Kurzanalyse
Was von Sudan übrigbleibt
von Saskia Jaschek
Die eskalierende Gewalt in Darfur im Oktober 2025 hat die Öffentlichkeit kurzzeitig aufgerüttelt – eine Erklärung für die Gewalt gibt es aber selten. Saskia Jaschek analysiert die Hintergründe und blickt auf die Möglichkeiten der sudanesischen Diaspora und der internationalen Gemeinschaft, auf diesen Krieg noch Einfluss zu nehmen.
Sandsturm (Huboob), in El Fasher, Nord Darfur
Quelle: Adrian Dragnea, UNAMID. flickr.com/photos/unamid-photo/27877172031
Am Samstag, den 25. Oktober, übernahmen die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) die Kontrolle über El Fasher, die Hauptstadt des westsudanesischen Bundesstaates Nord-Darfur. Die Gräueltaten, die der Stürmung folgten, verglich Nathanial Raymond, Geschäftsführer des Yale Humanitarian Research Labs, das Kriegsverbrechen mithilfe von Satellitenbildern verfolgt, in einem Interview mit CNN mit dem Völkermord in Ruanda 1994. Damals ermordeten extremistische Mitglieder der Hutu-Gemeinschaft mindestens 800.000 Menschen, hauptsächlich der ethnischen Tutsi-Gemeinschaft. Die Bilder, die durch die sozialen Medien gehen, untermalen diesen Vergleich. Massenverhaftungen, Massenexekutionen, Massengräber – all das kann man nahezu live online mitverfolgen. Die meisten dieser Aufnahmen wurden von denen gedreht, die diese Schreckenstaten verüben: RSF-Soldaten und verbündete Milizen. Voller Stolz filmen sie sich beim Morden, so sicher scheinen sie sich ihrer Straffreiheit zu sein.
Vorboten des Massakers
Diese gefühlte Sicherheit hat einen historischen Grund, ebenso wie das ethnisch motivierte Massentöten in Darfur. Nicht nur in dem heutigen Krieg, der im April 2023 zwischen den RSF und dem sudanesischen Militär, den Sudan Armed Forces (SAF), begonnen hat, kam es wiederholt zu Ermordungen in genozidaler Absicht, besonders in anderen Teilen Darfurs, wie den Städten Nyala oder El Geneina. Das, was heute in El Fasher geschieht, kann auch als Fortsetzung des Völkermordes während des Darfurkrieges Anfang der 2000er Jahre betrachtet werden. Damals hatten die Miliz »Janjaweed« – Vorgängerinstitution der RSF und schon damals unter Mohamed Hamdan Dagalo »Hemedtis« Führung – und andere, sich als arabisch-identifizierende Milizen, gezielt nicht-arabische ethnische Gemeinschaften massenhaft getötet und von ihrem Land vertrieben, um es an ihrer Stelle einzunehmen.
Gerade aufgrund dieser Geschichte hatten Beobachter*innen lange vor einer solchen Eskalation in Darfur gewarnt. Auch heute sind die Gräueltaten in und um El Fasher ethnisch motiviert, wenngleich es dabei um wirtschaftliche Interessen wie Landraub für Bodenschätze geht. Während der Exekutionen beschimpften RSF-Soldaten auf Videos ihre Opfer unter anderem als »Sklaven« und mit anderen rassistischen Beleidigungen.
Doch die Warnungen vor diesen Offensiven gründeten auch auf den Kriegsentwicklungen der letzten Monate. Bis zu ihrer Stürmung durch die RSF galt El Fasher als letzte Bastion der SAF und ihrer Verbündeten in der Region. Die restliche ehemalige Provinz wurde bereits seit Monaten von der RSF kontrolliert, weshalb sie eine Umzingelungsstrategie der Stadt anwendete.
Mehr als 600 Tage lang belagerte sie die Stadt von außen und schnitt somit jegliche Versorgungsrouten für die Treibstoff-, Nahrungsmittel- und Medikamentenzufuhr ab. Als die Vorräte in der Stadt zu Ende gingen, breitete sich eine Hungersnot unter den rund 260.000 Menschen aus, die in der Stadt gefangen waren. Schon diese Hungersnot forderte Hunderte Todesopfer, besonders unter Kindern und älteren Menschen. Dazu kam es wiederholt zu Luftangriffen, Drohnenschlägen und Gefechten, bei denen viele weitere Zivilist*innen getötet wurden.
Strategische Kontrolle und Ausgreifen der Angriffe
Mit El Fasher kontrollieren die RSF nun vollständig ein Gebiet der Größe Frankreichs, was ihnen logistische und militärische Vorteile bringt. Zugleich zeichnet sich ein territoriales »Libyen-Szenario« ab, in dem die SAF den Osten und Norden Sudans kontrollieren, die RSF den Westen. Wiederholte Friedensverhandlungen ließen zuletzt befürchten, dass es zu einer Landesteilung kommen könnte. Doch sich verschärfende Überfälle und Kampfhandlungen in anderen Regionen Sudans zeigen, dass der Krieg noch lange nicht zu Ende ist.
Etwa zeitgleich mit dem Angriff auf El Fasher startete die RSF im Oktober 2025 mehrere Offensiven in Darfurs Nachbarregion Kordofan, die noch zu großen Teilen von der SAF, aber auch von der RSF und mit ihnen verbündeten militärischen Gruppen wie der SPLM-N in den südlichen Nuba-Bergen kontrolliert werden. Hemedti scheint es diesmal auf die Stadt El Obeid abgesehen zu haben, Hauptstadt des Bundesstaates Nordkordofan und zentraler Wirtschafts- und Verkehrspunkt. In den Offensiven der vergangenen Tage lässt sich eine ähnliche Umzingelungsstrategie wie zuvor in Darfur beobachten: So greift die RSF gezielt Knotenpunkte rund um El Obeid an und versucht diese einzunehmen. Dabei hat sie schon erhebliche Fortschritte erzielt. Sollte ihr die Umzinglung gelingen, droht El Obeid ein ähnliches Schicksal der Aushungerung wie zuvor El Fasher.
Auch wenn es kaum Bildmaterial aus den betroffenen Städten Kordofans gibt, die Berichte von Überlebenden zeichnen ein ähnlich verheerendes Bild wie das in El Fasher. Es scheint beinahe so, als hätte die RSF aus den letzten zwei Wochen gelernt und das Livestreamen der Massenmorde eingedämmt. Damit kehrt sie zurück zu einer Politik der Unsichtbarkeit, die den Sudankrieg seit seinem Ausbruch kennzeichnet.
Gespaltene Zivilgesellschaft innerhalb und außerhalb Sudans
Die Positionierung von Zivilist*innen in Sudan gegenüber den Kriegsparteien ist durch komplexe, intersektional verwobene Faktoren wie Klasse, Religion sowie ethnische und geografische Herkunft bestimmt und besonders von der eigenen (historischen) Unterdrückungserfahrung geprägt. Der anhaltende Kriegspopulismus hat einen tiefen Riss zwischen den Anhänger*innen von SAF und RSF geschaffen. Nach über zwei Jahren Gewalt, Verlust und Traumatisierung fällt es vielen schwer, die Perspektive der jeweils anderen Seite nachzuvollziehen.
Diese Gräben spiegeln sich auch in der sudanesischen Diaspora wider. Zwar finden sich – zumindest in der europäischen Diaspora – kaum Anhänger*innen der RSF und auch über die Ablehnung ethnischer Verfolgungen scheint weitgehende Einigkeit zu herrschen. Doch die Ansichten darüber, ob und wie sehr die sudanesische Armee unterstützt werden sollte, gehen weit auseinander.
Für die einen steht die sofortige Beendigung des Krieges im Vordergrund politischer Forderungen, ohne dass sie für die eine oder andere Seite Partei ergreifen würden. Sie betonen die Gräueltaten und Kriegsverbrechen beider Kriegsgegner und fordern in erster Linie eine Beendigung der Kämpfe und der Angriffe auf Zivilist*innen. Statt langfristiger Friedensperspektiven, geht es ihnen vor allem darum, dass das Töten in ihrem Land endlich aufhört.
Für die anderen stellt angesichts der massiven Menschenrechtsverbrechen der RSF die SAF derzeit das geringere Übel dar. Sie hoffen auf einen militärischen Sieg der SAF, um die RSF und andere paramilitärische Einheiten dadurch loszuwerden, dass diese nach Kriegsende Sudans aufgelöst und in das staatliche Militär eingegliedert werden sollten. Abgesehen davon, dass eine solche freiwillige Selbstauflösung und Eingliederung nur schwierig umzusetzen sein dürfte, ist das Problem bei dieser Hoffnung, dass Sudans Militär schon immer selbst mit etlichen Milizen zusammengearbeitet, oder sie gar selbst erschaffen hat – wie auch bei der Janjaweed, der Vorgängermiliz der heutigen RSF, die Anfang der 2000er Jahre von der Militärregierung in Khartum zum Kampf gegen Anti-Regime-Rebellengruppen in Darfur eingesetzt wurde (Hagan und Rymond-Richmond 2008).
In Teilen der sudanesischen Diaspora hat sich diese Logik des »kleineren Übels« über die Kriegszeit seit 2023 zu einer ideologischen Unterstützung der SAF gewandelt. Unter dem Slogan »Ein Militär, ein Volk!« propagieren sie das Militär als staatliche Volksvertreter und folgen damit der Rhetorik der Armee selbst. Diese inszeniert sich seit Kriegsbeginn als rechtmäßige staatliche Einheit und Beschützerin des sudanesischen Volkes. Wie auch die SAF selbst lehnen viele Vertreter*innen dieser Position Friedensverhandlungen ab und zielen auf eine militärische Vernichtung der RSF. Sollte sich diese Hoffnung materialisieren, würde ein Frieden in weite Ferne rücken. Angesichts des bisherigen Kriegsverlaufes würde eine Fortsetzung der Kämpfe bis zu einer militärischen Niederlage der RSF vermutlich noch sehr lange dauern und noch etliche zivile Opfer fordern.
Hoffnungen auf ein Kriegsende?
Nun hat die RSF einem »humanitären Waffenstillstand« zugestimmt, mediiert von der »Quad-Gruppe«, zu der die USA, Ägypten, Saudi-Arabien und die VAE gehören. Politisch ist das ein kluger Schachzug, weil es die SAF in Zugzwang bringt. Die Armee muss sich entscheiden und kann nur eines ihrer Versprechen halten: Entweder sie stimmt zu, gibt dann aber damit vorerst ihr Versprechen einer völligen Vernichtung der RSF auf, oder sie lehnt ab, bricht damit aber ihr Versprechen, für die Zivilbevölkerung anstatt gegen sie zu sein.
Unabhängig von diesen politischen Kämpfen ist eine solche Waffenruhe angesichts der sich abermals zuspitzenden humanitären Katastrophe in Sudan und der sich deutlich abzeichnenden weiteren Gewalteskalationen (u.a. in Kordofan) dringend notwendig. Frieden gibt es aber deshalb noch lange nicht. Deshalb sollten internationale diplomatische Bestrebungen weiterhin bemüht sein, Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien voranzutreiben und vor allem deren externe Versorgungssysteme einzudämmen.
In den letzten zweieinhalb Jahren haben die Kriegsherren al-Burhan (SAF) und Hemedti (RSF) beide wiederholt bewiesen, dass ihnen Menschenleben nichts wert sind. Damit das Töten längerfristig endet, muss es deshalb vor allem eines geben: einen Lieferstopp militärischer Güter. Hier ist die sogenannte internationale Staatengemeinschaft gefragt und ganz besonders jene, die sich schon bald mit der Mediation der Waffenruhe schmücken werden, sollte sie tatsächlich umgesetzt werden.
Literatur
Hagan, J.; Rymond-Richmond, W. (2008): Darfur and the crime of genocide. Cambridge: Cambridge University Press.
Zur Autorin:
Saskia Jaschek ist freie Journalistin und promoviert an der Universität Bayreuth mit einer Forschung zur sudanesischen Widerstandsbewegung und den Militärputsch von 2021. Sie ist Mitglied in der Redaktion von W&F.



