Am 22. März gab der Wissenschaftsphilosoph Olaf Müller dem Schweizer Rundfunk ein Interview zur Notwendigkeit, auch während eines Krieges Pazifist zu bleiben und zu seinen Einschätzungen der Lage. Dieses Interview erschien im folgenden gekürzt auf den Seiten des SRF.

Wir dokumentieren hier das gesamte Interview in voller Länge als einen Meinungsbeitrag.

SRF: Sie bezeichnen sich selbst als Pazifisten. Gilt das auch angesichts des grausamen Ukrainekriegs?

Olaf Müller: Pazifismus ist keine Schönwetter-Veranstaltung. Wenn er etwas taugt, muss er sich in jeder noch so dramatischen Situation neu bewähren. Man sollte ihn nicht mit geschlossenen Augen und verschlossenem Herzen hochhalten; den brutal überfallenen ukrainischen Männern, Frauen und Kindern sind wir mehr schuldig als die wohlfeile, gesinnungsethische Verteidigung unserer friedliebenden reinen Weste. Den Kriegsopfern gilt nicht nur unser Mitgefühl, die gesamte Ukraine verdient unsere Solidarität.

Putins Angriffskrieg ist klarerweise ethisch falsch: ein Verbrechen – darüber sind sich Pazifisten und ihre Gegner einig. Weitaus heikler ist die ethische Beurteilung der militärischen Verteidigung von Seiten der Ukraine. Was dort in den letzten drei Wochen seit Kriegsbeginn geleistet worden ist, nötigt mir Respekt ab, Bewunderung, auch Verwunderung. Es mag unangemessen erscheinen, wenn ich aus der sicheren Distanz im – noch? – nicht betroffenen Berlin ein Urteil abgebe, und das fällt mir auch nicht leicht.

Dennoch kommen wir nicht darum herum, uns ein eigenes Urteil zu bilden; Selenskyj will uns ja in diesen Krieg hineinziehen, indem er eine Flugverbotszone fordert, die von der NATO durchgesetzt werden müsste. Er fordert damit unseren Kriegseintritt – eine Forderung, der nicht nur Pazifisten widerstehen werden. Die Forderung ist überzogen, denn sie beschwört die Gefahr eines Dritten Weltkriegs herauf.

Also: Wie müssen wir vor dem Hintergrund dieser Diskussionen die militärische Verteidigung der Ukrainer beurteilen? Trotz allem bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass sie nicht gut beraten sind, auf den mörderischen Angriffskrieg so zu reagieren, wie sie es getan haben.

„Um es deutlich zu sagen: Ein Heldentod im Abwehrkampf gegen eine brutale Übermacht ist moralisch zulässig. Das ist aber keine gute moralische Option – vor allem dann nicht, wenn auf diese Weise das Töten und Sterben immer weitergeht.“

SRF: Warum sollte die Ukraine sich nicht verteidigen dürfen?

Wer wäre ich denn, den Ukrainern das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen; das steht mir nicht zu. Ich spreche kein moralisches Verbot aus, wenn ich sage, dass es besser wäre – dass die Ukrainer also gut beraten wären –, zu anderen Mitteln des Widerstands zu greifen.

Aus eigener Kraft kann die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnen; ein militärischer Sieg über Putin, seine Truppen und deren gigantische Feuerkraft grenzte an ein Wunder. Es erscheint tollkühn, sein Tun auf die Hoffnung eines solchen Wunders zu gründen. Die Siegesgewissheit der Ukrainer mag für die Kampfmoral nötig sein; sie hat aber zu wenig harte Tatsachen auf ihrer Seite. Auf diese Weise entsteht eine Kampfmoral, die viele tapfere Menschen in den Heldentod führt.

Um es deutlich zu sagen: Ein Heldentod im Abwehrkampf gegen eine brutale Übermacht ist moralisch zulässig. Das ist aber keine gute moralische Option – vor allem dann nicht, wenn auf diese Weise das Töten und Sterben immer weitergeht. Übrigens, wenn der eine Ukrainer sich und sein Land mit der Waffe in der Hand verteidigen darf, dann ist es meiner Ansicht nach genauso zulässig, wenn sich ein anderer Ukrainer zur Flucht entschließt. Fahnenflucht ist kein moralisches Verbrechen. Dass ukrainische Männer unter Sechzig ihr Land nicht verlassen dürfen, ist aus pazifistischer Sicht nicht in Ordnung.

Jeder Tag, den der Krieg weiterläuft, ist ein schlechter Tag. Aus dem eingeschlossenen, umzingelten, beschossenen Mariupol haben ukrainische Quellen schon vor Tagen über 4000 getötete Zivilisten gemeldet, es ist sogar die Rede von 20.000 Todesopfern allein in dieser Stadt. Und das ist nicht das Ende. Es fällt schwer, sich in ein Wertesystem hineinzudenken, das solche Opfer auf sich nehmen wollte. Um nicht missverstanden zu werden: Diese Toten hat Putin auf dem Gewissen; nichtsdestoweniger werden sie von der ukrainischen Verteidigung mit ihrem bedingungslosen Durchhaltewillen sehenden Auges inkaufgenommen. Es gibt Alternativen zu diesem Wertesystem; unsere postheroische Gesellschaft wertet solche Opfer anders als die ukrainische Regierung.

SRF: Und wenn die Ukraine militärische Chancen hätte?

Ich sehe keine reellen Chancen für die Ukraine, diesen Krieg ohne einen Blutzoll zu gewinnen, der jedem die Sprache verschlagen wird. Der Pazifismus, um dessen Formulierung ich ringe, interessiert sich nicht für theoretische Sandkastenspiele. Am Reißbrett mag man sich Verteidigungskriege ausdenken, in deren Verlauf keine Stadt in Schutt und Asche gelegt wird, ja Verteidigungskriege fast ohne Tote. Dort wäre der Pazifismus irrelevant. Die Wirklichkeit sieht schlimmer aus als das; und nur auf diese Wirklichkeit kommt es an. Mit einer schnellen, erfolgreichen Abwehr durch Zurückschlagen der russischen Truppen ist kaum zu rechnen. Es steht auf einem anderen Blatt, dass sich eine russische Eroberung der großen ukrainischen Städte als Pyrrhussieg herausstellen dürfte. Es könnte sich ein jahrelanger Partisanenkrieg anschließen, den Russland am Ende verlieren wird – so wie nach dem russischen Einmarsch in Afghanistan. Auch das sind verheerende Aussichten.

SRF: Inwiefern wurde Ihr heutiger Pazifismus durch Ihr früheres Soldatenleben beeinflusst?

Es war der größte Fehler meines Lebens, Soldat zu werden. Es gab damals in Westdeutschland eine Wehrpflicht, der ich nur durch Vortäuschung christlicher Gesinnungsgründe hätte entrinnen können; das war für mich kein gangbarer Weg. In der deutschen Bundeswehr ist mir schnell klargeworden, dass es immer auch die Soldaten der unteren Ränge sind, die in einem typischen Krieg zu den ersten Opfern zählen. Mit Uniform im Krieg ist man ein „potenzieller Kadaver“ [Zitat nach einem Roman von J. von Westphalen; Anm. des Interviewten].

Ich möchte in diesen Tagen nicht in der Haut russischer Kriegsdienstleistender stecken. Auch sie sind Opfer einer verbrecherischen Befehlsmaschinerie, an deren Spitze ein Täter namens Putin steht. Seine Verantwortung für die getöteten Zivilisten der Ukraine wiegt am schwersten, die russischen Soldaten machen sich mitschuldig – und das können sie, ja müssen sie wissen.

„Ziviler Widerstand will genauso geplant, eingeübt, trainiert und implementiert sein wie militärischer Widerstand. Sowas improvisiert man nicht, und es ist bislang viel zu selten ausprobiert worden.“

SRF: Sie raten den Ukrainerinnen und Ukrainern stattdessen zu zivilem Widerstand. Wie sieht dieser aus?

Vorweg: Wenn Pazifisten angesichts eines Ausbruchs massiver tödlicher Gewalt ein wenig höhnisch gefragt werden, wie es denn nun um ihre reine Lehre bestellt sei, so ist das nicht ganz fair. Warum werden wir immer nur dann gefragt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist? Soll heißen: Ziviler Widerstand will genauso geplant, eingeübt, trainiert und implementiert sein wie militärischer Widerstand. Sowas improvisiert man nicht, und es ist bislang viel zu selten ausprobiert worden. Mit einem Überfall Russlands auf die Ukraine hätte man spätestens seit der Annexion der Krim rechnen können; Ukrainer haben wieder und wieder davor gewarnt, haben sich militärisch zu rüsten versucht, so gut sie konnten. Die Alternative dazu wäre kein Nichtstun gewesen; es sind viele kostbare Jahre verstrichen, in denen man von langer Hand einen zivilen Widerstand hätte vorbereiten können.

Die massive Medienarbeit der jetzigen Regierung und ihrer Bevölkerung ist vorbildlich und ließe sich auch in eine zivile Verteidigung integrieren. Auch im Falle eines militärischen Angriffs auf zivile Widerständler ist eine Bilderflut zu verbreiten, die den Angreifer als das zeigt, was er ist: Er muss gezwungen werden, seiner eigenen Aggression ins Auge zu blicken – und zwar, ohne dass er sich darauf herausreden könnte, er stünde selber unter Beschuss, hätte schon so und so viele Kameraden verloren, müsse sich rächen etc.

Um ein Beispiel zu geben: Welcher Durchschnittsmensch, welcher Durchschnittsrusse würde als Panzerfahrer eine Gruppe sitzender friedlicher Widerständler überrollen? Vor allem dann, wenn die Aktion gefilmt wird und live im Netz landet? – Wer dagegen beschossen wird, schießt zurück, brutalisiert sich, wird zum Mörder.

SRF: Damit verlassen Sie sich aber einzig auf die Vernunft und die Empathie der russischen Soldaten.

Jeder Mensch hat die Fähigkeit zur Empathie, fast jeder Mensch wünscht sich, gut zu sein. Diese uns allen gemeinsame Menschlichkeit kann man sehr leicht zerschießen, auch im noch so berechtigten Verteidigungskrieg. Davon rät der Pazifist ab.

SRF: Die russische Armee kommt nicht so rasch voran, wie Putin dies dachte. Militärische Verteidigung scheint also zu funktionieren.

Der bisherige Kriegsverlauf ist für viele überraschend, auch für mich. Innerhalb von vier Wochen hat Putins Armee die Ukraine nicht unterworfen. Vielleicht ist das weniger erstaunlich als gedacht. Bei exakt gleicher Kräfteverteilung ist dem Angreifer so gut wie immer der Verteidiger überlegen; er kennt sein Terrain, kann Fallen vorbereiten, warten und sich verstecken – nicht er muss aus der Deckung kommen. Kurzum, Defensive ist stärker als Offensive. Mehr noch, bei exakt gleicher Kräfteverteilung ist der Freiwillige immer dem Befehlsempfänger überlegen: Motivation schlägt Kadavergehorsam.

Obwohl die Ukrainer über weniger militärische Kräfte gebieten als Putin, machen sie einen Teil ihrer Unterlegenheit durch solche weicheren Faktoren wett. Jeder Beobachter mit Herz am rechten Fleck freut sich darüber und hofft auf den Sieg des Schwächeren. Das ist übrigens einer der wenigen Gesichtspunkte in diesem Krieg, denen ich auch einen Grund zum Optimismus entnehme. Denn die Kraft jener weicheren Faktoren – Motivation, Defensive usw. – ist dieselbe Kraft, die eine zivile Verteidigung starkmachen kann. Man braucht viel, viel mehr davon!

Aber es gibt allen Anlass zum Pessimismus: Die mutige, gewitzte, gut geplante Verteidigung der Ukrainer macht den russischen Angreifern das Leben zur Hölle; sie nimmt Tausende von Toten in den verteidigten Städten inkauf und droht zu einer Eskalation zu führen, die jeden Beobachter erschüttern dürfte.

SRF: Verschieben wir den Blick auf das restliche Europa. Wie kann eine Ausbreitung des Kriegs verhindert werden?

Selenskyj will die NATO in diesen Krieg hineinziehen, und er ist sehr geschickt darin, unser schlechtes Gewissen als schockierte Zuschauer für seine Ziele einzuspannen. In der Tat ist es Teil der offiziell verabschiedeten ukrainischen Militärdoktrin vom März 2021, dass Militär und Bevölkerung im Fall einer russischen Aggression solange trotzen sollen, bis die NATO eingreift und das Blatt wendet.

Auf dies Drehbuch dürfen wir uns auf keinen Fall einlassen. Zwar weiß kein Mensch, was dann in Putin und seinen Gefolgsleuten vorgehen wird – es kann durchaus sein, dass er mit seiner Drohung einer nuklearen Eskalation nur blufft. Aber es wäre brandgefährlich, auszuprobieren, wie es sich damit verhält. Ich habe Angst: Seit Putins Überfall auf die Ukraine ist die Atomkriegsgefahr mitten in Europa in die Höhe geschnellt; und durch unsere westliche Antwort, insbes. Waffenlieferungen, steigt sie immer weiter an.

Fast kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir im Westen derzeit folgendes Vabanquespiel wagen: Wir geben den Ukrainern genug Defensivwaffen, damit sie weiter durchhalten können, und schauen, wie Putin reagiert. Wir tasten uns offenbar an seine Schmerzgrenze heran: Liefern wir so viele und so starke Waffen, dass er den Krieg schmählich zu verlieren droht, dann knallt’s. Wollen wir diesen Kipp-Punkt wirklich kennenlernen? Wie gesagt, ich habe Angst vor einem Atomkrieg. Das ist keine Hysterie; hohe Militärs wie der Brigadegeneral außer Dienst Erich Vad sehen dieselbe Gefahr. Erinnern wir uns daran, wie grundfalsch der gesamte Westen noch vor kurzem die Lage in Afghanistan beurteilt hat – und jetzt sollen wir sicher genug wissen, wie weit man gegenüber Putin gehen kann? Nein, danke. Krieg ist Chaos, kein rationales Rechenexempel, kein Pokerspiel, und unser Wissen um die Folgen unseres Tuns ist begrenzt.

SRF: Haben Sie noch Hoffnungen auf eine friedliche Beilegung des Krieges?

Zuallererst hoffe ich auf Verhandlungen. Falls sie scheitern und falls die Ukraine unterliegt, wäre das extrem bitter; aber es wäre nicht das Ende aller Tage. Irgendwann muss selbst ein Putin in Rente gehen. Alt genug dafür ist er. Wollen wir ihm nicht beim Ausstieg aus dem Berufsleben behilflich sein? Freies Geleit, eine gefälschte Identität und ein angenehmes Anwesen weit ab vom Schuss … Nicht, dass er eine solche Belohnung verdient hätte; aber wir könnten der Welt viel Leid ersparen, wenn wir ihm einen Ausweg wiesen. Auch seinen russischen Unterstützern müssen wir einen Ausweg weisen. Es liegt nicht in unserem Interesse, sie zu demütigen. Letztlich kann ein militärischer Überfall wie dieser rückgängig gemacht werden. Aber die Toten sind für immer tot.


Die Fragen stellte Florian Skelton vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF); Hier geht es zur Erstveröffentlichung der gekürzten Fassung auf der Homepage des SRF.

Olaf Müller

Olaf L. Müller

Der Philosoph Olaf L. Müller, Jahrgang 1966, lehrt Wissenschaftstheorie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben seinem Einsatz für Pazifismus und für eine ambitionierte Klimapolitik zielt er darauf ab, ein humanistisches Bild unserer Physik zu zeichnen. www.farbenstreit.de