Positionen und Debatte
Macht teilen im ZFD: Warum Partnerschaft mehr »kosten« muss
von Kiflemariam Gebre Wold
Der Zivile Friedensdienst ist eines der stärksten friedenspolitischen Gegenangebote zur neuen Militarisierung. Doch nach fast drei Jahrzehnten muss er sich eine unbequeme Frage gefallen lassen: Wird Partnerschaft strukturell eingelöst – oder bleibt »Augenhöhe« zu oft ein Anspruch, während Geld, Verfahren, Personal, Wissen und Evaluation im Norden kontrolliert werden? Der Beitrag plädiert dafür, zivile Friedensarbeit nicht nur an ihren Absichten zu messen, sondern daran, ob sie bereit ist, Macht tatsächlich zu teilen.
18. Juni 2026
Nach einer Illustration von Angus Maguire/Interaction Institute for Social Change, CC BY‑SA 4.0; KI‑gestützt bearbeitet.
Ein Instrument mit innerem Widerspruch
Der Zivile Friedensdienst (ZFD) gehört zu den interessantesten friedenspolitischen Instrumenten deutscher Entwicklungs- und Außenpolitik. Er setzt nicht auf Abschreckung oder Waffen, sondern auf zivile Konfliktbearbeitung und langfristige partnerschaftliche Beziehungen. Gerade in einer Zeit, in der Sicherheitspolitik wieder fast ausschließlich militärisch gedacht wird, ist diesem Instrument ein hoher Wert beizumessen.
Doch genau deshalb muss sich der ZFD einer unbequemen Frage stellen: Wird sein Anspruch auf Partnerschaft strukturell eingelöst? Oder bleibt »Augenhöhe« zu oft eine Formel, während Geld, Personal, Verfahren, Wissen und Evaluation weiterhin im Norden kontrolliert werden?
Ich schreibe nicht aus Distanz, sondern aus Mitverantwortung im Feld ziviler Friedensarbeit. Gerade deshalb geht es in diesem Beitrag nicht um irgendeine »Abrechnung«, sondern um eine verantwortete Strukturkritik.
Macht ist nicht nur Thema der anderen
Die Akteure des ZFD kennen die Theorien zur Konflikteskalation. Sie wissen, dass Machtungleichheit, Ungerechtigkeit und verweigerte Teilhabe Konflikte verschärfen können – bis hin zur Gewalt. Daraus müsste eine politische Lehre für die eigene Praxis folgen: Wer Machtasymmetrien als Konflikttreiber analysiert, kann die eigene Machtarchitektur nicht als neutrale Infrastruktur behandeln.
Genau hier liegt der Widerspruch. Lokale Partner*innen werden beteiligt, konsultiert und eingebunden. Doch die Grundarchitektur bleibt häufig vertikal: Wer über Budgets entscheidet, entscheidet über Prioritäten. Wer Berichtspflichten definiert, bestimmt, was als relevant gilt. Wer Evaluationen beauftragt, setzt Maßstäbe für Erfolg. So werden lokale Friedensakteur*innen zwar als »Partner*innen« adressiert, bleiben aber oft am Ende einer langen administrativen Kette, die über sie entscheidet.
Diese Kritik ist nicht bloß normativ. Samantha Ruppels empirische Arbeiten zu Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit in afrikanischen Kontexten zeigen, wie tief solche Asymmetrien reichen: Konzepte, Indikatoren und Bewertungsmaßstäbe entstehen häufig im Norden, während lokale Akteur*innen Kontext, Legitimität und Zugang liefern. Partnerschaft wird behauptet, doch die Steuerung bleibt oft nördlich codiert (Ruppel 2025).
Ich meine: Das Wissen ist in den Organisationen reichlich vorhanden. Warum folgt daraus grundsätzlich und immer noch so wenig Konsequenz?
Warum Erkenntnis nicht reicht
Eine ehrliche Antwort führt ins Zentrum institutioneller Macht: Machtabgabe ist schmerzhaft. Sie bedeutet, Privilegien zu begrenzen, Kontrolle zu teilen und den Anspruch auf die eigene Unverzichtbarkeit aufzugeben. . Für Trägerorganisationen, Fachkräfte, Berater*innen, Gutachter*innen und Geldgeber geht es nicht nur um Haltungen, sondern auch um Positionen, Budgets, Karrieren und Deutungshoheit. Genau deshalb bleibt die Debatte oft bei Sprache, Sensibilisierung und Methodenrhetorik stehen – dort, wo sie am wenigsten kostet.
Der ZFD als Instrument wird 2029 dreißig Jahre alt. Spätestens dieses Jubiläum sollte nicht nur Anlass zur Selbstvergewisserung sein, sondern zur strukturellen Bilanz: Was wurde aus dem Anspruch auf Partnerschaft? Wo wurde real Entscheidungsmacht abgegeben? Wo wurden lokale Akteur*innen tatsächlich Mitträger*innen von Programmen – und wo blieben sie Juniorpartner*innen in einer nördlich gesteuerten Architektur?
Nach fast drei Jahrzehnten reicht es nicht mehr, auf Lernprozesse, Zwänge und gute Absichten zu verweisen. Privilegien verschwinden nicht durch Bewusstsein allein. Sie müssen politisch bearbeitet, organisatorisch begrenzt und praktisch verhandelt werden. Was fehlt, ist nicht Erkenntnis, sondern die Bereitschaft, aus Erkenntnis Machtverlust zu machen.
Die Fachkraft bleibt Teil der Machtordnung
Das betrifft auch die Rolle der internationalen Fachkraft. Der ZFD hat viel dazu beigetragen, ein Verständnis zu verankern, dass Fachkräfte nicht als Expert*innen über, sondern als Begleiter*innen neben lokalen Akteur*innen verstanden werden. Trotzdem bleibt die Struktur ambivalent. Wer entsandt wird, wer bezahlt wird, wer Zugang zu Förderlogiken, Netzwerken und Berichten hat, verfügt über materielle und symbolische Macht. Diese Macht verschwindet nicht dadurch, dass sie sensibel ausgeübt wird. Sie muss institutionell begrenzt und geteilt werden.
Auch Mitarbeitende in den ZFD-Trägerorganisationen können sich hier nicht vollständig entlasten. Sie sind nicht nur Opfer von Förderrichtlinien und ministeriellen Vorgaben. Sie sind auch Übersetzer*innen, Verwalter*innen und Mitproduzent*innen dieser Ordnung. Wer in Konfliktkontexten Machtasymmetrien moderiert, aber die eigene institutionelle Machtposition nicht zum praktischen Gegenstand der Veränderung macht, verkürzt Konflikttransformation auf Methode.
Dann wird Partnerschaft im Workshop geübt, während die entscheidenden Machtfragen im Projektdesign, im Budget und in der Evaluation längst entschieden sind. Das ist keine moralische Anklage gegen einzelne Fachkräfte oder Koordinator*innen. Aber es ist eine professionelle Zumutung: Friedensarbeit kann nicht glaubwürdig über Machtteilung sprechen, solange sie die eigene Verstrickung als Verwaltungsfrage behandelt. Konflikttransformation müsste bedeuten, die eigene Struktur als Teil des Konfliktfeldes zu begreifen – nicht als neutralen Rahmen außerhalb davon.
Wissen ist eine Machtfrage
Besonders deutlich wird das bei Wissen. Lokales und autochthones Wissen, eigene Formen der Versöhnung und Konfliktbearbeitung müssen gesucht, ernst genommen und gleichrangig mit westlichen Ansätzen verhandelt werden. Gelten sie erst, wenn sie in Logframes und Projektindikatoren passen, ist das keine neutrale Übersetzung, sondern eine Machtoperation.
Der entscheidende Punkt lautet daher nicht: Braucht es weniger internationale Unterstützung? Sondern: Wer kontrolliert sie – und wie wird diese Kontrolle verhandelt?
Direkte Finanzierung lokaler Partner*innen ist keine radikale Außenseiterforderung. Die OECD-DAC-Empfehlung von 2021 fordert mehr direkte, flexible und verlässliche Unterstützung lokaler zivilgesellschaftlicher Akteur*innen und ihre Beteiligung an Entscheidungen über Design, Budgets, Umsetzung, Monitoring und Evaluation (OECD-DAC 2021). Genau daran muss sich auch der ZFD messen lassen.
Partnerschaft muss verhandelt werden
Hier liegt ein praktischer Hinweis, der auch aus Ruppels Arbeiten folgt: Machtasymmetrie verschwindet nicht dadurch, dass man sie sprachlich entschärft. Sie muss anerkannt, offengelegt und mit den Partner*innen transparent verhandelt werden. Nicht hinter verschlossenen Türen deutscher Träger, , nicht nur in internen Strategieworkshops – sondern dort, wo Partnerschaft behauptet wird: im Verhältnis zu den lokalen Organisationen selbst.
Das hieße: offen zu sagen, welche Entscheidungen tatsächlich bei deutschen Trägern liegen, welche durch BMZ-Richtlinien, Haushaltsrecht oder Berichtspflichten begrenzt sind und welche Spielräume dennoch bestehen. Denn oft beginnt die Ausflucht genau hier: Man würde ja gerne mehr Macht teilen, aber die Vorgaben ließen es nicht zu. Das mag in manchen Fällen stimmen. In anderen ist es eine bequeme Schutzbehauptung.
Gerade deshalb braucht zivile Friedensarbeit einen transparenten Verhandlungsmodus mit ihren Partner*innen. Was ist nicht verhandelbar? Was ist verhandelbar? Wo können Budgets, Rollen, Indikatoren und Entscheidungswege anders geregelt werden? Wo lassen sich Spielräume unterhalb des BMZ-Korsetts nutzen und wo müssen Träger gemeinsam mit Partner*innen dafür kämpfen, dass die Förderlogik selbst verändert wird?
Wer das nicht offen angeht, verlagert Verantwortung nach oben: zum Ministerium, zu Richtlinien, zu Verfahren. Doch eine Friedensorganisation darf sich nicht dauerhaft hinter Strukturen verstecken, die sie zugleich mitträgt. Wenn Machtteilung ernst gemeint ist, müssen Träger Wege finden, sie praktisch zu ermöglichen – auch experimentell, auch gegen administrative Bequemlichkeit. Wenn das nicht gelingt, müssten sie ehrlich sagen, dass sie unter diesen Bedingungen keine Partnerschaft auf Augenhöhe herstellen können.
Dann wäre aber auch die Konsequenz fällig: Wer Partnerschaft strukturell nicht einlösen kann oder will, sollte sie nicht weiter als Methode verkaufen.
Nicht neu erfinden, erwachsen werden
Der nächste Schritt liegt auf der Hand: Die ZFD-Trägerorganisationen dürfen lokale Organisationen nicht länger nur als Projekt-Subunternehmer*innen behandeln, sondern müssen sie konkret als Mitträger*innen von Programmen einsetzen. Budgets, Rollen, Indikatoren und Evaluationen müssen mit ihnen verhandelt, nicht nur für sie übersetzt werden. Fachkraftrollen sollten Übergänge ermöglichen, nicht dauerhaft die Schaltstelle zwischen Geldgebern und lokalen Prozessen bleiben.
Das wäre unbequem. Es würde Verfahren verändern, Zuständigkeiten verschieben und deutsche Organisationen zwingen, ihre institutionelle Komfortzone zu verlassen und nicht zuletzt aktive politische Lobbyarbeit zur Veränderung der BMZ-Vorgaben bis hin zum gesetzlichen Rahmen der Entsendegesetze zu betreiben. Aber genau das ist der Punkt. Wer Konflikttransformation ernst nimmt, kann die eigene Machtordnung nicht ausklammern.
Der ZFD muss nicht neu erfunden werden, aber er muss erwachsener werden. Sein politischer Wert liegt gerade darin, dass er eine Alternative zur Militarisierung bietet. Diese Alternative bleibt jedoch nur stark, wenn sie ihre eigenen Widersprüche nicht verwaltet, sondern bearbeitet. Zivile Friedensarbeit kann nicht glaubwürdig Machtmissbrauch, Gewaltverhältnisse und asymmetrische Konfliktstrukturen analysieren, wenn sie die eigenen Asymmetrien nur moderiert. Sie muss Macht teilen. Und wo nötig: abgeben. Das ist keine Schwächung des ZFD. Es wäre seine friedenspolitische Stärkung.
Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und stellt keine Position von »Pro Peace« oder des Aufsichtsrats von Pro Peace dar.
Literatur
Ruppel, S. (2025): Locally Based Civil Conflict Transformation Between Partnership and Power Imbalance. Wiesbaden: Springer.
OECD-DAC (2021): Recommendation on Enabling Civil Society in Development Co-operation and Humanitarian Assistance, OECD/LEGAL/5021.
Zum Autor:
Kiflemariam Gebre Wold ist Autor und langjähriger Praktiker im Feld ziviler Friedens- und Entwicklungsarbeit. Er war unter anderem am heutigen Bonn International Center for Conflict Studies (BICC) tätig und engagiert sich in friedenspolitischen Zusammenhängen.



