbadener Erinnerung«. In ihr bekräftigten die Unterzeichnenden: „Es gibt keine Sicherheit mit nuklearen Massenvernichtungsmitteln.“1 Die »Wiesbadener Erinnerung« ruft auch auf, sich des erklärten Widerstandsgeistes zu besinnen. So hatte Niemöller 1958 mit der Erstunterzeichnung der Erklärung »Kampf dem Atomtod« mit erklärt: „Wir werden nicht Ruhe geben, solange der Atomtod unser Volk bedroht.“ Da derzeit die Zustimmung zur nuklearen Abschreckung zwar leicht gestiegen ist, die meisten Deutschen aber immer noch gegen eigene Atomaffen votieren, gilt es sich zu erinnern, nukleare Proliferation nicht einfach hinzunehmen, sondern ihr aktiv entgegenzustehen. Dies gilt umso mehr, da angesichts der vermeintlichen Bündnisunzuverlässigkeit der USA etwas ins Rutschen geraten ist: Deutschland und Frankreich sind im Gespräch über eine gemeinsame europäische nukleare Abschreckung mit deutscher finanzieller Beteiligung. Polens Präsident Karol Nawrocki will angesichts der Bedrohung durch Russland ein eigenes Atomwaffenprogramm prüfen. Hier ist die Aufgabe, Widerstand zu organisieren – auch daran erinnert uns Niemöllers pazifistischer Aktivismus.

Nuklearpazifismus gegen die Übervernichtung des Planeten

Dabei war Niemöller kein grundsätzlicher Pazifist, wie er noch 1952 erklärte (Ziemann 2019, S. 449) – er war auch Marineoffizier gewesen und für Taten im Krieg mit militärischen Ehren ausgezeichnet worden. Doch langsam wuchs seine Überzeugung, dass die Bedrohung durch Nuklearwaffen eine komplett neue Dimension der Kriegsführung und keine rechtfertigbare kriegerische Entscheidung sei. Seit Hiroshima und Nagasaki sei klar, dass ein Krieg mit Massenvernichtungsmitteln kein gerechter Krieg sei, sondern ein staatlicher Zwang zum Töten und ein »totaler Krieg«, so sagte er am 25. Januar 1959 bei einer kirchlichen Feierstunde in Kassel unter der Überschrift »Denn sie wissen, was sie tun!« (vgl. Perels 2016, S. 137ff.). Niemöllers theologische Überlegungen ergaben zunächst nicht den Grund für seinen Nuklearpazifismus, sondern entscheidend war „die Möglichkeit einer Selbstzerstörung der menschlichen Gattung durch die erweiterte Destruktivkraft der Wasserstoffbombe“, die im März 1954 zum ersten Mal im Pazifik getestet worden war. Die theologische Begründung für die Ablehnung atomarer Waffen entwickelte sich erst später (Ziemann 2019, S. 454, 461f.).

Die Erinnerung an die Warnung vor der nuklearen Katastrophe darf nicht unterschlagen, dass auch der schillernde Mensch Martin Niemöller, der Marineoffizier, der zum Pazifisten wurde, in der Kritik steht. Der Historiker Benjamin Ziemann hält beispielsweise Niemöllers kritische Rückfrage »Was würde Jesus dazu sagen?« für eine „fromme Legende“ und nicht für eine „Begründungsformel einer biografischen Kontinuität“. Das macht Ziemann an „schillernden und oft widersprüchlichen Aussagen und Verhaltensweisen“ des Theologen Niemöller fest, z.B. als er 1944 Gottes Hilfe gegen die „bolschewistische Woge“ anrief oder als er 1965 „öffentlich zu einem Boykott der Bundestagswahl aufrief.“ Nach 1933 sei Niemöller auch „nicht für die Deutschen jüdischen Glaubens eingetreten.“ Deshalb sei er „nicht dem Widerstand gegen das ‚Dritte Reich‘ zuzurechnen“ (Ziemann 2019, S. 518ff. S. 519).

Die wichtige Kritik schmälert nicht die Bedeutung von Niemöllers Einsatz gegen die Atomwaffen, setzt ihn aber in Perspektive. Gerade heute sollte dies immer mit bedacht werden, wenn wir uns der Worte Martin Niemöllers erinnern. Wie die »Wiesbadener Erinnerung« 70 Jahre nach dem Gespräch von Niemöller mit Atomphysikern und befreundeten Theologen betonte, gilt es leider heute unvermittelt weiter dafür einzutreten, eine Welt frei von Atomwaffen erreichen zu wollen. Und sich dafür mit ganzem Einsatz hinzugeben.

Anmerkungen

1 Die »Wiesbadener Erklärung« ist dokumentiert in W&F 3/2024, S. 45f. Frei zugänglich hier: https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/wiesbadener-erinnerung/

Literatur

Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (1981): Bonn 10.10.81. Bornheim: Lamuv.

Kristensen, H.M.; Korda, M. (2025): 6. World nuclear forces. In: SIPRI Yearbook 2025. Stockholm: Oxford University Press, S. 177-213.

Perels, J. (Hrsg.) (2016): Martin Niemöller Gewissen vor Staatsraison. Göttingen: Wallstein Verlag.

Wolf, C. (1983): Kirchentagstaschenbuch Hannover ’83. Stuttgart: Kreuz Verlag.

Ziemann, B. (2019): Martin Niemöller – ein Leben in Opposition. München: Deutsche Verlagsanstalt.

Zum Autor:

Ulrich Frey

Ulrich Frey ist Mitglied der Martin-Niemöller-Stiftung und des Dietrich-Bonhoeffer-Verein e.V. sowie des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie.